Archiv für den Monat: August 2013

Shabbat in Israel – Die Ruhe vor dem Sturm?

Ruhige Stimmung am Strand von Tel Aviv. Foto: Marc Berthold

Ruhige Stimmung am Strand von Tel Aviv. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Strahlend blauer Himmel, leichter Wind, vollkommende Ruhe in Tel Aviv. Nur das Surren der Klimaanlagen und Stimmen spielender Kinder sind zu hören. Ein ganz normaler Shabbat. – Wirklich?

Einerseits klangen die Berichte über lange Schlangen vor den Gasmasken-Stationen in „Tagesschau“ und „Heute“ in dieser Woche deutlich dramatischer als das normale Leben, das in Tel Aviv und andernorts einfach weitergegangen ist, andererseits spricht das Land in der Tat von nichts anderem als den möglichen Angriffen auf Israel infolge einer internationalen Intervention in Syrien. Die Drohungen aus Syrien und dem Iran, Israel werde daraufhin angegriffen, haben ja auch nicht gefehlt.

Aber so ist es eben in Israel. Man ist es gewohnt. Ob es Krieg gibt, oder nicht, ist sowieso nicht zu ändern. Warum also nicht an den Strand gehen, Eis essen, oder Kaffee trinken? Die Bunker sind ja offen. Wenn die Sirenen gehen, weiß jeder wo er hin muss. Selbst als „Expat“ gewöhnt man sich schnell daran. Nur der erste Raketenalarm während des Beschusses von Tel Aviv aus dem Gaza-Streifen im letzten November war enervierend. Danach wurde sich, wenn die Sirenen gingen, kurz untergestellt, dann weitergearbeitet oder ausgegangen.

Die Nachricht, die UN-Delegation zur Untersuchung des Chemiewaffenangriffs in Syrien vom 21. August, hätten heute Morgen das Land verlassen, lässt die Befürchtungen dennoch steigen, der Zeitpunkt der US-Intervention rücke nun wirklich näher. Was passiert in der kommenden Nacht? In Syrien? In Israel?

Während das Militär und die Sicherheitsdienste davon ausgehen, dass das Risiko einer Vergeltung in Richtung Israel gering ist, wurden im Norden und um Tel Aviv die Raketenabschusssysteme „Iron Dome“ positioniert, eine begrenzte Anzahl von Reservisten eingezogen und das Wochenende für die stationierten Soldaten auf dem Golan gestrichen. Tausende Israelis haben sich mit Gasmasken versorgt.

Die israelische Regierung sieht sich nicht als Partei in diesem Krieg, hat aber angedroht massiv zu reagieren, sollte es zu einem Angriff kommen. Bis vor Kurzem hat sich Israel stets zurückhaltend über die Zukunft Assads geäußert. Schließlich war es unter Assad an der israelisch-syrischen Grenze ruhig geblieben. Mit der zunehmenden Gewalt und spätestens seit dem letzten Giftgas-Angriff vom 21. August scheint sich die Stimmung in Israel jedoch zu ändern. Assad dürfe nicht als Gewinner vom Platz gehen, heißt es unter Sicherheitsexperten.

Doch wer ihm folgt, löst in Israel ebenso Unbehagen aus. Ebenso auch das Lavieren Barack Obamas und die Ablehnung einer Intervention im britischen Unterhaus. Trotz aller Unsicherheit über die Strategie und Konsequenzen eines Angriffs, verstärkt sich in Israel mal wieder der Eindruck, auf die Partner ist im Notfall kein Verlass. Auch der Iran werde genau verfolgen, wie sich die USA und die Europäer gerade verhalten. Dies bedeute für Israel nichts Gutes.

Trotz allem: Es ist eben Shabbat, die Sonne scheint, die Luftfeuchtigkeit der letzten Tage ist etwas abgezogen, also gehen wir an den Strand.

Israelische Soldaten und junge Palästinenser tanzen Gangnam Style – gemeinsam!

Syrien? Besatzung? Manchmal wollen Israelis und Palästinenser einfach alles hinter sich lassen. Besonders in Hebron, einem der härtesten Orte im Nahostkonflikt.

Dieses Video verbreitet sich seit gestern wie ein Sturm im Internet. Das israelische Fernsehen hat darüber berichtet, wie auch +972 Magazine, Haaretz oder Times of Israel.

Zwei israelische Soldaten auf Patrouille folgen der Musik aus einem Gebäude, finden eine palästinensische Hochzeitsgesellschaft und, anstatt den Lärm zu beenden, tanzen sie mit den jungen Palästinensern zu PSYs Gangnam Style. Alle Gäste scheinen ihren Spaß damit zu haben.

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Viele auf Facebook und Twitter finden die Situation bizarr oder surreal, angesichts der besonders gespannten Lage im geteilten Hebron. Manche finden sie rührend menschlich, andere geschmacklos. Nicht wenige erfreuen an sich daran und sehen es als Beweis, dass es doch eine Möglichkeit gibt, als einfache Menschen zusammenzuleben; ähnlich wie es Gideon Levy im vergangenen Jahr beschrieb, als 130.000 Palästinenser/innen zum muslimischen Zuckerfest, die Erlaubnis erhielten, nach Israel einzureisen und Tausende sich am Strand von Tel Aviv vergnügten, ohne dass etwas Schlimmes passiert ist.

Das israelische Militär war von dem Video nicht begeistert. Die beiden Soldaten sind vorübergehend vom Dienst suspendiert.

Der Sargnagel der Menschlichkeit

Mahnwache in Beirut, bei der der UN eine Petition für die Untersuchung der Vorfälle überreicht wurde, 21.08. (Foto: Bente Scheller)

Mahnwache in Beirut, bei der der UN eine Petition für die Untersuchung der Vorfälle überreicht wurde, 21.08. (Foto: Bente Scheller)

Worte des Bedauerns für die vielen Toten in Syrien findet der syrische Präsident schon lange nicht mehr. So wenig das syrische Regime das Leben seiner Bürger schützt, so wenig Respekt zollt es ihnen auch im Tod. Während seit gestern weltweit Schweigeminuten für die Hunderte von Opfern eines Chemiewaffenangriffs in Damaskus‘ Vororten abgehalten werden, gibt es von offizieller Seite nur Statements, die den Sachverhalt an sich oder zumindest die Verantwortung dafür von sich weisen. Kondoliert wird nicht, und auch keine Trauer geflaggt, auch wenn es wohl kaum schwerer zu ertragende Bilder gibt, als die schier endlosen Reihen der Leichen kleiner Kinder.

"Papa, hilf mir schnell mich anzuziehen, sonst komme ich noch zu spät zur Schule." (Künstlergruppe "Das syrische Volk kennt seinen Weg")

„Papa, hilf mir schnell mich anzuziehen, sonst komme ich noch zu spät zur Schule.“ (Künstlergruppe „Das syrische Volk kennt seinen Weg“)

Die Menschen in Zamalka, Douma, Moadamiye, Jobar, Erbin und mehreren anderen Orten wurden gestern in den frühen Morgenstunden von heftigen Angriffen überrascht. Von über 1200 Toten spricht die Opposition. Gezählt sind bislang nur die Toten in den Krankenhäusern. Aktivisten vor Ort vermuten, dass viele noch in ihren Häusern liegen – über der Dringlichkeit, den vielleicht noch zu rettenden zu helfen, ist man bislang nicht dazu gekommen, viele der Häuser überhaupt zu betreten.Viele der Orte gelten als Hochburgen des Widerstands gegen die Regierung und waren seit langem umkämpft. Daher gab es in den meisten Krankenhäusern auch schon lange keine Ausstattung mehr, um überhaupt helfen zu können.

Die offizielle syrische Nachrichtenagentur spricht von „Gerüchten“, dass Chemiewaffen eingesetzt worden seien und zitiert Moskau, das hinter den, ein „Ablenkungsmanöver“ für die soeben eingetroffenen UN-Inspektoren, die den vorherigen Gebrauch von chemischen Kampfstoffen untersuchen sollen. Es mag absurd wirken, dass das syrische Regime ausgerechnet wenige Tage nachdem die Untersuchungskommission das Land betreten hat, in ihrer Nähe einen Giftgasangriff startet.

Anwar Al Eissa

Anwar Al Eissa

Allerdings war schon beim Besuch der UN-Beobachter 2012 klar, dass die Regierung ihre Angriffe ungerührt fortsetzte. Die jetzige Mission ist das Ergebnis monatelangen zähen Verhandelns, denn obwohl Damaskus die Beobachter zunächst angefordert hatte, weigerte es sich dann, sie einreisen zu lassen und will auch jetzt noch bestimmen, welche Orte sich Ake Sellström und sein Team ansehen können. Wenngleich zwischen Stadtzentrum und den betreffenden Vororten nur wenige Kilometer liegen – eine Entfernung wie zwischen dem Reichstag und Steglitz oder Pankow – kann es sehr gut sein, dass die Inspektoren sich nur mit den kleineren Vorfällen im März, nicht aber mit dem größten und akuten befassen dürfen.

Dass es das syrische Regime bestreitet, Chemiewaffen eingesetzt zu haben, hält Assad-Loyalisten nicht davon ab, das zu konterkarieren: im Damaszener Viertel Jisr al-Rais stellten feiernde Shabiha – Milizen des Regimes – Lautsprecher auf und fuhren johlend in Autos durch die Stadt.

Anwar Al Eissa: Der Sargnagel der Menschlichkeit

Anwar Al Eissa: Der Sargnagel der Menschlichkeit

Im Stadtteil Mezzeh verteilten pro-Regime-Kräfte Süßigkeiten, und zahlreiche staatliche Milizen bejubelten auf ihren Facebook-Seiten, dass das Regime „endlich“ den Einsatz von Chemiewaffen angeordnet habe, um die Region zu „säubern“.

Das Massaker und der Umgang damit ist, wie der syrische Künstler Anwar al-Eissa es in seiner Version des Symbols für chemische Waffen darstellt, der „Sargnagel der Menschlichkeit“.

Feiern übers Ziel hinaus

Was Kampflärm betrifft, darf man in Beirut auch in Friedenszeiten nicht zart besaitet sein, denn dieser begleitet Feiern aller Art: ob Geburten oder Todesfälle, gute Schulnoten oder Hochzeiten, politische Reden, alles ist ein Anlass für ein Feuerwerk. Wenn man gerade keines zur Hand hat, tun es allerdings auch Waffen, mit denen man in die Luft feuert. Hauptsache, es knallt.

Manch ein Feuerwerk ist größer als der politische Anlass, der eigentlich gefeiert werden soll. Nabih Berri, Vorsitzender des Amal-Bewegung und seit stolzen 21 Jahren Sprecher des Parlaments, wurde 2009 im Amt bestätigt. Es gab keinen Gegenkandidaten, und doch mussten die Parlamentarier den Namen ihres Favoriten auf Zettel schreiben, die alle laut vorgelesen wurden. Einige Abgeordneten machten sich damals lustig und gaben ihre Stimme dem libanesischen Musiker Ziad Rahbani oder dem längst verstorbenen ägyptischen Sänger Farid Atrash. Kaum wurde Berris Amtsbestätgung bekannt gegeben, feuerten begeisterte Berri-Anhänger an Amal-Checkpoints Salutschüsse ab, obwohl dieser Sieg nun offensichtlich keine große Leistung war.

Schaulustige bei der Explosion am "Tag der Armee" am 1. August (c) Andrey Dolmov

Schaulustige bei der Explosion am „Tag der Armee“ am 1. August (c) Andrey Dolmov

Regelmäßig wird vor den Gefahren des Feuerwerks gewarnt. Feuerwerkskörper werden illegal importiert oder selbst gebastelt; sie werden ohne Ansehen der Person oder Alterskontrolle verkauft. Die Inneren Sicherheitskräfte (ISF) fordern Familien daher auf, ihre freudigen Ereignisse auf „zivilisiertere Weise“ zu feiern. Die Gefahren seien jedoch nicht nur technischer Natur: Nicht selten, so die ISF, komme es über ein Feuerwerk zum Streit zwischen Nachbarn, der in bewaffneten Auseinandersetzungen gipfeln könne. Um der gefährlichen Unsitte von Schüssen in die Luft zu begegnen, gibt es jetzt einen Spott-Spot, in dem auch gleich noch das mutmaßlich Männliche des Gebarens der Feierfreudigen durch den Kakao gezogen wird. Zwei Waffennarren erläutern die Choreographie der Schüsse aus ihren Maschinenpistolen zu den jeweiligen Anlässen. Als ein dritter sich anschickt, anlässlich der Geburt eines Mädchens einen Granatwerfer abzufeuern, brüllt einer von ihnen „Nicht die B7! Die ist für die Geburt von Jungen reserviert!“

Auch in mutmaßlich befugten Händen zu offiziellen Anlässen gibt es keine Garantien, dass alles gutgeht. Am 1. August wollte die libanesische Armee es anlässlich des alljährlichen „Army Day“ zur Feier ihres 68jähriges Bestehenmal so richtig krachen lassen. Damit schoss sie ein bisschen über das Zeil hinaus, als versehentlich eine Kiste Feuerwerkskörper in Brand geriet. Die Explosion in Downtown ließ noch die kilometer entfernte Bliss-Street in Hamra erbeben, einige Autos gingen in Flammen auf, und mindestens fünf Menschen wurden schwer verletzt.

Der Fotograf Andrey Dolmov, der zufällig gerade am Ort des Geschehens war, zeichnet kein sehr überzeugendes Bild des Krisenmanagements: „Es war alles so unkoordiniert. Die Feuerwehr wollte zunächst von hier aus löschen, und hat erst dann gemerkt, dass das Feuer ja auf der anderen Seite ist. Bei einem der Löschfahrzeuge ist der Reifen geplatzt, viele Feuerwehrleute standen einfach herum, und nur einer ist herumgelaufen und hat irgendwelche Befehle gebrüllt.“ So vernarrt sind viele Libanesen ins Feuerwerk, dass selbst der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah mit seiner Ablehnung dessen auf verlorenem Posten zu stehen scheint. Obwohl er sich immer wieder dagegen ausspricht, lassen seine Anhänger es sich nicht nehmen, seine Reden mit Feuerwerk zu begrüßen. Wie es eine libanesische Kommentatorin in al-Jadid dieser Tage auf den Punkt brachte: selbst, wenn ein Gesetz verabschiedet würde, das Feuerwerk gesetzlich verbietet, würde dessen Inkrafttreten wahrscheinlich mit einem Feuerwerk gefeiert.

Sags mit Dosen

Ali Ferzat - Selbstportrait nach dem Überfall

Ali Ferzat – Selbstportrait nach dem Überfall

Wäre Kunst die entscheidende Disziplin in der Auseinandersetzung der syrischen Revolutionäre mit dem Regime, gäbe es gar keinen Zweifel am Ausgang. Gegen die kreative Blüte unter Oppositionellen hat das Regime, dessen Kunstverständnis sich im wesentlichen darin ausdrückt, talentfreie Maler immer neue Präsidenten-Portraits entwerfen zu lassen, einfach keine Chance. Aus Furcht vor seiner spitzen Feder brachen staatlich beauftragte Schläger dem Karikaturisten Ali Ferzat 2011 die Hände. Er konterte mit eimem Selbstportrait aus dem Krankenbett.

Fällt Assads Getreuen eine Sprühdose in die Hände, ist das ästhetische Desaster vorprogrammiert, und eigentlich braucht man sich die Mühe des Lesens nicht zu machen.

Graffitis auf einem Balkon in Beirut - "Assad oder keiner"

Graffitis auf einem Balkon in Beirut – „Assad oder keiner“

Ihr Repertoire besteht aus wenigen aber beharrlich wiederholten krakeligen Slogans: „Assad oder keiner,“ „Assad für immer oder wir brennen das Land nieder“ – oder die Signatur, die die syrische Armee in den von ihr verwüsteten Orten neben dem erschossenen Vieh und den zerbombten Getreidespeichern zurückzulassen pflegte: „Liwa al Maut“ – die „Brigade des Todes.“

Dem gegenüber stehen die brillanten Transparente des kleinen Orts Kafranbel in Nordsyrien. Legendär sind auch die „Mauern von Saraqeb“, auf denen sich Poesie und Prosaisches mischen. Eine Kalligraphie mahnt: „Sag denjenigen, die den Müll aufsammeln: danke!“, eine andere „Sing für die Verschwundenen“ oder „Vom Tod belagert“.

Der neueste Graffiti-Einzeiler des syrischen Künstlers Alaa Ghazal in Beirut zeigt eine durch Bart und Soldatenhelm angedeutete Figur, neben der „Nieder mit dem Regime“ steht. Weder, so die Botschaft, will man sich von dem auf Assads Seite herrschenden Militär noch von den Islamisten, die sich in den befreiten Gebieten breitmachen, regieren lassen.

Alaa Ghazal: "Nieder mit dem Regime"

Alaa Ghazal: „Nieder mit dem Regime“