Archiv für den Monat: September 2015

Viele, viele kleine Scheinchen

Viele kleine Scheine für die ein oder andere Krankenschwester (c) Bente Scheller

Viele kleine Scheine für die ein oder andere Krankenschwester (c) Bente Scheller

Im Überschwang der Geburtsvorbereitungen kann einem leicht der Überblick verloren gehen, was noch gemacht werden muss und was man mit ins Krankenhaus nehmen sollte. Dem versuchen Webseiten und einschlägige Magazine mit Listen abzuhelfen – weltweit, aber in den Empfehlungen keineswegs einheitlich.

LibanesInnen würden sich bei den deutschen Ratgebern wahrscheinlich den Kopf darüber zerbrechen, was es mit „Pezziball, falls im Kreissaal nicht ausreichend vorhanden“ auf sich hat, mit Globuli und Duftlampen (hier könnte man allerdings davon ausgehen, dass Weihrauchgefäße in Beiruter Hospitälern garantiert vorhanden sind). Während man im Libanon schon einen wirklich schlechten Tag haben müsste, damit man seinen Selfie-Stick ausgerechnet auf dem Weg zur Klinik nicht greifbar hätte, würde man sich fragen, wie man das in deutschen Aufzählungen gern erwähnte „Kleingeld fürs Telefon“ ins Handy bekommt.

„Im Geburtsvorbereitungskurs in Deutschland hat man uns gefragt, wie wir uns die Umgebung bei der Geburt vorstellen. Ich hatte mir das Beiruter Krankenhaus ja schon angesehen und allen anderen im Kurs blieb ein wenig der Mund offenstehen, als ich geantwortet habe: ‚alles weiß gekachelt, mit Gittern vor der Tür, also ein bisschen wie ein Gefängnis‘,“ erzählt eine Bekannte. Spätestens nach der Geburt habe sie die Gitter zu schätzen gewusst: In libanesischen Familien sei es Usus, sich sofort und zahlreich zur Feier des freudigen Ereignisses ins Krankenhaus zu begeben, und die Gitter hätten ermöglicht, das Limit von nur je zwei BesucherInnen gleichzeitig aufrecht zu erhalten.

Entsprechend viel Aufmerksamkeit wird in den libanesischen Hinweisen auch der Sorge um die Besucher gewidmet. Man möge seine Augenbrauenpinzette nicht vergessen und die Väter sollten an frische Kleidung und Deo für sich denken, heißt es. Unter „Extras“ aufgeführt: „Ein Tablett, um den Besuchern Schokolade zu reichen“  sowie „kleine Geschenke, um sie den Besuchern als Andenken an die Geburt zu geben.“ In einem Nobel-Krankenhaus in Clemenceau ist in der Eingangshalle ein Grundriss der Suite abgebildet, in der man in den Tagen nach der Geburt mit seinem Hauspersonal residieren könne, und es liegt eine Broschüre aus, wie die Schönheitschirurgen desselben Krankenhauses umgehend ihre Arbeit aufnehmen könnten, damit es nicht wirkt, als sei nach der Geburt vor der Geburt.

Der Druck, die zusätzlichen Kilos sofort loszuwerden, ist auch andernorts vorhanden, doch an wenigen Orten bekommt man so unverfroren-kritische Kommentare zum Aussehen wie im Libanon und in kaum einem anderen Land wird mehr zum Messer gegriffen, um den eigenen Körper um jeden Preis zu perfektionieren. Als der um Verbraucherschutz bemühte Minister Abu Faour im Frühjahr dieses Jahres zahlreiche selbsternannte „Beauty Parlours“ schließen ließ, weil sie kein qualifiziertes Personal oder haarsträubende hygienische Zustände hatten, protestierten Besitzer der Salons am Weltfrauentag dagegen: Schönheit sei ein Frauenrecht, lamentierten sie – auch wenn man ihr Wirken zum Teil sicherlich eher als Körperverletzung hätte beschreiben können.

Auf beiden Checklisten steht ein Fön. „Kommt ganz auf das Krankenhaus an“, winkt meine Kollegin ab. „In Sin el-Fil zum Beispiel kann man sich einfach den Friseur ins Zimmer bestellen, damit er einem die Haare legt.“ Beim Kostenvoranschlag für eine Geburt gilt es zu wählen. Die Unterschiede sind im Wesentlichen die Zimmerbelegung – aber auch andere Leistungen sind preiswerter, wenn man sich für ein Mehrbettzimmer entscheidet: „Wer das tut, kann es sich wahrscheinlich anders nicht leisten. Man kriegt die gleichen Schmerzmittel, die gleiche Betäubung, aber einen Preisnachlass aus sozialen Gründen,“ erklärt der Arzt, und fragt, ob wir eine Beschneidung wollen, wenn es ein Junge wird. Ob Christen oder Muslime, im Libanon ist dies für alle Standard; wer es für sein Kind anders will, sollte es vorher ankündigen. „Und wenn ihr ein Mädchen kriegt, sagt ihnen auch vorher Bescheid, falls ihr nicht wollt, dass sie sofort Ohrlöcher stechen,“ fügt eine Freundin hinzu.

Der ultimative Tipp für werdende Väter im Libanon: „Viele kleine Scheinchen … Ein Trinkgeld für diese Krankenschwester, eines für jene … man weiß ja, wie das hier läuft!“

Warum Frida Kahlo es in Beirut schwer gehabt hätte

Werbung eines libanesischen Schönheitssalons ... 3,6 likes. (c) Elza Sefarian

Werbung eines libanesischen Schönheitssalons … 3,6 likes. (c) Elza Sefarian

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Wieso rasierst du dir eigentlich nicht deinen Schnurrbart?” fragte mich neulich eine Bekannte hier in Beirut. Böswilligkeit oder gutgemeinter Ratschlag? In jedem Falle sträuben sich mir die Haare, aber ich krümme ihr keins. Ich fasse mir unter die Nase: Gut, denke ich, meine kurdischen Wurzeln haben mir den ein oder anderen Zottel mehr mitgegeben, aber Schnurrbart ist dann doch an den Haaren herbei gezogen. Meine Gedanken wandern zu dem üppigen schwarz-grauen Schnurrbart meines Opas ins Saarland. Dort sind Haare sogar eine regionale Delikatesse. Hoorische, zu Deutsch Haarige, heißt hier die Regionalspeise, deren Oberflächenstruktur die Saarländer wohl an einen Flaum erinnert. Zurück zu meiner Bekannten in Beirut, der antworte ich nur barsch „Ich habe Wichtigeres zu tun in meinem Leben“.

Das wiederum ist für Libanesinnen kaum vorstellbar, denn hier sind Haare das absolute No-Go und ihre Eliminierung Hauptbeschäftigung so manch einer Frau. Unter den Achseln, an den Beinen, zwischen den Beinen, an Brauen, Bauch, oder Busen. Doch da hört es noch lange nicht auf. Auch den Haaren an den Armen geht es hier an den Kragen. Oder besser an die Wurzeln. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebe ich Männer, die mir fasziniert auf die Arme starren, oder „mal anfassen“ wollen und begeistert ausrufen: „Wow, ich mag deine Arme!“

Auf dem Kopf der Libanesinnen türmt sich hingegen alles, was sonst wo gestutzt wird. Der Friseurbesuch kostet ein Vermögen, er frisst einem buchstäblich die Haare vom Kopf. Im Salon wird dann selbst meine Mähne gebändigt und hochpoliert wie die eines Zirkuspferdes. Mein Schopf glänzt wie einer von diesen mit Wachs eingeschmierten, genmanipulierten Äpfeln. Gegen Lockenstab, Glätteeisen, Glanzspray und Haaröl kann man hier kein Veto einlegen.

Der Rest des Pelzes wird kurzerhand entfernt, mit Lasern oder Elektroden, durch Rasieren, Epilieren, Waxen oder Karamellisieren, wie in Libanons berühmtester Komödie der letzten Jahre „Caramel“. „Si belle“ heißt der Schönheitssalon hier, in dem wie vielerorts im Nahen Osten dem Flausch mit heißer Karamellmasse auf die Pelle gerückt wird. Gegen den weltweiten Trend, die Achselhaare wieder frei wuchern zu lassen, sind die Libanesinnen immun. Sie könnten sich dem gar nicht anschließen, da sie sich ihrer Pracht per Laser bereits dauerhaft entledigt hätten, schreibt die libanesische Autorin Lama Hajj auf dem Blog beirut.com. Und überhaupt: wie würde es aussehen, wenn nach dem stundenlangen Schminken und Stylen das Gesamtbild durch aus den Achselhöhlen lugende Borsten getrübt würde!

Im Libanon gilt also ganz klar „Waxen statt Wachsen“ – auch für die Männer. Am Strand kann man die vom Haardschungel befreiten Schultern und Rücken bewundern, deren Eigner ölig-glänzende Tatoos zur Schau tragen. Haar-Anarchie herrscht für die Herren nur im Gesicht. Ob Flüchtling oder Student, Dschihadi oder Marxist, Hipster oder Taxifahrer: der Bart muss dicht sein. Frei nach dem Motto „ganz Bär ist der Mann“.

Blondiert, coloriert, betoniert, wegrasiert, retuschiert: Ich lasse hier sicher kein gutes Haar an der libanesischen Fellgeschichte. Doch diese kurzen Stoppeln, dieser weiche Flaum auf den Armen, er könnte Auslöser einer neuen Haarkleid-Bewegung sein.

Bis es soweit ist, braucht man als Pelzaktivistin im Libanon die Haare besonders an einer Stelle: auf den Zähnen.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.