Archiv für den Monat: August 2016

Gute Beine, schlechte Beine? Burkini vs. Speedos

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

 

 

Ein Gastbeitrag von Brandie Podlech

Libanons Strände sind bekanntermaßen nicht nur Orte der Erholung, des Exzesses und der Balz, sondern auch Austragungsorte von Deutungskämpfen. Schlagzeilen machen dabei vor allem rassistische Zutrittsverbote für Hausangestellte und „people of colour.“ Offenbar herrschen derzeit an den Küsten Frankreichs Strandprobleme anderer Natur und auch fernab des Ozeans schlägt das Thema hohe Wellen: die richtige Bademode für die Frau.

Wie überall in der Welt ist es im Libanon als Frau nicht leicht, sich für das passende Strandoutfit zu entscheiden – einerseits will man möglichst wenigen Balzversuchen ausgesetzt sein, andererseits aber auch modisch auf dem aktuellen Stand bleiben. Momentan ist der Trend hier eher „weniger ist mehr“.

Eines ruhigen Sonntags im Monat Ramadan war ich mit Freunden, darunter Marwan, dessen Bild diesen Artikel ziert, an einem recht menschenleeren Strand. Wir hatten uns bereits ins Wasser gestürzt – drei Männer und eine Frau –, da musste der Strandaufseher aufgebracht rufend und winkend für Ordnung sorgen. Doch nicht mein Bikini war das Problem. Er hatte ausgemacht, worin die tatsächliche Bedrohung bestand: in Marwans Körper, genauer gesagt, seiner Badehose (siehe Foto). „Das Tragen von Speedos ist hier verboten.“ Glücklicherweise mussten wir bloß 20 Minuten im Wasser warten bis ein Freund mit langen extra-Badeshorts kam und für Marwans Rettung sowie die Sicherheit der anderen Badegäste sorgte.

Daran, eine logische Erklärung zu finden, sind wir an jenem Tag gescheitert. Heute möchte ich daher einmal versuchen, eine willkürliche Sammlung von Argumenten für die jüngsten Verbote umstrittener Bademoden in Frankreich auf ein Speedos-Verbot im Libanon anzuwenden:

Leider habe ich es versäumt, den Strandaufseher dazu zu befragen. Sein Kommentar hätte wohl in etwa so gelautet: „Es geht nicht darum, das Tragen modischer Statements am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu sexuellen Orientierungen hinweist, die gegen uns Krieg führen.

Was in Europa nach „höchster Verblödungsbereitschaft mit einem zutiefst rassistischen Kern“ klingt, war am Strand von Jiyeh wohl Homophobie – und damit eine Waffe des Sexismus.


Brandie Podlech

Brandie Podlech

Brandie Podlech studierte Politikwissenschaft, Arabistik und Iranistik in München. Im Sommer 2016 forscht sie im Rahmen eines Praktikums bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut zu „Masculinities“ in libanesischen TV- und Webserien.

Nominiert: Syrische Kandidaten für die Goldene Himbeere!

Das syrische Staatsfernsehen gibt auch weniger talentierten Schauspielern eine Chance.

Das syrische Staatsfernsehen gibt auch weniger talentierten Schauspielern eine Chance.

„Sagen Sie, wie viele Unterstützter hat denn Assad eigentlich noch?“ werde ich oft bei Vorträgen gefragt. Die Frage ist meist rhetorisch gemeint und dient den Fragenden, um ihre eigenen Theorien oder Verschwörungstheorien über die Entwicklungen in Syrien zum Besten zu geben. Oft hängen sie dem vorrevolutionären Syrien nach, allerdings einer romantisierten Version, bei der sie – aus Unkenntnis, Ignoranz oder bewusst – ausblenden, dass es auch damals schon ein Unrechtsstaat war, in dem willkürliche Verhaftungen, Folter, Unterdrückung und Diskriminierung an der Tagesordnung waren.

Die schlimmste Begegnung war die mit einer selbsterklärten Pazifistin in Berlin, die darauf beharrte, Assad sei doch gar nicht so schlecht. Sie stellte die Zehntausenden Foltertoten der letzten Jahre, im heute veröffentlichten Bericht von Amnesty International auf 18.000 geschätzt, nicht in Frage, sondern sah sich durch diese bestätigt: Irgendjemand „müsse das ja schließlich machen“, viele Opfer hieße auch viele Folterknechte, ergo: so unpopulär sei das Regime gar nicht.

Was soll ich sagen? „Auch, wenn es in Deutschland sogar bis heute Neonazis gibt, bin ich froh, dass das Hitler-Regime 1945 gestürzt wurde“? Oder: „Unter den Kriegsgewinnlern sind seine Anhänger sogar immer zahlreicher geworden“? Jeder Despot hat eine Gefolgschaft. Es gibt auch diejenigen, die keine glühenden Anhänger sind, aber keinen anderen Ausweg sehen, weil sie vor den Rebellen oder Daesh mehr Angst haben; es gibt die, denen jahrelang eingeredet worden ist „die anderen“ seien lediglich darauf aus, sie zu töten. Aber das kann kein Argument sein, dem Massenmord und der Vertreibung von Millionen zuzusehen, oder schlimmer noch: diese zu verteidigen. Angesichts der beleidigten und beleidigenden Ausdrücke, die in dieser Diskussion auftauchen, habe ich manchmal den Eindruck, Assad habe unter den Linken und den Rechten in Europa vielleicht sogar mehr Anhänger als im eigenen Lande.

Da es selbst wenn man nur den offiziellen Verlautbarungen des Regimes folgt, schwierig geworden ist, etwas Positives an seinem Vorgehen zu finden, waren im Zuge der Belagerung Ost-Aleppos die „Fluchtkorridore“ ein großes Thema. Das Regime und seine Verbündeten behaupteten, mittels dieser Zivilisten und Rebellen freies Geleit aus der belagerten Stadthälfte zu gewähren. Tatsächlich erhielten die Bewohner an keiner Stelle die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. Die Korridore und mithin die Flüchtenden gab es lediglich im syrischen und russischen Fernsehen.

Unkritisch übernahmen deutsche Fernsehsendern die Bilder und verbreiteten den Mythos der Fluchtmöglichkeiten, während Nutzer sozialer Medien bei der fadenscheinigen Inszenierung längst genauer hingesehen hatten: Ein Mann, der in einem russischen Video lediglich herumsteht und ganz offensichtlich weder Flüchtling noch Aufständischer ist, tritt im syrischen Fernsehen als „Rebell“ auf, der sich unterwürfigst ergibt und sich freut, dass er nicht nur seine Waffen niederlegen und „in den Schoß der syrischen Nation“ zurückkehren dürfe, sondern auch gleich Teil der Armee werden.

Den würde ich als ganz heißen Kandidaten für die Goldene Himbeere nominieren. Gleich danach vielleicht die „Gefangenen“, die in einem Video mitspielen, das das Regime im Mai 2016 veröffentlichte, als es die Kontrolle über das Gefängnis in Hama  nach einem Gefangenenaufstand wiedererlangt hatte. Während angebliche Gefängnisinsassen, so wohlgenährt und sauber, wie man sie von anderen Bildern aus syrischen Haftanstalten nicht kennt, im Hof Assad lobpreisen, hört man im Hintergrund die echten Gefangenen „Freiheit, Freiheit, Bashar raus“ skandieren, so laut, dass der Moderator die Bande im Hof noch mal auffordert, lauter zu brüllen, um die Sprechchöre der echten Gefangenen zu übertönen. Auf den dritten Platz könnte es vielleicht „Syriens empörtester Passant“ schaffen, der „zufällig“ immer wieder Zeuge von Anschlägen wurde und auch in verschiedenen anderen Rollen, mal in Uniform, mal in zivil auftauchte.

Wenn mich das nächste Mal jemand fragt, wie viele Anhänger Assad noch hat, werde ich einfach auf das Video verweisen: offensichtlich nicht mal genug, um zwei kurze Fernsehclips mit unterschiedlichen Statisten zu besetzen.

Ohne Heinrich läuft nichts

Wohl allen RepräsentantInnen der politischen Stiftungen passiert es, dass sie miteinander verwechselt werden oder dass man annimmt, der Stiftung sitze die Person vor, die ihr den jeweiligen Namen gegeben hat. „Lieber Heinrich Böll …“ beginnen manche Briefe, die wir erhalten, und auch die Bemerkung: „Ach, seid ihr auch eine von den Friedrich-Stiftungen“ habe ich schon gehört.

Heute will ich beim libanesischen Innenministerium, konkret der General Security, eine Einladung für einen syrischen Gast abgeben. Die Zuständigen sind sehr hilfsbereit, aber zwischendrin, beim Wechsel von einem Gebäude ins nächste, laufe ich einem Wachmann in die Arme, der meint, auch inhaltlich prüfen zu müssen, ob ich dort richtig sei. Er fleddert die Papiere durch, zuoberst das Einladungsschreiben, das mit „Heinrich Böll Stiftung lädt ein …“ beginnt.

Er: „Bist du Heinrich?“ – Ich: „Nein, ich bin Bente, ich arbeite für Heinrich …“ – Er: „Heinrich muss schon selbst erscheinen, kannst gleich wieder verschwinden.“ – Ich: „Heinrich hat unserer Stiftung nur den Namen gegeben, sehen Sie, hier ist festgehalten, dass ich die Repräsentantin bin.“ – Er: „Wenn Heinrich hier nicht persönlich auftaucht, wird das nichts.“ – Ich: „Heinrich ist tot.“ – Er: „Du kannst keinen Toten in den Libanon bringen, was soll die Einladung?“