Archiv für den Monat: November 2013

Arik Einstein – die Stimme Israels – ist tot

Arik Einstein, 1939 in Tel Aviv geboren, ist gestern Abend hier verstorben. Er gilt als Gründer der israelischen Rock- und Pop-Musik. Manche nennen ihn Israels Frank Sinatra, andere Israels Bob Dylan. Seit den 60ern dominierte er die israelische Musik-Szene. Er war Vorbild für viele Musiker; seine Lieder wurden zu nationalen Hymnen.

Sein unerwarteter Tod stürzt das ganze Land in tiefe Trauer. Radio- und Fernsehsender haben ihr Programm unterbrochen und spielen ausschließlich Einsteins Lieder. Seit dem späten Abend ergießen sich Trauermeldungen und Tribute auf Facebook und Twitter.

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Sein Song „Ani veAta“ (Du und ich) ist wohl der meist gespielte und zitierte seit dem späten Abend:

„Du und ich, wir werden die Welt verändern
und der Rest wird folgen.
Andere haben das früher schon gesagt,
aber das spielt keine Rolle.
Du und ich werden die Welt verändern.“

Arik Einstein, die Stimme Israels, ist tot. „Es gibt niemanden mehr, der für uns singt“, sagte Gabriel Barabash, der Leiter des Ichilov-Krankenhauses in Tel Aviv, in dem Einsteins Leben nicht mehr gerettet werden konnte.

Der Veggie Day – Israelis stehen drauf.

Das vegane Restaurant Zaka'im. Foto: Sebastian Brux

Das vegane Restaurant Zaka’im. Foto: Sebastian Brux

Die Kritik am Veggie Day im Bundestagswahlkampf hatte ja schon bizarre Züge. Aber mich hat sie zumindest zum Nachdenken angeregt. Gepaart mit dem Fleischatlas der Berliner Kolleg/innen, die bislang erfolgreichste Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung, und einer Exkursion mit Freunden in Berlins vegane Restaurants habe ich im September mein eigenes kleines Experiment gestartet: Mal schauen, wie lange ich es ohne Fleisch aushalte. Ich hatte keine Lust auf eine Entscheidung für’s Leben, oder mich plötzlich als Vegetarier oder Veganer neu zu erfinden. Ich war erstmal einfach neugierig, was die vegane Küche so zu bieten hat. Heute ist der 15. November. Und Fleisch vermisse bislang nicht.

Was ich allerdings in Israel entdeckt habe, ist, dass ich hier wohl voll im Trend schwimme. Während die Supermärkte es Veganer/innen (noch) nicht leicht machen, ist es für mich absolut kein Problem, meine fleischlose Exkursion in Tel Aviv fortzusetzen. Abgesehen von dem Pionier Buddha Burgers, ein Schlaraffenland für alle Zeitan-Fans, haben in den letzten Jahren eine ganze Reihe von veganen Restaurants aufgemacht. Das neueste, Zaka’im, ist direkt um die Ecke unseres Büros und bietet vegane Speisen mit einem persischen Touch an.

Tierschutz-Aktivist/innen haben ein „Vegan Friendly„-Label erfunden, welches sie Restaurants verleihen, die mindestens ein veganes Gericht anbieten. Dazu zählen Ikonen, wie Orna & Ella auf der Sheinkin, oder eines der wenigen chinesischen Restaurants in Tel Aviv. Auch einige Autos mit dem Aufkleber „Auch ich bin ‚Vegan Friendly'“ habe ich in der Stadt schon gesehen.

Auch jenseits von Tel Aviv tut sich was. Buddha Burgers hat es mittlerweile bis nach Haifa und Eilat verschlagen. Der israelische Fernsehsender „Channel 2“ hat eine ganze Serie über Massentierhaltung ausgestrahlt, und kürzlich hat sich selbst Benjamin Netanjahu am Kabinettstisch geoutet, den eigenen Fleischkonsum zu überdenken. Sehr zur Freude der Justizministerin Tzipi Livni, selbst seit dem 13. Lebensjahr Vegetarierin, und des Umweltministers Amir Peretz, der gerne die Aufgabe des Tierschutz vom Landwirtschaftsministerium in sein Ressort holen würde. Oliver Welke fragt sich sicherlich, ob dass mit Peretz‘ Treffen mit Renate Künast und Winfried Kretschmann im letzten Frühjahr zu tun hat? Netanjahu scheint jedenfalls so langsam bereit zu sein, ihm diesen Gefallen zu tun.

Natürlich gibt es auch in Israel Widerstand gegen diesen Trend, besonders wenn der Premierminister ihn sich zu eigen machen will. Aber die Angst des Hermann Gröhe, man wolle ihm das verdiente Fleisch vom Teller nehmen, ist es jedenfalls nicht. In Israel kommt natürlich die Besatzung ins Spiel. Der skurrile US-Aktivist Gary Yourofsky, dessen YouTube-Rede zu Tierschutz weltweit bereits millionenfach und alleine in Israel mehr als 300.000 Mal angeschaut wurde, ist seit seiner ersten Vortragsreihe in Israel ein Superstar. Selbst Tzipi Livni hat ihn sich angehört. Im Dezember will er das heilige Land wieder beglücken, unter anderem mit einer Rede in der Siedlung Ariel.

Auf die Kritik von Friedensaktivist/innen daran, entgegnete er: “Humans are the SCUM of the earth. I don’t care about Jews or Palestinians, or their stupid, childish battle over a piece of God-forsaken land in the desert. I care about animals, who are the only oppressed, enslaved and tormented beings on this planet. Human suffering is a joke. Therefore, I will speak anywhere, in any city, in any country, in any location that will have me. I would lecture IN a Palestinian school if they would bring me in.”

Das schockierte dann doch sogar einige israelische Veganer/innen, die sich zwar dezidiert für Tierrechte einsetzen, aber Menschenrechte dafür dann doch nicht vom Tellerrand in den Mülleimer kippen wollen.

Tatort Ramallah: Arafat-Krimi fällt aus

Nachdem gestern der Bericht zur Untersuchung der Todesursache Yassir Arafats veröffentlicht wurde, ist nach Ansicht der Gutachter zumindest wahrscheinlicher, dass Arafat 2004 tatsächlich mit Polonium umgebracht wurde. Wer hinter der Tat stand und wie sie ausgeführt wurde, bleibt dagegen unklar. Während das Thema heute weltweit in den Nachrichten war, spielte es hier vor Ort nicht so eine zentrale Rolle. Denn für die Palästinenser ist sowieso klar, wer dahinter steht – der damalige Regierungschef Ariel Sharon, Erzfeind Yassir Arafats.

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Großes Arafat-Portarit an einer Hauswand in Ramallah 2012. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Das ist zumindest mehr als eine abstruse anti-israelische Verschwörungstheorie, denn viele erinnern sich hier natürlich daran, dass der israelische Geheimdienst mehr als einmal palästinensische Führer ins Fadenkreuz genommen hat, zum Beispiel 1987 bei der Ermordung des PLO-Führers „Abu Jihad“ oder dem 1997 gescheiterten Attentat auf Hamas-Führer Khalid Masch’al. Und schließlich hatte Sharon sogar 2004 offiziell im Gespräch mit US-Präsident Bush die Garantie, dass er Arafat nicht antasten werde, aufgekündigt.

Bemerkenswert ist jetzt vielmehr, dass sich die PLO offiziell mit Schuldzuweisungen zurückhält – klug, denn Beweise gibt es nun mal keine. Eine internationale Untersuchung wird in Erwägung gezogen, aber auf eine Propagandaschlacht mit Israel will man sich nicht einlassen. Dass würde nur von Themen ablenken, die sowohl die Palästinenser bewegen als auch die derzeitigen Gespräche mit der israelischen Regierung schwer belasten: Zum Beispiel der ständige Ausbau von israelischen Siedlungen und die angekündigte Zerstörung von 15.000 Häusern in Ost-Jerusalem,

Während in den Medien zu den letztgenannten Themen wenig Informationsbedarf zu bestehen scheint – nichts scheint gestriger als die Meldungen aus dem nur noch in Anführungszeichen so zu nennenden „Friedensprozess“ und seinen wiederkehrenden Misserfolgen – stand heute mein Telefon nicht mehr still. Sechs Interviews, u.a. Deutschlandfunk, info Radio Berlin und Schweizer Rundfunk zum leidigen Thema: Wurde Arafat ermordet und wenn ja, von wem? Aber was international Schlagzeilen macht, ist noch lange nicht ausschlaggebend vor Ort. Quintessenz: Die Palästinenser haben wirklich andere Probleme als sich mit dem Schweizer Untersuchungbericht und den damit zsammenhängenden Spekulationen zu beschäftigen. Die Auflösung des Arafat-Krimis fällt aus.

(Nachtrag: Was die im Deutschlandfunk geäußerte Frage zu den Texten palästinensischer Geschichtsbücher über Yassir Arafat betrifft, werde ich die Antwort hier nachholen).

Auf der Champs-Elysée der Flüchtlinge

Auf der Hauptstraße des Flüchtlingslagers Al-Zaatari, 70km nördlich von Amman, haben entlang der Hauptstraße in Containern dutzende Shops geöffnet, in denen fast alles zu haben ist: Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Werkzeug, Haushaltswaren, Elektrogeräte, Fernseher. Es gibt Bäckereien, Friseursalons, Moscheen und Cafés. So groß ist die Vielfalt, dass die neue Hauptstraße von den syrischen Flüchtlingen schon informell mit einem guten Schuss Zynismus umbenannt wurde: In „Champs-Elysée.“ Ansonsten erinnern nur die überteuerten Preise an die französische Hauptstadt. Eines der Cafés hier heißt „Coffee Freedom “ – Freiheit, das ist das eine Gut, das weder in Syrien noch für die syrischen Flüchtlinge in Al-Zaatari zu erwerben ist.

Staubige Hauptstraße „Champs-Elysée“ in Zaatari. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Freedom Café im Wohncontainer in Zaatari. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Der zweite Besuch im Flüchtlingslager Al-Zaatari in Jordanien zeigt, dass ich viel verändert hat. Wo vor über einem Jahr nur endlose Zeltreihen und improvisierte Feld-Krankenhäuser standen, entsteht nun eine kleine Stadt. Hier leben Flüchtlinge aus Syrien, die den schweren Kämpfen aus der Region Der’a in Südsyrien entkommen sind. Hier fing 2011 alles an mit dem Aufstand gegen Bashar al-Assad. Wer hier angekommt, ist schwer traumatisiert vom Krieg. Viele Männer haben für die Freie Syrische Armee gekämpft, manche gehen auch wieder zurück ins Kriegsgebiet. Vor einem Jahr waren die Zustände im Lager noch so schlimm, das auch ganze Familien statt der harschen Bedingungen in Zaatari die Rückkehr nach Syrien unter Lebensgefahr erwogen. Jetzt bleiben die meisten, der Süden Syriens wird weiter heftig vom Regime Bashar al-Assad’s bombardiert. Der Leiter des UNHCR vor Ort, ein Deutscher, will das Flüchtlingslager Zaatari in eine kleine Stadt verwandeln. Mit Gemeineräten, Gericht und erhöhter Eigenverantwortung der Flüchtlinge; nicht um einen permanenten Wohnort zu kreieren (Zaatari zählt mit um die 100.000 Bewohnern bereits zu den größten Siedlungen in Jordanien), sondern um bis zur Rückkehr ihre Situation zu weit wie möglich zu verbessern und ihnen ein bisschen Würde zurückzugeben.

Internationale Hilfe wird zwar viel zugesagt in diesen Tagen, aber noch nicht einmal die mindeste humanitäre Grundversorgung  erreicht alle Flüchtlinge. Besonders dramatisch ist die Lage der hundertausenden Flüchtlinge außerhalb  der Lager: In Jordanien sind das über 400.000 (Hier ein Überblick über die deprimierenden Zahlen der Flüchtlingswelle nach Jordanien). Der Großteil ist arbeitslos und in Jordanien nur geduldet; Kinderarbeit, Verheiratung von minderjährigen Mädchen und Missbrauch sind wachsende Probleme der schutzlosen Flüchtlingsgemeinden, darunter viele Familien mit bis zu zehn Kindern, die völlig mittellos nach Jordanien  geflohen sind, sind keine Seltenheit.

Unter den Jordaniern wachsen derweil Vorurteile und Feindseligkeit. Zwar stimmt, dass Jordanien lange die Grenzen für die Flüchtlingsströme geöffnet hatte. Aber uneingeschränkt offen ist die Grenze nicht mehr, Berichten zufolge dürfen unter anderem Flüchtlinge palästinensischer Herkunft und junge alleinstehende Männer die Grenze nicht mehr überqueren – das jordanische Königreich befürchtet Auswirkungen auf die innere Sicherheit. Wenn man bedenkt, dass die 80-Millionen-Nation Deutschland gerade einmal bereit ist 5000 Syrerinnen und Syrern Schutz zu bieten, erscheinen 500.000 Menschen für das kleine Nachbarland Syriens mit nur ca. 6 Millionen Einwohnern in einem anderen Licht.