Archiv für den Monat: Juli 2014

Warten auf den Waffenstillstand: Urlaub impossible

Im Gazastreifen fallen die Bomben, über tausend Tote und kein Ende in Sicht. Wie soll man da Urlaub in Deutschland machen? Umso mehr, wenn man dort zahlreiche Freunde und Bekannte hat, und auch Kolleginnen und Kollegen durch die Arbeit der Stiftung. Eigentlich hätte es ein entspannter WM-Sommer werden sollen – für mich und die Fußballverrückten in Palästina und der Region (und dann noch mit so einem grandiosen Ausgang). Und eine Entspannung von den ewigen Frustrationen und Spannungen des Lebens in den besetzten Gebieten. Aber es kam anders, denn nicht nur in den Halbzeitpausen wurde man an die schreckliche Realität erinnert. Omnipräsent waren die Bilder aus dem Gazastreifen, wo die Menschen völlig schutzlos den Angriffen ausgeliefert waren, und omnipräsent war die Sorge um die Freunde dort. Vor allem in den sozialen Medien ein unaufhörlicher Strom von grauenhaften Bildern der Opfern – für mich eben keine anonymen, sondern die engen Freunde und Familien meiner Bekannten. Mittlerweile ist die Schwelle von 1000 Todesopfern überschritten, die meisten Zivilisten, viele Kinder und Frauen. Und warum in aller Welt versagt die Diplomatie auf ganzer Linie bei der Vermittlung eines Waffenstillstandes?

Unterstützen Sie hier bitte unsere Thunderclap-Kampagne für einen sofortigen und nachhaltigen Waffenstillstand!

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Der Versuch abzuschalten scheitert so völlig; auch im Urlaub bediene ich ein paar Presseanfragen, zum Beispiel beim NDR, bei Phönix oder beim Deutschlandradio. Und doch plagt das schlechte Gewissen, nichts tun zu können für die bedrohten Menschen im Gazastreifen.

Auch die schrecklichen Szenen von antisemitischen Ausschreitungen in Paris, aber auch in Deutschland schockieren und belasten mich. Wie kann man so dumm sein, so geschichstvergessen, und bei Demonstrationen für ein Ende des Krieges und gegen die Politik der gegenwärtigen radikalen israelischen Regierung jüdische Enrichtungen anzugreifen, jüdische Bürger oder Synagogen? Und dann wieder erregen mich jene, die jedem notwendigen und legitimen Protest gegen die israelische Politik und die Bombardments Antisemitismus unterstellen oder ihn als „antiisraelisch“ diskreditieren wollen.

Ähnliches geschieht, als internationale Fluggesellschaften ihre Flüge nach Tel Aviv absetzen. Und das passiert genau an jenem Tag, als ich mit Lufthansa nach Tel Aviv zurückfliegen möchte. Denn in Yehud, einer kleinen Stadt in der Nähe des Ben Gurion Flughafens, ist eine Rakete eingeschlagen. Auch wenn ich mich selbst nicht unmittelbar gefährdet fühle und am liebsten zurück in die „Heimat“ möchte – schließlich werden 90% aller Raketen vom „Iron Dome“ System abgefangen – man geht doch davon aus und erwartet das auch, dass Fluggesellschaften alle Risiken für ihre Fluggäste ausschließen wollen. Etwas befremdlich waren daher Stimmen in den USA, die politischen Druck zu einer Wiederaufnahme der Flüge machten. Und auch in Deutschland gab es ähnliche Kommentare, sogar aus der Politik – als betroffener Fluggast muss ich doch sagen, dass ich die Risikoanalyse lieber Fachleuten überlasse. Auch manchen Piloten und Crew-Mitgliedern der Lufthansa ging das so. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, buchen wir schließlich um: Nach Amman. Das ist ein Umweg, und auch die Einreise nach Palästina über Jordanien ist manchmal beschwerlich; so endet ein anstrengender Urlaub. Wenn jetzt endlich ein Waffenstillstand hält und der Gazastreifen eine Zukunft bekommt, wird es bald vergessen sein.

 

Sarg niemals nie

(c) Bente Scheller

(c) Bente Scheller

Sobald die Sonne in Beirut aufgeht, zupft mein kleiner Sohn an mir: „Aufstehen, Mama!“ Voller Ungeduld sucht er mir etwas zum Anziehen aus dem Schrank, und dann soll es bitteschön losgehen auf die Straße. Der einzige Laden, der dann schon geöffnet hat, ist das Bestattungsinstitut. Dort kann ich ihm beim Versteckenspielen mit dem Zeitungsverkäufer zuzuschauen. Ich sehe schwarz für alle Vampirfilme, die wir künftig schauen könnten. Wenn sich der Sargdeckel knarrend hebt, wird Laslo durchs ganze Kino brüllen: „Den kenn ich, das ist der Zeitungsverkäufer!“ Der neueste Trick ist, sich kreischend in die Vorhänge zu wickeln und vor Vorfreude bebend darauf zu warten, dass der jeweils andere einen entdeckt.

Highlights im Leben sind die Tage, an denen es Blumen von Beerdigungen gibt, und wenn ein Sarg zur Beschriftung mit einem Ende auf einem Stuhl lagert und der daran arbeitende kurz weggeht, fährt mein Sohn mit seinem kleinen Zeigefinger über die goldenen Buchstaben und tut, als könne er lesen – in dem er seinen eigenen Namen buchstabiert. Neulich sahen wir in einem anderen Laden frisch angebrachte, leere Regale, und sofort zirpte er: „Auch so schöne Kisten? Wie beim alten Herrn?“

Wenn der Senior im Beerdigungsinstitut ist, darf Laslo auch ins Büro kommen und sich aus der Süßigkeitendose bedienen. „Was das denn?“ fragt er mit Blick auf eine an der Wand befestigte Marienstatue. „Die Jungfrau Maria,“ sagt der alte Herr. Laslo nickt wissend: „Und das ein Ventilator!“ erwidert er auf deutsch, während er auf das ihm deutlich interessanter erscheinende Objekt neben dem kleinen Schrein deutet.

Dieser Tage laden uns die muslimischen Mitarbeiter des christlichen Ladens aufs Herzlichste zum Fastenbrechen ein, zu dem sie sich stets auf den paar Stühlen im hinteren Ladenteil um das Notfall-Sterbefall-Telefon scharen.Im Ramadan scheinen die sonst gelegentlich spürbaren Spannungen vergessen. Als die christliche Inhaberin des Supermarktes sich vergewissert, dass alle bestellten Waren ordnungsgemäß geliefert worden sind, fragt sie: „Wann ist Fastenbrechen? Erst Viertel vor acht? Ihr Armen, so heiß wie es dieses Jahr ist!“ Schulterzuckend einigen sie sich darauf: „Wenn das Allahs Wille ist, muss es wohl so sein.“

Dabei sein ist nicht immer alles: WM-Fieber im Libanon

(c) Sarah Schwahn

(c) Sarah Schwahn

Ein Gastbeitrag von Sarah Schwahn, Büro Beirut

Als ich  den Salon betrete, fragt mich der Frisör, woher ich komme. Deutschland? Er  zieht  die Augenbrauen kritisch nach oben und zeigt auf die Flagge an der Wand. „Wir unterstützen hier Brasilien.“ Aus Sicherheitsgründen entscheide ich mich für die Pediküre bei seiner Kollegin, deren Blick sich wiederum schlagartig aufhellt. „Deutschland!“ ruft sie und deutet auf das schwarzrotgoldene Armband an ihrem Handgelenk.

Szenen wie diese sind seit Beginn der Weltmeisterschaft allgegenwärtig im Libanon. Befestigt an Autos oder komplette Hauswände verdeckend prägen seit einigen Wochen bunte Fahnen der verschiedensten Staaten die Stadtbilder mit. Zwar hat sich die libanesische Nationalmannschaft nie für die WM qualifiziert und die nationale Liga ruft eher mäßige Begeisterung bei den Libanesen hervor, aber Fußball ist und bleibt der populärste Sport im Libanon, und auch die wenig sportbegeisterten Libanesen können sich dem Fußballfieber nicht entziehen. Fast jede Bar und jedes Café überträgt das Turnier in Brasilien, und das nicht nur in den Straßen der belebten Viertel Beiruts, sondern auch in den kleinen Gassen fernab von den Partymeilen.

Einige suchen die Erklärung für diese Fußballbegeisterung in ihrer Kindheit. Deutschland wird im Jahr 1990 Weltmeister, Brasilien holt den Titel vier Jahre darauf. Die Generation fühlt sich erinnert an diese Zeit und fiebert heute, zwanzig Jahre später, mit ihrem Team mit. Es mag hinzukommen, dass in Brasilien fast doppelt so viele Libanesen leben wie im Libanon selbst. Aber nicht nur brasilianische und deutsche Flaggen sind zu sehen. Die Bandbreite ist groß, vielleicht auch deshalb, weil die Fußballfans es genießen sich bei der Fußballweltmeisterschaft ganz unabhängig vom politischen oder religiösen Hintergrund entscheiden zu können, welches Team sie unterstützen.

Das ist zu anderen Gelegenheiten aufgeladener: Ein Fußballspiel Libanon – Iran musste im letzten Herbst vor leeren Rängen ausgetragen werden, aus Sicherheitsbedenken vor Anschlägen aber auch Ausschreitungen, weil es gerade zuvor einen Anschlag a auf die iranische Botschaft Sicherheitsbedenken gegeben hatte.

Und so erklären viele die Fußballbegeisterung mit der angespannten politischen Situation im Libanon. „Die Menschen sind es leid, die Nachrichten einzuschalten und Berichte über terroristische Anschläge oder die gescheiterten Suche nach einem Präsidenten zu sehen. Da ist die Weltmeisterschaft eine willkommene Abwechslung“, erzählt mir ein Fußballfan während einer Übertragung. Eine Barkeeperin aus Hamra findet eine ganz ähnliche Erklärung. „Für viele Libanesen bedeutet die Weltmeisterschaft einen ganzen Monat der Ablenkung von Politik. Es ist wie Doping für die Leute“, sagt sie. So ist der Sport für die Libanesen, die sonst gerne Witze über die Politik im eigenen Land machen, eine andere Gelegenheit, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen: Haid, ein Mitarbeiter unseres Büros, wurde von unserer Kollegin Noor nach dem Ausscheiden seiner Mannschaft, Spanien, auf eine Werbeanzeige für einen nur zweimal verwendeten TV Receiver hingewiesen – günstig abzugeben von einem Spanien-Fan. Nicht nur in den Cafés, sondern auch in den Büros geht es also schnell ähnlich zu, wie bei Diskussionen über Politik. Jeder hat seine ganz eigene Meinung zur richtigen Strategie, und nicht ganz ernst gemeinte Gräben tun sich auf zwischen den Anhängern verschiedener Mannschaften. Trotzdem, was immer die Gründe für die libanesische Fußballbegeisterung sind, ich muss zugeben: Das Fußballfieber im Libanon ist eindeutig ansteckend.