Archiv für den Monat: April 2013

Libanesische Milchproduzentenrechnung

Zitronen im Jeita-Tal

Zitronen im Jeita-Tal, Libanon

Mit den dramatischen Entwicklungen in Syrien ist auch der Libanon stärker in die internationale Medienaufmerksamkeit geraten. Die hauptsächliche Sorge gilt dem, was die syrischen Flüchtlinge für den Libanon bedeuten – sowohl als politscher Spannungsfaktor als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Das ist bei mittlerweile knapp 430.000 registrierten und mindestens ebenso vielen nicht-registrierten Flüchtlingen verständlich, nicht zuletzt, da sich hinter diesen Zahlen eine humanitäre Katastrophe verbirgt.

Für die libanesische Wirtschaft gravierender noch als diese Frage sind jedoch viele andere Probleme, für die dem kleinen Land niemand einen Ausgleich bieten kann. Syrien war vor der Revolution der Hauptexport- und –importpartner des Libanon. Obst und Gemüse aus dem Libanon wurden in Syrien verpackt und über Syrien exportiert. Aufgrund der Sicherheitslage ist vieles davon nicht mehr möglich. Darüber hinaus hat Syrien den Import libanesischer Zitrusfrüchte untersagt, nachdem einige syrische Tanklastzüge an der Grenze in Flammen aufgingen.  Für viele Libanes/innen war Syrien ein Einkaufsparadies für preiswerte Kleidung und Textilien, Haushaltsgeräte und erschwingliche, hochwertige Medikamente.

Zahlreiche zahlungskräftigen Golf-Araber, die sich jedes Jahr zur Sommerfrische in den Libanon zu begeben pflegten, kommen nicht mehr, da sie die Situation als unsicher wahrnehmen – spätestens, seit es im vergangenen Herbst Entführungsdrohungen gegen ausländische Staatsangehörige gab, deren Heimatstaaten die syrische Revolution unterstützen. Soeben hat der Internationale Währungsfond – in der Region oft eher kritisch beäugt und gelegentlich besungen –  seine Prognose für die libanesische Wirtschaftsentwicklung nach unten hin korrigiert.

Doch in jeder Krise gibt es auch frohgemute Stimmen. Der Konsum der Milchprodukte sei massiv gestiegen, verkündet die Tageszeitung „Daily Star“ und zitiert den Vertreter einer Firma: „In Zeiten der Anspannung leiden (unsere) Verkaufszahlen weniger als die anderer, weil es sich um Grundnahrungsmittel handelt. Und überhaupt: Wenn was Schlimmes passiert, bleiben die Leute zu Hause, und was machen sie? Essen.“

Gegen alle Widerstände ein gemeinsames Gedenken

Rund 2.400 Teilnehmer/innen bei alternativer Gedenkzeremonie

Rund 2.400 Teilnehmer/innen bei alternativer Gedenkzeremonie. Foto: Erez Krispin, Combatants for Peace

Gestern Abend zogen tausende von Menschen zum Kikar Rabin, dem zentralen Platz von Tel Aviv, um an einer der offiziellen Gedenkveranstaltungen für gefallene Soldat/innen und Opfer von Krieg und Terrorismus teilzunehmen. Geschäfte hatten bereits um sieben Uhr geschlossen, um acht Uhr ertönten landesweit die Sirenen, Menschen stiegen aus ihren Autos und Fußgänger/innen blieben am Straßenrand stehen, in Trauer um die Toten.

Auch ich stieg aus meinem Wagen, auf dem Weg zur alternativen Zeremonie, organisiert von Combatants for Peace, einer NGO von Israelis und Palästinenser/innen, die ihre Waffen niedergelegt haben und auf beiden Seiten des Konflikts für einen Ausstieg aus dem Kreislauf der Gewalt eintreten.

 

Es war das achte Mal, dass diese israelisch-palästinensische Zeremonie stattfand. Von Jahr zu Jahr steigt das Interesse. Gestern Abend fanden erstmals über 2.400 Menschen in die Halle auf dem Tel Aviver Messegelände. Videobotschaften und kurze Redebeiträge auf Hebräisch und Arabisch wurden vorgetragen, begleitet von musikalischen Einlagen aus Israel und Palästina.

Sie ist umstritten. Vor der Halle demonstrierte ein kleine Gruppe, eingewickelt in die israelische Flagge, und rief “Verräter”, “Nazis”. Im Vorfeld hatte das israelische Verteidigungsministerium zum ersten Mal die Einreise für 109 palästinensische Teilnehmer/innen verweigert. Begründung, “Der Antrag wurde auf höchster Ebene abgelehnt. (…) Die Armee ist aus Prinzip gegen diese Zeremonie.” Erst die Intervention der Menschenrechtsanwältin Gaby Laski, der Knesset-Abgeordneten Zehava Galon (Meretz), Merav Michaeli (Arbeitspartei) und Dov Khenin (Hadash), sowie die Unterstützung aus dem Büro des israelischen Präisdenten Shimon Peres, ermöglichte die Teilnahme von 44 Palästinenser/innen.

Auch auf palästinensischer Seite erntet die Veranstaltung Kritik. Angesichts der sich vertiefenden Besatzung, in Zeiten von Anti-Normalisierung, und im Licht der nicht ignorierbaren Asymmetrie in diesem Konflikt, ist es für viele Palästinenser/innen unvorstellbar, an einer gemeinsamen Gedenkzeremonie in Tel Aviv teilzunehmen.

Es wurden keine Helden gefeiert, sondern Opfer betrauert. Väter und Mütter, Brüder und Schwestern, Ehemänner und -frauen sprachen von ihren Verlusten und riefen dazu auf, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Der Abend war ein Plädoyer, sich als Menschen anzuerkennen und eine gemeinsame Lösung zu finden, damit beide Völker in diesem Raum zwischen Mittelmeer und Jordan in Frieden zusammenleben können.

Was als Klischee daherkommen mag, wurde ein bewegender Abend. Er hat gezeigt, dass es möglich ist, würdevoll an die Opfer von Gewalt, Krieg und Terrorismus zu erinnern, ohne diejenigen auf der jeweils anderen Seite zu ignorieren. Gegen alle Widerstände.

Ein Gegenatlas für Syrien

Jahrhunderte lang haben Kartographen viele Mühen darauf verwandt, die Welt zu vermessen. Seit die technischen Entwicklungen ermöglichen, überall auf der Welt die entferntesten Winkel als Kartenansicht, Satellitenbild oder sogar Foto im Detail in Augenschein zu nehmen, scheint sich insbesondere für Konfliktgegenden ein gegenläufiger Trend zu etablieren: der politische Gegen-Atlas. Man weiß nicht, wohin es mit Syrien führen soll, und wie es enden wird. Es ist auch schwierig, sich in dem vielschichtigen Konflikt zurechtzufinden. Um die Diskussion zu vereinfachen, ist ein beliebtes Mittel, Syrien immerhin abzugrenzen und zu sagen, was es nicht ist.

Mit einem unwissenschaftlichen Blick auf die viel zitierte Schwarmintelligenz, untersucht anhand von englischsprachigen Google-Resultaten, können wir festhalten: Im Netz herrscht Schweigen darüber, ob Syrien vielleicht Belgien, die Schweiz oder Mali sein könnte. Während es eine gewisse Unsicherheit darüber zu geben scheint, ob Syrien Russland ist (8 Treffer), lässt sich als Trend feststellen: Syrien ist weder Libyen (190.000 Treffer) noch Irak (71.300 Treffer). Es ist auch nicht Ägypten (90.800 Treffer), wo bei hier noch diskutiert wird, ob es vielleicht trotzdem eines Tages Tunesien werden könnte. Derzeit stehen dem noch 38.000 Treffer entgegen. 8.820 Einträge  bestätigen, dass Syrien nicht Afghanistan ist, über das wir wiederum wissen, dass es nicht die Schweiz ist, spätestens seit Foreign Policy 2010 dazu aufrief, diese Weisheit im Chor zu üben.

Während sich momentan viele Veröffentlichungen mit der Frage nach Waffenbesitz in der Zivilbevölkerung sowohl in den USA als auch in Syrien befassen, zeigt sich bei den meisten Einträgen, dass beide Länder dennoch nicht verwechselt werden. Hier herrscht die Ansicht vor, Syrien sei nicht „Amerikas … Problem.“

Vorsicht Bayreuth!

Kürzlich am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv: In der Schlange vor uns steht ein äterer Herr mit Bauch und Schnäuzer. Ich sehe schon, dass es sich um einen Deutschen handelt, bevor er seinen dunkelroten Pass hervorkramt. Dann kommt die Frau von der israelischen Grenzbehörde. „Where are you from?“ „Tschörrmany“ „Where were you born?“ Beirut. Man kann förmlich sehen, wie die Halsschlagader der Dame anschwoll. Beirut??? Da muss sich um einen irgendwie gefährlichen, terroristisch motivierten Spion handeln. Der Mann hat wohl etwas mitbekommen und wedelt jetzt mit seinem Pass, „Bayreuth, Bayreuth.“ Ah, Bayreuth, Deutschland, nicht Beirut. Die Welt ist wieder in Ordnung….

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Beirut???? (Photo CC 3.0).

 

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Nö, Bayreuth!!! (Photo CC 3,0).

 

 

 

 

 

 

 

Das Thema Sicherheitsbefragung bei der Ein- und Ausreise nach Israel ist ein Dauerthema besonders bei all jenen, die wie ich in der Westbank arbeiten, aber stes über Israel einreisen müssen.Verbunden sein können damit langwierige Befragungen, Wartezeiten, unangenehme Kontrollen, Durchsuchen oder Leibesvisitationen. Zwar erging es Obama nicht so, wie Nicolas Pelhem es sich in Haaretz ausgemalt hat. Aber all jene, deren Herkunft  in den Ländern der arabischen oder islamischen Welt liegt, müssen mit Problemen rechnen. Ganz besonders im Ausland lebende PalästinenserInnen und ihre Nachkommen, denen oftmals ganz die Einreise verweigert wird, so wie im Fall einer palästinsisch-amerikanischen Lehrerin – Hilfe seitens der US-Behörden bliebt in solchen Fällen aus.

Auch palästinensische Politiker können nur mit israelischer Erlaubnis die Westbank verlassen – Spitzenpolitiker haben zwar „VIP-Status“, der aber ebenfalls jederzeit entzogen werden kann.  Unlängst traf ich selbst einen hochrangigen, älteren PLO-Führer an der Allenby-Brücke, dem Grenzübergang nach Jordanien, der dort zusammengesunken auf einem Stuhl saß und auf seine Ausreise wartete. „They make me do this a lot recently“ war sein resignierter Kommentar. Ebenso häufig werden politische Besucher abgewiesen – so wie letzten Montag zwei marokkanische Parlamentarier.

Eine weitere Kategorie von Personen, deren Einreise vom israelischen Staat unerwünscht sind, sind all jene die als „pro-palästinensische AktivistInnen“ angesehen werden. In dieser Kategorie kann man allerdings recht schnell landen. Und ganz sicher gilt es für jene, die auf das Problem hinweisen wollen, das Israel den freien Zugang zu den palästinenisischen Gebieten nach Belieben kontrolliert, wie auch deutsche Friedensaktivisten erfahren mussten. Dabei werden in jüngster Zeit sogar Reisende aufgefordert ihre Email-accounts vor den Augen der israelischen Sicherheitsbeamten zu öffnen, um dort Informationen zu sammeln. Eine Grenzüberschreitung, deren Zurückweisung aber zum erzwungenen Verlassen des Landes führen kann.

Das sich „verdächtige“ Reisende – dazu zählen oft Mitarbeiter palästinensischer und internationaler NGOs – bis auf die Unterhose ausziehen müssen ist nicht neu. Selbst Diplomaten, eigentlich durch das Wiener Abkommen über diplomatische Beziehungen vor derlei Behandlung geschützt, sind von solcher Behandlung nicht ausgenommen. Ein UN-Beamter ist einmal, so eine Anekdote die Guy Delisle in seinem wunderbaren Jerusalem-Comic erzählt, vor lauter Verärgerung über das Spießrutenlaufen splitternackt in die Empfangshalle gelaufen, um erst dort seine Klamotten wieder anzuziehen.

 

Time Magazine sucht den Superstar

“Wählt die politischen Entscheidungsträger, Künstler, Innovatoren, Ikonen und Helden, die ihr für die einflussreichsten Menschen der Welt haltet,” fordert das Time-Magazine die Leser seiner Online-Ausgabe auf. Unter den 153 Nominierten: Bashar al-Assad. Kurzbeschreibung:

Graffiti in Beirut: "Das Volk stürzt das Regime"

Graffiti in Beirut: „Das Volk stürzt das Regime“

„Syrischer Machthaber, der versucht, die Kontrolle über eine vom Bürgerkrieg gespaltene  Nation zu behalten“. Kein Wort von über 70.000 Menschen, die überwiegend auf Befehl des Regimes getötet wurden, kein Wort davon, dass die gewaltsame Niederschlagung der friedlichen Proteste erst eine bürgerkriegsartige Situation heraufbeschworen hat.

Prominente Syrerinnen und Syrer haben im Zuge der Revolution viel Aufmerksamkeit in internationalen Medien erhalten – im positiven Sinne allerdings eher diejenigen, die für politische Veränderungen eintreten. Einige haben es unter die „100 weltweit interessantesten Denker“ des Magazins „Foreign Policy“ geschafft. Im Jahr 2012 wurde die Aktivistin Rima Dali für ihr Engagement – unter anderem die Gründung der Kampagne: „Stoppt das Töten – wir wollen ein Syrien für alle schaffen“  – gemeinsam mit Bassel Khartabil auf Platz 19 der Liste gewählt. Im Jahr zuvor hatte der Karikaturist Ali Farzat, dem Schergen des Regimes die Hände gebrochen hatten, es auf Platz 1 gebracht, gemeinsam mit der Menschenrechtsanwältin und politischen Aktivisitin Razan Zeitouneh. 

Erstaunlicher noch als Assads Nominierung durch das TIME Magazine ist die hohe Wahlbeteiligung. Ein Mann, der im eigenen Land nie freie Wahlen zugelassen hat, hält sich der Stimmanzahl nach konstant zwischen dem zweiten und dritten Rang – und Zustimmung („absolut!“) und Ablehnung („auf keinen Fall!“) halten sich die Waage. Ein Erfolg der syrischen Propaganda? Oder der Syrischen Elektronischen Armee, die im Auftrag des Regimes beständig unterwegs ist, um unliebsame Webseiten zu hacken? Viele Syrerinnnen und Syrer sehen Assad eher so, wie ihn die syrische Künstlergruppe Masasit Mati schon 2011 satirisch in Szene setzte: Als aufstrebenden Star der Sendung „Wer wird millionenfacher Mörder?“