Archiv für den Monat: Februar 2014

Fußballfieber im Gazastreifen

Am Stadion in Beit Lahia am Rande von Gaza-Stadt herrscht großes Gedränge. Vor dem Anpfiff  sind drinnen die Ränge schon gut gefüllt. Auch auf den Stadionmauern rund um das Stadion sitzen zahllose Fans. In wenigen Minuten beginnt das Erstligaspiel Khadamat Shati gegen Shabab Jabaliyah. Auch der Fußball findet in Palästina unter Ausnahmebedingungen statt. Eigentlich sollte eine palästinensische Liga alle Teams aus dem Gazastreifen, aus Ost-Jerusalem und der Wrestbank umfassen. Aber der Gazastreifen steht unter ägyptischer und israelischer Blockade, die Spieler können nicht ein- und ausreisen. In der FIFA ist Palästina wie ein anerkannter, unabhängiger Staat akzeptiert, aber die Realität sieht anders aus. Der berühmteste Fußballer aus Gaza, Mahmoud Sarsak, wurde 2012 nicht durch spektakuläre Torszenen berühmt, sondern durch einen fast 100 Tage andauernden Hungerstreik. Der ehemalige Nationalspieler war jahrelang ohne rechtliche Grundlage („Administrativhaft„) in israelischer Haft.

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Stadion in Beit Lahia (image: courtesy of René Wildangel)

Im Gazastreifen, wo viele ums tägliche Überleben kämpfen, die Wirtschaft schwächelt und Arbeitslosigkeit grassiert, wird eine Liga ausgespielt, in der ausschließlich Teams aus Gaza teilnehmen. Mit Jabaliya und Shati stehen sich hier zwei Teams aus Flüchtlingslagern gegenüber, zwei Drittel der 1, 7 Millionen Bewohner des Gazastreifen sind Flüchtlinge aus den Kriegen von 1948 und 1967. Die Mehrheit ist jung und fußballverrückt, aber selbst die umgerechnet 50 Cent Eintrittspreis kann sich hier nicht jeder leisten. Dagegen erstaunt der gute Zustand des Spielfeldes im Stadtteil Beit Lahia. Ein reicher Palästinenser hat hier, so wird mir erklärt, 100.000 Dollar für den Rasenplatz gespendet. Der Platz ist klein, aber gehört zu den besten hier, seit das Nationalstadion von Gaza im letzten Krieg von der israelischen Armee bombardiert wurde und tiefe Krater die Nutzung unmöglich machen. Anzeigetafeln oder Flutlicht gibt es nicht, dazu fehlt derzeit das Geld. Außerdem gibt es derzeit im gesamten Gazastreifen nur wenige Stunden am Tag Elektrizität.

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Tor für Khadamat Shati (image: courtesy of René Wildangel)

Als das Spiel beginnt, gehen die Zuschauer begeistert mit. Der Fußball ist eine willkommene Abwechslung, Trommeln, La Ola und Fanplakate vermitteln Normalität. Das Niveau des Spiels kann sich sehen lassen, die Kicker von Khadamat Shati machen Tempo und gehen schon nach kurzer Zeit in Führung. Mit einem spektakulären Treffer in der ersten Hälfte gleicht Jabaliya aus, dabei bleibt es bis zum Schluss. In der Halbzeitpause wird auf dem Spielfeld gebetet, auch einige Spieler nehmen teil. Die Ligaspiele in Gaza werden immer so getimt, dass die Pausen mit den islamischen Gebetszeiten übereinstimmen. Noch wichtiger als Fragen der politischen Zugehörigkeit ist für viele Palästinenser die Identifikation mit den spanischen Top-Mannschaften: Barca oder Real? Viele Besucher haben entsprechende Trikots an. Und als der deutsche Gast im Stadion erkannt wird, werden spontan Schlachtgesänge für die deutsche Nationalmannschaft angestimmt. Dann heißt die Frage: Bayern oder Dortmund? Ein Fan in der Menge beantwortet die Frage eindeutiger als ich, er hat ein Reus-Trikot an.

(Eine Kurzversion dieses Textes erscheint in der kommenden Ausgabe des Magazins „11 Freunde“ in der Rubrik „Auswärtsspiel“).

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Dortmundfan in Gaza (image: courtesy of René Wildangel)

 

Der gute Ruf des Libanon

 

Graffiti in Gemmayzeh, Beirut (c) Bente Scheller

Graffiti in Gemmayzeh, Beirut (c) Bente Scheller

Seit Jahresbeginn sind im Libanon jede Woche Menschen bei Autobomben- oder Selbstmordattentaten gestorben. Die politische Führung setzt sich zu weiten Teilen dynastisch zusammen, und die Miliz-Strukturen des Bürgerkriegs spiegeln sich getreulich in den heutigen politischen Strukturen wieder – inklusive Personal. Selbst Optimisten sprechen über eine baldige Regierungsbildung und die für November geplanten Parlamentswahlen nur im Konjunktiv. Die Grenzen scheinen poröser denn je. Der Strom der Flüchtlinge aus dem Nachbarland reißt nicht ab. Die Wasserknappheit sorgt selbst in unserem privilegierten Stadteil dafür, dass wir alle paar Tage ohne dastehen, und die Stromausfälle (im besten Fall drei Stunden, doch gerade außerhalb Beiruts gerne auch weite Teile des Tages) sind ein Dauerzustand.

Obwohl der Libanon eines der arabischen Länder ist, in denen Frauen mit den wenigsten öffentlich-moralischen Restriktionen zu kämpfen haben, ist es um ihre politische Repräsentation schlecht bestellt. In der Geschichte des Libanons seit der Unabhängigkeit gab es gerade mal zwei Ministerinnen, und lediglich 17 Parlamentarierinnen. Die Frauenquote im Parlament ist eine der niedrigsten weltweit – Libanon rangiert hier gerade so eben for Saudi Arabien und Kuwait.

Aber nun geht es um den guten Rufe des Libanon, sagt Faisal Karami, Minister für Jugend und Sport. Nicht etwa durch die oben beschriebenen Zustände sei dieser gefährdet, sondern ausgerechnet durch eine der Personen, auf die der Libanon stolz sein sollte: Jackie Chamoun, Apin-Skifahrerin, derzeit eine der beiden Vertreterinnen des Landes bei den olympischen Spielen. Nur zwei arabische Staaten haben übehaupt TeilnehmerInnen zu den Winterspielen geschickt: Marokko und Libanon. Natürlich hat die Untersuchung, die Karami zum Fall Jackie Chamoun fordert, nichts mit ihren sportlichen Leistungen zu tun. Es geht allein um eine Serie mutmaßlicher Oben-ohne-Fotos der Athletin.

Viel sichtbare Haut ist im Libanon nichts besonderes. Bikinis sind im Libanon nur deswegen geringfügig breiter als Zwirnsfäden, damit das Push-Up-Konzept noch funktioniert. Weiterhin gibt es die jährliche Modenschau im libanesischen Skigebiet Faraya – für Damenunterwäsche. Einige Initiativen wie Kherr Berr engagieren sich seit Jahren dafür, Anzeigen, die Frauen zu Sexobjekten herunterstufen, zu brandmarken und auf eine Veränderung in der hiesigen Werbeindustrie hinzuwirken. An den Stränden sieht man, anders als in den meisten anderen arabischen Ländern, vollverschleierte Frauen und Männer in Jallabiya neben äußerst freizügig gekleideten. Nur knappe Badehosen für Männer sind verpönt: im Libanon trägt man eindeutig Shorts.

Am Strand (c) Bente Scheller

Am Strand (c) Bente Scheller

Es wäre aber nicht der Libanon, wenn nicht sofort Twitter heißlaufen würde. Sofort hat sich die Solidaritätskampagne „#Strip For Jackie“ gegründet. Unter „#NotAScandal“ formiert sich gegenwehr, und „#BoobsNotBombs“  hinterfragt die libanesischen Prioritäten.

Die künstliche Aufregung über Jackie Chamouns Fotos steht in besonders starkem Kontrast zu der hohen politischen Toleranz für Gewalt gegen Frauen. Das Familienrecht, im libanesischen Kontext konfessionellen Gerichten unterstellt, passt in seiner konservativen Auslegung und Praxis nicht zu dem modernen Bild, dass der Libanon ansonsten zu vermitteln versucht. Organisationen wie Kafa setzen sich dafür ein, insbesondere der häuslichen Gewalt etwas entgegenzusetzen, haben dafür politisch jedoch bislang wenig Unterstützung gefunden. Insofern wirkt die derzeitige Empörung besonders grotesk. Wie es die Menschenrechtsorganisation Avaaz in einer Petition formuliert: „Unsere Regierung hält Frauenkörper für öffentliches Eigentum – obwohl es nichts dafür tut, sie zu schützen. … Es ist unglaublich, dass ein Minister, der in der Lage war, Resourcen zu mobilisieren und noch am gleichen Tag auf diese Nichtigkeit zu antworten, während tausende libanesischer Frauen in Gefahr sind, weil das Gesetz zur Gewalt gegen Frauen nicht vorankommt.“

 

Nachtrag zum Klavier

Mein Eintrag zu Yarmouk, „Ein Klavier zwischen Ruinen“, hat einen Leser inspiriert, unter dem Titel „Händel weg von Syrien“ eine Persiflage auf die westliche Paranoia, mit Hilfslieferungen nach Syrien könnten Extremisten unterstützt werden, zu schreiben. Unter dem Titel „Händel weg von Syrien“ schreibt Jens-Martin Rode über Absurditäten, die unserer Arbeit und insbesonderen den syrischen Partnerorganisationen leider nicht fremd sind.
Unter den westlichen Befürchtungen haben insbesondere all die Projekte zu leiden, die alternative Medien und die Berichterstattung über ziviles Engagement in Syrien fördern: Viele europäische Geber wollen weder Kameras noch Telefone oder andres Kommunikationszubehör in Syrien finanzieren, weil dieses auch durch Terroristen genutzt werden könnte. Ich warte auf den Tag, dass sie aus diesem Grunde auch keine Kosten für Papier und andere Workshop-Materialien mehr fördern.

Ein Klavier zwischen Ruinen

Yarmouk-Camp, Damaskus (c) Yarmouk Activists

Yarmouk-Camp, Damaskus (c) Amer Alhindi

Unter den zwölf Palästinenserlagern in Syrien hob sich Yarmouk in vielerlei Hinsicht ab. Es gehörte zu den drei Camps, die nicht von der UNRWA sondern von der syrischen Regierung etabliert worden waren, und entwickelte sich weitgehend wie viele der anderen Vorstädte von Damaskus auch. Es wuchs, und bei weiten nicht nur durch palästinensische Zuzüge. Von den rund 800.000 Einwohnern waren letztlich lediglich rund ein Fünftel Palästinenser. Ich erinnere mich an viele Besuche der belebte Einkaufs- und Restaurantstraße in Yarmouk.

Für viele war es eine zweite Heimat geworden, die ihnen erlaubte, sich gleichzeitig als Palästinenser und Syrer zu fühlen. Davon zeugen auch die melancholisch anmutenden Videos einer Gruppe junger Männer, die zwischen den Ruinen des in weiten Teilen zerstörten Camps an einem verstimmten Klavier singen: „Kommt zurück, ihr Vertriebenen, eure Reise dauert schon zu lang“ – eine Hommage an das Zugehörigkeitsgefühl zu Yarmouk. 

Palästinenser waren in Syrien besser integriert als in anderen Länder. Anders als im Libanon zum Beispiel gab es nur wenige Positionen, in  der Politik oder höheren Ränge in Militär und Sicherheit, die ihnen verwehrt waren. Ansonsten aber genossen sie weitreichende Freiheiten – soweit dies unter der stets engen Kontrolle der syrischen Sicherheitsbehörden möglich war. Wie auch bei den stets betonten pan-arabischen Interessen galt für den Einsatz des Regimes für palästinensische Angelegenheiten immer, dass diese aus seiner Sicht nur unter syrischer Führung vertreten werden sollten. Über Hafez al-Assad heißt es, er habe sich als weitaus bessere Vertreter ihrer gesehen als die Palästinenser selbst. Sowohl in den Jahren der syrischen Intervention im Libanon als auch danach hat das Regime stets durch ihm verbundene Palästinensergruppen versucht, Macht auszuüben.

Der Beginn der syrischen Revolution stürzte daher viele Palästinenser in Yarmouk in ein Dilemma. Die Polarisierung in der syrischen Gesellschaft verschonte auch sie nicht. Einerseits waren die Lebensbedingungen von staatlicher Seite für viele besser als an anderen Orten, andererseits fühlten sich viele durch die gelebte Integration auch dem Aufbegehren verbunden. Gleichzeitig waren sie sich ihrer eigenen Verwundbarkeit bewusst. Wie der syrisch-palästinensische Journalist Nidal Bitari im Journal for Palestine Studies schreibt: „Jeder wusste um die Massaker in Sabra und Shatila in Beirut im September 1982, die massenhaften Ausweisungen staatenloser Palästinenser aus Kuwait während des ersten Golf Krieges, gar nicht zu reden davon, was ihnen nach der US-Invasion in Irak geschehen war.“

Als das syrische Regime 2011 erstmals erlaubte, dass Palästinenser erst anlässlich des Nakba-Tages im Mai 2011, dann ein weiteres Mal im Juni direkt an die israelische Grenze durften, galt vielen das als ein Zeichen, dass das Regime von seinen eigenen Problemen abzulenken versucht. Bei beiden Anlässen wurden Palästinenser durch israelische Soldaten erschossen oder verwundet – während das syrische Regime nicht eingriff, um sie zu schützen oder auch nur humanitär zu versorgen.

Die Eskalation in Yarmouk erfolgte jedoch erst gegen Ende 2012, eine Zeit, in der die Freie Syrische Armee, lange schon erpicht darauf, sich wegen der strategischen geografischen Lage Yarmouks, sich immer aggressiver versuchte, Eintritt zu verschaffen und durch das Luftbombardement des Regimes im Dezember die Gelegenheit dazu sah. Das bedeutete die weitgehende Abriegelung Yarmouks durch regimenahe Palästinensergruppen, die bereits die Versorgung mit Nahrung und medizinischen Gütern massiv beeinträchtigte. Seit Sommer 2013 ist das Camp vollständig abgeriegelt.

Das ist für die Zivilbevölkerung verheerend: über 70 sind mittlerweile verhungert. Umso bewundernswerter ist die Haltung derer, die verbleiben. Medico International hat dies letzte Woche in einem Bericht aus Yarmouk eindringlich dargestellt. Auch wenn es in den letzten Tagen sporadische Hilfslieferungen nach Yarmouk gegeben hat: Sie sind im Wesentlichen ein Zeichen, dass das Regime sich vorbehält, über Leben und Tod zu bestimmen. Es ist kein verhandelter, unbeschränkter Zugang, sondern hängt weiterhin vom Gutdünken des Regimes ab, was und wie viel den Einwohnern zuteil wird.