Archiv für den Monat: Juni 2015

AktivistInnen füllen syrisches Sommerloch mit Schutt

Die Aufforderung der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA, Bilder vom Sommer in Syrien zu posten

Die Aufforderung der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA, Bilder vom Sommer in Syrien zu posten

Das hatte sich die Öffentlichkeitsarbeit des syrischen Regimes besitmmt anders vorgestellt, als sie den Hashtag #SummerInSyria bewarb: „Zeigt uns eure Schnappschüsse des Sommers“, forderte die staatliche Nachrichtenagentur SANA die Leser auf. Zur Aufmunterung postet SANA selbst unter diesem Hashtag fröhliche Events, die man auf keinen Fall verpassen sollte – eine DJ-Party in der Bar „Der Pate“ in Tartous zum Beispiel. Besonders hübsch ist, dass auf dem Plakat der Hinweis „Don’t drink and drive“ nicht fehlt. Die Sicherheit der BürgerInnen ist eben ein wichtiges Anliegen.

Nun stellt sich die Frage, was zynischer ist – die Farce, vorzuspielen, dass in Syrien alles in Ordnung sei und man sich allenfalls den Kopf darüber zerbrechen müsse, wo man abends ausgeht, oder die Bilder von Krieg und Zerstörung, mit denen findige AktivistInnen den Hashtag für sich besetzen.

Einige SyrerInnen haben sich die Gelegenheit nämlich nicht entgehen lassen, ihre „Sommer-Bilder“ einzustellen. @aamal_dani schreibt: #SummerInSyria ist eine einmalige Gelegenheit, Feuerwerk, das vom Himmel fällt, nicht nur zu sehen sondern auch anzufassen. @AlanaBowker posted das Foto eines kleinen Mädchens, das mit einem Bagger in der Hand auf einem Trümmerhaufen steht: #SummerinSyria – nur ein paar mehr Fassbomben, und das hier wird alles weißer Sand sein.“

@al_7aleem twittert: „Trinke gerade Tee, genieße die Aussicht von meinem Balkon. #Homs #SummerInSyria“, und „Not a Spy“ stellt ein Foto der Flüchtlingswelle aus Idlib ein: „Mach mit beim Charity Run – #SummerInSyria“, schreibt er dazu.

@al_7aleem: Just having some tea enjoying the view from my balcony. #Homs #SummerInSyria

@al_7aleem: Just having some tea enjoying the view from my balcony. #Homs #SummerInSyria

Mit welchem Ziel SANA die Kampagne gestartet hat, ist fraglich. Normalität vorspiegeln, wie es auch andere SANA-Meldungen tun, zum Beispiel die über eine Tourismus-Messe in Damaskus, oder darüber, wieviel Syrien im Bereich des Naturschutzes („Wildlife protetion“) tut.

„Man sollte meinen, dass es derzeit schon zu viele ‚ausländische Touristen‘ in Syrien gibt,“ schrieb ein Twitterer mit einem Seitenhieb auf die zahlreichen ausländischen Kämpfer: Zehntausende zumeist schiitische Söldner hat das Regime aus dem Ausland angeworben, und dem gegenüber werden insbesondere in den Reihen von ISIS Tausende ausländischer sunnitischer Islamisten vermutet. Gegen all diese hatte sich die syrische Zivilgesellschafts-Kampagne „No tourists with weapons“ gerichtet.

 

 

Yarmouk – ist das nicht, wo ISIS …?

„Blue“YouTube Preview Image

„Delegationen kommen, Delegationen gehen … es werden immer mehr Delegationen und immer mehr Versprechen – oh, was sind das für Zeiten,“ singen melancholisch die berühmt gewordenen „Piano-Helden“ von Yarmouk. Verwoben ist die Sequenz in den Dokumentarfilm „Blue“ des palästinensisch-syrischen Musikers und Regisseurs Abu Gabi, der damit den diesjährigen Samir-Kassir-Preis für Pressefreiheit im Libanon in der Rubrik Audiovisuelle Medien gewonnen hat. Das ist in mehrerlei Hinsicht erfreulich: erstens, weil es ein wunderbarer Film ist, in dem die Erinnerungen des Musikers mit der heutigen Lage zusammengebracht werdden.

Zweitens, weil es Yarmouk in Erinnerung ruft. „Yarmouk, ist das nicht was neulich von ISIS erobert wurde?“  Dass ISIS das Lager letztlich nicht übernommen hat, sondern – trotz der willkürlichen Luftangriffe des Regimes, nicht wegen – von den Bewohnern zurückgedrängt worden ist, ist nur von wenigen realisiert worden.

Yarmouk, zuvor zum Inbegriff des Leidens in Syrien geworden, scheint seit dem Überfall der Terrormiliz nur noch durch sie im kollektiven Gedächtnis präsent. ISIS temporärer Terror dort hat augenscheinlich die fürchterlichen Bilder der Massen, die dort um Essen anstehen aus dem Gedächtnis verdrängt.

Von den einst 450.000 BewohnerInnen des äußerst lebensfrohen Stadtteils von Damaskus, der als Palästinensercamp seinen Anfang nahm, sind schätzungsweise nur knapp über 10.000 geblieben. Die meisten sind geflohen, weil das Regime Yarmouk seit über zwei Jahren belagert und systematisch aushungert. ISIS hat für eine weitere Fluchtwelle aus dem Camp gesort. Umso schöner ist es, mit einem solchen Film den Geist zwischen den Ruinen von Yarmouk plakativ in den Vordergrund zu rücken: dass es nicht nur ein Hort von Kämpfern ist, sondern dass es weiterhin dort Zivilisten gibt, die sich weigern kleinbeizugeben, und die trotz allem, was ihnen widerfährt, den Kampf für ihre Rechte auf friedlichem Wege fortsetzen.

In diesem Jahr stammten alle drei Finalisten-Beiträge in dieser Kategorie aus den Produktionen von Bidayyat, und alle drei sind sehenswert: Ein armenischer Opernsänger spricht in dem Film „1915“ über das komplexe Verhältnis von Armeniern zu den jeweiligen Ländern und Gesellschaften in denen sie sich aufahlten. „Armenier, die nach Deir ez-Zor flohen, wurden von der dortigen Bevölkerung aufgenommen, und es wurde ihnen geholfen, ein neues Leben zu beginnen. Heute, 100 Jahre später sind sie wieder auf der Flucht. Aber diesmal sind sie nicht alleine. Die Leute aus Deir ez-Zor fliehen mit ihnen gemeinsam,“ sagt der Protagonist an einer Stelle.

In „Frontline“ filmt der Regisseur Saeed Batal, der sich weiterhin in der von Belagerung zermürbten und durch die Luftschläge des Regimes zerstörten Ghouta befindet, einen Scharfschützen, der letztlich die Waffe weglegt, um Bäcker zu werden. Schöner und melancholischer kann man in 12 Minutenn ichtauf dne Punkt bringen, wonach sich viele in Syrien sehen: Normalität, aber eine andere Normalität, als die, die sich im Krieg in vielen kleinen Enklaven auch an der Front etabliert.

Fatale Fußnoten: Wieso die Flüchtlingszahlen im Libanon nicht steigen

Schule im Norden Syriens (c) Mustafa Haid 2013

Schule im Norden Syriens (c) Mustafa Haid 2013

1.183.327 registrierte syrische Flüchtlinge gibt es derzeit im Libanon – und dabei wird es auch einstweilen bleiben, ist seit eingen Tagen auf der Webseite der Vereinten Nationen zu lesen. Was nach einer guten Nachricht klingen mag – so, als habe sich die Situation in Syrien gebessert und als gäbe es weniger Anlass zu fliehen, ist in Wirklichkeit die Fortschreibung von Ungerechtigkeit, verbrämt durch eine Statistik.

Bereits im Januar 2015 hatte die libanesische Regierung Schritte unternommen, um den Flüchtlingsstrom zu begrenzen. Konnten SyrerInnen zuvor ohne Pass, nur mit ihrem Personalausweis einreisen, so müssen sie seither gute Gründe geltend machen, um in den Libanon wollten. Eine Hotelreservierung und eintausend Dollar Bargeld erfüllen einige der offiziellen Anforderungen. Auch ein Termin für einen Visumsantrag bei einer der Botschaften in Beirut hilft. Letztlich liegt es aber in der Hand der Grenzbeamten, wer einreisen kann. Besser gekleidete haben es deutlich leichter als diejenigen, die schon nach Flüchtlingen aussehen. Insofern überquerten in den letzten Monaten deutlich weniger SyrerInnen als zuvor die Grenze zum Libanon.

Nun ist findigen administrativen Geistern noch etwas eingefallen, das die Statistiken besser aussehen lässt: „Vom 6. Mai 2015 an registriert das UN-Flüchtlingshilfswerk im Libanon temporär keine neuen Flüchtlinge, auf Weisung der libanesischen Regierung. Folglich werden Flüchtlinge, die auf die Registrierung warten, nicht länger berücksichtigt,“ heißt es in einer Fußnoten zu den Libanon-Statistiken des UNHCR. 

Das ist für die Versorgung der Flüchtlinge fatal. Schon jetzt gibt es erhebliche Engpässe in der Versorgung, da die zur Verfügung gestellten Mittel dem Ausmaß der Krise nicht gerecht werden. Nach einem dramatischen Aufruf des Welternährungsprogramms (WFP) im Dezember 2014 konnte zwar das Schlimmste abgewendet werden, aber die pro-Kopf-Leistungen wurden von $27,70 auf $19 pro Kopf pro Monat heruntergefahren. „WFP hat seine Programme enger darauf zugeschnitten, lediglich die Bedürftigsten einzubeziehen,“ heißt es in einem Informationsblatt es WFP. Das heißt: Schwangere und Kinder. Neunzehn Dollar im Monat – das sind dreiundsechzig Cent am Tag. Ein Packung Brot kostet mindestens einen Dollar, ein Liter Milch rund 2 Dollar.

Doch auch für den Libanon ist diese Politik nicht eben von Vorteil. Bereits im April hatte der syrische Sozialwissenschaftler Haid Haid in einem Kommentar für die taz einige der Folgen der Veränderten Einreisepolitik für den Libanon aufgegriffen: „Zwar sank die Zahl der legal einreisenden Syrer von täglich 8.000 auf 3.000, wie eine hochrangige Quelle des libanesischen Innenministeriums eine Woche nach Einführung der Maßnahmen der Zeitung Asharq al-Awsat erklärte. Gleichzeitig nimmt natürlich die illegale Einwanderung zu, denn der Krieg in Syrien geht ja unverändert brutal weiter. Mit dem Unterschied, dass die Ausbeutung von vertriebenen Syrern nun noch leichter wird,“ heißt es hier.

Die Auswirkungen beschreibt das WFP selbst in zwei Papieren: „Infolge dessen, dass nur noch Gutscheine geringeren Wertes ausgegeben worden sind, haben rund 80% der Betroffenen negative Wege eingschlagen, damit umzugehen. Unter anderem leihen sie sich Geld, um ihre unmittelbaren Bedrüfnisse abzudecken. Zudem haben 14% der Familien angegeben, ihre Kinder aus der Schule genommen zu haben, 4% gaben an, sie zur Arbeit zu schicken. Wenn weiterhin nur solch geringe Summen ausgezahlt werden können, ist zu erwarten, dass die Betroffenen noch weniger geschützt sind und dass die Spannungen mit den Aufnahmegemeinden steigen.“