Archiv für den Monat: Mai 2018

Die Stärke der syrischen Armee: Keiner trägt so viele Waschmaschinen

„Aber meine Seele wird in dir weiterleben,“ lautet eines der letzten Graffiti, die Einwohner der Vororte in Süddamaskus auf die Wände gesprüht haben, bevor sie in die berühmten grünen Busse der erzwungenen Vertreibung gestiegen sind.

Am 21. Mai nahmen die Regimetruppen das – inoffizielle – Palästinenserlager Yarmouk wieder ein. Seit Jahren war es belagert und von beständigen Bombardements in Schutt und Asche gelegt worden. Yarmouk wurde im Westen im wesentlichen durch zwei Dinge bekannt: durch Aeham Ahmad, der mittlerweile in Deutschland lebt und berühmt für sein Klavierspiel in den Trümmern wurde. Und durch ein Foto vom Januar 2014, das das Ausmaß des Grauens der Belagerung versinnbildlichte: Eine Straße, gesäumt von den Ruinen bombardierter und ausgebrannter Hochhäuser, auf der sich bis zum Horizont Menschen für eine der raren Essenslieferungen der Vereinten Nationen drängen.

Letzteres kombinierte der Politikwissenschafter Ziad Majed mit einem aktuellen Bild der gleichen Straße. Darauf sieht man, wie die Soldaten Kühlschränke, Waschmaschinen und was sie sonst in den Häusern der Vertriebenen finden, wegschleppen  – so viel sie tragen oder auf einen Karren laden können. Assadismus in zwei Bildern,“ schreibt Majed hierzu: „Nachdem Assads Söldner und ihre Verbündeten diejenigen deportiert haben, die die mittelalterliche Belagerung überlebt haben, die Fassbomben und die Folter (in der berüchtigten Palästnina-Abteilung!), klauen sie, was in den zerstörten Häusern zurückgeblieben ist.“ – „Hier sieht man, wie das syrische Regime Palästina befreit – Waschmaschine um Waschmaschine,“ bemerkte eine Aktivistin trocken.

Als das Internationale Institut für Strategische Studien in London 2013 konstatierte, die syrische Armee sei sehr geschwächt und verfüge noch nicht einmal mehr über die Hälfte ihres ehemaligen Potentials, hatte das Institut möglicherweise einfach nur den falschen Maßstab angelegt. Vielleicht bemisst sich die Stärke der syrischen Armee nicht in Zahlen, sondern darin, wieviele Haushaltsgeräte ein Soldat auf einmal tragen kann. Auch sollte man nicht auf die Goldwaage legen, wenn das Regime bei jedem niedergerungenen und entvölkertem Ort davon spricht, sie habe ihn „befreit“ – da Assad es mit bürgerlichen Freiheitsrechten nicht so hält, ist das im post-materialistischen Sinne  zu verstehen: man befreit die BürgerInnen von ihrem Hab und Gut. Zwar dürfen auch sie mit in die Busse nehmen, was sie hineinbekommen – außer, so ist es in allen jüngsten „Versöhnungsabkommen“ festgehalten, Schmuck und Geld.

Es ist nicht so, dass andere Akteure nicht plündern oder klauen. Als die mit der Türkei verbündeten syrisch-arabischen Truppen Kurden aus Afrin vertrieben hatte, machten ebenfalls Bilder von Plünderungen die Runde. Sofort danach gab es jedoch auch die Graffitis derer, die öffentlich bekundeten, sich für ein solches Vorgehen zu schämen, und zumindest einen halbherzigen Versuch, den Bewohnern ihr Hab und Gut wiederzubeschaffen. Wie auch bei Foltertoden und getöteten ZIvilisten: das Regime ist auch bei Plünderungen einsame Spitze und bemüht sich noch nicht einmal, de Anschein zu erwecken,  dagegen vorzugehen. „Das war schon beim Abzug aus dem Libanon so,“ erzählt eine Kollegin – „Lastwagen voller Haushaltsgeräte haben sie mitgenommen – völlig ungeniert. Die Soldaten waren nicht gut bezahlt, dafür ließ ihnen das Regime freie Hand beim Plündern.“

Im Februar stellte auf Twitter „Abdulrahman“ ein Foto ein, auf der man Soldaten einen riesigen Haufen voluminöser Kochtöpfe bewachen sieht. „Im ländlichen Deir Ezzor ist eine auf das Plündern von Kochtöpfe spezialisierte Armeeeinheit stationiert worden,“ verkündete er, und hängte auch gleich einen Merkzettel für die „neuen Ränge der sysrischen Armee“ an. Statt Sternen prangen  auf den Schulterstücken Waschmaschinen, Gasflaschen und Ventilatoren.

Nach den Bildern von dem Beutezug durch Yarmouk ging eine syrische Webseite noch weiter. In Anlehnung an die vollmundigen Regimebekundungen, es setze sich für die ‚Befreiung Palänstinas‘ ein, behauptete die Seite, sie haben den einzigen Weg gefunden, wie man die syrische Armee dazu bringen könne, diese in Angriff zu nehmen – darunter eine Fotomontage mit dem Felsendom, vor den verlockend Gefrierschränke und Mikrowellen aufgestapelt sind.

Nach dem Herbst der Patriarchen: Sommer der Unterwäschemodels

In manchen Stadtteilen von Beirut kann man kaum einen Schritt gehen, ohne von einer Galerie in die nächste zu stolpern. Kunst und Design sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Umso augenfälliger, dass bei Wahlen offensichtlich die Kreativität aufhört. Die Plakate, teils so groß, dass sie ganze Hausfassaden bedecken, wirken, als hätten sich die KandidatInnen eine Selbstbeschränkung auferlegt, keine zu vorteilhaften Bilder zu verwenden und sich als einzige Dekorationselemente wahlweise die ganze Flagge oder nur die Zeder zu leisten. Gleichermaßen gesichtslos die Slogans, die einen Wettbewerb des Beliebigen verheißen – „Deine Stimme für den Norden“ – oder „Für einen starken Libanon“.

Obwohl der Frauenanteil bei den diesjährigen Parlamentswahlen mit 15% höher denn je war, dominierten, je näher die Wahlen rückten, umso mehr die Portraits von Männern gesetzteren Alters das Stadtbild. Auf Twitter  gab es diesbezüglich vereinzelte Fotos, auf denen die Hochhäuser gänzlich von Anzügen und sich lichtenden grauen Haaren bedeckt erschienen -mit der wehmütigen Bildunterschrift: „Wir vermissen Marie France“, ein Verweis auf die oft sehr freizügige Werbung einer der marktführenden Firmen im Dessous-Bereich, die sonst auf den Plakatwänden zu sehen war.

Seit kurzem werden die die alten Herren wieder durch sich räkelnde Unterwäschemodels verdrängt – als kleine Dreingabe prangt ein goldenes Herz auf den Plakaten, das den Twitter-Kommentaren Rechnung trägt „We are back“ steht da – „Wir sind zurück.“ Das sind die Jahreszeiten des Libanons. Aus feministischer Sicht zweifelhaft, aber als Fakt unübersehbar: Der im Frühjahr zelebrierte Herbst vieler libanesischer Patriarchen wird jetzt durch den Sommer der Unterwäsche- und Bademoden abgelöst.

 

 

Warum Milch, Wasser und Benzin in Marokko boykottiert werden

Milch und Wasser einkaufen ist in Marokko dieser Tage gar nicht so einfach. Denn, es ist zu einem Politikum geworden. Seit Ende April werden die beiden marktführenden Produkte, Wasser von Sidi Ali und Milch von Centrale, boykottiert. Dasselbe gilt für den Sprit der marokkanischen Tankstellen-Kette Afriquia.

Angefangen hat alles mit ein paar Facebook-Posts, die dazu aufriefen, die genannten drei Marken einen Monat lang zu boykottieren, um die Produzenten zu zwingen, die Preise für Wasser, Milch und Benzin zu senken. Der Aufruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer – ohne prominente Initiatoren, ohne Unterstützung von politischen Parteien und anderen Organisationen. Im ganzen Land ist der Boykott mittlerweile Thema. Zeitungen und Zeitschriften bringen Titelgeschichten. Die sozialen Medien quellen über. Und Politiker und Konzerne reagieren unbeholfen bis patzig.

Bei dem Boykott geht es aber längst nicht nur um hohe Preise. Mit der Kampagne ist ein heterogenes Bündel von enttäuschten Erwartungen, latenter Unzufriedenheit und handfestem Frust verknüpft. Jeder in Marokko kennt Sidi Ali, Centrale und Afriquia. Dasselbe gilt für die Personen und Familien, denen die Unternehmen gehören. Auf sie und auf das System, für das sie stehen, richtet sich die Wut vieler Marokkanerinnen und Marokkaner. Denn ihre schier unermessliche politische und wirtschaftliche Macht spottet den alltäglichen Sorgen, unter denen die Menschen leiden: Steigenden Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Korruption.

Sinnbild hierfür ist der Besitzer der Afriquia Tankstellen, Aziz Akhannouch. Er ist nicht nur amtierender Landwirtschaftsminister und Vorsitzender der Regierungspartei RNI, sondern auch der reichste Mann Marokkos. Der Boykott hat ihn aber offenbar überrascht – zumindest lassen seine unglücklichen Reaktionen dies vermuten. Zuerst tat er den Boykott als rein virtuelle Kampagne ab, die keinerlei Bedeutung habe. Kurz darauf appellierte er an die Boykotteure, doch woanders spielen zu gehen. Ähnlich ungeschickt äußerte sich ein Direktor des Centrale-Konzerns, der mittlerweile zum Multi Danone gehört. Wer die Centrale-Milch boykottiere, sei ein Vaterlandsverräter, da er die heimische Wirtschaft schwäche. Gleichzeitig brachte Centrale erstaunlich schnell eine neue Verpackungs-Edition für seine Milch auf den Markt, die dem marokkanischen Kulturerbe gewidmet ist. Für die sozialen Medien war das natürlich ein gefundenes Fressen, bestätigten die Aussagen doch nur, was viele ohnehin schon denken: Die da oben scheren sich nicht um uns und unsere Sorgen und Nöte.

Doch neben dem Verdruss über soziale Ungleichheit, hohe Preise und Monopol-ähnliche Wirtschaftsstrukturen, schwingt auch viel Euphorie und Hoffnung in der Boykott-Kampagne mit. Insbesondere junge Leute sehen in ihr eine neue, vielversprechende Aktionsform. Unter ihnen viele, die sich 2011 für die Bewegung 20. Februar engagiert haben, mittlerweile aber von der stagnierenden politischen Transformation enttäuscht sind. In dem Boykott sehen sie eine Möglichkeit, neuen Reformdruck aufzubauen, ohne eine Verhaftung zu riskieren. Noch. Denn letzte Woche hat die Regierung angekündigt, dass sie Boykottaufrufe, denen falsche Informationen zugrunde liegen, zukünftig strafrechtlich verfolgen werde.

Die realen Effekte des Boykotts lassen sich jenseits der Flut an Facebook-Posts nur schwer abschätzen, da bislang weder die betroffenen Unternehmen noch die Supermärkte Zahlen über verkaufte Wasserflaschen, Milchtüten und Tankfüllungen veröffentlicht haben. Messbar sind aber die Kurseinbrüche der Aktien von Afriquia und Centrale-Danone an der Börse in Casablanca.

Wie es weitergeht? Das ist ungewiss. Es dürfte schwer werden, die Kampagne ohne zentrale Koordination und klare Forderungen über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. Zumal diese Woche in Marokko der Ramadan beginnt. Gleichzeitig hat der Boykott aber schon jetzt ein Ausmaß angenommen, das Befürworter und Gegner überrascht hat. Die erstaunliche Dynamik, die der Boykottaufruf entwickelt hat, zeigt, wie sehr es unterhalb der Oberfläche gärt. Die Boykott-Kampagne hat der latenten Unzufriedenheit im Land ein Ventil gegeben.