Archiv des Autors: Bente Scheller

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Über Bente Scheller

Bente Scheller leitet seit Mai 2012 das Büro der Stiftung in Beirut. Davor war sie Büroleiterin in Kabul. Auf Twitter: @bentescheller

Zustände und Zuständigkeiten

Ausflug zum libanesischen Premierminister

Die Müllkrise, die Beirut im letzten Jahr einen übelriechenden Sommer bescherte, ist weiterhin ungelöst. Noch ist das Wetter halbwegs kühl, ein laues Lüftchen weht, so dass man es nicht so merkt – doch Müll sieht man im ganzen Land, illegal entsorgt, wo imer Platz ist. Zum Teil sind die monumentalen Müllsackberge notdürftig mit Erde bedeckt worden. Man versucht – im wahrsten Sinne des Wortes – Gras über die Sache wachsen zu lassen.

Für meinen fünfjährigen Sohn ist das ein großes Thema. Wenn wir in Deutschland unterwegs sind, kommentiert er unablässig: „Eine Papiertonne, eine gelbe Tonne ohne Deckel, drei Altglascontainer, weiß, braun, grün, eine Biotonne …“ Wenn es nach ihm ginge, würden wir nicht Ferien auf dem Bauernhof sondern auf dem Recyclinghof machen und uns den ganzen Tag anschauen, wie Müll getrennt wird.

Die letzte Unterrichtseinheit seiner Klasse in Beirut drehte sich um Pflanzen und wie sie nicht nur für saubere Luft sorgen sondern auch unter Umweltverschmutzung leiden. Im Rahmen dessen ermöglichte ein gutvernetzter Vater den Besuch der Schüler beim libanesischen Premierminister Saad Hariri, damit die Kinder an höchster Stelle über das Thema sprechen könnten.

Nach dem Empfang im Serail fragte ich meinen Sohn, ob er sich nach Mülltrennung und Recycling im Palast erkundigt habe. Er schüttelte den Kopf: „Weißt du, in dem ganzen großen Haus, in dem er sein Büro hat, habe ich nicht eine einzige Mülltonne gesehen! Nicht mal einen Mülleimer! Ich bin mir nicht sicher, dass er der Richtige ist, um mit ihm über Recycling zu sprechen.“

Regenbogenflaggen über Beirut – Beirut Pride Week

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Ein Beitrag von Bastian Neuhauser

„So… Happy Beirut Pride, I guess!“, schreit die Moderatorin ins Publikum. Menschen johlen, klatschen, schnippen mit den Fingern, und man hat das Gefühl, sie wissen selbst nicht ganz, was gerade passiert. Unter bunten Glühbirnen drängen sich mittlerweile mehr Menschen als Stühle, man sitzt auf dem Boden, auf Paletten und Schößen. Es ist eine Nacht des Geschichtenerzählens, und obwohl sich hunderte von Menschen um die winzige Bühne mit dem verloren wirkenden Mikrofon drängen, hat man sofort das Gefühl, dass es ein besonderer Augenblick ist. Lesbische, schwule, bi, trans, inter und queere Menschen nehmen Raum ein – Raum, der ihnen sonst nicht zugestanden wird. In keinem Moment vergisst man, wie wenig selbstverständlich das ist, in einem Umfeld, das sonst fast immer nur prekär ist für Personen deren Identität jederzeit als unnatürlich, gefährlich, strafbar gelten kann. Was entsteht, ist fast so etwas wie Intimität. Die Moderatorin wirft einen langen Blick in die Runde und fasst dieses Gefühl in Worte, erklärt dass dies ein Ort ist, an dem man offen sein darf, seltsam sein darf, verwundbar sein darf, und bittet alle dies zu respektieren. Menschen kommen auf die Bühne und erzählen ihre Geschichten. Eine Lesbe erzählt von ihrem Coming Out und ihrer ersten Liebe, ein schwuler Aktivist von den Tagen, als Sicherheitskräfte seine Wohnung durchsuchten und er für drei Tage verhaftet wurde, ein Sänger von den Traumata seiner Jugend und seiner Gegenwart. Jeder Pointe, jeder Pause folgt frenetischer Jubel, der gebrochen von den Brandwänden der umliegenden Hochhäuser zurückschallt. Man feiert das eigene Dasein, das eigene Überleben und die Tatsache, der Gesellschaft diesen Ort und diese Momente abgerungen zu haben, nur eine Handvoll Stunden, nachdem die libanesische Politik den Auftakt der Pride bereits in die Knie zwang. Man schätzt diese Tatsache, niemand unterbricht sich, niemand steht auf, als hätte man Angst, diese Seifenblase zum Platzen zu bringen. Die Bühne öffnet sich für alle, manche erzählen ernst ihre Lebensgeschichten, andere alberne Witze. Langsam löst sich der Abend auf. Als ich aufstehe, schreit grell eine Polizeisirene durch die Nacht. Mein Nachbar dreht sich um: „Ach, jetzt kommen sie also doch noch um die Veranstaltung zu räumen. Ein bisschen spät, jetzt hatten wir schon unseren Spaß.“ Noch mit einem Grinsen im Gesicht tritt er auf die Straße.

II.

Das Epizentrum der elektronischen Tanzszene Beiruts liegt auf dem 4. Stock eines alten Hafengebäudes, am Ende eines langen, stets mit Rauch gefüllten und von vier Scheinwerfern zerschnittenen Ganges. An diesem Abend wird die schlicht monochrome Dramatik dieser Installation von den Farben des Regenbogens abgelöst. Werden sonst hier nur die kulturell und finanziell privilegierten eingelassen, verteilt nun ein Türsteher mechanisch Stempel an das hereinströmende – und trotzdem gewohnt homogene – Publikum. Es soll ein feministischer Vortrag stattfinden, dazu Musik. Ersteres ist schnell erledigt. Eine Gruppe von Frauen liest einen überraschend knappen Text, gerichtet an den spärlich gefüllten Saal. Niemand scheint zuzuhören, man weiß an den richtigen Stellen zu klatschen, ansonsten warten Menschen ungeduldig auf die Rückkehr der Musik. Zum Ende des Vortrags beginnt sich der Saal zu füllen, Bewegung kommt in die nun beachtliche Menge als verkündet wird, es gäbe eine halbe glückliche Stunde lang kostenlose Getränke an der mit etwas verängstigt dreinblickendem Personal besetzten Bar. „Finally, we can have some fun“, stöhnt eine Freundin in mein Ohr und ist im nächsten Moment mit drei Gläsern bewaffnet zurück. Die Bässe trommeln nun gnadenlos los. Es beginnt – in bester libanesischer Manier – ein Abend mit Alkohol, Tanzen, Küsschen links, Küsschen rechts, kenn´ ich dich nicht von irgendwoher? In einem ersten Impuls bin ich überrascht von der Abwesenheit von inhaltsschweren Vorträgen, emotionalen Reden, großen Gesten. Und dann vom Überdruss meiner Bekannten. „Warum muss alles immer politisch sein?“, wird mir von einer angetrunkenen Freundin mit zusammengerafften Augenbrauen entgegengeworfen, „Haben wir kein Recht, einfach zu existieren, über normale Dinge zu reden, die nichts mit Religion oder Krieg zu tun haben? Dürfen das nur Leute aus dem Westen?“ Ich nippe an meinem Gin Tonic. Die zerknittert am DJ-Pult hängende Regenbogenflagge bewegt sich sanft über der zunehmend ekstatisch bunten Menge. Und mir wird klar, was es auch heißen kann, politisch zu sein:  Spaß zu haben, zu tanzen, einfach zu existieren.

III.

In einem weiten Bogen fliegen die langen plastikroten Locken von links nach rechts und klatschen nahezu hörbar gegen den Vollbart der Drag Queen. Zwischen den Tischen der Glücklichen deren Reservierung sie zu einem Abend überteuerter panasiatischer Küche und bester Sicht auf das Geschehen ermöglicht, schreit sich Evita stumm die Seele zu Missy Elliots Reverse It aus dem Leib. Im Hintergrund diejenigen, die auf Bänken stehend Blicke erhaschen, noch dahinter auf der anderen Seite der Fenster, die lange Schlange derjenigen, die gar keinen Platz gefunden haben. Das Lied endet, ein langer Schluck aus einem Glas das sowohl mit Gin als auch mit Wasser gefüllt sein könnte, ein tiefer Atemzug. Evita füllt die Stille mit ihren Geschichten, immer laut, derb, aber nie will sie ihre Intelligenz ganz verbergen. Es sind Geschichten aus queeren Alltagen: über die Grenzen allgemein akzeptabler Körperbehaarung, über hetero Männer, die Sex mit anderen Männern auf schwulen Dating Apps suchen, über die mannigfaltigen Wege, enkellose Großeltern auf Familienfeiern ein weiteres Jahr zu vertrösten. Die Themen kommen mir vertraut vor, es sind dieselben in Barcelona und Berlin. Ich pfeife, wenn Evita alle maskulinen Männer bittet den Saal zu verlassen, um Platz für die „good gays“ zu machen und wenn sie immer wieder betont, dass lesbische Frauen doch eigentlich die besseren Menschen auf dieser Welt sind, ohne sie wohl niemand hier wäre, am wenigsten sie selbst. Mittlerweile rollen die Schweißperlen dick von der gepuderten Stirn. Doch noch mit verschmiertem Lippenstift kämpft sie unerbittlich plaudernd gegen die Dinge, die die Community, hier und überall, bewegen. Nebensätze über Hass, Gewalt, Scham, über die Frage, wie man sich in Polizeikontrollen verhält, und was es bedeutet, nicht mehr seiner Familie zu sprechen, weil sie nicht erträgt, wer man ist. Am Ende versteht sie, diesen letzten Abend der Pride nicht in dunklen Tönen zu beenden. Die Regenbogenflaggen, die am Tag davor in den Straßen Mar Mikhaels hingen, die Euphorie, die sich während dieser Woche in der Beiruter Szene breit machte, und der vage aber elektrisierende Vorgeschmack auf einen anderen Libanon sind noch zu präsent. In den letzten Atemzügen ihres zweistündigen Monologs stellt sie selbst etwas überwältigt fest: „Oh my god, look around! I feel like I am in Paris!“. Die Bar bricht in Jubel aus.


Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

Beirut: wo die wilden Motten hotten

Delineating nature - Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 - Borders

Delineating nature – Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 – Borders

2006, infolge der Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah, bombardierte Israel den Libanon. Innerhalb eines Monats wurde die zivile Infrastruktur des Landes schwer beschädigt. Neben 165 Israelis starben in diesem Krieg 1300 Libanesinnen und Libanesen – überwiegend Zivilisten. Als Nothilfe sagte Ägypten dem Libanon damals den Bau eines Feldlazaretts zu.

Der Krieg war nach 34 Tagen beendet. Das Feldlazarett ließ über 10 Jahre auf sich warten. Erst jetzt, im Frühjahr 2017 wurde es errichtet. Das sind die Momente, in denen man eine Städtepartnerschaft zwischen Beirut und Schilda vermuten könnte.

Dass der Bau des Krankenhauses 10 Jahre lang vertagt wurde, liegt daran, dass die Stadt Beirut zuvor keinen Ort identifiziert hatte, der in Frage käme. Öffentlich sollte er sein, damit keine zusätzlichen Kosten entstünden. Im Zuge der ausufernden Privatisierungen ist öffentlicher Raum jedoch knapp geworden. Nach langem Hin und Her wollte man zunächst eine der raren öffentlichen Bibliotheken, unterhalten durch den privaten Verein „Assabil“, dafür nutzen. Nach Protesten wich man aus – auf den Parkplatz des Stadtparks von Beirut, dem erst 2016 der Öfffentlichkeit zugänglich gemachten Horsh.

Illustrationen wie die obige der libanesischen Künstlerin Nadine Bekdache zeigen, wie dieser Park über die Jahre schrumpfte, wie öffentlicher Grünraum dem Wohnungsbau weichen musste. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass die jetzige angeblich temporäre Nutzung des Parkplatzes – nach zwei Jahren soll das Krankenhaus wieder abgerissen werden – der erste Schritt zu einer weiteren Verkleinerung der Grünfläche ist. Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich auf dem Parkplatz wurden die Tore des  Horsh nämlich wieder geschlossen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund: ein Schädling verwüste den Pinienbestand des Parkes, heißt es. Experten der Beiruter Universitäten sind dabei, das Insekt zu bestimmen und geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen.

Folgt man der spärlichen Berichterstattung in den Medien, ist man allerdings geneigt, eine kafkaeske Verschwörung zu wittern. Vier Zeitungen benennen jeweils eine andere Art Käfer oder Motte, alle  gleichzeitig auf dem Weg, die letzten Pininen dieser Stadt zu vernichten. Dabei steht nicht jeder Baum gleichermaßen im Visier. Der überwiegende Baumbestand sieht (noch) überraschend grün aus. Das liege daran, heißt es, dass die verdorrten Bäume sofort abgeholzt würden. So genau lässt sich das nicht überprüfen, da man nicht mehr an die Bäume drankommt. Schuld an der Plage seien nämlich die Besucher, die sie unter ihren Schuhsohlen eingeschleppt hätten – augenscheinlich sind die Schädlinge also nicht nur gefräßig sondern auch faul, denn all die Arten, über die spekuliert wird, könenn auch fliegen. Wahrscheinlich haben sie vor der Öffnung des Parkes brav an desen Zaun gewartet.

Nicht 20 Jahre Vernachlässigung und Missmanagement der Grünfläche sind es also, die den Stadtpark ruinieren, sondern dass er endlich genutzt wird.

Der Vogel stinkt immer vom Kopf

"Bald am Beiruter Flughafen" - AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

„Bald am Beiruter Flughafen“ – AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

Massentötungen von Seevögeln, die Müllkrise, und wie all das mit der bewegten Geschichte Libanons zu tun hat

Ein Gastbeitrag von Mohamad Hassan Mansouri

Der Himmel über den Stränden Beiruts ist seit Mitte Januar überraschend leer. Wo sich sonst besonders Seevögel tummelten, herrscht Mitte Januar gähnende Leere. Besonders fällt das den Fischern auf. : „Natürlich vermisse ich sie. Sie waren unterhaltsam,“ zitiert die New York Times Mohammad Jradi, der seit 20 Jahren fischt Wie für ihn waren die Seevögel für viele andere Fischer stete Begleiter. Heute ist es einsam um sie geworden, nachdem innerhalb von drei Tagen im Januar angeblich 10.000 Vögel abgeschossen wurden.

Angelockt hatte die Vögel die „Costa Brava“, ein Küstenabschnitt wenige Kilometer südlich des einzigen internationalen Flughafens des Libanons. Hier lieh sich in hoffnungsvolleren Zeiten ein Strandressort den Namen des populären europäischen Touristenstrandes. Wo sich einst ausländische Tourist/innen und Libanes/innen am Strand erholten, türmt sich heute  provisorisch in Säcke gepresster Müll. Weil hier im letzten Jahr viel mehr abgeladen wurde, als die Deponie eigentlich verkraften kann, ist Costa Brava, wie der libanesische Blogger Claude el Khal schrieb, zu einem „riesigen kostenlosen libanesischen Restaurant“ für Vögel geworden.

In ihrer Masse begannen sie schließlich Starts und Landungen auf Beiruts Flughafen zu gefährden. Internationale Fluggesellschaften drohten, ihre Flüge in den Libanon einzustellen, weil Vogelschwärme in die Triebwerke geraten und die Maschinen zum Absturz bringen könnten. Umweltorganisationen hatten schon lange davor gewarnt und eine dauerhafte Lösung des Müllproblems gefordert.

Zunächst signalisierte das Umweltministerium, über eine Lösung nachzudenken – allerdings nicht die Schließung der Deponie, sondern lediglich Abschreckungsmaßnahmen für die Vögel. Am 14. Januar dieses Jahres nahm sich eine Gruppe von Jägern des Problems an – angeblich bezahlt durch die Regierung in einem  von Middle East Airlines gesponserten Bus kamen sie zur Küste und schossen Tausende Vögel vom Himmel.

Dieser Zwischenfall erzürnte libanesische Umweltaktivisten und lenkte den Fokus zurück auf die weiterhin ungelöste Müllkrise von 2015. Um die Proteste einzudämmen, hatte die Regierung gegen den Widerstand der Anwohner die Wiedereröffnung einiger längst überfüllter Mülldeponien beschlossen. Das ermöglichte den Abtransport des Abfalls aus Beirut und Mount Lebanon, und nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ legten sich die Proteste, an denen Tausende teilgenommen hatten.

Umweltaktivist/innen warfen der Regierung u.a. einen Bruch der Konvention von Barcelona vor, welche das Errichten von Mülldeponien an der Mittelmeerküste untersagt.

Jedoch war es vorauszusehen, dass die neuen Deponien und der neue Plan vom damaligen Agrarminister Chehayeb die Abfallproblematik nicht auf Dauer lösen können. Um zu verstehen, warum sich die Lösungsansätze ständig zwischen der Schließung alter und der Eröffnung neuer Deponien bewegen, lohnt sich ein Blick in die Nachkriegsgeschichte des Libanon.

Am 13. Oktober 1990 marschierten libanesische und syrische Streitkräfte im Präsidientenpalast ein und General Michel Aoun gab seine Kapitulation bekannt. Damit endete nach 15 Jahren ein Krieg, der das Land beinahe vollständig zerstört hatte. Dabei wurde auch vieles der Vorkriegsordnung zerstört und neue Machtverhältnisse ersetzten alte. Das 1977 gegründete Council for Development and Reconstruction (CDR) wurde 1992 wiederbelebt und wurde zum wichtigsten Instrument für den Wiederaufbau der Infrastruktur des Landes.

Gleichzeitig waren die Arbeiten und Vorgehensweisen des CDR immer begleitet von Korruptions- und Parteilichkeitsvorwürfen. Hauptakteur in der Abfallwirtschaft des Landes ist die private Firma Sukleen, welche auf die Abfallentsorgung spezialisiert ist, allerdings wenig im Bereich Mülltrennung und –beseitigung unternimmt. Ihr wird aufgrund ihrer Näher zur Familie Hariri vorgeworfen, Ausschreibungen trotz wettbewerbsunfähiger Preise für sich zu entscheiden. So kam es, dass Sukleen 1994 in einer Ausschreibung für 3,6 Millionen US Dollar zum beinahe alleinigen Abfalldienst  im gesamten Land wurde. Schon damals stand die skandalöse Schätzung im Raum, dass eine dezentralisierte Abfallbeseitigung in den Kommunen nur die Hälfte dieser Summe gekostet hätte und Korruptionsvorwürfe wurden laut. Dennoch ist Sukleen bis heute stets alleinige Bewerberin um die Vergabe der Beiruter Müllentsorgung. Pro Tonne erhält Sukleen den Spitzenpreis von USD 150, ist jedoch gleichzeitig nur für den Abtransport, nicht für die Bereitstellung von Deponiefläche zuständig.

Schon 1997 hatte die Vetternwirtschaft im Müllsektor zu einer Krise geführt. Damals war die Mülldeponie in Bourj Hammoud nach massiver Übernutzung geschlossen worden, ohne dass die Regierung eine Alternativlösung parat hatte. Das Resultat war eine Müllkrise in den südlichen Vororten Beiruts und in der Matn-Region, bei der die Regierung mehr oder weniger offen zugab, dass sie nicht in der Lage ist, etwas anderes als neue Mülldeponien anzubieten, geschweige denn eine längerfristige Vision für das Abfallmanagement hätte.

Heute, 20 Jahre später, scheint sich ihre Geschichte des Versagens zu wiederholen. Die Costa Brava ist lediglich ein weiteres Symptom einer verfehlten Politik, welche an der Grundsituation nichts ändert: der Libanon produziert zu viel Müll, ist nicht in der Lage ihn alleine zu bearbeiten und Recycling wird so gut wie nicht betrieben. Ohne, dass die Regierung bereit ist, das Problem nachhaltig anzugehen und solange die Gesellschaft nicht sensibler mit dem Thema Abfall umgeht, wird das Land auch in Zukunft dazu verdammt sein, seine Geschichte zu wiederholen – auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.

Mohamad Hassan Mansouri

Mohamad Hassan Mansouri studierte Betriebswirtschaft und Interkulturelle Studien in Heilbronn und Kairo, sowie Volkswirtschaft und Politikwissenschaften in Marburg und Beirut.
Derzeit unterstützte er das hbs-Büro in Beirut in Wirtschaftsfragen und beschäftigte sich vorwiegend mit den wirtschaftlichen Folgen des seit 2011 anhaltenden Syrienkrieges.

Körperlichkeit in Ägypten – zwischen Tabu und Romantisierung

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[Ritesh Batra: Café Regular, Cairo on Youtube and Vimeo]

Ein Gastbeitrag von Lena El-Laymony

Ein ägyptisches unverheiratetes Paar trifft sich im „Café Regular“ in Kairo. Sie sind schon seit Längerem zusammen und etwa Mitte/Ende 20. Nach einigem Hin und Her erzählt sie ihm, sie habe im Zug Ausländer ganz offen über „Sex und Körper“ reden hören und natürlich habe sie sich nicht wohl gefühlt. Sie habe sich weggesetzt, ergänzt sie, als ihr Freund wütend wird. Sie sehe nicht aus, als würde sie sich in einer solchen Situation wegsetzen, erwidert er. Die Ausländer hätten seine Freundin beeinflusst. Sie entgegnet, wie er denn reagieren würde, wenn sie ihn fragen würde, ob sie Sex haben könnten. Er wird ungehalten und erklärt, dass das kein Thema ist, das im Café besprochen werden sollte. Obwohl beide noch zuhause wohnen – wenn er das Geld für eine eigene Wohnung hätte, wären sie längst verheiratet, betont er – überzeugt sie ihn davon, am nächsten Tag, wenn ihre Eltern unterwegs sind, bei ihr zuhause Sex zu haben. Das Problem, dass sie danach keine Jungfrau mehr ist, sei darüber hinaus nur ihr überlassen. Die Bedingungen seien: Erstens, er solle 50 rote Rosen mitbringen und diese auf dem Bett verteilen und zweitens, sie werde ihr Kopftuch anbehalten. Er findet das zwar albern, willigt schließlich jedoch ein. Sie ist gerührt, dass er das alles für sie machen würde, grinst, und verwirft schließlich die gesamte Idee.

Statistisch gesehen gehören die beiden einer Altersgruppe an, die 2016 etwa 20% der Gesamtbevölkerung entspricht (20–30 Jahre) und bereits der Titel des Kurzfilms „Café Regular“ von Ritesh Batra deutet an, dass das Paar, dass sich der Problematik der angesprochenen Themen konfrontiert sieht, kein Einzelfall ist. Auch als ich den Clip das erste Mal sah, erkannte ich einiges wieder, das ich im Laufe meiner Zeit in Ägypten wahrgenommen und erlebt habe: Ich bekam von meinem Umfeld dort zum Beispiel überraschte und enttäuschte Reaktionen, als ich den sympathischen jungen Mann auf meinem romantischen Facebookprofilbild nicht heiratete. Mir wurde klar, wie meine gleichaltrigen Verwandten und ich zwar gleichzeitig die ersten Beziehungen hatten, jedoch „Beziehung“ sehr unterschiedlich definierten – während z. B. in meinem „deutschen“ Umfeld kaum eine erste Beziehung länger als ein Jahr dauerte, stand bei den ersten Beziehungen in meinem „ägyptischen“ Umfeld immer schon die Hochzeit im Raum. Und ich lernte, dankbar zu sein dafür, dass meine Familie in Ägypten mich nicht genau fragte, welche Erfahrungen eigentlich in Deutschland mit einer (ersten) Beziehung verbunden sind, und, obwohl sie es sich vermutlich vorstellen konnten, weder werteten, noch sich jemals einmischten. Trennungen wurden – alhamdulillah – nicht in der ganzen Familie diskutiert, anders als bei manch anderen.

Erst in persönlichen Gesprächen mit ägyptischen FreundInnen merkte ich, wie stark sich eigentlich die Vorstellungen von Beziehung, Ehe, Sexualität und auch Liebe im Allgemeinen in diesen beiden Gesellschaften, die mich von klein auf prägen, unterscheiden. Ich erinnere mich an Gespräche mit einer Freundin und einem Freund zurück: Sie waren beide jeweils in einer Beziehung und damals vielleicht etwas jünger als das Paar im „Café Regular“. Wir besuchten die Zitadelle in Alexandria: Imposant thront sie über dem Mittelmeer und ihre zahlreichen kleinen Türmchen sind bekannte, wundervoll romantische Rückzugsorte für Paare, die ein bisschen Zeit füreinander haben wollen. Nachdem wir aus Versehen ein knutschendes Pärchen aufgescheucht hatten, drehte sich das Gespräch unwillkürlich um „das Thema“: Unverheiratete lebten meist noch bei ihren Eltern, weshalb die Möglichkeit der Zweisamkeit für diese jungen Paare sehr begrenzt ist. Deshalb nutzen sie Orte wie die verwinkelte Zitadelle, an denen man weitgehend ungestört bleibt. Doch an diesen Orten der Öffentlichkeit hat die Zweisamkeit ein recht schnelles Ende. Auch hier muss Verlangen gezügelt und es kann sich nur begrenzt ausprobiert werden. Ein wenig später fragte ich neugierig und ein wenig mutig nach ihren sexuellen Erfahrungen. Die Antworten waren – verglichen mit dem Durchschnitt meines deutschen Umfelds – ernüchternd: Die Erfahrungen beschränkten sich auf Küsse. Sie erklärten, dass ihre Familien zwar offen genug seien, um eine voreheliche Beziehung zu akzeptieren, doch dass alles, was über Küssen und Händchenhalten hinausgeht, sie gesellschaftlich ins Abseits befördern würde. Außerdem würde das ein schlechtes Licht auf die Familien werfen.

Aus diesem Grund gibt es, so weit ich weiß, viele junge Frauen und Männer, die ihre Beziehungen vor den Familien verheimlichen und/oder heimlich vorehelichen Sex haben. Ich selbst kenne eine Ägypterin persönlich, die sich vor ihrer Hochzeit heimlich das Jungfernhäutchen reparieren ließ. Neu ist für mich jedoch, dass sich in den letzten Jahren unverheiratete ägyptische Freundinnen mit immer persönlicheren intimen Fragen an mich wenden. Eine ganz Besondere sticht dabei immer wieder heraus: „Wie ist Sex überhaupt?“ und „Ist es so wunderschön/[beliebiges positives Attribut], wie ich es mir vorstelle?“ Aus dem fehlenden Wissen und der wohl auch fehlenden Aufklärung lässt sich schließen, dass Themen wie Sex und Sexualität in der ägyptischen Gesellschaft, einschließlich derer mit gebildeten Hintergrund, tabuisiert sind. Zu Gunsten des gesellschaftlichen Ansehens, wahrscheinlich aus Unwissen und vielleicht auch aus Angst verzichten viele Ägypter und besonders Ägypterinnen auf vorehelichen Sex.

Meist bietet nur das Internet die nötigen Informationen. Dabei sind die Suchergebnisse bezüglich Sex und Sexualität sicherlich häufig kostenlose und leicht zugängliche Pornos oder andere contents, die hinsichtlich der enthaltenen Rollenbilder zu hinterfragen wären. So schreibt z.B. der Jungdichter Muhammad el-Messiry aus Alexandria in seiner Ballade „die Schule“ über das Heranwachsen:

و ‫تزيد ‫‫التساؤلت

هو يعني ‫ايه ‫مراهقة

و ‫ليه ‫أنا ‫كبرت

‫و ‫يعني ‫ايه ‫بنت

‫و ‫يعني ‫ايه حب

‫بابا … يعني ‫ايه حب

ولد ‫حب ‫يعني

حب ‫بابا ‫حب ماما

حب ‫تيتا ‫حب ‫جدو

غير كدة ‫متحبش ‫يا ‫حبيبي […]

و ‫أدور ‫على ‫إجابات لأسألتي

عن البنت

و ملقتش ‫قدامي ‫غير النت

‫تعلمت ‫عنها ‫أسوأ ‫النظرات

و الان فهمت

لم ‫قالت ‫لها  ‫أمها ‫هذا

‫لأننا ‫بفضل ‫تربيتنا

لا نرى العالم إلا … سرير

Fragen tauchten auf:

Was bedeutet Jugend

Und warum wuchs ich

Und was bedeutet Mädchen

Und was bedeutet Liebe?

„Papa … was bedeutet Liebe?“

„Sohn, Liebe bedeutet:

Liebe zum Papa und Liebe zur Mama,

Liebe zur Oma und Liebe zum Opa.

Nur so liebt man, mein Liebling. […]

Ich suchte Antworten auf meine Fragen

Über die Mädchen

Und vor mir lag nur das Internet:

Ich fand die schlechtesten Urteile über sie

Und verstand jetzt,

Warum ihre Mutter ihr das gesagt hat.

Dank unserer Erziehung

Sehen wir in der Welt nur … ein Bett.[1]

Dieses sehr menschliche Bedürfnis so stark zu tabuisieren bedeutet jedoch selbstverständlich nicht, dass das Verlangen selbst nicht existiert, wobei die Tabuisierung zugleich zu einer romantischen Mystifizierung desselben führt. Der altbekannte Reiz des Verbotenen verbunden mit der (übertrieben) romantischen Darstellung der Hochzeit und des idealen Ehelebens als Inbegriff der Liebe lässt einen Erwartungsdruck entstehen, der wohl nicht selten in traditionellen Rollenbildern, aber auch Versagensängsten gipfelt. Dennoch fiebern die inzwischen meist zu Endzwanzigern Gewordenen der Hochzeit in ihrem romantischsten Ideal nicht zuletzt deshalb wie verrückt entgegen, weil sie ein bisher tabuisiertes oder gar verbotenes Verlangen endlich legalisiert. Enttäuschung ist vorprogrammiert, wenn das bis dato meist enthaltsame Paar eine romantische Hochzeitsnacht erwartet, doch beide nach einer ganz- (oder gar mehr-)tägigen Feier vor Nervosität und Müdigkeit kläglich daran scheitern, den Ansprüchen, den Bildern und dem Druck gerecht zu werden.

Aus diesem Zusammenspiel von Tabu, Romantisierung, Erwartung und Enttäuschung resultiert ein Kreislauf, der nicht nur privat, sondern auch gesellschaftlich, weitreichende Folgen hat und nicht nur in Ägypten, sondern auch in allen anderen Gemeinschaften: Wird den Menschen die Chance verwehrt, sich auszutauschen und Erfahrungen zu sammeln, folgt daraus Unsicherheit. In diesem Fall ist der einzige Orientierungspunkt das bereits Bekannte – das sind im spezifischen Fall der Themen Liebe, Sex, Sexualität und Ehe einerseits die Tabuisierung und andererseits die meist aus Internet, Werbung und Filmen etc. transportierten Rollenbilder. Dadurch wird bei Problemen und Unwissen das Gespräch umgangen und Enttäuschung und Unzufriedenheit machen sich breit. Das gipfelt wiederum in der Romantisierung dieser Thematik, sowie in der Suche nach weiteren Informationen und Wegen zur (sexuellen) Zufriedenheit – häufig im Internet, anstatt den Kreislauf zu durchbrechen und das Gespräch zu suchen. Somit wird die – meines Erachtens gefährliche – Dichotomie aus Tabuisierung und Romantisierung von (sexuellen) Beziehungen weitergelebt und weitergegeben.

Doch es wäre zu einfach und zu plakativ zu sagen, dies geschähe nur in Ägypten, jedoch in Deutschland (oder anderen Ländern) nicht mehr. Die Deutlichkeit, mit der mir dieses Phänomen durch die Möglichkeit des Vergleichs der beiden Länder vor Augen geführt wurde, zeigt mir erst, dass auch in Deutschland eine – vielleicht subtilere – Tabuisierung und Romantisierung bestimmter Beziehungsformen alltäglich ist: Bei genauerem Hinsehen fällt auch in Deutschland auf, dass das Bild einer romantischen, monogamen, heterosexuellen Beziehung mit Liebe und Verliebtheit bis ans Lebensende einerseits und Unwissen über alle anderen möglichen Formen von Beziehung und Liebe andererseits weiterhin verbreitet sind.

Die Tabuisierung und gleichzeitige Romantisierung des Themenfelds Beziehung, Liebe und Sexualität scheint ein gesamtgesellschaftliches und weltweites Problem zu sein; und es dürfte nicht nur deshalb eines sein, weil „sexuelles Unwissen […] häufig in hypersexuelles Verhalten und Aggressivität übersetzt [wird],“ wie die Sozialwissenschaftlerin Sophie Roznblatt in einem anderen Zusammenhang treffend erklärt. Die Freiheit Erfahrungen zu sammeln, um selbstbestimmt zu entscheiden, welche Arten von Beziehung wir leben wollen, und somit auch zu artikulieren, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen, ist ein Grundrecht, das wir uns durch die gesellschaftliche Tabuisierung einerseits und die idealisierte Romantisierung unterschiedlicher Formen von Beziehungen andererseits verwehren.

Ritesh Batra und weitere AktivistInnen, wie z.B. die Schweizägypterin Alyaa Gad mit ihrem hocharabischen Aufklärungs-Channel afham.tv (dt. „Ich verstehe“), geben jedenfalls Hoffnung auf eine Veränderung in der ägyptischen Gesellschaft, indem sie dazu aufrufen über das Thema Sex(-ualität) zumindest zu sprechen.

[1]             Als Mitglied der Dichtergruppe al-Lāmawhūb trägt der Dichter seine Gedichte mündlich vor. Eigene Übersetzung aus der Bachelorarbeit zu literarischem Engagement im postrevolutionären Ägypten.

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Lena El-Laymony

Lena El-Laymony

Lena El-Laymony ist Studentin des MA Interkulturelle Germanistik in Göttingen und studierte den BA Islamischer Orient in Bamberg. In Deutschland als Tochter einer Deutschen und eines Ägypters geboren und aufgewachsen, besucht sie jährlich ihre Familie in Ägypten. Sie ist außerdem Gründerin und Vorsitzende des Betna e.V., der sich für Frauen in Ägypten, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, einsetzt. Bei der Heinrich Böll Stiftung in Beirut forscht sie im Rahmen ihrer Masterarbeit zum Thema „Identität und Migrationserfahrung bei libanesischen RückkehrerInnen“.

Es werde Licht

(c) Bente Scheller

Besucher in manchen Beiruter Stadtteilen mögen sich über die zahlreichen kleinen Schreine auf der Straße wundern. Mal freisetehend, mal an Häusern, mal mit Glas und mal als kleine kün

Der Schrein gegenüber (c) Bente Scheller

stliche Grotten sind sie ein nicht wegzudenkender Teil des Straßenbildes.

In unserem Büro gibt es gleich im Erdgeschoß ein kleines Türchen mit Glasscheibe, hinter der man den heiligen Georg beim Sieg über den Drachen sieht, beleuchtet gelegentlich von einem elektrischen „ewigen Licht“. Die Bewohner legen hier Blumen nieder oder halten Zwiesprachen mit den beiden Madonnenstatuen.

Vielleicht haben sie, wie ich, mal  die Tür daneben geöffnet, hinter der sich die Elektroinstallationen des Hauses verbergen. Angesichts des Kabelsalats kann man nur andächtig staunen und es für ein Wunder halten, das alles funktioniert.

 

 

 

 

 

 

Die Willkür der Geburt

Szene aus Amanda Baillys Film "8 Borders, 8 Days"

Szene aus Amanda Baillys Film „8 Borders, 8 Days“

– Zum Weltbürgerrecht der Syrerinnen und Syrer –

Ein Gastbeitrag von Antonia Klein

„Das W e l t b ü r g e r r e c h t soll auf Bedingungen der allgemeinen H o s p i t a l i t ä t eingeschränkt seyn. 

Es ist hier […] nicht von Philanthropie, sondern vom Recht die Rede, und da bedeutet H o s p i t a l i t ä t (Wirtbarkeit) das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann […].“

Immanuel Kant, Dritter Definitivartikel Zum Ewigen Frieden (1795).

Die Menschheit ist zusammengewachsen. Wir alle fühlen heute die Nähe zu den Bewohnern anderer Teile der Erde: Das Internet ermöglicht es uns, unmittelbar an ihrem Leben teilzunehmen und aus Berlin, zum Beispiel, können wir in nur fünf Stunden auf die Kanarischen Inseln fliegen, oder, ähnliche Entfernung, nach Damaskus, wenn dort nicht gerade Krieg wäre. Wir nehmen dadurch das einzelne Individuum mehr und mehr als eigene Persönlichkeit, losgelöst von seiner Nationalität, wahr. An die einst gezogenen Staatsgrenzen denken wir nicht mehr. Wir, das sind wir Europäerinnen und Europäer.

Wie sieht so eine Grenze eigentlich aus? Vor ein paar Jahren wäre es den Jüngeren unter uns schwer gefallen, diese Frage zu beantworten. Mit Grenzen hatte man in Europa seit Eröffnung des Schengen-Raums im Jahr 1995 nicht mehr viel am Hut. Auch die Grenzbarrieren von Staaten außerhalb unserer Gemeinschaft sind dank des gerngesehenen europäischen Tourismus mehr als dezenter Fingerzeig denn als Abschreckungsmaßnahme ausgestaltet.

Erst mit der Syrienkrise spürt der europäische Bürger, wie lieb ihm diese eigentlich schon vergessene Trennlinie ist. Wie es sich für Nicht-Europäerinnen und Europäer anfühlt, diese Grenzen zu überqueren, zeigt Amanda Bailly in ihrer Dokumentation 8 Borders, 8 Days, in der sie die Syrerin Sham und ihre zwei Kinder auf ihrem Weg von der Türkei nach Deutschland begleitet. Der Film zeigt nur Ausschnitte der Gewalt der Grenzbeamten gegen die Geflüchteten: An den Grenzen scharen sich die Menschen. Sie tragen nur ein bisschen Stoff auf der Haut und einen kleinen Koffer in der Hand. Die Menge schiebt und drängt. Auf der anderen Seite stehen die staatlichen Sicherheitsbeamten drohend mit ihren Schlagstöcken, die Menschen drängen weiter, über die Grenze, und die Polizei schlägt zu. Es ist Gewalt gegen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, um nicht im Bombenhagel unterzugehen.

Ich kenne diese Bilder bereits aus Zeitung und Fernsehen. Aber heute, während ich Amandas Film in einem Beiruter Café zwischen Syrern und Libanesen sitzend anschaue, wird ein Gefühl in mir besonders stark: Ich möchte mich von meinem Europäerinnendasein lösen. Auf keinen Fall möchte ich mit diesem politischen System in Verbindung gebracht werden, das, angefeuert durch die immer weiter nach rechts kippende Bevölkerung, diese Menschenrechtsverletzungen verübt.

Natürlich ist es den Leuten um mich herum egal, wo ich herkomme. Ich kann schließlich nichts dafür, Europäerin zu sein. Ich kann, jedenfalls solange ich mich klar gegen dieses Handeln positioniere, nichts dafür, wie sich viele meiner europäischen Landsleute verhalten – ich bin ja auch nur ein Mensch, zufällig in Deutschland geboren.

Gleichzeitig wird etwas anderes deutlich: Nicht nur ich kann nichts dafür, in Deutschland geboren zu sein. Auch die Syrerinnen und Syrer können nichts dafür, in Syrien geboren zu sein. Und, jedenfalls der größte Teil der Bevölkerung, der sich nicht an den Kämpfen beteiligt, sondern nur vor einem unterdrückenden System und einem Krieg, bei dem kein Ende in Sicht ist, Schutz sucht, kann nichts dafür, wie sich die Kampfparteien verhalten und dass Russland und die USA über Waffenruhe feilschen als werde der Krieg tatsächlich ihrer Interessen wegen geführt.

Auf welcher Grundlage nehmen wir uns nun heraus, uns vor diesen Menschen, die vor Krieg fliehen, zu verschließen? Was wollen wir vor ihnen schützen, das es rechtfertigt, ihm den Vorrang gegenüber dem Leben dieser Menschen einzuräumen? Wir sind doch auch nur zufällig in Europa geboren. Warum also messen wir der Herkunft dieser Frauen, Männer und Kinder, die zu uns kommen, so viel Bedeutung bei?

Wem gehört die Welt?

Der Lebensraum auf unserer Erde ist begrenzt. Wir müssen akzeptieren, dass wir nur zufällig an einem bestimmten Ort der Welt geboren werden und dass wir alle Bewohner der Welt sind, Bürger der Welt, Weltbürger. Als solchen steht uns die Erdoberfläche gleichermaßen zu. Freilich müssen wir berücksichtigen, dass Menschen nicht nur Weltbürger, sondern gleichzeitig Staatsbürger sind. Das Recht, sich anderen Menschen gegenüber auf den Staat und seine Grenzen zu berufen, endet aber dann, wenn diese in ihrer Heimat nicht mehr sicher leben können. Fällt ein Ort als bewohnbarer Platz auf der Erde weg, müssen die Menschen in anderen Teilen der Welt zusammenrücken, um der nunmehr staatsgebietslosen Bevölkerung weiterhin ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Im Falle Syriens kann niemand leugnen, dass der Staat keinen sicheren Ort mehr für Menschen bietet. Wir müssen daher endlich aufhören, das Weltbürgerrecht nur zu unserem Vorteil zu nutzen und den Syrerinnen und Syrern gegenüber unsere Staatsgrenzen zu verriegeln. Vielleicht fällt dies leichter, wenn wir uns vor Augen führen, dass auch wir nur zufällig Europäer sind und jede und jeder einzelne von uns auch zufällig in Syrien hätte geboren sein können.

Antonia Klein

Antonia Klein

Antonia Klein studierte Jura und Philosophie in Tübingen und
Aix-en-Provence. Seit Beginn ihres Rechtsreferendariats setzte sie sich für Geflüchtete in Berlin ein. Den Herbst 2016 verbrachte sie bei der Heinrich Böll Stiftung in Beirut, um die rechtliche Situation de Geflüchteten im Libanon näher zu betrachten, wo seit Beginn des Krieges mehr als 1,5 Millionen Syrerinnen und Syrer Schutz gesucht haben.

Die Armee der Zerstrittenheit

armeederzerstrittenheitAls 2003 die iranische Anwältin Shirin Ebadi mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, trank ich gerade Tee mit einem älteren syrischen Menschenrechtsanwalt in Damaskus, der das sich gar nicht darüber freuen konnte: „Ich habe jahrelang im Gefängnis verbracht, und sie kriegt den Friedensnobelpreis?“ empörte er sich. Deutlicher hätte man nicht machen können, unter welchen Bedingungen die syrische Opposition seit Hafez al-Assads Putsch 1970 lebte und arbeitete: Unter Hafez al-Assad und Bashar wurden Zehntausende für ihre Geisteshaltung und politischen Aktivitäten zu Verbrechern erklärt,  verschleppt, verhaftet, gefoltert und ermordet. Weit über zwanzig Jahre verbrachte der Kommunist Riad Turk unter verschiedenen Regimen Syriens in Haft und verbrachte sein Leben danach weitgehend im Untergrund; andere erholten sich nie von den im Gefängnis erlittenen Misshandlungen und die meisten von ihnen bekamen keinen Pass und keine Ausreiseerlaubnis.

Doch das Regime verfügte noch über andere Mittel: Mindestens ebenso wichtig wie die physische Einschüchterung der Untertanen war es, Misstrauen zu säen – zu kooptieren, Privilegien ohne Erklärung zu geben und wieder zu entziehen und Gerüchte zu streuen. Daraus entstand der „Wettbewerb des Leidens“, wie er sich in des Anwalts Missgunst gegenüber Shirin Ebadi niederschlug: Nicht selten wurden Oppositionelle, die weniger Zeit hinter Gittern verbracht hatten, von anderen kritisch beäugt: „All seine Brüder waren in Haft, aber er ist immer noch auf freiem Fuß?“ – Rasch wurde argwöhnt, die Betreffenden seien gar keine „echten“ Oppositionellen sondern Spitzel für das Regime.

So, wie das Regime sich in den eigenen Reihen absicherte, in dem die Wichtigkeit einer Person sich nicht allein aus einem bestimmten Amt ableitete, sondern auch oder sogar mehr aus ihrer Loyalität gegenüber dem Präsidenten, trieb es erfolgreich Keile zwischen seine echten und vermeintlichen Gegner.

Aus diesem historischen Erbe erklärt sich, warum nicht aus dem brutal und absichtlich geschaffenen Nichts plötzlich eine geeinte Opposition hervorgeht – kompatibel mit westlichen Erwartungen, anerkannt im eigenen Land und mit einem klaren Programm.

Hinzu kommen fünf Jahre, in denen europäische Staaten, die USA, die Golfstaaten, die Türkei und einige andere selbst sich keinesfalls einig waren: was sie von der syrischen Opposition wollen, wie viel sie bereit sind, dafür selbst zu leisten und auf welchem Wege.

Einigkeit wäre immer notwendiger gewesen, je weiter der Konflikt fortschritt, denn die Gegner der Opposition mehrten sich: Sowohl ISIS als auch das Regime sahen in der Opposition ihren Hauptfeind, so dass diese zwischen den beiden Fronten aufgerieben wurde, um nur einige zu nennen.

Je grausamer das Regime den Widerstand niederschlug, desto weitere Abgründe klafften jedoch auch zwischen politischen und militärischen Akteuren der Opposition, zwischen Vertretern eines gewaltfreien (und vom Regime besonders unerbittlich verfolgten) Widerstands und bewaffneten Gruppen. So verständlich es ist, dass viele in Sysrien wie im Westen sich gewünscht hätten, dass die friedlich begonnene Revolution auch so bleibt: Wie, angesichts der brutalen Niederschlagung? Für viele derjenigen, die in den letzten Jahren zu Waffen gegriffen haben, war es buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Oder, wie der Zahnarzt und Schriftsteller Assaf Alassaf es in seinem Roman „Abu Jürgen“ seinem fiktiven Ich in den Mund legt: „Von Jesus und Deir ez-Zor (habe ich gelernt), dass ich, wenn ich dem, der mich geschlagen hat, meine linke Wange hinhalte, ihm gleichzei­tig einen Kopfstoß geben muss, von dem er sich nicht wie­der aufrappeln kann, … sonst drischt er einfach unendlich weiter auf mich ein.“

Viele Aktivistinnen wissen um die Schwäche, die aus der Uneinigkeit resultiert, und sehen sich doch nicht in der Lage etwas dagegen zu tun. Das nutzen das Regime und seine Unterstützer weidlich aus. Schon lange fordern sie, dass sich moderate von extremistischen Rebellengruppen nicht nur distanzieren, sondern auch im physischen Sinne Abstand nehmen, was an vielen Orten schlicht nicht machbar ist.

Nachbarorte werden gezielt gegeneinander aufgewiegelt, in dem nach Jahren der Belagerung punktuell an einem mehr Schmuggel toleriert oder doch ein Hilfskonvoi  zugelassen wird – oder in dem mit den derzeitigen ethnischen Säuberungen um Damaskus herum Tausende Kämpfer und Zivilisten nach Idlib gezwungen werden – wo sie nicht unbedingt als Unterstützung sondern auch als zusätzliche Last angesehen werden.

Angesichts der hoffnungslosen Lage hat sich eine Gruppe nun satirisch geäußert und im Stile der Myriaden bewaffneter Gruppen mit bedrohlich schillernden Namen eine weitere ins Leben gerufen: „Die Armee der Zerstrittenheit“. „Spaltet euch!“ fordert sie, „denkt lokal!“ – „Desertiert und gründet neue Formationen, selbst wenn ihr nur ein oder zwei Kämpfer seid!“ – „Wir fordern all unsere Konkurrenten auf, jegliche Einigungsbemühungen einzustellen und gefälligst Hass zu säen, damit wir gemeinsam die vollständige Zerstörung von Ghouta erleben können“, ätzt die Gruppe und droht, alle militärischen Avancen mit Waffengewalt niederzuschlagen. Im Gegenzug bietet sie an, allen neuentstehenden Splittergruppen ein eigenes Statement zu schreiben.

Drei Farben: knallbunt, blutrot, leichenblass

#I_Love_Damascus auf Twitter

#I_Love_Damascus auf Twitter

Ein Beitrag von Alisha Molter und Bente Scheller

„I love Damascus“ – Syrien ist tot, es lebe Damaskus. Glaubt man einem Regime-Werbevideo, gaben sich am Wochenende Tausende junge Menschen in Damaskus in einem offensichtlich eigens dafür entworfenen und verteilten Outfit einem Farbrausch hin, ein großes Fest für die Damaszener, inszeniert vom syrischen Regime.

Die Farben, die in die Menschenmenge gesprüht werden, erinnern an Holi, das hinduistische Fest, mit dem der Sieg des Guten über das Böse gefeiert wird und die Zerstörung der Dämonin Holika – also etwas positiv konootiertes. Von sportlicher Betätigung sind keine Bilder überliefert, und doch scheint die Damaszener Inszenierung an die kommerziellen „Color Runs“ anknüpfen zu wollen, die in den letzten Jahren als Mini-Marathons „zwecks Gesundheit und Glückseligkeit“ vermarktet werden.  „Die syrische Jugend entscheidet sich für das Leben“ frohlockt die christliche Organisation „SOS Chretiens d’Orient“ stolz auf Twitter. Christlichen Werte wie Nächstenliebe und Respekt scheinen in weite Ferne gerückt.

In dem Vido geben sich Jugendliche einem Farbrausch hin, den wir mit einem Leben jenseits von schwarz und weiß assoziieren, einem bunten, vielfältigen Leben fernab der dunklen Realität, mit denen SyrerInnen zu tun haben, die außerhalb der regimekontrollierten Gebiete leben: mit dem Grau des Staubs, der sich nach Fassbomben senkt, den schwarz in den Himmel ragenden Ruinen, wo Brandbomben das Leben ausgelöscht haben und dem Tiefrot des Blutes, mit dem Kinder, Frauen und Männer nach jedem Angriff überströmt sind. Kaum fünf Kilometer entfernt sterben Menschen, Syrerinnen und Syrer, die politische Reformen gefordert haben und damit unweigerlich auf die schwarze Liste des Regimes gelangt sind.

In seiner derzeitigen Version in Syrien wird der Color Run gemischt mit der Liebe zu einer fraglos wunderbaren Stadt und erhält dabei doch einen bitteren Beigeschmack.
Nicht zuletzt, weil „Liebe“ in Syrien seit langem kein rein privater Begriff ist, war doch die Erwartung der Regierung an die Staatsbürger nicht darauf beschränkt, die Verfassung und ihre Institutionen zu respektieren: Schon Hafez al-Assad legte größten Wert darauf, dass die Untertanen ihm persönlich mehr Respekt zollen als dem Staat, der Verfassung und seinen Institutionen. Sein Personenkult manifestierte sich in Plaketten, Reliefs, Wandmalereien – schon am Flughafen wurde allen Besuchern mit Plakaten klargemacht, dass sie hier „Suriya al-Assad“, „Assads Syrien“ betraten.

Zahlreiche Devotionalien mit dem Schriftzug „I love Bashar“ überfluteten nach dem Machtantritt seines Sohns Bashar die Märkte, und nach 2011 waren sie die Referenz für Spötter, die Regimeanhänger despektierlich als „Minhibbakjis“ – „Ich liebe dichs“ bezeichnen. Schon vor einer formellen Teilung ist Syrien gespalten, was sich auch in dem Motto der Veranstaltung manifestiert: „I love Syria“ gibt es hier nicht mehr, nur noch „I love Damaskus“.

Der Krieg ist völig ausgeblendet in der I Love Damascus-Kampagne. Das Massensterben, Elend und Hungern in den umliegenden Gebieten und der Völkermord, der derzeit in Aleppo an den eigenen Landsleuten begangen wird, rücken die Partystimmung der jugendlichen Damaszener Loyalisten in ein makaberes Licht. Anteilnahme oder zu mindestens Taktgefühl für die Situation der anderen Syrer, die einst Teil ihres Syriens waren, gibt es nicht. Das Geräusch von Rotoren, für viele Syrer eine Ankündigung des Tods, der sie mit irregulären Waffen aus dem Himmel heimsucht, ist eingeflochten in die Techno-Hits, die das Video untermalen. „Wenn dass das Damaskus ist, das ihr liebt… dann hasse ich Damaskus“ schreibt @ysyriana, ein Gegner der Aktion, bei Twitter.

Bei Facebook folgen viele dem Aufruf und lassen sich mit einem der „I love Damascus“ T-shirts ablichten. Auch unter Exil-Syrern, jenen die aus Damaskus, aus Gesamtsyrien, vertrieben und verstoßen wurden und vielleicht nie wieder zurückkehren dürfen, ist das Video populär. Ihre Liebe zu Damaskus gilt jedoch selten der Party-Szene, die an diesem Wochenende in der Hauptstadt in den Vordergrund gerückt wird – es ist der Duft des Jasmins, ihre Freunde, Nachbarn und Eltern, die sie mit der Stadt verbinden, und alles was sie sich wünschen, ist noch einmal durch die Straße zu laufen, in der sie aufgewachsen sind.

Und die Menschen aus Aleppo? Ihre Kindheitserinnerungen werden gerade in Schutt und Asche gelegt. Ost-Aleppo wird, laut Schätzungen der UN, Ende 2016 komplett zerstört sein.
Und was kommt dann? Die makabere Trauerfeier des Regimes in Aleppo, kaum, dass die letzte totbringende Bombe auf ein Wohnhaus gefallen ist – ein Leichenschmaus bei dem Regimeanhänger ihre Champagnergläser erheben und T-Shirts tragen, auf denen steht: „We loved Aleppo“.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Gute Beine, schlechte Beine? Burkini vs. Speedos

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

 

 

Ein Gastbeitrag von Brandie Podlech

Libanons Strände sind bekanntermaßen nicht nur Orte der Erholung, des Exzesses und der Balz, sondern auch Austragungsorte von Deutungskämpfen. Schlagzeilen machen dabei vor allem rassistische Zutrittsverbote für Hausangestellte und „people of colour.“ Offenbar herrschen derzeit an den Küsten Frankreichs Strandprobleme anderer Natur und auch fernab des Ozeans schlägt das Thema hohe Wellen: die richtige Bademode für die Frau.

Wie überall in der Welt ist es im Libanon als Frau nicht leicht, sich für das passende Strandoutfit zu entscheiden – einerseits will man möglichst wenigen Balzversuchen ausgesetzt sein, andererseits aber auch modisch auf dem aktuellen Stand bleiben. Momentan ist der Trend hier eher „weniger ist mehr“.

Eines ruhigen Sonntags im Monat Ramadan war ich mit Freunden, darunter Marwan, dessen Bild diesen Artikel ziert, an einem recht menschenleeren Strand. Wir hatten uns bereits ins Wasser gestürzt – drei Männer und eine Frau –, da musste der Strandaufseher aufgebracht rufend und winkend für Ordnung sorgen. Doch nicht mein Bikini war das Problem. Er hatte ausgemacht, worin die tatsächliche Bedrohung bestand: in Marwans Körper, genauer gesagt, seiner Badehose (siehe Foto). „Das Tragen von Speedos ist hier verboten.“ Glücklicherweise mussten wir bloß 20 Minuten im Wasser warten bis ein Freund mit langen extra-Badeshorts kam und für Marwans Rettung sowie die Sicherheit der anderen Badegäste sorgte.

Daran, eine logische Erklärung zu finden, sind wir an jenem Tag gescheitert. Heute möchte ich daher einmal versuchen, eine willkürliche Sammlung von Argumenten für die jüngsten Verbote umstrittener Bademoden in Frankreich auf ein Speedos-Verbot im Libanon anzuwenden:

Leider habe ich es versäumt, den Strandaufseher dazu zu befragen. Sein Kommentar hätte wohl in etwa so gelautet: „Es geht nicht darum, das Tragen modischer Statements am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu sexuellen Orientierungen hinweist, die gegen uns Krieg führen.

Was in Europa nach „höchster Verblödungsbereitschaft mit einem zutiefst rassistischen Kern“ klingt, war am Strand von Jiyeh wohl Homophobie – und damit eine Waffe des Sexismus.


Brandie Podlech

Brandie Podlech

Brandie Podlech studierte Politikwissenschaft, Arabistik und Iranistik in München. Im Sommer 2016 forscht sie im Rahmen eines Praktikums bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut zu „Masculinities“ in libanesischen TV- und Webserien.