Archiv für den Monat: Mai 2016

Bassekou Kouyate, der König der Ngoni

Bassekou Kouyate (c) Marwan Tahtah, mit freundlicher Genehmigung

Bassekou Kouyate (c) Marwan Tahtah, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Schwarze sieht man im Libanon nicht oft. Und wenn, dann sind es die Hausangestellten der Nachbarn, die, die den Balkon putzen, den Hund ausführen oder ein kleines weißes Kind an der Hand halten. Insofern ist das Konzert des international renommierten Musikers Bassekou Kouyate aus Mali etwas ganz besonderes. „Wir hoffen, dass das für den Libanon Außergewöhnliche zur Normalität wird!“ leitet die Direktorin des Springfestivals Hanane Hajj Ali, einen Turban aus afrikanischen Tüchern auf dem Kopf, das Konzert ein und fragt sogleich nach den Nationalitäten des Publikums. Libanesen, Spanier, Italiener, Ägypter, Senegalesen, Syrer, Franzosen und Briten sitzen im Saal und waren auf den Auftritt des Musikers und seiner Band Garana Roots.

Dann erklingen die ersten Töne Westafrikas in Beirut und bringen den Saal zum schwingen. Kaum einen hält es an diesem Abend auf seinem Platz, wenn der charmante „King of Ngoni“ Bassekou Kouyate das dreisaitige Instrument spielt, als sei es eine E-Gitarre.

Seine Worte sind oft politisch und enthalten eine Botschaft an die westlichen Kolonialmächte: „Wir weigern uns mit westlichen Instrumenten zu spielen. Wir spielen immer noch mit unseren traditionellen Instrumenten.“ Und schon beweist Bassekou, dass man auch mit einer Ngoni, Westafrikas ältestem Instrument, Blues spielen kann- Beirut tobt! Besonders ein paar Frauen aus Senegal, die für den heutigen Abend ihre schönsten traditionellen westafrikanischen Kleider tragen, können sich nicht länger zurückhalten und laufen vor die Bühne, in eine senegalesische Flagge eingewickelt – und tanzen sich die Füße wund.

Die Band Garana Roots hat heute ihre Weltpremiere und besteht ausschließlich aus Familienmitgliedern Bassekous: Dar wäre der Bruder, der die Percussions spielt, Bassekous Sohn an einem westafrikanischen Bassinstrument, seine Tochter, die mit ihrer Stimme heute Bassekous Frau ersetzt. Und zu guter Letzt ist da noch Bassekous Vater, sicher schon an die 90 Jahre alt, der mit solch einer Intensität singt, dass manch einer im Publikum neidisch wird, wie er ganz ohne Fitnessstudio und Botox so eine Vitalität ausstrahlen kann.

Für ein paar Stunden vergessen wir, dass wir in Beirut sind, wo Menschen mit anderer Hautfarbe oft Diskriminierungen ausgesetzt sind. Die Zuschauer tanzen miteinander und lauschen dem französischen Dialekt Malis. Doch Bassekou Kouyates Mali ist auch ein Land, das in den vergangenen Jahren große Unruhen durchlebt hat. In einem Song erzählt Bassekou, wie das traditionelle Festival du D’esert zur einzigen Bühne in Mali wurde, auf der sie spielen konnten und wie das Festival mehrmals den Veranstaltungsort ändern musste und 2014 sogar im Exil in Berlin stattfand, wegen der Bedrohung durch Rebellengruppen. Die Geschichten aus Mali erinnern an Libanons Nachbarland Syrien. „Wir hatten Leute in unserem Land, wir wussten nicht woher sie kamen. Sie waren plötzlich da. Aber jetzt sind sie zum Glück wieder weg!“ beschwört Bassekou Kouyate und lädt nach Mali ein.

Den Abschluss krönt eine afrikanische Version des kubanischen Songs „Guantanamera“, bei dem die Frauen aus Senegal sich nicht mehr zurückhaltend können und kurzerhand die Bühne stürmen. Während sie noch wild ihre Hüften schwingen, stehlen sich die Musiker schelmisch von der Bühne – nicht ohne ein letztes Augenzwinkern 😉


Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

 

Lacht kaputt, was euch kaputt macht

Screen shot 2016-05-13 at 21.28.05Es scheint, als hätte Putin jetzt auch Harry Potter gelesen und analog zu der dort im 4. Stock des Zauberei-Ministeriums beheimateten „Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe“ in der russischen Botschaft in London eine „Abteilung zur Instrumentalisierung fiktiver Apparaturen und Kreaturen“ geschaffen. Fantasievoll bebildert die Botschaft ihre Tweets zu echten oder behaupteten politischen Ereignissen mit Bildern aus Zombie-Filmen und Videospielen. Am 12. Mai dekorierte die Londoner Vertretung Moskaus ihren Tweet über angebliche Lieferungen von Chemiewaffen an Rebellen nahe Aleppo mit einem Bild, das drei LKWs aus dem Videospiel: „Command and Conquer“, zeigt.

Dass ist besonders hübsch, weil das russische Außenministerium zu anderen Gelegenheiten behauptete, Satellitenbilder von seinen Aktivitäten in der Ukraine seien einem Videospiel entnommen.

Für Scharen von Twitterern war das ein gefundenes Fressen. „Und hier die Extremisten!“ schrieb einer von ihnen und fügte das Bild einer fusselbärtigen Legomännchen-Armee mit einem Lego-Huhn an. „Oh je, wen haben sie nur gefunden, um mutig genug zu sein, diese Bilder hinter den Frontlinien aufzunehmen?“ fragt ein anderer, der eine Bild aus einem Commodore-64-verdächtigen Computerspiel postet, auf dem eckigen Gestalten Pfeile auf ihre Gegner abschießen

Screen shot 2016-05-13 at 21.16.34Selbst Twittererin „Partisangirl“, die sonst weder Zeit noch Mühe scheut, absurde Verschwörungstheorien des Regimes ein paar Windungen weiterzudrehen, fiel dazu nur die lahme Bemerkung ein, auf dem Bild stehe, dass es lediglich „zur Bebilderung“ diene, auf Gutdeutsch also einer Art Serviervorschlag gleichkomme.

Als ob es nicht genügend Bilder aus Syrien und dem Irak gäbe verbreiten sich fiktive Bilder zur Illustration des Unfassbaren oft wie ein Lauffeuer, im Gutgemeinten wie im Schlechten. Die iranische Künstlerin Bharesh Bisheh reagierte erstaunt darauf, dass sich ihr Foto von einem Mädchen, das sich auf dem Asphalt innerhalb mit Kreide gezeichneten Frauenfigur zusammengerollt hat, plötzlich selbständig machte. Die Legende, die dem Bild zum Erfolg verhalf: „Herzzerreißendes Foto einer irakischen Künstlerin aus einem Waisenhaus. Das Mädchen hat seine Mutter nie gesehen, daher hat es eine Mutter gemalt und sich zum Schlafen bei ihr eingekuschelt.“ Das Bild ging um die Welt, auch wenn die Zeichnung offensichtlich nicht von einem Kind stammt und die ganze Szene nicht recht schlüssig erscheint. Bharesh Bisheh schrieb daraufhin einen Hinweis auf Flickr: „Dieses Mädchen ist meine Cousine, die auf dem Asphalt vor meinem Haus eingeschlafen war. Sie muss ein Weilchen gespielt haben und sich dann hingelegt haben und eingeschlafen sein. Ich habe mich auf einen Stuhl gestellt, um dieses Bild zu machen. Das hat nichts mit einem Waisenhaus zu tun, und es steht keine tragische Geschichte dahinter. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, um kreativ zu arbeiten. Es ist ein Fotografie-Stil. Ihr könnt mein Bild benutzen, wenn ihr auf mich als Fotografin verweist. Danke für euer Verständnis.“

Ähnlich erging es Abdel Aziz al-Atibi, der künstlerisch seinen kleinen Neffen in eine rote Decke gehüllt zwischen zwei Steinhaufen liegend fotografierte – ein Bild, das mit der Überschrift „Syrischer Junge liegt zwischen den Gräbern seiner Eltern“ bekannt wurde. Atibi bemühte sich um eine Richtigstellung, stellte weitere, diesmal fröhliche Bilder des kleinen Jungen ins Netz.

Weniger harmlos sind Bilder aus Spiel- oder Horrorfilmen, die als Bilder realer Barbareien präsentiert werden. CNN verbreitete ein Bild, das als „Steinigung eines Mädchens in Syrien durch ISIS, weil es auf Facebook war“ verkauft wurde – zwar mit der Einschränkung „angeblich“, was der Verbreitung aber keinen Abbruch tat. Das Bild entstammt einem dem  amerikanischen Film „Die Steinigung der Soraya M.“, der im Iran spielen soll. Auch „Frauen in Käfigen auf einem Pick-Up „, die laut Beschreibung auf dem Weg zu einem „Sklaven-Markt von ISIS“ seien, bekam gehörigen Auftrieb. Das Original: eine Performance von einer ägyptischen Demonstration. Ebenso werden online gerne Bilder von schwarz verhüllten Frauen, die aneinandergekettet sind, als Illustrationen der sexuellen Sklaverei von ISIS geteilt – Bilder, die den schiitischen Ashura-Prozessionen entstammen, bei denen sich die Betreffenden im Gedenken an das Martyrium Husseins als seine vor 1300 Jahren in Ketten gelegten Schwestern inszenieren. Nicht zu vergessen auch das Bild einer „Christin die von ISIS mit einem Pfahl“ im Bett getötet worden sei – in Wirklichkeit entnommen einem westlichen Horrorfilm.

Ich habe in den letzten Jahren Hunderte von Aufnahmen der Grausamkeiten in Syrien angeschaut, profesionell gefilmtes oder mit verwackelten Handykameras dokumentiertes Foltern und Morden. Ob ISIS‘ Schergen oder die des Regimes: Sie dokumentieren sich gerne bei ihren unvorstellbaren Taten. Die einen, um einzuschüchtern, die anderen, weil sie sich in Sicherheit vor der Strafverfolgung wähnen. Dritte, wie der unter dem Pseudonym Cesar bekannt gewordene Fotograf, waren angestellt vom syrischen Regime, um als Buchhalter des Grauens zu dokumentierten, dass die Geheimdienste ihr tägliches Soll todbringender Taten erfüllen. Diese Dokumente der absoluten Abgründe der Menschlichkeit sind Mahnmale der Schande für die Täter und all diejenigen, die sie haben gewähren lassen.

Umso wichtiger, den lächerlichen Manipulationen  der russischen Botschaft in London gewitzt zu begegnen, um ihr albernes, aber gefährliches Spiel mit den Bildern offenzulegen. Statt auf die täglichen Kriegsverbrechen hinzuweisen, befördert dies den Konflikt und die bequeme westliche Wahrnehmung, man „könne es nicht so genau wissen.“ Angesichts dessen, dass jetzt schon Videospielaufnahmen bemüht werden, fehlt nur noch, dass alsbald die Personalausweise von Harry Potters schaurigem Gegenspieler Lord Voldemort oder dem Inbegriff des Grauens aus „Herr der Ringe“, Sauron, als „Ausweispapiere getöteter syrischer Rebellen“ präsentiert werden.