Archiv des Autors: Bente Scheller

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Über Bente Scheller

Bente Scheller leitet seit Mai 2012 das Büro der Stiftung in Beirut. Davor war sie Büroleiterin in Kabul. Auf Twitter: @bentescheller

Es werde Licht

(c) Bente Scheller

Besucher in manchen Beiruter Stadtteilen mögen sich über die zahlreichen kleinen Schreine auf der Straße wundern. Mal freisetehend, mal an Häusern, mal mit Glas und mal als kleine kün

Der Schrein gegenüber (c) Bente Scheller

stliche Grotten sind sie ein nicht wegzudenkender Teil des Straßenbildes.

In unserem Büro gibt es gleich im Erdgeschoß ein kleines Türchen mit Glasscheibe, hinter der man den heiligen Georg beim Sieg über den Drachen sieht, beleuchtet gelegentlich von einem elektrischen „ewigen Licht“. Die Bewohner legen hier Blumen nieder oder halten Zwiesprachen mit den beiden Madonnenstatuen.

Vielleicht haben sie, wie ich, mal  die Tür daneben geöffnet, hinter der sich die Elektroinstallationen des Hauses verbergen. Angesichts des Kabelsalats kann man nur andächtig staunen und es für ein Wunder halten, das alles funktioniert.

 

 

 

 

 

 

Die Willkür der Geburt

Szene aus Amanda Baillys Film "8 Borders, 8 Days"

Szene aus Amanda Baillys Film „8 Borders, 8 Days“

– Zum Weltbürgerrecht der Syrerinnen und Syrer –

Ein Gastbeitrag von Antonia Klein

„Das W e l t b ü r g e r r e c h t soll auf Bedingungen der allgemeinen H o s p i t a l i t ä t eingeschränkt seyn. 

Es ist hier […] nicht von Philanthropie, sondern vom Recht die Rede, und da bedeutet H o s p i t a l i t ä t (Wirtbarkeit) das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann […].“

Immanuel Kant, Dritter Definitivartikel Zum Ewigen Frieden (1795).

Die Menschheit ist zusammengewachsen. Wir alle fühlen heute die Nähe zu den Bewohnern anderer Teile der Erde: Das Internet ermöglicht es uns, unmittelbar an ihrem Leben teilzunehmen und aus Berlin, zum Beispiel, können wir in nur fünf Stunden auf die Kanarischen Inseln fliegen, oder, ähnliche Entfernung, nach Damaskus, wenn dort nicht gerade Krieg wäre. Wir nehmen dadurch das einzelne Individuum mehr und mehr als eigene Persönlichkeit, losgelöst von seiner Nationalität, wahr. An die einst gezogenen Staatsgrenzen denken wir nicht mehr. Wir, das sind wir Europäerinnen und Europäer.

Wie sieht so eine Grenze eigentlich aus? Vor ein paar Jahren wäre es den Jüngeren unter uns schwer gefallen, diese Frage zu beantworten. Mit Grenzen hatte man in Europa seit Eröffnung des Schengen-Raums im Jahr 1995 nicht mehr viel am Hut. Auch die Grenzbarrieren von Staaten außerhalb unserer Gemeinschaft sind dank des gerngesehenen europäischen Tourismus mehr als dezenter Fingerzeig denn als Abschreckungsmaßnahme ausgestaltet.

Erst mit der Syrienkrise spürt der europäische Bürger, wie lieb ihm diese eigentlich schon vergessene Trennlinie ist. Wie es sich für Nicht-Europäerinnen und Europäer anfühlt, diese Grenzen zu überqueren, zeigt Amanda Bailly in ihrer Dokumentation 8 Borders, 8 Days, in der sie die Syrerin Sham und ihre zwei Kinder auf ihrem Weg von der Türkei nach Deutschland begleitet. Der Film zeigt nur Ausschnitte der Gewalt der Grenzbeamten gegen die Geflüchteten: An den Grenzen scharen sich die Menschen. Sie tragen nur ein bisschen Stoff auf der Haut und einen kleinen Koffer in der Hand. Die Menge schiebt und drängt. Auf der anderen Seite stehen die staatlichen Sicherheitsbeamten drohend mit ihren Schlagstöcken, die Menschen drängen weiter, über die Grenze, und die Polizei schlägt zu. Es ist Gewalt gegen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, um nicht im Bombenhagel unterzugehen.

Ich kenne diese Bilder bereits aus Zeitung und Fernsehen. Aber heute, während ich Amandas Film in einem Beiruter Café zwischen Syrern und Libanesen sitzend anschaue, wird ein Gefühl in mir besonders stark: Ich möchte mich von meinem Europäerinnendasein lösen. Auf keinen Fall möchte ich mit diesem politischen System in Verbindung gebracht werden, das, angefeuert durch die immer weiter nach rechts kippende Bevölkerung, diese Menschenrechtsverletzungen verübt.

Natürlich ist es den Leuten um mich herum egal, wo ich herkomme. Ich kann schließlich nichts dafür, Europäerin zu sein. Ich kann, jedenfalls solange ich mich klar gegen dieses Handeln positioniere, nichts dafür, wie sich viele meiner europäischen Landsleute verhalten – ich bin ja auch nur ein Mensch, zufällig in Deutschland geboren.

Gleichzeitig wird etwas anderes deutlich: Nicht nur ich kann nichts dafür, in Deutschland geboren zu sein. Auch die Syrerinnen und Syrer können nichts dafür, in Syrien geboren zu sein. Und, jedenfalls der größte Teil der Bevölkerung, der sich nicht an den Kämpfen beteiligt, sondern nur vor einem unterdrückenden System und einem Krieg, bei dem kein Ende in Sicht ist, Schutz sucht, kann nichts dafür, wie sich die Kampfparteien verhalten und dass Russland und die USA über Waffenruhe feilschen als werde der Krieg tatsächlich ihrer Interessen wegen geführt.

Auf welcher Grundlage nehmen wir uns nun heraus, uns vor diesen Menschen, die vor Krieg fliehen, zu verschließen? Was wollen wir vor ihnen schützen, das es rechtfertigt, ihm den Vorrang gegenüber dem Leben dieser Menschen einzuräumen? Wir sind doch auch nur zufällig in Europa geboren. Warum also messen wir der Herkunft dieser Frauen, Männer und Kinder, die zu uns kommen, so viel Bedeutung bei?

Wem gehört die Welt?

Der Lebensraum auf unserer Erde ist begrenzt. Wir müssen akzeptieren, dass wir nur zufällig an einem bestimmten Ort der Welt geboren werden und dass wir alle Bewohner der Welt sind, Bürger der Welt, Weltbürger. Als solchen steht uns die Erdoberfläche gleichermaßen zu. Freilich müssen wir berücksichtigen, dass Menschen nicht nur Weltbürger, sondern gleichzeitig Staatsbürger sind. Das Recht, sich anderen Menschen gegenüber auf den Staat und seine Grenzen zu berufen, endet aber dann, wenn diese in ihrer Heimat nicht mehr sicher leben können. Fällt ein Ort als bewohnbarer Platz auf der Erde weg, müssen die Menschen in anderen Teilen der Welt zusammenrücken, um der nunmehr staatsgebietslosen Bevölkerung weiterhin ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Im Falle Syriens kann niemand leugnen, dass der Staat keinen sicheren Ort mehr für Menschen bietet. Wir müssen daher endlich aufhören, das Weltbürgerrecht nur zu unserem Vorteil zu nutzen und den Syrerinnen und Syrern gegenüber unsere Staatsgrenzen zu verriegeln. Vielleicht fällt dies leichter, wenn wir uns vor Augen führen, dass auch wir nur zufällig Europäer sind und jede und jeder einzelne von uns auch zufällig in Syrien hätte geboren sein können.

Antonia Klein

Antonia Klein

Antonia Klein studierte Jura und Philosophie in Tübingen und
Aix-en-Provence. Seit Beginn ihres Rechtsreferendariats setzte sie sich für Geflüchtete in Berlin ein. Den Herbst 2016 verbrachte sie bei der Heinrich Böll Stiftung in Beirut, um die rechtliche Situation de Geflüchteten im Libanon näher zu betrachten, wo seit Beginn des Krieges mehr als 1,5 Millionen Syrerinnen und Syrer Schutz gesucht haben.

Die Armee der Zerstrittenheit

armeederzerstrittenheitAls 2003 die iranische Anwältin Shirin Ebadi mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, trank ich gerade Tee mit einem älteren syrischen Menschenrechtsanwalt in Damaskus, der das sich gar nicht darüber freuen konnte: „Ich habe jahrelang im Gefängnis verbracht, und sie kriegt den Friedensnobelpreis?“ empörte er sich. Deutlicher hätte man nicht machen können, unter welchen Bedingungen die syrische Opposition seit Hafez al-Assads Putsch 1970 lebte und arbeitete: Unter Hafez al-Assad und Bashar wurden Zehntausende für ihre Geisteshaltung und politischen Aktivitäten zu Verbrechern erklärt,  verschleppt, verhaftet, gefoltert und ermordet. Weit über zwanzig Jahre verbrachte der Kommunist Riad Turk unter verschiedenen Regimen Syriens in Haft und verbrachte sein Leben danach weitgehend im Untergrund; andere erholten sich nie von den im Gefängnis erlittenen Misshandlungen und die meisten von ihnen bekamen keinen Pass und keine Ausreiseerlaubnis.

Doch das Regime verfügte noch über andere Mittel: Mindestens ebenso wichtig wie die physische Einschüchterung der Untertanen war es, Misstrauen zu säen – zu kooptieren, Privilegien ohne Erklärung zu geben und wieder zu entziehen und Gerüchte zu streuen. Daraus entstand der „Wettbewerb des Leidens“, wie er sich in des Anwalts Missgunst gegenüber Shirin Ebadi niederschlug: Nicht selten wurden Oppositionelle, die weniger Zeit hinter Gittern verbracht hatten, von anderen kritisch beäugt: „All seine Brüder waren in Haft, aber er ist immer noch auf freiem Fuß?“ – Rasch wurde argwöhnt, die Betreffenden seien gar keine „echten“ Oppositionellen sondern Spitzel für das Regime.

So, wie das Regime sich in den eigenen Reihen absicherte, in dem die Wichtigkeit einer Person sich nicht allein aus einem bestimmten Amt ableitete, sondern auch oder sogar mehr aus ihrer Loyalität gegenüber dem Präsidenten, trieb es erfolgreich Keile zwischen seine echten und vermeintlichen Gegner.

Aus diesem historischen Erbe erklärt sich, warum nicht aus dem brutal und absichtlich geschaffenen Nichts plötzlich eine geeinte Opposition hervorgeht – kompatibel mit westlichen Erwartungen, anerkannt im eigenen Land und mit einem klaren Programm.

Hinzu kommen fünf Jahre, in denen europäische Staaten, die USA, die Golfstaaten, die Türkei und einige andere selbst sich keinesfalls einig waren: was sie von der syrischen Opposition wollen, wie viel sie bereit sind, dafür selbst zu leisten und auf welchem Wege.

Einigkeit wäre immer notwendiger gewesen, je weiter der Konflikt fortschritt, denn die Gegner der Opposition mehrten sich: Sowohl ISIS als auch das Regime sahen in der Opposition ihren Hauptfeind, so dass diese zwischen den beiden Fronten aufgerieben wurde, um nur einige zu nennen.

Je grausamer das Regime den Widerstand niederschlug, desto weitere Abgründe klafften jedoch auch zwischen politischen und militärischen Akteuren der Opposition, zwischen Vertretern eines gewaltfreien (und vom Regime besonders unerbittlich verfolgten) Widerstands und bewaffneten Gruppen. So verständlich es ist, dass viele in Sysrien wie im Westen sich gewünscht hätten, dass die friedlich begonnene Revolution auch so bleibt: Wie, angesichts der brutalen Niederschlagung? Für viele derjenigen, die in den letzten Jahren zu Waffen gegriffen haben, war es buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Oder, wie der Zahnarzt und Schriftsteller Assaf Alassaf es in seinem Roman „Abu Jürgen“ seinem fiktiven Ich in den Mund legt: „Von Jesus und Deir ez-Zor (habe ich gelernt), dass ich, wenn ich dem, der mich geschlagen hat, meine linke Wange hinhalte, ihm gleichzei­tig einen Kopfstoß geben muss, von dem er sich nicht wie­der aufrappeln kann, … sonst drischt er einfach unendlich weiter auf mich ein.“

Viele Aktivistinnen wissen um die Schwäche, die aus der Uneinigkeit resultiert, und sehen sich doch nicht in der Lage etwas dagegen zu tun. Das nutzen das Regime und seine Unterstützer weidlich aus. Schon lange fordern sie, dass sich moderate von extremistischen Rebellengruppen nicht nur distanzieren, sondern auch im physischen Sinne Abstand nehmen, was an vielen Orten schlicht nicht machbar ist.

Nachbarorte werden gezielt gegeneinander aufgewiegelt, in dem nach Jahren der Belagerung punktuell an einem mehr Schmuggel toleriert oder doch ein Hilfskonvoi  zugelassen wird – oder in dem mit den derzeitigen ethnischen Säuberungen um Damaskus herum Tausende Kämpfer und Zivilisten nach Idlib gezwungen werden – wo sie nicht unbedingt als Unterstützung sondern auch als zusätzliche Last angesehen werden.

Angesichts der hoffnungslosen Lage hat sich eine Gruppe nun satirisch geäußert und im Stile der Myriaden bewaffneter Gruppen mit bedrohlich schillernden Namen eine weitere ins Leben gerufen: „Die Armee der Zerstrittenheit“. „Spaltet euch!“ fordert sie, „denkt lokal!“ – „Desertiert und gründet neue Formationen, selbst wenn ihr nur ein oder zwei Kämpfer seid!“ – „Wir fordern all unsere Konkurrenten auf, jegliche Einigungsbemühungen einzustellen und gefälligst Hass zu säen, damit wir gemeinsam die vollständige Zerstörung von Ghouta erleben können“, ätzt die Gruppe und droht, alle militärischen Avancen mit Waffengewalt niederzuschlagen. Im Gegenzug bietet sie an, allen neuentstehenden Splittergruppen ein eigenes Statement zu schreiben.

Drei Farben: knallbunt, blutrot, leichenblass

#I_Love_Damascus auf Twitter

#I_Love_Damascus auf Twitter

Ein Beitrag von Alisha Molter und Bente Scheller

„I love Damascus“ – Syrien ist tot, es lebe Damaskus. Glaubt man einem Regime-Werbevideo, gaben sich am Wochenende Tausende junge Menschen in Damaskus in einem offensichtlich eigens dafür entworfenen und verteilten Outfit einem Farbrausch hin, ein großes Fest für die Damaszener, inszeniert vom syrischen Regime.

Die Farben, die in die Menschenmenge gesprüht werden, erinnern an Holi, das hinduistische Fest, mit dem der Sieg des Guten über das Böse gefeiert wird und die Zerstörung der Dämonin Holika – also etwas positiv konootiertes. Von sportlicher Betätigung sind keine Bilder überliefert, und doch scheint die Damaszener Inszenierung an die kommerziellen „Color Runs“ anknüpfen zu wollen, die in den letzten Jahren als Mini-Marathons „zwecks Gesundheit und Glückseligkeit“ vermarktet werden.  „Die syrische Jugend entscheidet sich für das Leben“ frohlockt die christliche Organisation „SOS Chretiens d’Orient“ stolz auf Twitter. Christlichen Werte wie Nächstenliebe und Respekt scheinen in weite Ferne gerückt.

In dem Vido geben sich Jugendliche einem Farbrausch hin, den wir mit einem Leben jenseits von schwarz und weiß assoziieren, einem bunten, vielfältigen Leben fernab der dunklen Realität, mit denen SyrerInnen zu tun haben, die außerhalb der regimekontrollierten Gebiete leben: mit dem Grau des Staubs, der sich nach Fassbomben senkt, den schwarz in den Himmel ragenden Ruinen, wo Brandbomben das Leben ausgelöscht haben und dem Tiefrot des Blutes, mit dem Kinder, Frauen und Männer nach jedem Angriff überströmt sind. Kaum fünf Kilometer entfernt sterben Menschen, Syrerinnen und Syrer, die politische Reformen gefordert haben und damit unweigerlich auf die schwarze Liste des Regimes gelangt sind.

In seiner derzeitigen Version in Syrien wird der Color Run gemischt mit der Liebe zu einer fraglos wunderbaren Stadt und erhält dabei doch einen bitteren Beigeschmack.
Nicht zuletzt, weil „Liebe“ in Syrien seit langem kein rein privater Begriff ist, war doch die Erwartung der Regierung an die Staatsbürger nicht darauf beschränkt, die Verfassung und ihre Institutionen zu respektieren: Schon Hafez al-Assad legte größten Wert darauf, dass die Untertanen ihm persönlich mehr Respekt zollen als dem Staat, der Verfassung und seinen Institutionen. Sein Personenkult manifestierte sich in Plaketten, Reliefs, Wandmalereien – schon am Flughafen wurde allen Besuchern mit Plakaten klargemacht, dass sie hier „Suriya al-Assad“, „Assads Syrien“ betraten.

Zahlreiche Devotionalien mit dem Schriftzug „I love Bashar“ überfluteten nach dem Machtantritt seines Sohns Bashar die Märkte, und nach 2011 waren sie die Referenz für Spötter, die Regimeanhänger despektierlich als „Minhibbakjis“ – „Ich liebe dichs“ bezeichnen. Schon vor einer formellen Teilung ist Syrien gespalten, was sich auch in dem Motto der Veranstaltung manifestiert: „I love Syria“ gibt es hier nicht mehr, nur noch „I love Damaskus“.

Der Krieg ist völig ausgeblendet in der I Love Damascus-Kampagne. Das Massensterben, Elend und Hungern in den umliegenden Gebieten und der Völkermord, der derzeit in Aleppo an den eigenen Landsleuten begangen wird, rücken die Partystimmung der jugendlichen Damaszener Loyalisten in ein makaberes Licht. Anteilnahme oder zu mindestens Taktgefühl für die Situation der anderen Syrer, die einst Teil ihres Syriens waren, gibt es nicht. Das Geräusch von Rotoren, für viele Syrer eine Ankündigung des Tods, der sie mit irregulären Waffen aus dem Himmel heimsucht, ist eingeflochten in die Techno-Hits, die das Video untermalen. „Wenn dass das Damaskus ist, das ihr liebt… dann hasse ich Damaskus“ schreibt @ysyriana, ein Gegner der Aktion, bei Twitter.

Bei Facebook folgen viele dem Aufruf und lassen sich mit einem der „I love Damascus“ T-shirts ablichten. Auch unter Exil-Syrern, jenen die aus Damaskus, aus Gesamtsyrien, vertrieben und verstoßen wurden und vielleicht nie wieder zurückkehren dürfen, ist das Video populär. Ihre Liebe zu Damaskus gilt jedoch selten der Party-Szene, die an diesem Wochenende in der Hauptstadt in den Vordergrund gerückt wird – es ist der Duft des Jasmins, ihre Freunde, Nachbarn und Eltern, die sie mit der Stadt verbinden, und alles was sie sich wünschen, ist noch einmal durch die Straße zu laufen, in der sie aufgewachsen sind.

Und die Menschen aus Aleppo? Ihre Kindheitserinnerungen werden gerade in Schutt und Asche gelegt. Ost-Aleppo wird, laut Schätzungen der UN, Ende 2016 komplett zerstört sein.
Und was kommt dann? Die makabere Trauerfeier des Regimes in Aleppo, kaum, dass die letzte totbringende Bombe auf ein Wohnhaus gefallen ist – ein Leichenschmaus bei dem Regimeanhänger ihre Champagnergläser erheben und T-Shirts tragen, auf denen steht: „We loved Aleppo“.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Gute Beine, schlechte Beine? Burkini vs. Speedos

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

 

 

Ein Gastbeitrag von Brandie Podlech

Libanons Strände sind bekanntermaßen nicht nur Orte der Erholung, des Exzesses und der Balz, sondern auch Austragungsorte von Deutungskämpfen. Schlagzeilen machen dabei vor allem rassistische Zutrittsverbote für Hausangestellte und „people of colour.“ Offenbar herrschen derzeit an den Küsten Frankreichs Strandprobleme anderer Natur und auch fernab des Ozeans schlägt das Thema hohe Wellen: die richtige Bademode für die Frau.

Wie überall in der Welt ist es im Libanon als Frau nicht leicht, sich für das passende Strandoutfit zu entscheiden – einerseits will man möglichst wenigen Balzversuchen ausgesetzt sein, andererseits aber auch modisch auf dem aktuellen Stand bleiben. Momentan ist der Trend hier eher „weniger ist mehr“.

Eines ruhigen Sonntags im Monat Ramadan war ich mit Freunden, darunter Marwan, dessen Bild diesen Artikel ziert, an einem recht menschenleeren Strand. Wir hatten uns bereits ins Wasser gestürzt – drei Männer und eine Frau –, da musste der Strandaufseher aufgebracht rufend und winkend für Ordnung sorgen. Doch nicht mein Bikini war das Problem. Er hatte ausgemacht, worin die tatsächliche Bedrohung bestand: in Marwans Körper, genauer gesagt, seiner Badehose (siehe Foto). „Das Tragen von Speedos ist hier verboten.“ Glücklicherweise mussten wir bloß 20 Minuten im Wasser warten bis ein Freund mit langen extra-Badeshorts kam und für Marwans Rettung sowie die Sicherheit der anderen Badegäste sorgte.

Daran, eine logische Erklärung zu finden, sind wir an jenem Tag gescheitert. Heute möchte ich daher einmal versuchen, eine willkürliche Sammlung von Argumenten für die jüngsten Verbote umstrittener Bademoden in Frankreich auf ein Speedos-Verbot im Libanon anzuwenden:

Leider habe ich es versäumt, den Strandaufseher dazu zu befragen. Sein Kommentar hätte wohl in etwa so gelautet: „Es geht nicht darum, das Tragen modischer Statements am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu sexuellen Orientierungen hinweist, die gegen uns Krieg führen.

Was in Europa nach „höchster Verblödungsbereitschaft mit einem zutiefst rassistischen Kern“ klingt, war am Strand von Jiyeh wohl Homophobie – und damit eine Waffe des Sexismus.


Brandie Podlech

Brandie Podlech

Brandie Podlech studierte Politikwissenschaft, Arabistik und Iranistik in München. Im Sommer 2016 forscht sie im Rahmen eines Praktikums bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut zu „Masculinities“ in libanesischen TV- und Webserien.

Nominiert: Syrische Kandidaten für die Goldene Himbeere!

Das syrische Staatsfernsehen gibt auch weniger talentierten Schauspielern eine Chance.

Das syrische Staatsfernsehen gibt auch weniger talentierten Schauspielern eine Chance.

„Sagen Sie, wie viele Unterstützter hat denn Assad eigentlich noch?“ werde ich oft bei Vorträgen gefragt. Die Frage ist meist rhetorisch gemeint und dient den Fragenden, um ihre eigenen Theorien oder Verschwörungstheorien über die Entwicklungen in Syrien zum Besten zu geben. Oft hängen sie dem vorrevolutionären Syrien nach, allerdings einer romantisierten Version, bei der sie – aus Unkenntnis, Ignoranz oder bewusst – ausblenden, dass es auch damals schon ein Unrechtsstaat war, in dem willkürliche Verhaftungen, Folter, Unterdrückung und Diskriminierung an der Tagesordnung waren.

Die schlimmste Begegnung war die mit einer selbsterklärten Pazifistin in Berlin, die darauf beharrte, Assad sei doch gar nicht so schlecht. Sie stellte die Zehntausenden Foltertoten der letzten Jahre, im heute veröffentlichten Bericht von Amnesty International auf 18.000 geschätzt, nicht in Frage, sondern sah sich durch diese bestätigt: Irgendjemand „müsse das ja schließlich machen“, viele Opfer hieße auch viele Folterknechte, ergo: so unpopulär sei das Regime gar nicht.

Was soll ich sagen? „Auch, wenn es in Deutschland sogar bis heute Neonazis gibt, bin ich froh, dass das Hitler-Regime 1945 gestürzt wurde“? Oder: „Unter den Kriegsgewinnlern sind seine Anhänger sogar immer zahlreicher geworden“? Jeder Despot hat eine Gefolgschaft. Es gibt auch diejenigen, die keine glühenden Anhänger sind, aber keinen anderen Ausweg sehen, weil sie vor den Rebellen oder Daesh mehr Angst haben; es gibt die, denen jahrelang eingeredet worden ist „die anderen“ seien lediglich darauf aus, sie zu töten. Aber das kann kein Argument sein, dem Massenmord und der Vertreibung von Millionen zuzusehen, oder schlimmer noch: diese zu verteidigen. Angesichts der beleidigten und beleidigenden Ausdrücke, die in dieser Diskussion auftauchen, habe ich manchmal den Eindruck, Assad habe unter den Linken und den Rechten in Europa vielleicht sogar mehr Anhänger als im eigenen Lande.

Da es selbst wenn man nur den offiziellen Verlautbarungen des Regimes folgt, schwierig geworden ist, etwas Positives an seinem Vorgehen zu finden, waren im Zuge der Belagerung Ost-Aleppos die „Fluchtkorridore“ ein großes Thema. Das Regime und seine Verbündeten behaupteten, mittels dieser Zivilisten und Rebellen freies Geleit aus der belagerten Stadthälfte zu gewähren. Tatsächlich erhielten die Bewohner an keiner Stelle die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. Die Korridore und mithin die Flüchtenden gab es lediglich im syrischen und russischen Fernsehen.

Unkritisch übernahmen deutsche Fernsehsendern die Bilder und verbreiteten den Mythos der Fluchtmöglichkeiten, während Nutzer sozialer Medien bei der fadenscheinigen Inszenierung längst genauer hingesehen hatten: Ein Mann, der in einem russischen Video lediglich herumsteht und ganz offensichtlich weder Flüchtling noch Aufständischer ist, tritt im syrischen Fernsehen als „Rebell“ auf, der sich unterwürfigst ergibt und sich freut, dass er nicht nur seine Waffen niederlegen und „in den Schoß der syrischen Nation“ zurückkehren dürfe, sondern auch gleich Teil der Armee werden.

Den würde ich als ganz heißen Kandidaten für die Goldene Himbeere nominieren. Gleich danach vielleicht die „Gefangenen“, die in einem Video mitspielen, das das Regime im Mai 2016 veröffentlichte, als es die Kontrolle über das Gefängnis in Hama  nach einem Gefangenenaufstand wiedererlangt hatte. Während angebliche Gefängnisinsassen, so wohlgenährt und sauber, wie man sie von anderen Bildern aus syrischen Haftanstalten nicht kennt, im Hof Assad lobpreisen, hört man im Hintergrund die echten Gefangenen „Freiheit, Freiheit, Bashar raus“ skandieren, so laut, dass der Moderator die Bande im Hof noch mal auffordert, lauter zu brüllen, um die Sprechchöre der echten Gefangenen zu übertönen. Auf den dritten Platz könnte es vielleicht „Syriens empörtester Passant“ schaffen, der „zufällig“ immer wieder Zeuge von Anschlägen wurde und auch in verschiedenen anderen Rollen, mal in Uniform, mal in zivil auftauchte.

Wenn mich das nächste Mal jemand fragt, wie viele Anhänger Assad noch hat, werde ich einfach auf das Video verweisen: offensichtlich nicht mal genug, um zwei kurze Fernsehclips mit unterschiedlichen Statisten zu besetzen.

Ohne Heinrich läuft nichts

Wohl allen RepräsentantInnen der politischen Stiftungen passiert es, dass sie miteinander verwechselt werden oder dass man annimmt, der Stiftung sitze die Person vor, die ihr den jeweiligen Namen gegeben hat. „Lieber Heinrich Böll …“ beginnen manche Briefe, die wir erhalten, und auch die Bemerkung: „Ach, seid ihr auch eine von den Friedrich-Stiftungen“ habe ich schon gehört.

Heute will ich beim libanesischen Innenministerium, konkret der General Security, eine Einladung für einen syrischen Gast abgeben. Die Zuständigen sind sehr hilfsbereit, aber zwischendrin, beim Wechsel von einem Gebäude ins nächste, laufe ich einem Wachmann in die Arme, der meint, auch inhaltlich prüfen zu müssen, ob ich dort richtig sei. Er fleddert die Papiere durch, zuoberst das Einladungsschreiben, das mit „Heinrich Böll Stiftung lädt ein …“ beginnt.

Er: „Bist du Heinrich?“ – Ich: „Nein, ich bin Bente, ich arbeite für Heinrich …“ – Er: „Heinrich muss schon selbst erscheinen, kannst gleich wieder verschwinden.“ – Ich: „Heinrich hat unserer Stiftung nur den Namen gegeben, sehen Sie, hier ist festgehalten, dass ich die Repräsentantin bin.“ – Er: „Wenn Heinrich hier nicht persönlich auftaucht, wird das nichts.“ – Ich: „Heinrich ist tot.“ – Er: „Du kannst keinen Toten in den Libanon bringen, was soll die Einladung?“

Verschwörung wittern, feiern, spotten – Brexit in der Levante

Facebook-Meme "Lebxit"

Facebook-Meme „Lebxit“

ISIS feiert, Muqtada Sadr wittert eine amerikanisch-israelische Verschwörung und der Libanon reißt Witze: Das britische Referendum für einen Austritt aus der EU ist kaum ein (ernstes) Thema unter arabischen Kommentatoren der Levante. Die Europäische Union, komplex wie sie ist, ist schon den eigenen BürgerInnen stets ein wenig abstrakt geblieben. So ist es kein Wunder, wenn sie in der Nachbarschaft auch eher mit einer Mischung aus Staunen und Unverständnis wahrgenommen wird, und dementsprechend auch ein so folgenreicher Schritt wie die Abkehr eines wichtigen Mitgliedsstaates nicht als das politische Erdbeben erfasst wird, das es in Europa selbst ausgelöst hat.

Zudem verblassen angesichts des Kriegs in Syrien und Irak und der akuten Bedrohung, die davon für die Region ausgeht, politische Fragen, die an anderen Orten der Welt gerade relevant sein mögen.

Den meisten libanesischen Medien ist das Thema keinen eigenen Kommentar wert. Sie haben im Wesentlichen Agenturmeldungen übernommen. Die Daily Star-Autorin Dana Halawi befasst sich mit den Auswirkungen des Brexit auf den Libanon. Kurzfristig vorteilhaft, aber langfristig negativ lautet ihre Einschätzung. Das libanesische Pfund ist an den Dollar gebunden. Wenn der Brexit also den Euro schwäche, würden die Importe aus Europa – rund 30% der libanesischen Importe – günstiger. Langfristig jedoch würden all die libanesischen Investoren in Großbritannien am Wertverfall ihrer Objekte leiden, schließt Halawi aus ihren Gesprächen mit einer Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern.

Rubina Abu Zeinab-Chahine, Geschäftsführerein der Hariri-Stiftung für nachhaltige menschliche Entwicklung, beschreibt den Austritt als tragisch, legt die Vorteile und die Schwächen der EU über ihre Geschichte hin da und wendet sich dann den europäischen Mittelmeer-Partnerschaften zu: „Die Europäische Mittelmeer-Partnerschaft, vor 21 Jahren aus der Taufe gehoben, war der erste Ansatz der EU zu einer umfassenden gemeinsamen Politik für den nahen Osten, die die Grundlage für neue regionale Beziehungen werden sollte, und darauf ausgerichtet war, Frieden zu stiften, Sicherheit, nachhaltige Entwicklung und besondere Beziehungen zwischen der EU und dem Libanon zu etablieren. In einem so komplizierten Kontext voller Herausforderungen wie heute: Was bedeutet es für den Mittelmeerraum und den Libanon, wenn sich ihre Nachbarschaft ändert?“ Leider erörtert sie diese Frage nicht weiter.

Weniger akademisch und mehr verschwörungstheoretisch geht der hochrangige irakische schiitische Geistliche Muqtada al-Sadr das Thema an. Er warnt vor einer fragmentierten EU als Folge des Brexit und beschuldigte die USA und Israel, dahinter zu stecken. Ihm zufolge stellte die „mächtige EU“ eine Bedrohung der Vormachtstellung der USA „und ihres Stiefsohns Israel“ dar. Der Brexit sei ein erster Schritt, mit denen diese die EU zu schwächen versuchten.

Dass das britische Referendum die EU schwächt, veranlasst auch ISIS, sich die Hände zu reiben. Die Terrororganisation forderte ihre Anhänger zu Anschlägen in Europa auf, um es vollends lahmzulegen.

Gänzlich unernst verläuft die Debatte auf Libanons sozialen Medien. Schon gleich nach dem Referendum machte ein Plakat die Runde, auf dem stand, „Können wir, als Libanesen, dafür stimmen, den Nahen Osten zu verlassen?“ Manche LibanesInnen sehen sich eher Europa als dem Nahen Osten zugehörig. Insbesondere in einigen christlichen Kreisen betrachtet man Europa augenscheinlich als eine Art erweitertes Wohnzimmer des Libanons. Hatte ich erwartet, dass die meisten Libanesen die Resettlement-Politik Europas wenn dann als unzureichend kritisieren, bekam ich von Angehörigen der libanesischen Rechten neulich gesagt, Deutschland sollte doch auf sie hören und bloß keine Syrer mehr reinlassen. Sie fühlten sich als Teil des „christlichen Abendlandes“, das sie durch die Zuwanderung von, wie sie sagten „Arabern“, gefährdet sahen, sicherlich die Sicht einer kleinen Gruppe, aber dennoch präsent.

Doch es ist ein weitverbreitetes Gefühl, dass der Libanon durch seine als unwirtlich bis feinselig empfundene Nachbarschaft daran gehindert wird, sein volles Potential zu entfalten. Dass wiederum veranlasste einen Aktivisten der libanesischen Zivilgesellschaft zu einem öffentlichen Aufstöhnen auf Facebook:  “Können alle bitte aufhören, den “Kann Libanon darüber abstimmen, ob es aus dem Nahen Osten austreten will“-Witz weiterzuverbreiten?“ schrieb Georges Azzi, Direktor der Arab Foundation for Equality, „Erstens gibt es keine Institution namens „Naher Osten“, weder politisch noch wirtschaftlich noch als irgendeine Art von Abkommen. Es gibt keinen „Austritt“. Zweitens, wenn das Ziel ist, physisch aus dem Nahen Osten herauszukommen, könnt ihr anfangen zu graben. Aber wann immer ihr fertig wäret:  Nabhi Berri [Parlamentspräsident seit 1992] wäre noch immer Parlamentspräsident, Michel Aoun und sein Günstling Bassil würden noch immer alles daran setzen, das Präsidentenamt an sich zu reißen, und [der Geschäftsmann] Hariri würde an der damit neu entstandenen Küste in der Bekaa-Ebene Lizenzen an private Firmen verkaufen, damit diese dort neue schicke Strandressorts bauen können. Drittens werden sich die einzelnen Konfessionen des Libanons spinnefeind sein, wo auch immer in der Welt sie sich befinden. Viertens hat Korruption nichts mit unseren Nachbarländern  zu tun. Also hört auf, andere für eure Probleme verantwortlich zu machen.“

Gesucht: Hafez al-Assad

YouTube Preview ImageRegelmäßig werden in Deutschland Artikel über Namen veröffentlicht, die Standesämter nicht zulassen. Ob „Pepsi“ oder „Pumuckl“ – der Staat möchte die Kinder vor Spott und Verunglimpfung schützen, die die Namenswahl ihrer Eltern eventuell mit sich bringen würde. In anderen Ländern sind der Namensgebung weniger Grenzen gesetzt, dabei kann es natürlich auch eine schwere Bürde sein, nach prominenten Figuren benannt zu werden.

Vor einigen Wochen hat die syrische oppositionelle Webseite Zaman al-Wasl einen Artikel über Syrer veröffentlicht, die nach dem ehemaligen Präsidenten Hafez al-Assad oder seinem eigentlich fürs Präsidentenamt vorgesehenen Sohn Bassel, benannt sind, der 1994 bei einem Autounfall ums Leben kam. Fast alle Hafez‘ und Basels, um die es hier geht, kommen aus dem syrischen Nordosten,  kein einziger aus Assads Heimatregion an der Küste. Was sie jenseits der pikanten Benennung verbindet: Sie sind alle zur Fahndung ausgeschrieben, zwölf „Hafez al-Assads“ und sieben „Bassel al-Assads“. Einer, weil er desertiert sei, einer, weil er den Militärdienst verweigert habe – über die anderen ist nicht bekannt, weswegen sie gesucht werden.

Während es schon unangenehm sein mag, einen solch eindeutig besetzten Namen zu tragen, wie mag es wohl sein, einen Fahndungsbefehl mit Namen auszustellen, die niemand in den Dreck ziehen darf? Ein „Bashar al-Assad“ taucht auf den Listen nicht auf, vielleicht, weil er nie populär genug war, dass Leute ihre Kinder nach ihm benennen wollten –  oder, weil niemand sich traut, auch nur einen Namnesvetter zur Fahndung auszuschreiben.

Hafez – Bassel – Bashar, die heilige Dreifaltigkeit der syrischen Plakatwände. Damit Bashar neben dem zum weisen Staatsmann stilisierten Hafez und dem als bärtigem Muskelprotz dargestellten Bassel nicht zu lächerlich aussah, hüllte der Ikonenmaler oft alle drei in unkleidsamen Flecktarn und versuchte, Bashar mittels einer aufgepinselten verspiegelten Sonnenbrille Autorität zu verleihen.

Allgegenwärtig waren in Syrien Assad-Statuen, Assad-Plaketten, Assad-Poster – letztere gern mit den immer gleichen Leitsprüchen versehen, damit man nicht vergessen konnte, wie das Regime sein Land sah: als Besitz. „Willkommen in Assads Syrien“ sprang es einem schon am Flughafen entgegen. Den Personenkult und die inszenierten Huldigungen karikierte die syrische Organisation Bidayyat in dem Video: „Ich liebe den Tod.“ Die schauspielerischen Leistungen der Satiriker stehen denen der syrischen Parlamentarier bei der offiziellen Bekanntgabe des Todes von Hafez al-Assad im Jahr 2000 in nichts nach. 

„Ja – bis in alle Ewigkeit“ lautete ein gängiger Slogan, das „a“ im „Ja“ zum Herz geformt. Irgendwann reichte auch das nicht mehr. Wie der libanesische Intellektuelle Elias Khoury festhält: „Aber die despotische Fantasie von Präsident Assad Senior übertraf die aller seiner Vorgänger: Irgendwann las man auf den Jubeltransparenten nicht mehr nur ‚Assad auf ewig‘, sondern er wurde mit ‚Präsidenten auf ewig und die Zeit danach‘ tituliert. Was nach der Ewigkeit kommt, hatte ich mir nie vorstellen können. Erst seitdem ich sehe, wie Baschar al-Assad die Ewigkeit seines Vaters praktiziert, indem er Syrien niederbrennen und zerstören lässt, und indem er sich jetzt, im Anschluss an die Ewigkeit, erneut zur Wahl gestellt hat, um nun weiter über die Ruinen zu regieren, verstehe ich, was damit gemeint gewesen sein könnte. ‚Assad oder wir brennen das Land nieder‘.“

Daneben nimmt es sich geradezu schlicht aus, dass eine syrische Familie ihrem Sohn den Slogan  „Ja zu Hafez al-Assad“ als Namen gegeben hat.

Bassekou Kouyate, der König der Ngoni

Bassekou Kouyate (c) Marwan Tahtah, mit freundlicher Genehmigung

Bassekou Kouyate (c) Marwan Tahtah, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Schwarze sieht man im Libanon nicht oft. Und wenn, dann sind es die Hausangestellten der Nachbarn, die, die den Balkon putzen, den Hund ausführen oder ein kleines weißes Kind an der Hand halten. Insofern ist das Konzert des international renommierten Musikers Bassekou Kouyate aus Mali etwas ganz besonderes. „Wir hoffen, dass das für den Libanon Außergewöhnliche zur Normalität wird!“ leitet die Direktorin des Springfestivals Hanane Hajj Ali, einen Turban aus afrikanischen Tüchern auf dem Kopf, das Konzert ein und fragt sogleich nach den Nationalitäten des Publikums. Libanesen, Spanier, Italiener, Ägypter, Senegalesen, Syrer, Franzosen und Briten sitzen im Saal und waren auf den Auftritt des Musikers und seiner Band Garana Roots.

Dann erklingen die ersten Töne Westafrikas in Beirut und bringen den Saal zum schwingen. Kaum einen hält es an diesem Abend auf seinem Platz, wenn der charmante „King of Ngoni“ Bassekou Kouyate das dreisaitige Instrument spielt, als sei es eine E-Gitarre.

Seine Worte sind oft politisch und enthalten eine Botschaft an die westlichen Kolonialmächte: „Wir weigern uns mit westlichen Instrumenten zu spielen. Wir spielen immer noch mit unseren traditionellen Instrumenten.“ Und schon beweist Bassekou, dass man auch mit einer Ngoni, Westafrikas ältestem Instrument, Blues spielen kann- Beirut tobt! Besonders ein paar Frauen aus Senegal, die für den heutigen Abend ihre schönsten traditionellen westafrikanischen Kleider tragen, können sich nicht länger zurückhalten und laufen vor die Bühne, in eine senegalesische Flagge eingewickelt – und tanzen sich die Füße wund.

Die Band Garana Roots hat heute ihre Weltpremiere und besteht ausschließlich aus Familienmitgliedern Bassekous: Dar wäre der Bruder, der die Percussions spielt, Bassekous Sohn an einem westafrikanischen Bassinstrument, seine Tochter, die mit ihrer Stimme heute Bassekous Frau ersetzt. Und zu guter Letzt ist da noch Bassekous Vater, sicher schon an die 90 Jahre alt, der mit solch einer Intensität singt, dass manch einer im Publikum neidisch wird, wie er ganz ohne Fitnessstudio und Botox so eine Vitalität ausstrahlen kann.

Für ein paar Stunden vergessen wir, dass wir in Beirut sind, wo Menschen mit anderer Hautfarbe oft Diskriminierungen ausgesetzt sind. Die Zuschauer tanzen miteinander und lauschen dem französischen Dialekt Malis. Doch Bassekou Kouyates Mali ist auch ein Land, das in den vergangenen Jahren große Unruhen durchlebt hat. In einem Song erzählt Bassekou, wie das traditionelle Festival du D’esert zur einzigen Bühne in Mali wurde, auf der sie spielen konnten und wie das Festival mehrmals den Veranstaltungsort ändern musste und 2014 sogar im Exil in Berlin stattfand, wegen der Bedrohung durch Rebellengruppen. Die Geschichten aus Mali erinnern an Libanons Nachbarland Syrien. „Wir hatten Leute in unserem Land, wir wussten nicht woher sie kamen. Sie waren plötzlich da. Aber jetzt sind sie zum Glück wieder weg!“ beschwört Bassekou Kouyate und lädt nach Mali ein.

Den Abschluss krönt eine afrikanische Version des kubanischen Songs „Guantanamera“, bei dem die Frauen aus Senegal sich nicht mehr zurückhaltend können und kurzerhand die Bühne stürmen. Während sie noch wild ihre Hüften schwingen, stehlen sich die Musiker schelmisch von der Bühne – nicht ohne ein letztes Augenzwinkern 😉


Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.