Archiv für den Monat: November 2014

Die Causa Fattoush – Politiker ohne Biss

Ein Gastbeitrag von Carolin Dylla*

Fattoush (C) Rafel Miro

Fattoush (C) Rafel Miro

Fattoush ist eine libanesische Köstlichkeit aus grünem Salat, Tomate, Gurke und Radieschen, garniert mit frittierten Fladenbrot-Stücken und Granatapfel-Kernen, verfeinert mit einem Dressing aus Grantapfel-Essig und Sumach. Seit Ende Oktober allerdings hat man bei der Nennung von Fattoush einen schalen Beigeschmack im Mund. Das liegt an einer Art Spezial-Gewürz, die das Rezept abrundet: das Aroma des politischen Skandals, der sich um einen politischen Namensvetter des Salates rankt.

Nicolas Fattoush, Anwalt, Staatsminister und Abgeordneter des Wahlkreises Zahle, hatte am 21. Oktober Schlagzeilen gemacht, weil er eine Verwaltungsangestellte des Baabda Judicial Palace geschlagen hatte. Nicht ohne triftigen Grund, versteht sich – die Dame hatte sich tatsächlich geweigert, der Bearbeitung seines Anliegens Vorrang einzuräumen und ihn zu bitten, einige Minuten vor der Tür zu ihrem Büro zu warten.

Gegenüber der Tageszeitung The Daily Star haben Augenzeugen berichtet, dass Fattoush zuerst sehr laut geworden sei, seine politische Position als Mitglied der Regierung und Parlamentsabgeordneter betont habe, und dann handgreiflich geworden sei. Der Politiker selbst streitet alle Vorwürfe ab und behauptet, die Frau nie geschlagen zu haben. Er untermauert diese Aussage mit dem Hinweis, dass die Menschen seiner Heimatstadt Zahle berühmt seien für ihre Würde, ihre Männlichkeit und ihr Heldentum. Er habe es einfach sehr eilig gehabt. Als Parlamentsabgeordneter habe er eben keine Zeit zu verlieren. Bei genauerem Hinsehen allerdings ist dieses Argument gerade mal so hieb- und stichfest wie ein welkes Salatblatt, denn das libanesische Parlament tagt weder besonders häufig noch besonders lang.

Eine besonders pikante Note bekommt der Skandal-Salat außerdem dadurch, dass der Gesetzesentwurf, auf dessen Grundlage das Mandat des libanesischen Parlaments am 05. November um weitere zwei Jahre und sieben Monte verlängert wurde, maßgeblich von Nicolas Fattoush erarbeitet wurde. Die offizielle Begründung für diesen demokratisch mehr als fragwürdigen Schritt sind die regionale Sicherheitslage und die schleppende Reform des Wahlgesetzes. Davon abgesehen will Nicolas Fattoush wahrscheinlich einfach bloß weitere zweieinhalb Jahre seines Lebens sich – und natürlich sein würdevolles Heldentum – in den Dienst des libanesischen Volkes stellen.

Viele aber wollen sich von ihren Abgeordneten im Allgemeinen – und von Abgeordneten wie Fattoush im Speziellen – nicht repräsentiert wissen. Und so wird die Causa Fattoush zum Inbegriff der Kampagne la al-tamdeed (Nein zur Verlängerung). Organisationen wie Stop Cultural Terrorism in Lebanon, eine Satire-Seite, die sich für Meinungsfreiheit einsetzt und vornehmlich auf facebook ebenso scharfe wie pointierte Angriffe auf die politische Elite des Landes lanciert, postete beispielweise Bilder des Salates, unter denen zu lesen ist:

„Niemand repräsentiert mich!“

„So fühlen wir uns. Das sind eben wir.“

Die Kampagne ist dabei allerdings nicht nur ein mit Granatapfel-Essig gewürzter Angriff auf eine politische Klasse, die von vielen als nepotistisch, tatenlos und korrupt wahrgenommen wird, sondern auch Selbstkritik angesichts der wachsenden politischen Apathie der Bevölkerung. Diese wie auch das Gefühl der Machtlosigkeit sind aber mehr als verständlich, wenn man den juristischen Ausgang der Episode bedenkt: nachdem die Dame zuerst Anzeige gegen den Politiker erstattet hatte, zog sie diese noch am gleichen Tag wieder zurück. Zwar hat die Anwaltskammer von Beirut Nicolas Fattoush als Reaktion auf die Affäre aus ihren Reihen ausgeschlossen – ernsthafte politische oder gar juristische Konsequenzen muss er wohl aber nicht befürchten. Und hat die Kammer darüber hinaus seinerseits wegen Verleumdung und Diffamierung verklagt.

Anders als ihre Küche – auf die sie sehr stolz sind – finden die LibanesInnen ihre Politiker häufig einfach nur geschmacklos, und die Lust auf bürgerlich-politisches Engagement ist ihnen zumindest auf absehbare Zeit vergangen. Aber halt: abwählen könnten sie Nicholas Fattoush ja ohnehin erst wieder in zwei Jahren und sieben Monaten.

Da haben wir den Salat.

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* Carolin Dylla hat im September 2014 ihren Master im Studiengang Internationale und Europäische Governance an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und dem IEP de Lille abgeschlossen. Während ihres fünfmonatigen Praktikums im Büro der hbs in Beirut organisiert sie das Projekt More Than A Talkshop.

Conchita Wursts syrische Schwestern

YouTube Preview Image„Wann immer die Protagonisten des Bollywood-Kinos einen kritischen Punkt in der Handlung erreicht haben, beginnen sie erstmal zu singen und zu tanzen,“ versuchte mir eine Freundin einst die von ihr so geliebten indischen Filme nahezubringen. Daran musste ich als allererstes denken, als ich unlängst das Video „To our countries“ sah, das zwei syrische Schwestern in Stockholm auf Youtube stellten, denn hier funktioniert es ähnlich.

Während Bollywood-Filme in erster Linie der Unterhaltung dienen, aber viele von ihnen transportieren gesellschaftliche und politische Botschaften, verhält es sich bei der Mini-Schmonzette von Fadia und Rihan Younan genau umgekehrt: sie verbrämen Eigenwerbung mit einer politischen Botschaft. Grammatikalisch ist das Video im Passiv gehalten, was den Zuschauern überlässt, sich ihren Teil über Täter, Opfer und mögliche Lösungsansätze zu denken.

Von den bislang über 1,4 Millionen, die sich das Video angeschaut haben, verbreiteten es viele begeistert. Andere sehen es kritisch. Das beschreibt unter anderem die deutsche Journalistin Martina Sabra in ihrem spitzzüngigen Beitrag „Peinlicher Medienhype“ auf Qantara.de.  In westlichen Foren wird eher in sexistischer Manier auf der Selbstinszenierung der schönen Schwestern herumgehackt. Arabische Kommentatoren bemängeln die zynischen politischen Botschaft, die elegant verpackt ist. Als „Shabiha-Schnepfen“ werden die beiden tituliert, in Anlehnung an die gängige Bezeichnung der gefürchteten inoffiziellen Regime-Milizen. Das ist einerseits dem Umstand geschuldet, dass eine der Schwestern stolz auf ihrem Facebook-Account vermeldete, bei den syrischen Präsidentschaftswahlen für Bashar al-Assad gestimmt zu haben. Doch auch in dem Video ist der „Friedensappell“ keinesfalls ohne ein Geschmäckle. So wird die „Versklavung von Frauen“ zu Recht gebrandmarkt, bei der die meisten automatisch an ISIS und nicht an die systematiche sexuelle Gewalt des Regimes denken. Andere Gewaltstrategien wie die fortgesetzten Bombardierungen mit Fassbomben oder das Aushungern zahlreicher Landstriche erwähnen sie nicht.

Die syrische Revolution und die von außen erzwungene Intervention im Irak werden implizit über einen Kamm geschoren. „Seit über 10 Jahren wird der Irak  von Tyrannei und Unterdrückung befreit, um durch noch gröerer Tyrannei und Unterdrückung ersetzt zu werden,“ dichten Fadia und Rihan. Also nicht nach Freiheit streben, weil das nur größeres Leid erzeugt? Irak und Syrien, eine von außen erzwungene Intervention und ein Volksaufstand, sind nicht zu vergleichen. Aber genau das ist es, was Assad der Wet seit 2011 zu vermitteln sucht. Der Freiheitsdrang der Syrerinnen und Syrer hat ihn zu Hochform auflaufen lassen. Wer sich gegen die omnipräsente aber nach Möglichkeit verdeckt gehaltene Repression aufgelehnt hat, bekommt jetzt ein Vielfaches von dem völlig ungeniertund öffentlich obendrauf.

Während vor der syrischen Revolution nicht nur die Repression sondern auch der Widerstand weitgehend im Stillen stattfand, zögern syrische AktivistInnen nun nicht mehr, auch selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. Es dauerte nur Tage, bis im Internet eine Parodie auftauchte, in der zwei Syrer mit Perücken und großzügig im Bart verteiltem Lippenstift sich geradezu als die syrische Version von Conchita Wurst präsentieren.

Allein schon im vor Betroffenheit nur so triefenden Augenaufschlag des einen spiegelt sich am Beginn des Videos der Zynismus des Originals wider. Nach der kitschigen musikalischen Eröffnung, die sie dem ursprünglichen Video entlehnen, beten sie nach, was auch heute viele Regime-Anhänger als Narrativ der Revolution präsentieren: eine Handvoll ausländischer Terroristen habe Syrien heimgesucht. Obwohl man ihnen großzügig Reformen und gar eine Amnestie in Aussicht gestellt hätte, hätten sie keine Ruhe gegeben. Und eigentlich sei Bashar gut – nur die „Leute um ihn herum“ A***löcher.

Gastbeitrag: Über Mauern

Ein Gastbeitrag von Lukas Matzkows

Lukas ist für drei Monate Praktikant im Heinrich-Böll-Büro in Ramallah. Als junger Berliner hat er die Mauer zwar nicht mehr erlebt. Aber hier vor Ort wird er an diese Geschichte erinnert. Ist der Kontext ein anderer? Natürlich ist er das. Aber die gewaltige Betonmauer ist omnipräsent und schränkt die Rechte von Millionen Palästinenserinnen und Palästinensern ein. Lukas hat sich intensiv mit den  Konsequenzen der Mauer auseinandergesetzt und eine spannende Masterarbeit zum Thema „Space Invaders ® – The theoretical notion of Space and Graffiti on the West Bank Wall“ geschrieben.

Gestern, am 9. November, jährte sich zum 25. Mal der Fall der Berliner Mauer und in Berlin wird dem freudigen historischen Ereignis vielfältig gedacht. Während in Berlin gerade der bewegende Moment des Mauerfalls gefeiert wurde, gedachte man in Palästina 2014 dem zehnjährigen „Jubiläum“ des Urteils des internationalen Strafgerichtshof, das den Bau der „Separation Barrier“, die Israel und die Westbank trennen soll, aber weit in palästinensischem Territorium verläuft, als illegal nach internationalem Recht bezeichnete. Aber die Mauer steht noch immer. In Palästina haben Aktivisten das Datum des 9. November daher zum Anlass genommen, sie symbolisch zu durchbrechen. Die Aktivisten, Mitglieder der „local popular resistance committees“ in Palästina, die versuchen einen friedlichen Widerstand gegen die Besatzung organisieren, schlugen ein Loch in die Mauer und veröffentlichten dazu das folgende Statement: „No matter how high walls are built, they will fall. Just as the Berlin Wall fell, the wall in Palestine will fall, along with the occupation.“

ryanrodrickbeiler.com - 2.7.2013

 

 

 

 

 

 

 

Als Berliner, der nach dem Fall der Mauer, die Deutschland so lange teilte, aufwuchs und sie im Prinzip nur als eine Art Museum und ein Objekt der Vergangenheit kennt, wirkt die Mauer hier jedes Mal wieder fast surreal. Palästinensische Aktivistinnen und Aktivisten protestieren wöchentlich gegen die Auswirkungen der Mauer und die teils grotesken Trennungendie sie vornimmt – nicht zwischen Israelis und Palästinensern, um Sicherheit zu gewährleisten, sondern zwischen Palästinensern und Palästinensern. Künstler setzen sich auf kreative Weise mit der absurden Situation auseinander, so wie Khalid Jarrar, der Objekte aus der Mauer formte oder einen Film drehte über ein Tennismath über die Mauer hinweg:

Seit 2002 nun schlängelt sich die von manchen „Security Fence“ und von anderen „Apartheid Wall“ genannte Mauer, die vier Mal so lang ist wie die Berliner Mauer, durch die Leben von tausenden von Palästinensern. In stark besiedelten Gebieten wie Bethlehem ragen die Betonblöcke bis zu acht Meter in die Höhe und werfen lange Schatten auf die Häuser zu beiden Seiten. An vielen Stellen ist die Mauer, wie in Berlin, großflächig mit Graffiti bedeckt und wirkt so fast wie eine Art East Side Gallery im Nahen Osten.

Sollte die Barriere ursprünglich entlang der sogenannten Grünen Linie von 1967 verlaufen, sehen die Fakten deutlich anders aus. 85 Prozent der Mauer verlaufen innerhalb der Westbank und annektieren de facto 9,5 Prozent des Gebietes, das für die Bildung eines Palästinsischen Staates vorgesehen ist. Dies resultiert darin, das sich rund 30.000 Palästinenser auf der ‚falschen‘ Seite der Mauer befinden und nur mit besonderen Genehmigungen in ihren Häusern leben dürfen. Hinzu kommen die rund 200.000 Bewohner Ost-Jerusalems, die zwar ein Aufenthaltsrecht in Israel, jedoch keine Staatsbügerschaft mit einhergehenden Rechten besitzen.

mauerDie Israelische Regierung begründete die Errichtung der Mauer mit der Notwendigkeit für die Sicherheit des Staates Israel; da sie aber einerseits palästinensisches Land enteignet und eingemeindet, und andererseits sich tausende Siedler jenseits der Mauer in den wachsenden Siedlungen befinden, macht dies kaum noch Sinn. Auch ihre temporäre Natur ist angesichts der ungeheuren wirtschaftlichen Kosten zu bezweifeln. Seit Baubeginn hat die Mauer den israelischen Steuerzahler bereits über 2,6 Billionen Dollar gekostet, jedes Jahr kommen weitere 260 Millionen Dollar für Ausbau und Instandhaltung hinzu.

Die Mauer in Berlin teilte eine Stadt für 28 Jahre. Es bleibt zu hoffen, dass die Palästinenser keine weiteren 16 Jahre warten müssen bis ihr „Traum in Erfüllung geht“ (Angela Merkel anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls in Berlin) und Menschen auf beiden Seiten in Frieden und Freiheit leben können.