Sarg niemals nie

(c) Bente Scheller

(c) Bente Scheller

Sobald die Sonne in Beirut aufgeht, zupft mein kleiner Sohn an mir: „Aufstehen, Mama!“ Voller Ungeduld sucht er mir etwas zum Anziehen aus dem Schrank, und dann soll es bitteschön losgehen auf die Straße. Der einzige Laden, der dann schon geöffnet hat, ist das Bestattungsinstitut. Dort kann ich ihm beim Versteckenspielen mit dem Zeitungsverkäufer zuzuschauen. Ich sehe schwarz für alle Vampirfilme, die wir künftig schauen könnten. Wenn sich der Sargdeckel knarrend hebt, wird Laslo durchs ganze Kino brüllen: „Den kenn ich, das ist der Zeitungsverkäufer!“ Der neueste Trick ist, sich kreischend in die Vorhänge zu wickeln und vor Vorfreude bebend darauf zu warten, dass der jeweils andere einen entdeckt.

Highlights im Leben sind die Tage, an denen es Blumen von Beerdigungen gibt, und wenn ein Sarg zur Beschriftung mit einem Ende auf einem Stuhl lagert und der daran arbeitende kurz weggeht, fährt mein Sohn mit seinem kleinen Zeigefinger über die goldenen Buchstaben und tut, als könne er lesen – in dem er seinen eigenen Namen buchstabiert. Neulich sahen wir in einem anderen Laden frisch angebrachte, leere Regale, und sofort zirpte er: „Auch so schöne Kisten? Wie beim alten Herrn?“

Wenn der Senior im Beerdigungsinstitut ist, darf Laslo auch ins Büro kommen und sich aus der Süßigkeitendose bedienen. „Was das denn?“ fragt er mit Blick auf eine an der Wand befestigte Marienstatue. „Die Jungfrau Maria,“ sagt der alte Herr. Laslo nickt wissend: „Und das ein Ventilator!“ erwidert er auf deutsch, während er auf das ihm deutlich interessanter erscheinende Objekt neben dem kleinen Schrein deutet.

Dieser Tage laden uns die muslimischen Mitarbeiter des christlichen Ladens aufs Herzlichste zum Fastenbrechen ein, zu dem sie sich stets auf den paar Stühlen im hinteren Ladenteil um das Notfall-Sterbefall-Telefon scharen.Im Ramadan scheinen die sonst gelegentlich spürbaren Spannungen vergessen. Als die christliche Inhaberin des Supermarktes sich vergewissert, dass alle bestellten Waren ordnungsgemäß geliefert worden sind, fragt sie: „Wann ist Fastenbrechen? Erst Viertel vor acht? Ihr Armen, so heiß wie es dieses Jahr ist!“ Schulterzuckend einigen sie sich darauf: „Wenn das Allahs Wille ist, muss es wohl so sein.“

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