Archiv für den Monat: November 2016

Palettenbänke und Reifensessel

Ein Gastbeitrag von Yara Almunaizel

Das pinkfarbene Haus von Rasha sticht einem sofort ins Auge. Schon aus der Ferne ist es zu sehen, hoch auf einem Hügel in Al Walajeh, einem 2600 Seelen Dorf bei Bethlehem. Als wir aus dem Auto steigen empfängt uns das laute Brummen einer Schleifmaschine. Eine große Wolke von Holzstaub liegt in der Luft und der beißende Geruch von frischer Farbe. Mehrere Frauen in langen Mänteln und bunten Kopftüchern haben grade eine Bank aus alten Holzpaletten fertiggestellt und sind jetzt dabei, zwei übereinander gestapelte Reifen zusammenzuschrauben, die in bunte Sessel verwandelt werden sollen. Wir treffen die Frauen im Hof von  Lubna, wo heute gezimmert, gebohrt und gemalt wird. Zweimal in der Woche treffen sich neun Frauen von Al Walajeh zum gemeinsamen Basteln und Arbeiten. Ihr Ziel ist es, ihre Gärten zu verschönern, Schaukeln und Rutschen für die Kinder und Bänke und Stühle für die Erwachsenen anzufertigen. Unterstützt werden sie von Alaa, der in Beit Sahour, einem Ort bei Bethlehem einen Recycling-Hof betreibt. „One man’s trash is another one´s treasure“, sagt Alaa, „Des einen Müll ist des anderen Schatz.“ Er zeigt den Frauen, wie man schraubt und sägt, und wir dürfen zuschauen, wie kreativ und geschickt die Frauen ihre Ideen umsetzen. Beim Anmalen der alten Autoreifen, die zu Zäunen, Pflanzkästen und Hockern umgestaltet werden, dürfen wir sogar helfen. Leuchtende Farben werden bevorzugt, gelb und grün, blau und rot und natürlich gerne immer wieder pink. Lubna serviert uns unterdessen selbstgebackenes Brot mit Labaneh, dem dicken weißen Käse aus Schafsmilch und Gemüse. Das Brot ist frisch aus dem Ofen und noch warm.
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Rasha und Lubna bei der Arbeit (Fotos von Katja Volkenant)

Die Idee, alte Autoreifen, Paletten und Plastikcontainer zu recyceln, kam von den Frauen von Al Walajeh selbst. „Am Anfang wussten sie noch nicht so genau, wie sie das anstellen sollten“, erzählt Katja Volkenant von der deutschen Organisation Kurve Wustrow, die die Frauen mit Energie und Tatkraft unterstützt. „Inzwischen aber sind sie sehr findig und haben dauernd neue Ideen.“ Jeden Sonntag und Mittwoch ist sie mit dabei, wenn die Frauen arbeiten, und sie legt auch selbst mit Hand an. Voller Stolz zeigt sie uns die Ergebnisse ihrer Arbeit. An diesem Tag werden zwei Bänke zusammengezimmert und mehrere Reifensessel zusammengeschraubt und angestrichen. Seit Beginn des Jahres haben die neun Frauen angefangen, ihre Gärten umzugestalten.  Kurve Wustrow unterstützt das Projekt mit 500 Euro pro Garten. Bis jetzt wurden schon vier Gärten angelegt. In Planung ist auch ein Spielplatz für die Kinder des Dorfes. Das Projekt ist im Dorf auf viel Aufmerksamkeit gestoßen. Viele Nachbarn schauen mit Bewunderung auf die Gärten der Frauen. „Es wird die anderen Dorfbewohner inspirieren, ihre Gärten ebenfalls zu verschönern“, sagt Alaa.

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Gleich neben Lubnas Haus liegt das pinkfarbene Haus von Rasha, das wir von schon aus der Ferne gesehen hatten. Als wir ihren bunten Garten betreten, kommen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Der Garten ist mit alten Reifen in Bonbon-Farben geschmückt, es gibt zwei Schaukeln aus aufgeschlitzten Reifen, eine Palme aus Plastikflaschen und bunte Reifensessel. Überall, wo man hinsieht, entdeckt man etwas Neues. Rasha zeigt uns stolz die Pflanzen, die sie in die Reifen gepflanzt hat und die bald zu einer grünen Hecke heranwachsen sollen. Der Garten bietet einen weiten Blick über Al Walajeh und das Westjordanland. Das von Siedlungen umzingelte Dorf liegt zu über 90% in der sogenannten C Zone, die vom israelischen Militär kontrolliert wird. Hier ist es für Palästinenser praktisch unmöglich, zu bauen. „Die meisten Häuser in Al Walajeh haben daher einen Abrissbefehl von der israelischen Armee“, erklärt uns Samia, die Frau, die das Projekt mit in die Wege geleiten hat.

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Um uns ein besseres Bild von der Situation zu verschaffen fahren wir zu Tufah, die ebenfalls im Frauenprojekt mitarbeitet. Von ihrem Dach aus sieht man die israelische Sperrmauer, die direkt am Haus vorbei führt, und dahinter die großen Häuser  der Siedlung Har Gilo. Von der anderen Seite des Daches hat man einen schönen Ausblick über die Nachbarhäuser und das Tal. Uns fällt ein riesiger Schutthaufen direkt hinter Tufahs Haus auf. „Das war einmal ein Haus“, erzählt sie uns. „Es wurde von der israelischen Armee „aus Versehen“ zerstört. Eigentlich sollte das stattliche Haus daneben abgerissen werden, vermutlich weil es den Siedlern die Aussicht über das malerische Tal versperrt. Den ehemaligen Bewohnern der Ruine ist es nicht gestattet, ihr Haus wieder aufzubauen. Solche Geschichten gibt es viele im Dorf. Viele der Familien fürchten um ihre Häuser. Wir sind geschockt und  überlegen uns, wie wir mit einer solchen Situation leben würden.
Von Tufahs Haus fahren wir weiter zu Sahar, um auch ihren Garten zu besuchen. Auch bei ihr finden wir die schon bekannten und sehr bequemen Reifensessel, jedoch sind diese nicht bunt angemalt sondern mit zusammengenähten Kaffesäcken bezogen. Sahar zieht gedeckte Farben und schlichte Formen vor. Ihren Garten nutzt sie oft zum Meditieren und findet hier zur Ruhe in der angespannten Atmosphäre von Al Walajeh.

Im Meditationsgarten von Sahar

Bald, so die Pläne der israelischen Behörden, soll das Dorf vollständig von der Mauer eingeschlossen und isoliert sein. Dann sollen die Bewohner es nur noch durch ein einziges Tor verlassen dürfen, das von der Armee kontrolliert wird. „Wenn wir dann quasi eingesperrt sind, wollen wir wenigstens ein schönes Dorf mit einladenden Gärten haben“, so die Frauen von Al Walajeh. Sie nennen ihr Projekt daher „Sumud“ – Widerstandskraft.