Archiv für den Monat: November 2015

Wo sich Fuchs und Hähnchen „Gut gemacht!“ sagen

Bezahlter Strafzettel (c) Bente Scheller

Bezahlter Strafzettel (c) Bente Scheller

Der Autovermieter macht sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Ich will bereits freundlich ablehnen, da kommt er auch schon zurück: „Also, diese Schwämmchen taugen wirklich nicht, wir müssen die Marken immer am Dampfstrahl der Kaffeemaschine befeuchten, damit sie wirklich halten“, meint er, als er die im Libanon unabdingbare kleine Briefmarke auf die Rechnung appliziert, stempelt und abzeichnet. „Hast du von Maurice gehört?“ fragt er mich beiläufig.  „Ja, klar“, erwiedere ich, bestens im Bilde durch mein Team.

Maurice ist nicht etwa ein entfernter Bekannter von uns beiden, sondern derjenige, der „das ganze Land liebt“, glaubt man den sozialen Medien, dabei ist er bislang noch nicht in Talkshows aufgetreten. Das liegt an einer Audio-Botschaft: „Maurice, morgen wird es im ganzen Land Kontrollen geben,“ heißt es da. Gemeint sind nicht etwa um Kontrollen wegen einer Terrordrohung, wie man dieser Tage annehmen könnte, sondern wegen der in diesem Jahr erlassenen neuen Regularien des Verhaltens im Straßenverkehr. So habe Maurice von einer anonymen Quelle innerhab der Sicherheitskräfte erfahren, dass diese am kommenden Tag besonders auf die Gurtpflicht achten wollten, und darauf, ob auch alle Autofahrer ihr Warndreieck mit sich führten.

Dabei sind Fahrstil als auch Fahrzeuge im Libanon wundersam für europäische Augen. Geparkt wird nach Gehör, Fahren: „Am besten betrunken und mit Augenbinde, sonst stehst du das nicht durch,“ rät man Neuankömmlingen. Während ich in meinem Leben nie so viele SUVs und nigelangelneue Porsches wie in Beirut gesehen habe, kann ich auch umgekehrt nur all die Spachtelmasse bewundern, aus der mit etwas Draht und Nummernschildertn ein Vehikel wird. Doch nicht nur dass: es gibt sogar einen TÜV, durch den unser Auto unlägst wegen einer nicht kalibrierten Handbremse rasselte.

„Schick dies an diejenigen, die du liebst“, schloss der anonyme Hinweisgeber aus Sicherheitskräften in seinem Anruf. Das tat Maurice, und die er liebte, versandten es wiederum an weitere. Im Nu hatte sich die Sicherheitswarnung wie ein Lauffeuer verbreitet, woraufhin der Großeinsatz abgeblasen wurde.  „Scheint, als würdest du das ganze Land lieben,“ knarzte  daraufhin die mutmaßlichen Sicherheitsquelle auf dem nächsten Audiofile.

Daran zeigte sich die Macht des Hörensagens. Effektiver als durch den Erlass selbst wurden Autofahrer landesweit an ihre Pflichten erinnert. „Wir brauchen jede Woche einen neuen Maurice“, jubilierte der BlogBaladi, „all die Autofahrer mit Sitzgurt und ohne mit dem Handy zu telefonieren … Niemand weiß, ob es ein Hoax ist aber irgendwie hat jeder es geglaubt und ist ein besserer Verkehrsteilnehmer geworden!“

In diesem Land, in dem der Humor weder von Vorschriften noch Anschlägen kleinzukriegen ist, zirkulierten alsbald nicht nur ein akkurat datierter vorgeblicher Strafzettel an Maurice – als habe ausgerechnet er am besagten Tag eine Ordnungswidrigkeit begangen – sondern auch eine fingierte Werbung: „Maurice, morgen gibt es einen Preisnachlass auf Brathähnchen der Kette xy … teil dies mit allen, die du liebst!“

Iraks Wegweiser der Hoffnung

Mahmoud Shubbar - Art Space Galery Hamra, Beirut

Mahmoud Shubbar – Art Space Galery Hamra, Beirut

 

 

 

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Auf den ersten Blick wirken sie wie öde Straßenschilder. Langweilig, denkt mein Auge. Doch dann re-fokussiert es, und nimmt ein Einschussloch gleich neben den Buchstaben BAGHDAD wahr. Und da! Noch eins. Die Schilder beginnen zu sprechen, so scheint es fast. Misshandelt, zerbeult, verfärbt, von Kugeln durchsiebt. Der irakische Künstler Mahmoud Shubbar hat sich ihrer angenommen und erzählt durch sie von den Traumata des irakischen Volkes, von der amerikanischen Intervention im Jahr 2003. Anfang November waren sie in der Galerie Art Space in Beirut zu sehen.

Shubbars Sprache ist der Vandalismus, und so übermalt und verfärbt er die Straßenschilder, lässt die Bezugspunkte und Hinweise unter der Schwarzen Acrylfarbe verschwinden. Orientierungslos stehen wir davor, wie auch die Iraker orientierungslos umherzuirren scheinen, zwischen fallenden Statuen aus der Saddam Ära, deren Erscheinung im aktuellen Irak wie ein großes Fragezeichen wirken. Ohne Plan und ohne Zukunft. Der Künstler fragt wohin der Weg der Geschichte führt, wenn alle Orientierungspunkte verschwunden sind.

Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.