Archiv des Autors: Bettina Marx

Das Hotel zur schlechten Aussicht

Ein Gastbeitrag von Sylvia Mayr, Praktikantin im hbs-Büro Ramallah

Plötzlich leuchtet das weiße Telefon an der Wand auf und klingelt: “Hallo, hier spricht Dani. Ich rufe Sie im Namen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte an. Ihr Haus wird in Kürze bombardiert. Evakuieren Sie das Gebäude! Sie haben fünf Minuten!“

Mit solchen Installationen wird man beim Besuch im Museum des Walled Off Hotel in Bethlehem zum Denken angeregt. Das Hotel wurde vom bekannten britischen Graffiti-Künstler Banksy konzipiert und zum Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Balfour-Deklaration eröffnet. Er wolle sich damit “als Brite von den Entscheidungen eines Landmanns distanzieren“ und bewussten Tourismus im Heiligen Land fördern, so der Künstler.

Gleich am Eingang des Museums wird man von einer Figur eben dieses britischen Außenminister Arthur Balfour begrüßt, der an seinem Schreibtisch sitzend im Jahr 1917 das historische Dokument unterschreibt, das die Einrichtung einer „nationalen Heimstätte“ des jüdischen Volkes in Palästina befürwortete. Damit wurde die Basis für einen Konflikt gelegt, der bis heute noch keiner Lösung nahe ist. Ein Hindernis für den Friedensprozess ist die israelische Sperranlage, die sich teils als Zaun, teils als Betonmauer über 708 km erstreckt. Sie trennt jedoch nicht nur Palästinenser von Israelis, sondern durchschneidet auch an vielen Stellen palästinensisches Gebiet, trennt palästinensische Bauern von ihren Feldern und Wasserquellen und umschließt die Siedlungen, die wie israelische Enklaven Palästina durchlöchern. Von Israel als „unabdingbare Sicherheitsmaßnahme zum Schutz vor dem Terrorismus“ angesehen, von Palästinensern dagegen als  „Werkzeug zur Förderung der Apartheid zwischen Israelis und Palästinensern“ beschrieben, bringt die Mauer viele Einschränkungen mit sich und nährt das Misstrauen zwischen den beiden Völkern.

Foto (c) hbs Ramallah

Genau diese acht Meter hohe Beton-Barriere stellt für Hotelgäste die Hauptattraktion dar: beinahe jedes Zimmer ist auf die Mauer ausgerichtet, wodurch sich das Hotel bereits den Ruf erworben hat, über die  „schlechteste Aussicht der Welt“ zu verfügen. Das Ganze soll natürlich nicht ästhetisch sein, sondern auf kreative Weise die Methoden der Besatzungsmacht in Frage stellen. Vom Concierge-Affen am Eingang, ein immer wiederkehrendes Motiv im Werk des Künstlers, über die Engel mit Sauerstoffmasken die von der Decke baumeln bis hin zum Jesus-Porträt, dessen Stirn vom Laserpunkt eines Scharfschützengewehrs geschmückt ist, hat jedes Kunstwerk in der Lobby eine Bedeutung. An den Wänden hängen als Dekor Überwachungskameras und Steinschleudern  und sorgen für eine etwas zwielichtige Atmosphäre.

Was dem Hotel  trotz allem Flair verleiht ist Banksys unverkennbarer Touch und die Liebe zum Detail. Nichts ist dem Zufall überlassen:  Zu den Zimmern gelangt man durch eine versteckte Tür, die sich nur öffnet, wenn man seine Magnetkarte vor den Busen einer Statuette der Venus von Milo hält, der Aufzug ist „außer Betrieb“, weil selbst er zugemauert wurde und das „Spuk-Klavier“ gibt ganz von selbst Stücke von bekannten Komponisten wieder. Auch die Zimmer wurden  von Bansky und den Künstlern Sami Musa and Dominique Petrin gestaltet. So schmückt beispielsweise das Graffiti einer Kissenschlacht zwischen einem Palästinenser und einem israelischen Soldaten die Wand über dem Doppelbett einer Suite, während der einzige Schlafsaal des Hotels (der sich auch für weniger betuchte Gästeeignet) mit originellen Möbeln und Stockbetten aus einer Militärbarracke ausgestattet ist.

Zusätzlich zur Mauer, zur exzentrischen und kolonialen Einrichtung, zum Museum und zu einer Galerie für palästinensische Kunst gibt es gleich nebenan den „Wall Mart“ Shop, wo man Spraydosen und Schablonenmotive erwerben kann, um sich selbst als Mauerkünstler zu versuchen.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass  die Meinungen über diese besondere Herberge vollkommen widersprüchlich sind. Während manche die Idee als innovativ ansehen und die simple aber doch eindrucksvolle Portraitierung des Konfliktes als erfrischend und wirksam für durchschnittliche Touristen beschreiben, klagen andere über die vereinfachte und nicht seriöse Darstellung der dramatischen regionalen Situation. Dass es auf der Webseite des Hotels heißt, Israelis seien auch herzlich willkommen, wird von den meisten Palästinensern nicht gutgeheißen und trägt zur Kritik bei.

Immer noch verwirrt oder nicht ganz überzeugt? Seht es euch am besten selbst an! (Aber Beeilung, das Hotel ist voraussichtlich nur bis zum Ende des Balfour-Jubiläumsjahres 2017 geöffnet!)

Millionen Liter Abwässer pro Tag

Alarm im Gazastreifen! Die meisten Strände sind nicht mehr nutzbar, das Wasser durch Abwässer belastet und verseucht. Das Baden darin ein Gesundheitsrisiko. Grund dafür ist die anhaltende Stromkrise. Im letzten April musste das einzige Kraftwerk des isolierten Küstengebiets, das noch 12 Prozent des Strombedarfs decken konnte, wegen Treibstoffmangels schließen. Kurz zuvor hatte der Präsident der Autonomiebehörde in Ramallah, Mahmoud Abbas, seine Zahlungen an Israel für die Lieferung von Strom an den Gazastreifen eingestellt. Er wollte damit die in Gaza regierende Hamas dazu zwingen, sich seiner Autorität zu unterstellen.

Eine der Folgen der Energiekrise: die vier Klärwerke des Gazastreifens haben ihre Arbeit eingestellt. Nun fließen jeden Tag mehr als 110 Millionen Liter ungeklärte Abwässer ins Mittelmeer. Nach Angaben der Palestinian Environment Quality Authority (PEQA) sind inzwischen mindestens 70 Prozent der Strände des Gazastreifens verunreinigt.

Stillstand im Klärwerk am Wadi Gaza. (c) Bettina Marx

Ohne Diesel geht nichts mehr (c) Bettina Marx

Für die zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens ist das eine Katastrophe. Denn das Meer ist für die meisten von ihnen der einzige Trost in ihrem eingeschränkten und düsteren Leben. Seit Jahrzehnten sind sie eingesperrt in dem winzigen Küstenstreifen ohne Aussicht auf Freiheit und Entfaltung. Seit 2005 leben sie unter einer umfassenden und strengen Blockade, die von Israel verhängt und von der internationalen Staatengemeinschaft unterstützt wird. Auch Ägypten öffnet seine Grenze nur selten und auch dann nur für wenige Tage. Die lang anhaltenden Stromausfälle – in 24 Stunden gibt es kaum mehr als zwei Stunden lang Strom – zermürben die Palästinenser in Gaza zusätzlich. Sie können keine Lebensmittel mehr kühlen, keine Waschmaschinen betreiben, die Wasserpumpen in den Häusern funktionieren nicht mehr und von Klimaanlagen oder Ventilatoren können sie nur träumen.

Die langen Traumstrände des Gazastreifens sind daher ein beliebtes Ausflugsziel, um dem schwierigen Alltag wenigstens für einige Stunden zu entkommen: die leichte Brise verschafft den Menschen Kühlung, das Meer ist vor allem für die Kinder eine willkommene Abwechslung. Darum kümmern sich viele Strandbesucher nicht um das Badeverbot. Sie stürzen sich in die schmutzigen Fluten – und nehmen mögliche schwere Erkrankungen in Kauf.

Auch Israel ist betroffen, denn die Meeresströmung trägt die Abwässer nach Norden. In der dem Gazastreifen benachbarten Stadt Ashkelon wurde im Juli ebenfalls ein Strand wegen der hohen bakteriellen Belastung des Wassers geschlossen.

Zu Besuch in Hebron

Ein Beitrag von S., Praktikantin der hbs Ramallah

Heimatland, watan (وطن) und Siedlung, mustawtana (مستوطنة) haben im Arabischen denselben Wortstamm. Beiden Begriffen wohnt eine Konnotation der “Verwurzelung” inne: Heimat ist der Ort unserer Herkunft, dort wo wir herkommen und wo unsere Wurzeln stecken; Siedlung hingegen ist eine „Niederlassung“, ein Ort an den man nicht gebunden ist, den man erobert und sich zu eigen macht.

In der palästinensischen Stadt Hebron, südlich von Jerusalem, stoßen diese beiden Konzepte konfliktträchtig aufeinander. Vier illegale israelische Siedlungen haben sich hier im Herzen der Stadt verwurzelt und weiten sich kontinuierlich aus.

Die ersten Siedler kamen im Frühjahr 1968 in die Stadt, ein Jahr nach der israelischen Eroberung des Westjordanlandes. Sie richteten sich im Park Hotel ein, um dort das Pessach Fest zu feiern und weigerten sich später, das Hotel wieder zu verlassen. Nach einer anfänglichen Evakuierung durch die israelische Armee wurden die Siedler 1970 in eine vom israelischen Parlament genehmigte, neugegründete Siedlung außerhalb der Stadt versetzt: Qiryat Arba. Während die Siedlung immer mehr Zuwachs bekam begannen einige ihrer Einwohner, Häuser im Stadtzentrum von Hebron zu besetzen. Sie wollten die jüdische Gemeinde wieder aufbauen, die dort nach einem Massaker im Jahr 1929, im Zuge des arabischen Aufstands gegen die jüdische Zuwanderung, aufgelöst worden war.

Heute beherbergt die Stadt geschätzte 500 Siedler, aufgeteilt in die Siedlungen Tel Rumeida, Beit Hadassa, Avraham Avinu und Beit Romano, beschützt von 4000 Soldaten. Allein in der Altstadt befinden sich 12 durchgehend betriebene Checkpoints und der Zugang zur Shuhada Street, der Hauptader des alten Stadtzentrums, ist für Palästinenser gesperrt. Früher war diese Zone voller Leben und der Handel florierte, jetzt sind alle Geschäfte verriegelt und die Atmosphäre in den Gassen gleicht der einer Geisterstadt. Die wenigen palästinensischen Einwohner dieses Stadtteils besitzen eine Identifizierungsnummer, die sogar auf ihren Hauswänden aufgesprüht wurde und die ihnen erlaubt, die Zone zu betreten. Besuche von Verwandten oder Freunden von außerhalb sind allerdings nicht gestattet.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Auch wir, eine kleine internationale Gruppe unter der Führung des jungen Palästinensers Abdallah, müssen einen schwer bewachten Checkpoint passieren, um die Altstadt zu betreten. Sofort haben wir das Gefühl, dass sich die Luft mit Messern schneiden lässt. Von unserem Begleiter werden wir auf einem unebenen und improvisierten Weg durch einen versteckten Hintereingang in den Hof des Hauses der Familie Azzeh geführt. Nisreen, Witwe und Mutter von drei Kindern, gibt jedem von uns die Hand und lädt uns ein, näherzutreten, während sie ihre Erzählung beginnt.

Ihr Garten ist von einer Häuserfront israelischer Siedler umgeben, deren Angriffen die Familie täglich ausgesetzt ist: Steine und Müll werden von den oberen Stockwerken herab geworfen, rassistische Sätze auf die Mauer gesprüht, die Bäume vergiftet, die Familie wird davon abgehalten, ihre eigenen Oliven zu pflücken, und manchmal dringen sogar Soldaten in ihr Haus ein. Drei Jahre lang war die Wasserversorgung zum Haus unterbrochen und die Familie war auf gekaufte Flaschen angewiesen. Der eigentliche Hauseingang wurde blockiert, so dass die Familienmitglieder eine Zeit lang gezwungen waren, über eine sechs-Meter hohe Mauer in ihren Hinterhof zu klettern.  Zweimal schon, als Nisreen schwanger war, wurde sie von Siedlern angegriffen und sogar geschlagen. Sie ist fest davon überzeugt dass es diese gewalttätigen Vorfälle waren, die ihre beiden Fehlgeburten verursacht haben.

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Ihr unmittelbarer Nachbar ist Baruch Marzel, ein bekannter extremistischer Siedlerführer und Provokateur. In seiner Jugend war er Anhänger und Sprecher der rechtsextremistischen Organisation „Kach“, die von Israel als illegal erklärt und von den USA als Terrororganisation eingestuft wurde. In Israel ist er wegen seiner radikalen homophoben Ansichten und seines vehementen Aktivismus gegen Mischehen bekannt, in Hebron sorgen seine Gedenkfeiern für Baruch Goldstein, einen jüdisch-amerikanischer Siedler der 1994 in der Ibrahimi Moschee 29 Palästinenser beim Freitagsgebet ermordete, für großes Aufsehen. Zum ersten Mal wurde Marzel im Alter von 14 Jahren, dann mit 15 und mit 17 verhaftet. Seitdem häufen sich die Polizeiklagen aufgrund seiner gewalttätigen Angriffe auf palästinensische Einwohner, bisher wurde er aber nur einmal zur Rechenschaft gezogen und zu einer 12 monatigen Bewährungsstrafe  verurteilt. „Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, Hashem anzugreifen“, kommentiert Nisreen verbittert.

Tränen steigen ihr in die Augen, als sie von ihrem verstorbenen Mann spricht: „Hashem war immer sehr aktiv im Widerstand gegen die Siedler. Eigentlich war er Arzt, aber in seiner Freizeit begleitete er Touristengruppen durch die Stadt und erzählte ihnen von der BesatzungJede Tour endete in unserem Wohnzimmer, wo er den Besuchern Videos der letzten Geschehnisse zeigte.“

Foto: S., (c) hbs Ramallah

Durch seine Aktivität als Fremdenführer hatte er immer wieder die Aufmerksamkeit und den Ärger der Siedler auf sich gelenkt. Einmal, als in der Stadt eine größere Auseinandersetzung tobte, wurde der Garten der Familie massiv mit Tränengas beschossen. Hashem, der bereits anfällig für Herzleiden war, erlitt einen Herzinfarkt und starb. Nach Einschätzung der Ärzte wurde sein Tod durch das Tränengas hervorgerufen.

„Dem Krankenwagen wurde der Zugang zum Haus verwehrt, also blieb uns nichts anderes übrig, als Hashem eigenständig zum Checkpoint zu tragen. Die jüdischen Nachbarn sind uns sofort gefolgt und haben die Soldaten aufgefordert, das Tor zu schließen, aus Sicherheitsgründen. Fünfzehn Minuten haben wir gewartet… doch es war schon zu spät.“

Nisreen unterbricht sich, und wir bleiben stumm, denn unsere Reaktionen lassen sich nicht in Worte fassen. Doch sie will nicht, dass wir schweigen. Sie will, dass wir ihre Geschichte weitererzählen. Sie ist entschlossen, Hashems Arbeit fortzuführen und weiterhin Gruppen zu sich nach Hause einzuladen, um ihnen, durch ihre Geschichten und durch das Video-Material ihres Mannes, die Realität in Hebron zu zeigen.

 

Hungerstreik

Ein Gastbeitrag von S., Praktikantin im hbs-Büro Ramallah

Während der Mittagspause spaziere ich heute zur Abwechslung einmal in Richtung Arafat-Platz. Aus den Lautsprechern dröhnen dort seit Tagen arabische Lieder und eifriges Männergeschrei. Auch ein Zelt wurde aufgestellt, das mit Postern und Fahnen behängt ist und unter dem sich zu jeder Uhrzeit Menschen mit resignierten Gesichtern zu schweigendem Beisammensein versammeln.

Dass vor fast zwei Wochen ein Hungerstreik von palästinensischen Gefangenen in israelischer Haft ausgerufen wurde ist mir bekannt, dass dieses Zelt etwas damit zu tun hat wusste ich allerdings nicht. Jeden Tag werden hier Solidaritäts-Versammlungen und Demonstrationen abgehalten, um jenen Palästinensern, die unerreichbar weit weg, hinter den Gittern israelischer Gefängnisse einen stillen Kampf um ihre Rechte führen, eine Stimme zu verleihen.

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Zum Anlass des “Gedenktages für Palästinensische Gefangene” am 17. April haben geschätzte 1500 Palästinenser in israelischer Gefangenschaft einen kollektiven Hungerstreik mit offenem Ende ausgerufen. Anführer dieser Initiative ist der prominente Gefangene Marwan Barghouti, 57. Der Fatah-Politiker wurde im Jahr 2004, während der Zweiten Intifada von einem israelischen Militärgericht wegen Mordes und Terrorismus zu fünf lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Er selbst hat sich gegen diese Vorwürfe nicht verteidigt, weil er die Rechtmäßigkeit des Gerichts und des Prozesses nicht anerkannt hat. In der palästinensischen Gesellschaft genießt Barghouthi hohes Ansehen und wir von vielen als möglicher Nachfolger von Mahmoud Abbas gesehen.

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Unter dem Slogan „Freiheit und Würde“ prangern die Hungerstreikenden unter seiner Führung die israelischen Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Häftlinge an. Sie beklagen Folter, Isolations- und Adminstrationshaft, sowie mangelnde medizinische Versorgung, die Inhaftierung von Kindern und das Verbot von Familienbesuchen und sie verlangen substanzielle Verbesserungen der Haftbedingungen.

Zu den Forderungen der Gefangenen gehören öffentliche Telefone im Gefängnis, um die Kommunikation mit den Familien zu ermöglichen, regelmäßige Besuche (alle zwei Wochen) und eine Verlängerung der Besuchsdauer (auf 45 Minuten), angemessene medizinische Versorgung, ein menschlicherer Umgang mit den Gefangenen, die Erlaubnis, persönliche Gegenstände besitzen zu dürfen (etwa Bücher, Zeitungen oder Kleidung) und das Recht auf Bildung.

Aber wieso greifen die Häftlinge zu solch lebensbedrohlichen Mitteln, um ihre Ansprüche durchzusetzen? Die Antwort auf meine Frage bekomme ich eine Woche später bei einer großen Demonstration zur Unterstützung der Hungerstreikenden in Ramallah. Der Treffpunkt könnte nicht geeigneter sein: unter der Statue von Nelson Mandela, dem südafrikanischen Anti-Apartheidskämpfer und ersten Präsidenten des demokratischen Südafrika, sammeln sich Männer, Frauen und Jugendliche und verlangen nach seinem Beispiel Gerechtigkeit und Freiheit.

Die Demonstranten, denen ich meine Fragen stelle, erklären mir, dass dieser „rechtmäßige Ungehorsam“ ein Mittel sei, um sich gegen ein strukturiertes System der Einschränkung und Repression zu wehren und die Autorität über den eigenen Körper wiederzugewinnen. All ihrer Freiheiten beraubt bleibe ihnen nichts anderes übrig, als dazu den eigenen Körper und die eigene Gesundheit einzusetzen. Hungerstreik sei ein legitimes Widerstandsmittel, das von der World Medical Association (WMA) in ihrer Deklaration von Malta anerkannt worden sei als „Form des Protestes jener, ,, die keine andere Möglichkeit haben, ihre Forderungen bekannt zu machen“.

Der Hilferuf der Hungerstreikenden ertönt heute auf dem Nelson Mandela Platz aus den Mündern ihrer Mütter und Väter, Frauen, Männer und Kinder. Die ganze Welt soll ihn hören. Man singt, schwenkt Fahnen, eine Musikkapelle trommelt, von der Bühne aus ertönen Parolen; selbst der aus dem Gazastreifen stammende „Arab-Idol“ Star Mohammad Assaf ist hier, um Solidarität mit den Gefangenen zu demonstrieren und der Kampagne mehr mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen.

 

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Auf vielen T-Shirts prangt zudem der Hashtag #SaltWaterChallenge, eine Initiative von Aarab Marwan Barghouti, dem Sohn des Streik-Anführers. Er ruft damit dazu auf, es den Hungerstreikenden gleich zu tun und ein Glas Wasser mit Salz zu trinken. Diese Geste der Solidarität sollte, nach dem Vorbild der soegannten „Ice Bucket Challenge“, gefilmt und auf YouTube gepostet werden. Viele Prominente und weniger Bekannte sind dem Aufruf bereits gefolgt, darunter auch Mitglieder der Jewish Voice for Peace in den USA. Darüber hinaus gibt es in vielen Städten Europas und der USA Solidaritätsbekundungen, Sit-Ins und Demonstrationen. Die israelische Gefängnisverwaltung dagegen hat bislang keine Anzeichen gegeben, dass sie den Forderungen der Gefangenen nachgeben will.

 

Beautiful Trouble – Theaterworkshop im Flüchtlingslager Al Jalasoun

Herunterhängende Kabel, schmale verwinkelte Gassen, verfallendes Mauerwerk. In Al Jalasoun bei Ramallah, einem der zahlreichen Flüchtlingslager im besetzten Westjordanland, wo sich ein Haus an das andere drängt, dominieren Männer das Straßenbild. Auch ich habe während meiner Besuche im Lager nur wenige Mädchen und Frauen auf der Straße gesehen und mich – und letztendlich einige Bekannte – gefragt, wo sie wohl ihre Zeit verbringen. „Meistens sind sie zuhause“ war die häufigste Antwort, die ich bekam.

Doch heißt dies automatisch, dass Frauen hier weniger zu sagen haben? Und wer fragt sie? Wer fragt die Einwohnerinnen des Camps, ob es den Raum gibt, ihre persönliche Situation in Ruhe anzusprechen? Damit meine ich auch einen physischen Raum, der für alle Frauen zugänglich und öffentlich ist, um Gespräche zu führen, die nur mit bestimmten Menschen geführt werden wollen. Ich stelle mir das schwierig vor, auf den wenigen Quadratkilometern des Lagers, wo nahezu 10.000 Menschen leben.

Um dieser Frage nach Raum auf den Grund zu gehen, haben meine Freunde Alaa Zubaide und Jawdat Sayyeh und ich, Praktikantin der Heinrich-Böll-Stiftung Ramallah, Einwohnerinnen des Camps im Alter von 13 bis 30 Jahren zu einem eintägigen Theaterworkshop eingeladen, den wir gemeinsam und mit Unterstützung der HBS zum Thema „Theater der Unterdrückten“, organisiert haben.

Dabei haben wir die Feststellung von Hannah Arendt zum Ausgangspunkt genommen, dass Privates politisch ist und demnach Diskussionsgegenstand der Öffentlichkeit. Diese These wird praktisch angewandt im „Theater der Unterdrückten“, wie es etwa am Freedom Theater in Jenin praktiziert wird. Es speist sich aus der Logik, eigene Erfahrungen zur Grundlage von Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen. Zuschauende werden zu Darstellenden, indem sie in das Geschehen auf der Bühne eingreifen und ihren Lösungsvorschlag für das dargestellte Problem testen können.

Einen geeigneten Ort für unseren Workshop fanden wir im Women’s Programs Center, einige hundert Meter hinter dem Eingang zum Camp. Es ist ein langgestreckter zweistöckiger Bau. In der Eingangshalle würdigt ein überdimensioniertes Metallschild die ausländischen Spender der Einrichtung.

 

Jede der zwölf Mädchen und Frauen, die nun mit uns im Stuhlkreis sitzen, lebt in Al-Jalasoun. Ihre Namen will ich aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre nicht nennen.

Während der Planung des Workshops hatten wir viel darüber gesprochen, dass wir auf jeden Fall verhindern wollen, koloniale Strukturen zu reproduzieren und versuchen wollen, dem hier allgegenwärtigen Paternalismus zu entgehen. Ich möchte nicht als weiße Europäerin Frauen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager beibringen, wie sie mit Konflikten, und dann noch privaten, umzugehen haben. Daher betonen wir zu Beginn des Workshops, dass es keine starren Strukturen gibt, sondern Ablauf und Methoden flexibel sind.

Nach einer ausführlichen Vorstellungsrunde und dem einstimmigen Beschluss, dass mein Bekannter Alaa gerne als Übersetzer im Raum bleiben könne, sehen wir uns gemeinsam den Kurzfilm „Shadi in the Beautiful Well“ an. Ein palästinensischer Junge tauscht hier seine neuen Turnschuhe gegen seine geliebte Taube, die ihm von anderen Jungen im Lager gestohlen wurde, anstatt sie sich gewaltvoll zurück zu erkämpfen.

Zugegebenermaßen, ich hätte nicht erwartet, dass die Teilnehmerinnen die kurz zuvor angekündigte Flexibilität bereits so kurz nach Beginn des Workshops einfordern würden. Nach meiner anfänglichen Überforderung, spüre ich jedoch, dass dies das Richtige ist. Alaa und ich sind nun diejenigen, die zuhören.

Als nach dem Film die erste praktische Einheit beginnen soll, finden wir uns nicht wie geplant in der pantomimischen Darstellung der Konflikte wider, die vom Film auf die Realität übertragbar sind. Vielmehr wird von den Teilnehmerinnen meine Rolle hinterfragt und mit ihr eine eurozentrische Sichtweise. Diese Diskussion wird von meiner Eingangsfrage nach der Filmvorführung ausgelöst:

„Vor dem Hintergrund des Films, was bedeutet Freiheit in einem weiterem Sinne für jede Einzelne von euch?“

Die kritische Antwort einer älteren Teilnehmerin folgt blitzschnell:

“Frieden einzig und allein in mir selbst zu finden, ist für mich nicht akzeptabel. Hör zu: es gibt keinen Frieden, nur Mauern. Wie kann es Frieden geben, wenn ich in diesem Land nicht frei bin??”

Im Raum, hinter den zugezogenen, mit Blüten bestickten Vorhängen herrscht nun betretenes Schweigen. Von draußen ist der vorher nur im Hintergrund wahrnehmbare Alltagslärm deutlich zu hören. Das Herz pocht mir bis zum Hals. Jetzt habe ich es doch getan und mich in einen bis zum Rand mit Eurozentrismus gefüllten Fettnapf gesetzt. Ich habe mit meiner Frage nämlich die Besatzung beiseitegelassen, wollte mich auf vermeintlich Essentielles beschränken, auf die Freiheit jenseits der Besatzung. Im europäischen Kontext gelingt das ganz großartig. Aber hier? Nicht einmal einen Kilometer Luftlinie entfernt von der israelischen Siedlung Beit El, hier sicher nicht. Ich komme mir wahnsinnig anmaßend vor. Dabei wollte ich eigentlich „nur“ auf tieferliegende Probleme blicken, die die Teilnehmerinnen und ich, als Frauen, vielleicht etwas einfacher bearbeiten, aber seltener thematisieren können. Mir fällt es, mit meinem deutschen Pass und den dazugehörigen Privilegien, leicht die Besatzungsrealität auszublenden und über persönliche Themen wie Sexismuserfahrungen zu sprechen. Für die Frauen, deren Leben geprägt ist von Soldaten, die sie und ihre Familien aus dem Schlaf reißen, von Konfrontationen mit der israelischen Armee und ewigen Checkpoint-Kontrollen, lässt sich nicht so einfach eine Grenze zwischen innerer und äußerer Freiheit ziehen.

 

Eine junge Frau, die merkt, wie unwohl ich mich fühle, eilt mir zur Hilfe. Sie greift meine Frage auf und stellt sie selbst.

„Aber stell dir vor, Palästina würde befreit. Was müsste sich ändern, damit wir uns wirklich frei fühlten?“

Die Theatermethoden, mit denen wir eigentlich den Workshop durchführen wollten, sind in den Hintergrund gerückt. Stattdessen tauchen wir in eine spannende Diskussion um die Themen ein, die von den eingeladenen Frauen bestimmt werden. Eine dritte Teilnehmerin führt das Argument weiter:

„Ich glaube nicht an Freiheit in einem weiteren Sinne, weil es Traditionen und Gewohnheiten gibt, die die Leute einschränken. Und Frauen und Mädchen sind besonders eingeschränkt.“

„Die Enge des Camps führt zu Enge in den Köpfen!“

wirft eine Schülerin dazwischen. Rundherum zustimmendes Lachen. Für Frauen gibt es in  der palästinensischen Gesellschaft, wie in anderen Gesellschaften auch, aber erst recht in der drangvollen Enge der Flüchtlingslager, weit mehr Verhaltensregeln als für Männer. So können sich Frauen nicht einfach in Coffeeshops auf ein Pläuschchen bei Tee und Wasserpfeife treffen. Und nach sechs Uhr abends alleine auf der Straße zu sein, wird auch nicht gerne gesehen. Es ist nicht einfach, als Frau in der palästinensischen Gesellschaft Raum nur für sich selbst zu reklamieren. Die junge Schülerin fügt erklärend hinzu:

 „Es hängt von dem Mann ab, mit dem du zusammen bist. Wenn ich einen liberalen Typen hätte, würde ich mit ihm von hier wegziehen.“

Als ich die Teilnehmerinnen weniger später frage, wie sie ihre Privatsphäre beurteilen, antwortet mir eine vierfache Mutter aufgebracht: „Mauer an Mauer, Tür an Tür, Fenster an Fenster“. Das Leben auf beengtem Raum, verhindert nicht nur die physische Ausdehnung öffentlicher Begegnungsräume, sondern schafft ein Netz der sozialen Kontrolle, das abweichendes Verhalten schnell entlarvt und gegebenenfalls sanktioniert.

Moralische Bedenken gibt es in der palästinensischen Gesellschaft auch in Bezug auf Erwerbstätigkeit von Frauen. Eine Teilnehmerin berichtet, ihr Vater würde ihr nicht erlauben, außerhalb des Camps zu arbeiten, aus Sorge, sie könnte an den Checkpoints sexueller Belästigung ausgesetzt sein. Eine junge Frau, die erst vor kurzem in Finanz- und Steuerrecht  graduierte, ergänzt resigniert, dass auch sie aufgrund der Vorbehalte ihres Vaters nicht in eine andere Stadt ziehen könne. Starke Rückbesinnung auf Traditionen gibt einigen Menschen Sicherheit, wenn die Umwelt als bedrohlich wahrgenommen wird – aber sie schränkt eben auch ein.

Die Unterdrückungsmechanismen von Patriarchat und Besatzung greifen in Al Jalasoun eng ineinander. Sie zu thematisieren war ein wichtiger Schritt für uns. Noch bedeutender allerdings war die autonome Dynamik, die unser Workshop entfaltete und die zu einer solidarischen Atmosphäre führte. Die Begegnung mit den Mädchen und Frauen aus dem Flüchtlingslager Al Jalasoun war ein einzigartiges Erlebnis für mich. Für die Zukunft würde ich mir aber wünschen, dass solche Workshops nicht von einer Frau aus Europa, sondern von einer Palästinenserin selbst gegeben werden.

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Nina Siebert hat bei der hbs Ramallah ein Praktikum absolviert und studiert in Marburg Friedens-und Konfliktforschung. Sie hat während längerer Aufenthalte im Libanon und Palästina u.a. in palästinensischen Flüchtlingscamps gearbeitet und beschäftigt sich derzeit mit politischer Bildungsarbeit und kritischer Geschlechterforschung.

Farkha – das erste Öko-Dorf Palästinas

Ein Beitrag von Yara Almunaizel und Bettina Marx

Die Einwohner des Dorfes Farkha im nördlichen Westjordanland sind sich nicht einig, was der Name ihres Dorfes bedeutet. Denn das Wort „Farkha“ kann man sowohl mit Henne als auch mit Speerspitze übersetzen. Beide Bedeutungen sagen etwas über die rund 1600 Einwohner des kleinen Ortes aus. Einerseits versuchen sie – wie eine Henne – im Einklang mit der Natur zu leben und scharren im kargen Boden nach Essbarem. Andererseits wollen sie eine Speerspitze der ökologischen Bewegung in Palästina sein. Nach und nach wandeln sie ihr Dorf darum in ein Ökodorf um. Eine umweltgerechte Landwirtschaft ohne künstlichen Dünger, sparsame Nutzung der ohnehin mageren Ressourcen, Recyceln und Kompostieren von Abfällen, Aufbereitung von Nutzwasser – das sind die Pläne, mit denen sie ihr Dorf umbauen, ihre Ausgaben reduzieren und ihre Erträge steigern wollen.

Farkha liegt in der Nähe der Kleinstadt Salfit, etwa 30km nördlich von Ramallah, auf einem Hügel voller Olivenbäume. Die Mauern des Dorfes sind mit Graffiti geschmückt, darunter das berühmte Konterfei des argentinischen Revolutionärs Che Guevara. Es zeugt von der in der Region verbreiteten linken politischen Haltung.

Im Dorf gibt es zwei Schulen, zwei Kindergärten, eine Frauengemeinschaft und eine große Moschee mit einer zitronengelben Kuppel die von fast überall im Dorf zu sehen ist. Die Ruinen der alten bescheidenen Bauernhäuser am Rande des Dorfes geben einen Einblick in das Leben vor einhundert Jahren. Damals lebten die Familien zusammen mit den Nutztieren in einem Haus. Der Stall befand sich unter dem Schlafzimmer von Eltern und Kindern. Siekonnten so von der Wärme profitieren, die Schafe und Ziegen ausstrahlten. Die spärlichen Besitztümer wurden auf gemauerten Regalen gestapelt. Wer Geld hatte, ließ sich aus dem wohlhabenden Küstenort Jaffa ein Holzfenster oder einen hölzernen Kleiderschrank kommen. Heute sind die alten Häuser fast verfallen, aber die Dorfgemeinschaft plant, sie wiederherzustellen und Besuchern als eine Art Freiluftmuseum zugänglich zu machen.

Unterstützung erhalten die Dorfbewohner von zahlreichen Freiwilligen, die einmal im Jahr kommen, um bei der Aufbau- und Restaurierungsarbeit zu helfen. Seit 23 Jahren veranstaltet Farkha ein Freiwilligenfestival, zu dem jährlich rund 500 Besucher aus dem Westjordanland, aus Israel und dem Ausland kommen. Die engagierten Helfer – viele von ihnen kommen jedes Jahr wieder – legen überall mit Hand an, wo es nötig ist. Sie streichen die Klassenzimmer der Schule, sie bessern die Straßen aus und pflanzen Bäume. Und sie kochen und feiern mit den Dorfbewohnern.

40% der Bewohner von Farkha arbeiten und leben von der Landwirtschaft. Sie stellen vor allem organisches Olivenöl her, das im Dorf gepresst wird.
Saad Dagher ist Agrarwissenschaftler, der das Dorf seit Jahren auf seinem Weg zum Ökodorf unterstützt. Zusammen mit der Arabischen Gemeinschaft für Agrarwissenschaften und unterstützt durch die Heinrich-Böll-Stiftung hat er eine Studie über die soziale und ökonomische Situation von Farkha erstellt, auf deren Grundlage der Wandel vorangetrieben werden soll. Dabei hat er drei Hauptprobleme identifiziert, mit denen die Dorfbewohner konfrontiert sind: Wassermangel, die veralteten Sickergruben und die Wildschweine, die in dieser Gegend frei umherlaufen und  die Ernte zerstören. Im Islam gelten die Tiere als unrein und dürfen nicht gejagt und verzehrt werden. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie auch nicht durch Gift oder Fallen getötet werden.

Hamad Bakr, der Bürgermeister von Farkha, hat freundlich funkelnde grüne Augen und ist optimistisch, dass das Dorf eine Lösung für das Wildschweinproblem finden wird. Er selbst ist überzeugter Vegetarier, eine Seltenheit in Palästina, und setzt daher auch im Umgang mit den Wildschweinen auf Gewaltlosigkeit. Seine Mitbürger unterstützt Bakr mit Elan und Tatkraft. Farkha soll ein ökologisches Schatzkästchen im Westjordanland werden, ein Vorbild für andere Dörfer, die auf umweltfreundliche Landwirtschaft setzen wollen. Schon haben sich Interessenten aus dem Gazastreifen gemeldet, die Ideen und Innovationen für ihre eigenen Projekte übernehmen wollen. In der unter Wasserarmut und beschränktem Zugang zu Ressourcen leidenden Gegend könnte der Umstieg auf ökologische Landwirtschaft den Menschen helfen, zu überleben.

 

Palettenbänke und Reifensessel

Ein Gastbeitrag von Yara Almunaizel

Das pinkfarbene Haus von Rasha sticht einem sofort ins Auge. Schon aus der Ferne ist es zu sehen, hoch auf einem Hügel in Al Walajeh, einem 2600 Seelen Dorf bei Bethlehem. Als wir aus dem Auto steigen empfängt uns das laute Brummen einer Schleifmaschine. Eine große Wolke von Holzstaub liegt in der Luft und der beißende Geruch von frischer Farbe. Mehrere Frauen in langen Mänteln und bunten Kopftüchern haben grade eine Bank aus alten Holzpaletten fertiggestellt und sind jetzt dabei, zwei übereinander gestapelte Reifen zusammenzuschrauben, die in bunte Sessel verwandelt werden sollen. Wir treffen die Frauen im Hof von  Lubna, wo heute gezimmert, gebohrt und gemalt wird. Zweimal in der Woche treffen sich neun Frauen von Al Walajeh zum gemeinsamen Basteln und Arbeiten. Ihr Ziel ist es, ihre Gärten zu verschönern, Schaukeln und Rutschen für die Kinder und Bänke und Stühle für die Erwachsenen anzufertigen. Unterstützt werden sie von Alaa, der in Beit Sahour, einem Ort bei Bethlehem einen Recycling-Hof betreibt. „One man’s trash is another one´s treasure“, sagt Alaa, „Des einen Müll ist des anderen Schatz.“ Er zeigt den Frauen, wie man schraubt und sägt, und wir dürfen zuschauen, wie kreativ und geschickt die Frauen ihre Ideen umsetzen. Beim Anmalen der alten Autoreifen, die zu Zäunen, Pflanzkästen und Hockern umgestaltet werden, dürfen wir sogar helfen. Leuchtende Farben werden bevorzugt, gelb und grün, blau und rot und natürlich gerne immer wieder pink. Lubna serviert uns unterdessen selbstgebackenes Brot mit Labaneh, dem dicken weißen Käse aus Schafsmilch und Gemüse. Das Brot ist frisch aus dem Ofen und noch warm.
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Rasha und Lubna bei der Arbeit (Fotos von Katja Volkenant)

Die Idee, alte Autoreifen, Paletten und Plastikcontainer zu recyceln, kam von den Frauen von Al Walajeh selbst. „Am Anfang wussten sie noch nicht so genau, wie sie das anstellen sollten“, erzählt Katja Volkenant von der deutschen Organisation Kurve Wustrow, die die Frauen mit Energie und Tatkraft unterstützt. „Inzwischen aber sind sie sehr findig und haben dauernd neue Ideen.“ Jeden Sonntag und Mittwoch ist sie mit dabei, wenn die Frauen arbeiten, und sie legt auch selbst mit Hand an. Voller Stolz zeigt sie uns die Ergebnisse ihrer Arbeit. An diesem Tag werden zwei Bänke zusammengezimmert und mehrere Reifensessel zusammengeschraubt und angestrichen. Seit Beginn des Jahres haben die neun Frauen angefangen, ihre Gärten umzugestalten.  Kurve Wustrow unterstützt das Projekt mit 500 Euro pro Garten. Bis jetzt wurden schon vier Gärten angelegt. In Planung ist auch ein Spielplatz für die Kinder des Dorfes. Das Projekt ist im Dorf auf viel Aufmerksamkeit gestoßen. Viele Nachbarn schauen mit Bewunderung auf die Gärten der Frauen. „Es wird die anderen Dorfbewohner inspirieren, ihre Gärten ebenfalls zu verschönern“, sagt Alaa.

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Gleich neben Lubnas Haus liegt das pinkfarbene Haus von Rasha, das wir von schon aus der Ferne gesehen hatten. Als wir ihren bunten Garten betreten, kommen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Der Garten ist mit alten Reifen in Bonbon-Farben geschmückt, es gibt zwei Schaukeln aus aufgeschlitzten Reifen, eine Palme aus Plastikflaschen und bunte Reifensessel. Überall, wo man hinsieht, entdeckt man etwas Neues. Rasha zeigt uns stolz die Pflanzen, die sie in die Reifen gepflanzt hat und die bald zu einer grünen Hecke heranwachsen sollen. Der Garten bietet einen weiten Blick über Al Walajeh und das Westjordanland. Das von Siedlungen umzingelte Dorf liegt zu über 90% in der sogenannten C Zone, die vom israelischen Militär kontrolliert wird. Hier ist es für Palästinenser praktisch unmöglich, zu bauen. „Die meisten Häuser in Al Walajeh haben daher einen Abrissbefehl von der israelischen Armee“, erklärt uns Samia, die Frau, die das Projekt mit in die Wege geleiten hat.

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Um uns ein besseres Bild von der Situation zu verschaffen fahren wir zu Tufah, die ebenfalls im Frauenprojekt mitarbeitet. Von ihrem Dach aus sieht man die israelische Sperrmauer, die direkt am Haus vorbei führt, und dahinter die großen Häuser  der Siedlung Har Gilo. Von der anderen Seite des Daches hat man einen schönen Ausblick über die Nachbarhäuser und das Tal. Uns fällt ein riesiger Schutthaufen direkt hinter Tufahs Haus auf. „Das war einmal ein Haus“, erzählt sie uns. „Es wurde von der israelischen Armee „aus Versehen“ zerstört. Eigentlich sollte das stattliche Haus daneben abgerissen werden, vermutlich weil es den Siedlern die Aussicht über das malerische Tal versperrt. Den ehemaligen Bewohnern der Ruine ist es nicht gestattet, ihr Haus wieder aufzubauen. Solche Geschichten gibt es viele im Dorf. Viele der Familien fürchten um ihre Häuser. Wir sind geschockt und  überlegen uns, wie wir mit einer solchen Situation leben würden.
Von Tufahs Haus fahren wir weiter zu Sahar, um auch ihren Garten zu besuchen. Auch bei ihr finden wir die schon bekannten und sehr bequemen Reifensessel, jedoch sind diese nicht bunt angemalt sondern mit zusammengenähten Kaffesäcken bezogen. Sahar zieht gedeckte Farben und schlichte Formen vor. Ihren Garten nutzt sie oft zum Meditieren und findet hier zur Ruhe in der angespannten Atmosphäre von Al Walajeh.

Im Meditationsgarten von Sahar

Bald, so die Pläne der israelischen Behörden, soll das Dorf vollständig von der Mauer eingeschlossen und isoliert sein. Dann sollen die Bewohner es nur noch durch ein einziges Tor verlassen dürfen, das von der Armee kontrolliert wird. „Wenn wir dann quasi eingesperrt sind, wollen wir wenigstens ein schönes Dorf mit einladenden Gärten haben“, so die Frauen von Al Walajeh. Sie nennen ihr Projekt daher „Sumud“ – Widerstandskraft.

Al Badawi – der älteste Olivenbaum der Welt

Er heißt al Badawi – der Nomade , obwohl er mit Sicherheit noch nie seinen Standort verlagert hat. Im Gegenteil, der wohl älteste Olivenbaum der Welt steht fest verwurzelt in der steinigen Erde Palästinas, ein gewaltiger Baum mit zahlreichen Ablegern, die ihn umstehen wie die Leibwächter. Möglicherweise wuchs er in der Zeit heran, als in Ägypten die ersten Pyramiden gebaut wurden. Japanische Forscher attestieren ihm jedenfalls ein Alter von zwischen 4000 und 5000 Jahren. Benannt wurde er nach einem lokalen Weisen, Ahmed al Badawi, benannt, der vor 200 Jahren in seinem Schatten zu sitzen pflegte und dort seinen Gedanken nachhing und philosophierte. Er ist 12 Meter hoch und hat – mit seinen Ablegern – einen Durchmesser von 25 Metern. Seine Krone beschattet ein Gelände von 250 Quadratmetern.

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Heute ist Al Badwai das Wahrzeichen des kleinen Ortes al Walajeh bei Bethlehem, das sich malerisch in die von Oliven- und Nussbäumen bestandenen Hügel schmiegt. Früher verfügte Al Walajeh über mehr als zwei Dutzend Quellen, heute sind es noch zwei, die kaum noch Wasser spenden. Denn die israelischen Siedlungen, zwischen denen Al Walajeh eingeklemmt ist, rücken immer näher. Das Dorf hat schon einen großen Teil seines Landes an diese beiden Siedlungen verloren. 4209 Dunam (etwa 420 Hektar) werden zusätzlich von der israelischen Sperrmauer aufgefressen, die das Dorf schon fast vollständig umgibt. Wenn die Mauer fertiggestellt ist, wird der Ort fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten sein. Die Bewohner können ihren Ort dann nur noch durch ein einziges Tor verlassen, das von israelischen Soldaten bewacht wird. Auch der alte Olivenbaum könnte in Gefahr geraten, denn die Mauer wird nur wenige Meter an seinem Standort vorbeiführen und könnte seine Wurzeln beschädigen und das Grundwasser stören, aus dem er sich speist.

Doch noch steht er, majestätisch und gelassen, und seine Oliven spenden noch immer dickflüssiges und aromatisches Olivenöl, dem sogar Heilkräfte nachgesagt werden.