Archiv für den Monat: Oktober 2016

Al Badawi – der älteste Olivenbaum der Welt

Er heißt al Badawi – der Nomade , obwohl er mit Sicherheit noch nie seinen Standort verlagert hat. Im Gegenteil, der wohl älteste Olivenbaum der Welt steht fest verwurzelt in der steinigen Erde Palästinas, ein gewaltiger Baum mit zahlreichen Ablegern, die ihn umstehen wie die Leibwächter. Möglicherweise wuchs er in der Zeit heran, als in Ägypten die ersten Pyramiden gebaut wurden. Japanische Forscher attestieren ihm jedenfalls ein Alter von zwischen 4000 und 5000 Jahren. Benannt wurde er nach einem lokalen Weisen, Ahmed al Badawi, benannt, der vor 200 Jahren in seinem Schatten zu sitzen pflegte und dort seinen Gedanken nachhing und philosophierte. Er ist 12 Meter hoch und hat – mit seinen Ablegern – einen Durchmesser von 25 Metern. Seine Krone beschattet ein Gelände von 250 Quadratmetern.

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Heute ist Al Badwai das Wahrzeichen des kleinen Ortes al Walajeh bei Bethlehem, das sich malerisch in die von Oliven- und Nussbäumen bestandenen Hügel schmiegt. Früher verfügte Al Walajeh über mehr als zwei Dutzend Quellen, heute sind es noch zwei, die kaum noch Wasser spenden. Denn die israelischen Siedlungen, zwischen denen Al Walajeh eingeklemmt ist, rücken immer näher. Das Dorf hat schon einen großen Teil seines Landes an diese beiden Siedlungen verloren. 4209 Dunam (etwa 420 Hektar) werden zusätzlich von der israelischen Sperrmauer aufgefressen, die das Dorf schon fast vollständig umgibt. Wenn die Mauer fertiggestellt ist, wird der Ort fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten sein. Die Bewohner können ihren Ort dann nur noch durch ein einziges Tor verlassen, das von israelischen Soldaten bewacht wird. Auch der alte Olivenbaum könnte in Gefahr geraten, denn die Mauer wird nur wenige Meter an seinem Standort vorbeiführen und könnte seine Wurzeln beschädigen und das Grundwasser stören, aus dem er sich speist.

Doch noch steht er, majestätisch und gelassen, und seine Oliven spenden noch immer dickflüssiges und aromatisches Olivenöl, dem sogar Heilkräfte nachgesagt werden.

Die Armee der Zerstrittenheit

armeederzerstrittenheitAls 2003 die iranische Anwältin Shirin Ebadi mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, trank ich gerade Tee mit einem älteren syrischen Menschenrechtsanwalt in Damaskus, der das sich gar nicht darüber freuen konnte: „Ich habe jahrelang im Gefängnis verbracht, und sie kriegt den Friedensnobelpreis?“ empörte er sich. Deutlicher hätte man nicht machen können, unter welchen Bedingungen die syrische Opposition seit Hafez al-Assads Putsch 1970 lebte und arbeitete: Unter Hafez al-Assad und Bashar wurden Zehntausende für ihre Geisteshaltung und politischen Aktivitäten zu Verbrechern erklärt,  verschleppt, verhaftet, gefoltert und ermordet. Weit über zwanzig Jahre verbrachte der Kommunist Riad Turk unter verschiedenen Regimen Syriens in Haft und verbrachte sein Leben danach weitgehend im Untergrund; andere erholten sich nie von den im Gefängnis erlittenen Misshandlungen und die meisten von ihnen bekamen keinen Pass und keine Ausreiseerlaubnis.

Doch das Regime verfügte noch über andere Mittel: Mindestens ebenso wichtig wie die physische Einschüchterung der Untertanen war es, Misstrauen zu säen – zu kooptieren, Privilegien ohne Erklärung zu geben und wieder zu entziehen und Gerüchte zu streuen. Daraus entstand der „Wettbewerb des Leidens“, wie er sich in des Anwalts Missgunst gegenüber Shirin Ebadi niederschlug: Nicht selten wurden Oppositionelle, die weniger Zeit hinter Gittern verbracht hatten, von anderen kritisch beäugt: „All seine Brüder waren in Haft, aber er ist immer noch auf freiem Fuß?“ – Rasch wurde argwöhnt, die Betreffenden seien gar keine „echten“ Oppositionellen sondern Spitzel für das Regime.

So, wie das Regime sich in den eigenen Reihen absicherte, in dem die Wichtigkeit einer Person sich nicht allein aus einem bestimmten Amt ableitete, sondern auch oder sogar mehr aus ihrer Loyalität gegenüber dem Präsidenten, trieb es erfolgreich Keile zwischen seine echten und vermeintlichen Gegner.

Aus diesem historischen Erbe erklärt sich, warum nicht aus dem brutal und absichtlich geschaffenen Nichts plötzlich eine geeinte Opposition hervorgeht – kompatibel mit westlichen Erwartungen, anerkannt im eigenen Land und mit einem klaren Programm.

Hinzu kommen fünf Jahre, in denen europäische Staaten, die USA, die Golfstaaten, die Türkei und einige andere selbst sich keinesfalls einig waren: was sie von der syrischen Opposition wollen, wie viel sie bereit sind, dafür selbst zu leisten und auf welchem Wege.

Einigkeit wäre immer notwendiger gewesen, je weiter der Konflikt fortschritt, denn die Gegner der Opposition mehrten sich: Sowohl ISIS als auch das Regime sahen in der Opposition ihren Hauptfeind, so dass diese zwischen den beiden Fronten aufgerieben wurde, um nur einige zu nennen.

Je grausamer das Regime den Widerstand niederschlug, desto weitere Abgründe klafften jedoch auch zwischen politischen und militärischen Akteuren der Opposition, zwischen Vertretern eines gewaltfreien (und vom Regime besonders unerbittlich verfolgten) Widerstands und bewaffneten Gruppen. So verständlich es ist, dass viele in Sysrien wie im Westen sich gewünscht hätten, dass die friedlich begonnene Revolution auch so bleibt: Wie, angesichts der brutalen Niederschlagung? Für viele derjenigen, die in den letzten Jahren zu Waffen gegriffen haben, war es buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Oder, wie der Zahnarzt und Schriftsteller Assaf Alassaf es in seinem Roman „Abu Jürgen“ seinem fiktiven Ich in den Mund legt: „Von Jesus und Deir ez-Zor (habe ich gelernt), dass ich, wenn ich dem, der mich geschlagen hat, meine linke Wange hinhalte, ihm gleichzei­tig einen Kopfstoß geben muss, von dem er sich nicht wie­der aufrappeln kann, … sonst drischt er einfach unendlich weiter auf mich ein.“

Viele Aktivistinnen wissen um die Schwäche, die aus der Uneinigkeit resultiert, und sehen sich doch nicht in der Lage etwas dagegen zu tun. Das nutzen das Regime und seine Unterstützer weidlich aus. Schon lange fordern sie, dass sich moderate von extremistischen Rebellengruppen nicht nur distanzieren, sondern auch im physischen Sinne Abstand nehmen, was an vielen Orten schlicht nicht machbar ist.

Nachbarorte werden gezielt gegeneinander aufgewiegelt, in dem nach Jahren der Belagerung punktuell an einem mehr Schmuggel toleriert oder doch ein Hilfskonvoi  zugelassen wird – oder in dem mit den derzeitigen ethnischen Säuberungen um Damaskus herum Tausende Kämpfer und Zivilisten nach Idlib gezwungen werden – wo sie nicht unbedingt als Unterstützung sondern auch als zusätzliche Last angesehen werden.

Angesichts der hoffnungslosen Lage hat sich eine Gruppe nun satirisch geäußert und im Stile der Myriaden bewaffneter Gruppen mit bedrohlich schillernden Namen eine weitere ins Leben gerufen: „Die Armee der Zerstrittenheit“. „Spaltet euch!“ fordert sie, „denkt lokal!“ – „Desertiert und gründet neue Formationen, selbst wenn ihr nur ein oder zwei Kämpfer seid!“ – „Wir fordern all unsere Konkurrenten auf, jegliche Einigungsbemühungen einzustellen und gefälligst Hass zu säen, damit wir gemeinsam die vollständige Zerstörung von Ghouta erleben können“, ätzt die Gruppe und droht, alle militärischen Avancen mit Waffengewalt niederzuschlagen. Im Gegenzug bietet sie an, allen neuentstehenden Splittergruppen ein eigenes Statement zu schreiben.

Drei Farben: knallbunt, blutrot, leichenblass

#I_Love_Damascus auf Twitter

#I_Love_Damascus auf Twitter

Ein Beitrag von Alisha Molter und Bente Scheller

„I love Damascus“ – Syrien ist tot, es lebe Damaskus. Glaubt man einem Regime-Werbevideo, gaben sich am Wochenende Tausende junge Menschen in Damaskus in einem offensichtlich eigens dafür entworfenen und verteilten Outfit einem Farbrausch hin, ein großes Fest für die Damaszener, inszeniert vom syrischen Regime.

Die Farben, die in die Menschenmenge gesprüht werden, erinnern an Holi, das hinduistische Fest, mit dem der Sieg des Guten über das Böse gefeiert wird und die Zerstörung der Dämonin Holika – also etwas positiv konootiertes. Von sportlicher Betätigung sind keine Bilder überliefert, und doch scheint die Damaszener Inszenierung an die kommerziellen „Color Runs“ anknüpfen zu wollen, die in den letzten Jahren als Mini-Marathons „zwecks Gesundheit und Glückseligkeit“ vermarktet werden.  „Die syrische Jugend entscheidet sich für das Leben“ frohlockt die christliche Organisation „SOS Chretiens d’Orient“ stolz auf Twitter. Christlichen Werte wie Nächstenliebe und Respekt scheinen in weite Ferne gerückt.

In dem Vido geben sich Jugendliche einem Farbrausch hin, den wir mit einem Leben jenseits von schwarz und weiß assoziieren, einem bunten, vielfältigen Leben fernab der dunklen Realität, mit denen SyrerInnen zu tun haben, die außerhalb der regimekontrollierten Gebiete leben: mit dem Grau des Staubs, der sich nach Fassbomben senkt, den schwarz in den Himmel ragenden Ruinen, wo Brandbomben das Leben ausgelöscht haben und dem Tiefrot des Blutes, mit dem Kinder, Frauen und Männer nach jedem Angriff überströmt sind. Kaum fünf Kilometer entfernt sterben Menschen, Syrerinnen und Syrer, die politische Reformen gefordert haben und damit unweigerlich auf die schwarze Liste des Regimes gelangt sind.

In seiner derzeitigen Version in Syrien wird der Color Run gemischt mit der Liebe zu einer fraglos wunderbaren Stadt und erhält dabei doch einen bitteren Beigeschmack.
Nicht zuletzt, weil „Liebe“ in Syrien seit langem kein rein privater Begriff ist, war doch die Erwartung der Regierung an die Staatsbürger nicht darauf beschränkt, die Verfassung und ihre Institutionen zu respektieren: Schon Hafez al-Assad legte größten Wert darauf, dass die Untertanen ihm persönlich mehr Respekt zollen als dem Staat, der Verfassung und seinen Institutionen. Sein Personenkult manifestierte sich in Plaketten, Reliefs, Wandmalereien – schon am Flughafen wurde allen Besuchern mit Plakaten klargemacht, dass sie hier „Suriya al-Assad“, „Assads Syrien“ betraten.

Zahlreiche Devotionalien mit dem Schriftzug „I love Bashar“ überfluteten nach dem Machtantritt seines Sohns Bashar die Märkte, und nach 2011 waren sie die Referenz für Spötter, die Regimeanhänger despektierlich als „Minhibbakjis“ – „Ich liebe dichs“ bezeichnen. Schon vor einer formellen Teilung ist Syrien gespalten, was sich auch in dem Motto der Veranstaltung manifestiert: „I love Syria“ gibt es hier nicht mehr, nur noch „I love Damaskus“.

Der Krieg ist völig ausgeblendet in der I Love Damascus-Kampagne. Das Massensterben, Elend und Hungern in den umliegenden Gebieten und der Völkermord, der derzeit in Aleppo an den eigenen Landsleuten begangen wird, rücken die Partystimmung der jugendlichen Damaszener Loyalisten in ein makaberes Licht. Anteilnahme oder zu mindestens Taktgefühl für die Situation der anderen Syrer, die einst Teil ihres Syriens waren, gibt es nicht. Das Geräusch von Rotoren, für viele Syrer eine Ankündigung des Tods, der sie mit irregulären Waffen aus dem Himmel heimsucht, ist eingeflochten in die Techno-Hits, die das Video untermalen. „Wenn dass das Damaskus ist, das ihr liebt… dann hasse ich Damaskus“ schreibt @ysyriana, ein Gegner der Aktion, bei Twitter.

Bei Facebook folgen viele dem Aufruf und lassen sich mit einem der „I love Damascus“ T-shirts ablichten. Auch unter Exil-Syrern, jenen die aus Damaskus, aus Gesamtsyrien, vertrieben und verstoßen wurden und vielleicht nie wieder zurückkehren dürfen, ist das Video populär. Ihre Liebe zu Damaskus gilt jedoch selten der Party-Szene, die an diesem Wochenende in der Hauptstadt in den Vordergrund gerückt wird – es ist der Duft des Jasmins, ihre Freunde, Nachbarn und Eltern, die sie mit der Stadt verbinden, und alles was sie sich wünschen, ist noch einmal durch die Straße zu laufen, in der sie aufgewachsen sind.

Und die Menschen aus Aleppo? Ihre Kindheitserinnerungen werden gerade in Schutt und Asche gelegt. Ost-Aleppo wird, laut Schätzungen der UN, Ende 2016 komplett zerstört sein.
Und was kommt dann? Die makabere Trauerfeier des Regimes in Aleppo, kaum, dass die letzte totbringende Bombe auf ein Wohnhaus gefallen ist – ein Leichenschmaus bei dem Regimeanhänger ihre Champagnergläser erheben und T-Shirts tragen, auf denen steht: „We loved Aleppo“.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.