Zu Besuch in Hebron

Ein Beitrag von S., Praktikantin der hbs Ramallah

Heimatland, watan (وطن) und Siedlung, mustawtana (مستوطنة) haben im Arabischen denselben Wortstamm. Beiden Begriffen wohnt eine Konnotation der “Verwurzelung” inne: Heimat ist der Ort unserer Herkunft, dort wo wir herkommen und wo unsere Wurzeln stecken; Siedlung hingegen ist eine „Niederlassung“, ein Ort an den man nicht gebunden ist, den man erobert und sich zu eigen macht.

In der palästinensischen Stadt Hebron, südlich von Jerusalem, stoßen diese beiden Konzepte konfliktträchtig aufeinander. Vier illegale israelische Siedlungen haben sich hier im Herzen der Stadt verwurzelt und weiten sich kontinuierlich aus.

Die ersten Siedler kamen im Frühjahr 1968 in die Stadt, ein Jahr nach der israelischen Eroberung des Westjordanlandes. Sie richteten sich im Park Hotel ein, um dort das Pessach Fest zu feiern und weigerten sich später, das Hotel wieder zu verlassen. Nach einer anfänglichen Evakuierung durch die israelische Armee wurden die Siedler 1970 in eine vom israelischen Parlament genehmigte, neugegründete Siedlung außerhalb der Stadt versetzt: Qiryat Arba. Während die Siedlung immer mehr Zuwachs bekam begannen einige ihrer Einwohner, Häuser im Stadtzentrum von Hebron zu besetzen. Sie wollten die jüdische Gemeinde wieder aufbauen, die dort nach einem Massaker im Jahr 1929, im Zuge des arabischen Aufstands gegen die jüdische Zuwanderung, aufgelöst worden war.

Heute beherbergt die Stadt geschätzte 500 Siedler, aufgeteilt in die Siedlungen Tel Rumeida, Beit Hadassa, Avraham Avinu und Beit Romano, beschützt von 4000 Soldaten. Allein in der Altstadt befinden sich 12 durchgehend betriebene Checkpoints und der Zugang zur Shuhada Street, der Hauptader des alten Stadtzentrums, ist für Palästinenser gesperrt. Früher war diese Zone voller Leben und der Handel florierte, jetzt sind alle Geschäfte verriegelt und die Atmosphäre in den Gassen gleicht der einer Geisterstadt. Die wenigen palästinensischen Einwohner dieses Stadtteils besitzen eine Identifizierungsnummer, die sogar auf ihren Hauswänden aufgesprüht wurde und die ihnen erlaubt, die Zone zu betreten. Besuche von Verwandten oder Freunden von außerhalb sind allerdings nicht gestattet.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Auch wir, eine kleine internationale Gruppe unter der Führung des jungen Palästinensers Abdallah, müssen einen schwer bewachten Checkpoint passieren, um die Altstadt zu betreten. Sofort haben wir das Gefühl, dass sich die Luft mit Messern schneiden lässt. Von unserem Begleiter werden wir auf einem unebenen und improvisierten Weg durch einen versteckten Hintereingang in den Hof des Hauses der Familie Azzeh geführt. Nisreen, Witwe und Mutter von drei Kindern, gibt jedem von uns die Hand und lädt uns ein, näherzutreten, während sie ihre Erzählung beginnt.

Ihr Garten ist von einer Häuserfront israelischer Siedler umgeben, deren Angriffen die Familie täglich ausgesetzt ist: Steine und Müll werden von den oberen Stockwerken herab geworfen, rassistische Sätze auf die Mauer gesprüht, die Bäume vergiftet, die Familie wird davon abgehalten, ihre eigenen Oliven zu pflücken, und manchmal dringen sogar Soldaten in ihr Haus ein. Drei Jahre lang war die Wasserversorgung zum Haus unterbrochen und die Familie war auf gekaufte Flaschen angewiesen. Der eigentliche Hauseingang wurde blockiert, so dass die Familienmitglieder eine Zeit lang gezwungen waren, über eine sechs-Meter hohe Mauer in ihren Hinterhof zu klettern.  Zweimal schon, als Nisreen schwanger war, wurde sie von Siedlern angegriffen und sogar geschlagen. Sie ist fest davon überzeugt dass es diese gewalttätigen Vorfälle waren, die ihre beiden Fehlgeburten verursacht haben.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Ihr unmittelbarer Nachbar ist Baruch Marzel, ein bekannter extremistischer Siedlerführer und Provokateur. In seiner Jugend war er Anhänger und Sprecher der rechtsextremistischen Organisation „Kach“, die von Israel als illegal erklärt und von den USA als Terrororganisation eingestuft wurde. In Israel ist er wegen seiner radikalen homophoben Ansichten und seines vehementen Aktivismus gegen Mischehen bekannt, in Hebron sorgen seine Gedenkfeiern für Baruch Goldstein, einen jüdisch-amerikanischer Siedler der 1994 in der Ibrahimi Moschee 29 Palästinenser beim Freitagsgebet ermordete, für großes Aufsehen. Zum ersten Mal wurde Marzel im Alter von 14 Jahren, dann mit 15 und mit 17 verhaftet. Seitdem häufen sich die Polizeiklagen aufgrund seiner gewalttätigen Angriffe auf palästinensische Einwohner, bisher wurde er aber nur einmal zur Rechenschaft gezogen und zu einer 12 monatigen Bewährungsstrafe  verurteilt. „Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, Hashem anzugreifen“, kommentiert Nisreen verbittert.

Tränen steigen ihr in die Augen, als sie von ihrem verstorbenen Mann spricht: „Hashem war immer sehr aktiv im Widerstand gegen die Siedler. Eigentlich war er Arzt, aber in seiner Freizeit begleitete er Touristengruppen durch die Stadt und erzählte ihnen von der BesatzungJede Tour endete in unserem Wohnzimmer, wo er den Besuchern Videos der letzten Geschehnisse zeigte.“

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Durch seine Aktivität als Fremdenführer hatte er immer wieder die Aufmerksamkeit und den Ärger der Siedler auf sich gelenkt. Einmal, als in der Stadt eine größere Auseinandersetzung tobte, wurde der Garten der Familie massiv mit Tränengas beschossen. Hashem, der bereits anfällig für Herzleiden war, erlitt einen Herzinfarkt und starb. Nach Einschätzung der Ärzte wurde sein Tod durch das Tränengas hervorgerufen.

„Dem Krankenwagen wurde der Zugang zum Haus verwehrt, also blieb uns nichts anderes übrig, als Hashem eigenständig zum Checkpoint zu tragen. Die jüdischen Nachbarn sind uns sofort gefolgt und haben die Soldaten aufgefordert, das Tor zu schließen, aus Sicherheitsgründen. Fünfzehn Minuten haben wir gewartet… doch es war schon zu spät.“

Nisreen unterbricht sich, und wir bleiben stumm, denn unsere Reaktionen lassen sich nicht in Worte fassen. Doch sie will nicht, dass wir schweigen. Sie will, dass wir ihre Geschichte weitererzählen. Sie ist entschlossen, Hashems Arbeit fortzuführen und weiterhin Gruppen zu sich nach Hause einzuladen, um ihnen, durch ihre Geschichten und durch das Video-Material ihres Mannes, die Realität in Hebron zu zeigen.

 

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