Warum Frida Kahlo es in Beirut schwer gehabt hätte

Werbung eines libanesischen Schönheitssalons ... 3,6 likes. (c) Elza Sefarian

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Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Wieso rasierst du dir eigentlich nicht deinen Schnurrbart?” fragte mich neulich eine Bekannte hier in Beirut. Böswilligkeit oder gutgemeinter Ratschlag? In jedem Falle sträuben sich mir die Haare, aber ich krümme ihr keins. Ich fasse mir unter die Nase: Gut, denke ich, meine kurdischen Wurzeln haben mir den ein oder anderen Zottel mehr mitgegeben, aber Schnurrbart ist dann doch an den Haaren herbei gezogen. Meine Gedanken wandern zu dem üppigen schwarz-grauen Schnurrbart meines Opas ins Saarland. Dort sind Haare sogar eine regionale Delikatesse. Hoorische, zu Deutsch Haarige, heißt hier die Regionalspeise, deren Oberflächenstruktur die Saarländer wohl an einen Flaum erinnert. Zurück zu meiner Bekannten in Beirut, der antworte ich nur barsch „Ich habe Wichtigeres zu tun in meinem Leben“.

Das wiederum ist für Libanesinnen kaum vorstellbar, denn hier sind Haare das absolute No-Go und ihre Eliminierung Hauptbeschäftigung so manch einer Frau. Unter den Achseln, an den Beinen, zwischen den Beinen, an Brauen, Bauch, oder Busen. Doch da hört es noch lange nicht auf. Auch den Haaren an den Armen geht es hier an den Kragen. Oder besser an die Wurzeln. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebe ich Männer, die mir fasziniert auf die Arme starren, oder „mal anfassen“ wollen und begeistert ausrufen: „Wow, ich mag deine Arme!“

Auf dem Kopf der Libanesinnen türmt sich hingegen alles, was sonst wo gestutzt wird. Der Friseurbesuch kostet ein Vermögen, er frisst einem buchstäblich die Haare vom Kopf. Im Salon wird dann selbst meine Mähne gebändigt und hochpoliert wie die eines Zirkuspferdes. Mein Schopf glänzt wie einer von diesen mit Wachs eingeschmierten, genmanipulierten Äpfeln. Gegen Lockenstab, Glätteeisen, Glanzspray und Haaröl kann man hier kein Veto einlegen.

Der Rest des Pelzes wird kurzerhand entfernt, mit Lasern oder Elektroden, durch Rasieren, Epilieren, Waxen oder Karamellisieren, wie in Libanons berühmtester Komödie der letzten Jahre „Caramel“. „Si belle“ heißt der Schönheitssalon hier, in dem wie vielerorts im Nahen Osten dem Flausch mit heißer Karamellmasse auf die Pelle gerückt wird. Gegen den weltweiten Trend, die Achselhaare wieder frei wuchern zu lassen, sind die Libanesinnen immun. Sie könnten sich dem gar nicht anschließen, da sie sich ihrer Pracht per Laser bereits dauerhaft entledigt hätten, schreibt die libanesische Autorin Lama Hajj auf dem Blog beirut.com. Und überhaupt: wie würde es aussehen, wenn nach dem stundenlangen Schminken und Stylen das Gesamtbild durch aus den Achselhöhlen lugende Borsten getrübt würde!

Im Libanon gilt also ganz klar „Waxen statt Wachsen“ – auch für die Männer. Am Strand kann man die vom Haardschungel befreiten Schultern und Rücken bewundern, deren Eigner ölig-glänzende Tatoos zur Schau tragen. Haar-Anarchie herrscht für die Herren nur im Gesicht. Ob Flüchtling oder Student, Dschihadi oder Marxist, Hipster oder Taxifahrer: der Bart muss dicht sein. Frei nach dem Motto „ganz Bär ist der Mann“.

Blondiert, coloriert, betoniert, wegrasiert, retuschiert: Ich lasse hier sicher kein gutes Haar an der libanesischen Fellgeschichte. Doch diese kurzen Stoppeln, dieser weiche Flaum auf den Armen, er könnte Auslöser einer neuen Haarkleid-Bewegung sein.

Bis es soweit ist, braucht man als Pelzaktivistin im Libanon die Haare besonders an einer Stelle: auf den Zähnen.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

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