Archiv für den Monat: April 2016

Above Zero – Spiel um die Macht

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Der Bär frisst den Wolf, der Wolf frisst die Hyäne, die Hyäne frisst den Hund, der Hund frisst die Katze, die Katze frisst die Maus“.

Erschrockene Menschen kauern unter einem Bettgestell aus Metall. Sie pfeifen, schauen zum Himmel, verfolgen einen Punkt mit ihren Augen und zittern dann. Ein Luftangriff womöglich. Ihre Körper rollen über den Boden, übereinander, gegeneinander. Ein Mann scheint die Kontrolle über sich verloren zu haben. Seine Beine bewegen sich wild in alle Richtungen, und jede Anstrengung sie zu lenken, scheitert. Dann beginnt er, sich am ganzen Körper zu kratzen, lacht plötzlich laut auf und bricht in Tränen aus.

Die Bühne, sie ist ein Gefängnis, eine Folterkammer, deren Opfer langsam durchdrehen.

Ein Mann in Basketballklamotten betritt die Bühne. Er dribbelt seinen Ball auf den Verrückten zu. Bei jedem Aufprall geht ein Zucken durch den leblosen Körper am Boden. Als der Ball dem Spieler entgleitet, nimmt er kurzerhand den Kopf des Gefangenen als Ball. Den Körper zwischen die Beine geklemmt, dribbelt er den Kopf von rechts nach links, von links nach rechts. Der Ball wird zum Machtobjekt und wer ihn hat, hat das Kommando. „Wenn er geschlagen wurde, fiel er, und stand wieder auf“, wiederholt die Gruppe unter dem Bett immer wieder. Gewalt produziert Angst, und Angst produziert Gewalt. Und die Insassen, voller Angst, hängen den Körper ihres Kammeradens auf und lassen ihn schwingen. Nun sind sie es, die die Macht haben. Rhythmisch prallen ihre Basketbälle auf den Boden der Bühne.“Er starb, er starb, er starb“, rufen sie im Takt.

Der Theaterregisseur Ossama Halal ist ein Talent. Er hat Dramaturgie in Damaskus studiert und die Koon Theatre Group ins Leben gerufen, ein Kollektiv an Tänzern und Musikern, die gemeinsam Tanztheater auf hohem Niveau machen. Nach seiner Erfolgsperformance Cellophane von 2012, war sie im vergangenen Jahr mit Above Zero bei dem Festival für Performancekunst aus der MENA Region Dancing on the edge in den Niederlanden zu Gast. Im Rahmen des Festivals Focus Syria, das von der Kultureinrichtung Ettijahat organisiert wird, hat sie nun erneut ihre Performance im Shams-Theater in Beirut gezeigt.

„Wer ist im Exil und wer wurde exiliert? Wer vergisst und wer wurde vergessen?“ Eines der Bettgestelle wird aufrecht aufgestellt. Es wird kurzerhand zu der Gefängnistür, vor der eine Frau wimmert. Leise erklingen Klaviermelodien, mit dumpfem Bass. Eine Stimme fragt: “Habt ihr heute Strom? Wartest du noch immer? Oder siehst du jemand anderen …?“ Die Fragen erinnern an Briefe der Insassen, an ihre Gedanken an Zuhause. Von der anderen Seite kleben zwei Tänzer Papierzettel mit Namen an die Stangen der Tür. Auf einem steht „Syrisches Pfund“- die Währung Syriens. Es erinnert an die Todesanzeigen, die in der Region üblicherweise an Wände und Häuser geklebt werden.

Außerhalb der Halle, vor der Aufführung von Above Zero, treffen ganz unterschiedliche Besucher aufeinander. „Siehst du den Mann da vorne? In dem gelben T-Shirt? Und die Frau daneben?“ fragt mich mein Freund. – „Ja, was ist mit denen?“

„Die sind Schauspieler und man sieht sie in allen syrischen Serien“. Er beugt sich zu mir runter und flüstert verschwörerisch: “Die sind super pro-Regime. Und der Typ, der da sitzt ist Regisseur – auch pro- Assad.“

Es mag paradox erscheinen, Regimegegner und Regimebefürworter bei einem Stück wie Above Zero anzutreffen – doch letztendlich vereint sie etwas so Groteskes, wie es auch das Ende des Stückes selbst auf den Punkt bringt: „Dieser Krieg ist unser Blut, in Angebot und Nachfrage.“

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Kino im Krieg

Syrisches Handy-Film-Festival in Bosra

Syrisches Handy-Film-Festival in Bosra

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Die Nacht bricht ein in Bosra al-Sham, einer Handelsmetropole der Antike im Süden Syriens. Ein großes weißes Stofftuch hängt etwas schief vor den Säulen in der Mitte des römischen Theaters. Langsam füllen sich einige der Ränge des Open-air-Theaters, das mit seinen 15.000 Plätzen zu einem der größten der Welt zählt. Seit knapp zweitausend Jahren finden in dem UNESCO Weltkulturerbe Veranstaltungen statt, und doch ist das diesjährige Syria Mobile Filmfestival in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Denn hier in Bosra mischen sich Fiktion und Dokumentation, Geschichte und Gegenwart auf drastische Weise. Um dieses flattrige Leinwand herum, irgendwo hinter den Mauern der Stadt, die 2015 von der Freien Syrischen Armee eingenommen wurde und in der oppositionellen Region Dara’a im Süden des Landes liegt, tobt weiterhin der syrische Bürgerkrieg.

Die elf Kurzfilme auf der Leinwand in Bosra, die im Rahmen des Syria Mobile Phone Festivals auch vom 8. bis 9. April im Box Freiraum auch in Berlin vorgestellt wurden, zeigen Kämpfer und einfache Leute, sie erzählen Geschichten aus den vergangenen fünf Jahren, sind poetisch und real, fiktiv oder dokumentarisch. Die Bilder verbindet, dass sie alle ausschließlich mit Handys gefilmt wurden – dem Medium schlechthin des arabischen Frühlings.

Das Festival, das erstmals 2014 in über 20 syrischen Städten stattgefunden hat, will in Berlin auch als Plattform für Filmschaffende und Amateure dienen und sie dazu anregen, kreative Low-Budget-Filme mit dem Handy zu drehen. Das Logo zeigt den für Filmfestivals üblichen Lorbeerkranz, darin: ein Handy. In dem Theater in Bosra fanden noch vor wenigen Tagen große Demonstrationen gegen Machthaber Bashar Assad statt. Jetzt haben die Bewohner das römisch-byzantinische Theater in ein Kino verwandelt. Wie auch in Kafranbel in Idlib bietet das Festival den Bewohnern darüber hinaus Gelegenheit zu einer Verschnaufpause und erlaubt ihnen zusammen zu kommen. Doch es ist auch riskant: jede Menschenansammlung ist ein mögliches Angriffsziel der syrischen Luftwaffe, insbesondere, seit die Waffenruhe immer weniger respektiert wird.

In der deutschen Hauptstadt ist das Festival für diese Saison bereits vorbei. Doch in den Städten Gaziantep und Şanlıurfa, in der südlichen Türkei sowie in Idlib, Aleppo und Ghouta in Syrien laufen die Filmvorführungen weiter – und in letzteren der Krieg leider auch.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Schwer rumzukriegen

(c) Bente Scheller 2015

(c) Bente Scheller 2015

„Bei meiner Hochzeit hat mich der Sheikh beiseite genommen: ‚Hat dich irgendjemand unter Druck gesetzt, dass du diesen Mann heiratest?‘ hat er gefragt. Ich habe ’nein‘ gesagt. ‚Wirklich nicht?‘ – ‚Nein‘ – ich habe meine Freundin hilfesuchend angeschaut: ‚Was soll ich denn sagen? Wir haben doch zu dieser Hochzeit eingeladen.‘ Sie hat gesagt: ‚Du darfst nicht so direkt ’nein‘ sagen … Du must dich zieren, du must so tun, als seist du schwer rumzukriegen.‘ – Ich habe ihr einen Vogel gezeigt: ‚Ich spiel doch nicht bei meiner eigenen Hochzeit ’schwer rumzukriegen‘ mit dem Sheikh!'“ – „Das kommt aus den ländlichen Gegenden“, sagt eine Kollegin, „es geht darum, den Brautpreis hochzutreiben.“

„Wieviel ist denn zum Beispiel für einen Sheikh dabei drin?“ frage ich. „Kommt ganz drauf an, wie bekannt er ist, viertausend, fünftausend Dollar sind nicht unüblich.“ – „Für eine einzige Hochzeit?“ fragt eine aus der Runde, „da werde ich Sheikh!“ – „Sheikha“, korrigiert die erste.

Alle Familienfeiern haben ökonomisches Potential. „Als mein Onkel gestorben ist, hatten wir einen Sheikh. Damals haben wir ihm ein paar hundert Dollar gegeben. Als ein paar Jahre später ein anderer Onkel gestorben ist, wollten wir ihn wieder dafür gewinnen. Wir wollten ihn gerne, weil er eine so angenehme Stimme hat. Wisst ihr, was er für die drei Tage haben wollte? 10.000 Dollar! Mittlerweile war er berühmt geworden.“

„Bei Taufen ist es genau das gleiche, man muss den Priester bezahlen, die Kirche mieten …“ In einem sind sich alle einig: dass es im Libanon keine Zivilehe gibt, ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass religiöse Autoritäten dann nicht mehr daran verdienen könnten. Angesichts der Summen, um die es geht, ist nachvollziehbar, dass auch der Vorschlag vor ein paar Jahren, 300 Dollar an die Vertreter der Konfession des Bräutigams zu zahlen, nicht auf offene Ohren stieß.