Archiv des Autors: Bettina Marx

Beautiful Trouble – Theaterworkshop im Flüchtlingslager Al Jalasoun

Herunterhängende Kabel, schmale verwinkelte Gassen, verfallendes Mauerwerk. In Al Jalasoun bei Ramallah, einem der zahlreichen Flüchtlingslager im besetzten Westjordanland, wo sich ein Haus an das andere drängt, dominieren Männer das Straßenbild. Auch ich habe während meiner Besuche im Lager nur wenige Mädchen und Frauen auf der Straße gesehen und mich – und letztendlich einige Bekannte – gefragt, wo sie wohl ihre Zeit verbringen. „Meistens sind sie zuhause“ war die häufigste Antwort, die ich bekam.

Doch heißt dies automatisch, dass Frauen hier weniger zu sagen haben? Und wer fragt sie? Wer fragt die Einwohnerinnen des Camps, ob es den Raum gibt, ihre persönliche Situation in Ruhe anzusprechen? Damit meine ich auch einen physischen Raum, der für alle Frauen zugänglich und öffentlich ist, um Gespräche zu führen, die nur mit bestimmten Menschen geführt werden wollen. Ich stelle mir das schwierig vor, auf den wenigen Quadratkilometern des Lagers, wo nahezu 10.000 Menschen leben.

Um dieser Frage nach Raum auf den Grund zu gehen, haben meine Freunde Alaa Zubaide und Jawdat Sayyeh und ich, Praktikantin der Heinrich-Böll-Stiftung Ramallah, Einwohnerinnen des Camps im Alter von 13 bis 30 Jahren zu einem eintägigen Theaterworkshop eingeladen, den wir gemeinsam und mit Unterstützung der HBS zum Thema „Theater der Unterdrückten“, organisiert haben.

Dabei haben wir die Feststellung von Hannah Arendt zum Ausgangspunkt genommen, dass Privates politisch ist und demnach Diskussionsgegenstand der Öffentlichkeit. Diese These wird praktisch angewandt im „Theater der Unterdrückten“, wie es etwa am Freedom Theater in Jenin praktiziert wird. Es speist sich aus der Logik, eigene Erfahrungen zur Grundlage von Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu machen. Zuschauende werden zu Darstellenden, indem sie in das Geschehen auf der Bühne eingreifen und ihren Lösungsvorschlag für das dargestellte Problem testen können.

Einen geeigneten Ort für unseren Workshop fanden wir im Women’s Programs Center, einige hundert Meter hinter dem Eingang zum Camp. Es ist ein langgestreckter zweistöckiger Bau. In der Eingangshalle würdigt ein überdimensioniertes Metallschild die ausländischen Spender der Einrichtung.

 

Jede der zwölf Mädchen und Frauen, die nun mit uns im Stuhlkreis sitzen, lebt in Al-Jalasoun. Ihre Namen will ich aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre nicht nennen.

Während der Planung des Workshops hatten wir viel darüber gesprochen, dass wir auf jeden Fall verhindern wollen, koloniale Strukturen zu reproduzieren und versuchen wollen, dem hier allgegenwärtigen Paternalismus zu entgehen. Ich möchte nicht als weiße Europäerin Frauen aus einem palästinensischen Flüchtlingslager beibringen, wie sie mit Konflikten, und dann noch privaten, umzugehen haben. Daher betonen wir zu Beginn des Workshops, dass es keine starren Strukturen gibt, sondern Ablauf und Methoden flexibel sind.

Nach einer ausführlichen Vorstellungsrunde und dem einstimmigen Beschluss, dass mein Bekannter Alaa gerne als Übersetzer im Raum bleiben könne, sehen wir uns gemeinsam den Kurzfilm „Shadi in the Beautiful Well“ an. Ein palästinensischer Junge tauscht hier seine neuen Turnschuhe gegen seine geliebte Taube, die ihm von anderen Jungen im Lager gestohlen wurde, anstatt sie sich gewaltvoll zurück zu erkämpfen.

Zugegebenermaßen, ich hätte nicht erwartet, dass die Teilnehmerinnen die kurz zuvor angekündigte Flexibilität bereits so kurz nach Beginn des Workshops einfordern würden. Nach meiner anfänglichen Überforderung, spüre ich jedoch, dass dies das Richtige ist. Alaa und ich sind nun diejenigen, die zuhören.

Als nach dem Film die erste praktische Einheit beginnen soll, finden wir uns nicht wie geplant in der pantomimischen Darstellung der Konflikte wider, die vom Film auf die Realität übertragbar sind. Vielmehr wird von den Teilnehmerinnen meine Rolle hinterfragt und mit ihr eine eurozentrische Sichtweise. Diese Diskussion wird von meiner Eingangsfrage nach der Filmvorführung ausgelöst:

„Vor dem Hintergrund des Films, was bedeutet Freiheit in einem weiterem Sinne für jede Einzelne von euch?“

Die kritische Antwort einer älteren Teilnehmerin folgt blitzschnell:

“Frieden einzig und allein in mir selbst zu finden, ist für mich nicht akzeptabel. Hör zu: es gibt keinen Frieden, nur Mauern. Wie kann es Frieden geben, wenn ich in diesem Land nicht frei bin??”

Im Raum, hinter den zugezogenen, mit Blüten bestickten Vorhängen herrscht nun betretenes Schweigen. Von draußen ist der vorher nur im Hintergrund wahrnehmbare Alltagslärm deutlich zu hören. Das Herz pocht mir bis zum Hals. Jetzt habe ich es doch getan und mich in einen bis zum Rand mit Eurozentrismus gefüllten Fettnapf gesetzt. Ich habe mit meiner Frage nämlich die Besatzung beiseitegelassen, wollte mich auf vermeintlich Essentielles beschränken, auf die Freiheit jenseits der Besatzung. Im europäischen Kontext gelingt das ganz großartig. Aber hier? Nicht einmal einen Kilometer Luftlinie entfernt von der israelischen Siedlung Beit El, hier sicher nicht. Ich komme mir wahnsinnig anmaßend vor. Dabei wollte ich eigentlich „nur“ auf tieferliegende Probleme blicken, die die Teilnehmerinnen und ich, als Frauen, vielleicht etwas einfacher bearbeiten, aber seltener thematisieren können. Mir fällt es, mit meinem deutschen Pass und den dazugehörigen Privilegien, leicht die Besatzungsrealität auszublenden und über persönliche Themen wie Sexismuserfahrungen zu sprechen. Für die Frauen, deren Leben geprägt ist von Soldaten, die sie und ihre Familien aus dem Schlaf reißen, von Konfrontationen mit der israelischen Armee und ewigen Checkpoint-Kontrollen, lässt sich nicht so einfach eine Grenze zwischen innerer und äußerer Freiheit ziehen.

 

Eine junge Frau, die merkt, wie unwohl ich mich fühle, eilt mir zur Hilfe. Sie greift meine Frage auf und stellt sie selbst.

„Aber stell dir vor, Palästina würde befreit. Was müsste sich ändern, damit wir uns wirklich frei fühlten?“

Die Theatermethoden, mit denen wir eigentlich den Workshop durchführen wollten, sind in den Hintergrund gerückt. Stattdessen tauchen wir in eine spannende Diskussion um die Themen ein, die von den eingeladenen Frauen bestimmt werden. Eine dritte Teilnehmerin führt das Argument weiter:

„Ich glaube nicht an Freiheit in einem weiteren Sinne, weil es Traditionen und Gewohnheiten gibt, die die Leute einschränken. Und Frauen und Mädchen sind besonders eingeschränkt.“

„Die Enge des Camps führt zu Enge in den Köpfen!“

wirft eine Schülerin dazwischen. Rundherum zustimmendes Lachen. Für Frauen gibt es in  der palästinensischen Gesellschaft, wie in anderen Gesellschaften auch, aber erst recht in der drangvollen Enge der Flüchtlingslager, weit mehr Verhaltensregeln als für Männer. So können sich Frauen nicht einfach in Coffeeshops auf ein Pläuschchen bei Tee und Wasserpfeife treffen. Und nach sechs Uhr abends alleine auf der Straße zu sein, wird auch nicht gerne gesehen. Es ist nicht einfach, als Frau in der palästinensischen Gesellschaft Raum nur für sich selbst zu reklamieren. Die junge Schülerin fügt erklärend hinzu:

 „Es hängt von dem Mann ab, mit dem du zusammen bist. Wenn ich einen liberalen Typen hätte, würde ich mit ihm von hier wegziehen.“

Als ich die Teilnehmerinnen weniger später frage, wie sie ihre Privatsphäre beurteilen, antwortet mir eine vierfache Mutter aufgebracht: „Mauer an Mauer, Tür an Tür, Fenster an Fenster“. Das Leben auf beengtem Raum, verhindert nicht nur die physische Ausdehnung öffentlicher Begegnungsräume, sondern schafft ein Netz der sozialen Kontrolle, das abweichendes Verhalten schnell entlarvt und gegebenenfalls sanktioniert.

Moralische Bedenken gibt es in der palästinensischen Gesellschaft auch in Bezug auf Erwerbstätigkeit von Frauen. Eine Teilnehmerin berichtet, ihr Vater würde ihr nicht erlauben, außerhalb des Camps zu arbeiten, aus Sorge, sie könnte an den Checkpoints sexueller Belästigung ausgesetzt sein. Eine junge Frau, die erst vor kurzem in Finanz- und Steuerrecht  graduierte, ergänzt resigniert, dass auch sie aufgrund der Vorbehalte ihres Vaters nicht in eine andere Stadt ziehen könne. Starke Rückbesinnung auf Traditionen gibt einigen Menschen Sicherheit, wenn die Umwelt als bedrohlich wahrgenommen wird – aber sie schränkt eben auch ein.

Die Unterdrückungsmechanismen von Patriarchat und Besatzung greifen in Al Jalasoun eng ineinander. Sie zu thematisieren war ein wichtiger Schritt für uns. Noch bedeutender allerdings war die autonome Dynamik, die unser Workshop entfaltete und die zu einer solidarischen Atmosphäre führte. Die Begegnung mit den Mädchen und Frauen aus dem Flüchtlingslager Al Jalasoun war ein einzigartiges Erlebnis für mich. Für die Zukunft würde ich mir aber wünschen, dass solche Workshops nicht von einer Frau aus Europa, sondern von einer Palästinenserin selbst gegeben werden.

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Nina Siebert hat bei der hbs Ramallah ein Praktikum absolviert und studiert in Marburg Friedens-und Konfliktforschung. Sie hat während längerer Aufenthalte im Libanon und Palästina u.a. in palästinensischen Flüchtlingscamps gearbeitet und beschäftigt sich derzeit mit politischer Bildungsarbeit und kritischer Geschlechterforschung.

Farkha – das erste Öko-Dorf Palästinas

Ein Beitrag von Yara Almunaizel und Bettina Marx

Die Einwohner des Dorfes Farkha im nördlichen Westjordanland sind sich nicht einig, was der Name ihres Dorfes bedeutet. Denn das Wort „Farkha“ kann man sowohl mit Henne als auch mit Speerspitze übersetzen. Beide Bedeutungen sagen etwas über die rund 1600 Einwohner des kleinen Ortes aus. Einerseits versuchen sie – wie eine Henne – im Einklang mit der Natur zu leben und scharren im kargen Boden nach Essbarem. Andererseits wollen sie eine Speerspitze der ökologischen Bewegung in Palästina sein. Nach und nach wandeln sie ihr Dorf darum in ein Ökodorf um. Eine umweltgerechte Landwirtschaft ohne künstlichen Dünger, sparsame Nutzung der ohnehin mageren Ressourcen, Recyceln und Kompostieren von Abfällen, Aufbereitung von Nutzwasser – das sind die Pläne, mit denen sie ihr Dorf umbauen, ihre Ausgaben reduzieren und ihre Erträge steigern wollen.

Farkha liegt in der Nähe der Kleinstadt Salfit, etwa 30km nördlich von Ramallah, auf einem Hügel voller Olivenbäume. Die Mauern des Dorfes sind mit Graffiti geschmückt, darunter das berühmte Konterfei des argentinischen Revolutionärs Che Guevara. Es zeugt von der in der Region verbreiteten linken politischen Haltung.

Im Dorf gibt es zwei Schulen, zwei Kindergärten, eine Frauengemeinschaft und eine große Moschee mit einer zitronengelben Kuppel die von fast überall im Dorf zu sehen ist. Die Ruinen der alten bescheidenen Bauernhäuser am Rande des Dorfes geben einen Einblick in das Leben vor einhundert Jahren. Damals lebten die Familien zusammen mit den Nutztieren in einem Haus. Der Stall befand sich unter dem Schlafzimmer von Eltern und Kindern. Siekonnten so von der Wärme profitieren, die Schafe und Ziegen ausstrahlten. Die spärlichen Besitztümer wurden auf gemauerten Regalen gestapelt. Wer Geld hatte, ließ sich aus dem wohlhabenden Küstenort Jaffa ein Holzfenster oder einen hölzernen Kleiderschrank kommen. Heute sind die alten Häuser fast verfallen, aber die Dorfgemeinschaft plant, sie wiederherzustellen und Besuchern als eine Art Freiluftmuseum zugänglich zu machen.

Unterstützung erhalten die Dorfbewohner von zahlreichen Freiwilligen, die einmal im Jahr kommen, um bei der Aufbau- und Restaurierungsarbeit zu helfen. Seit 23 Jahren veranstaltet Farkha ein Freiwilligenfestival, zu dem jährlich rund 500 Besucher aus dem Westjordanland, aus Israel und dem Ausland kommen. Die engagierten Helfer – viele von ihnen kommen jedes Jahr wieder – legen überall mit Hand an, wo es nötig ist. Sie streichen die Klassenzimmer der Schule, sie bessern die Straßen aus und pflanzen Bäume. Und sie kochen und feiern mit den Dorfbewohnern.

40% der Bewohner von Farkha arbeiten und leben von der Landwirtschaft. Sie stellen vor allem organisches Olivenöl her, das im Dorf gepresst wird.
Saad Dagher ist Agrarwissenschaftler, der das Dorf seit Jahren auf seinem Weg zum Ökodorf unterstützt. Zusammen mit der Arabischen Gemeinschaft für Agrarwissenschaften und unterstützt durch die Heinrich-Böll-Stiftung hat er eine Studie über die soziale und ökonomische Situation von Farkha erstellt, auf deren Grundlage der Wandel vorangetrieben werden soll. Dabei hat er drei Hauptprobleme identifiziert, mit denen die Dorfbewohner konfrontiert sind: Wassermangel, die veralteten Sickergruben und die Wildschweine, die in dieser Gegend frei umherlaufen und  die Ernte zerstören. Im Islam gelten die Tiere als unrein und dürfen nicht gejagt und verzehrt werden. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie auch nicht durch Gift oder Fallen getötet werden.

Hamad Bakr, der Bürgermeister von Farkha, hat freundlich funkelnde grüne Augen und ist optimistisch, dass das Dorf eine Lösung für das Wildschweinproblem finden wird. Er selbst ist überzeugter Vegetarier, eine Seltenheit in Palästina, und setzt daher auch im Umgang mit den Wildschweinen auf Gewaltlosigkeit. Seine Mitbürger unterstützt Bakr mit Elan und Tatkraft. Farkha soll ein ökologisches Schatzkästchen im Westjordanland werden, ein Vorbild für andere Dörfer, die auf umweltfreundliche Landwirtschaft setzen wollen. Schon haben sich Interessenten aus dem Gazastreifen gemeldet, die Ideen und Innovationen für ihre eigenen Projekte übernehmen wollen. In der unter Wasserarmut und beschränktem Zugang zu Ressourcen leidenden Gegend könnte der Umstieg auf ökologische Landwirtschaft den Menschen helfen, zu überleben.

 

Palettenbänke und Reifensessel

Ein Gastbeitrag von Yara Almunaizel

Das pinkfarbene Haus von Rasha sticht einem sofort ins Auge. Schon aus der Ferne ist es zu sehen, hoch auf einem Hügel in Al Walajeh, einem 2600 Seelen Dorf bei Bethlehem. Als wir aus dem Auto steigen empfängt uns das laute Brummen einer Schleifmaschine. Eine große Wolke von Holzstaub liegt in der Luft und der beißende Geruch von frischer Farbe. Mehrere Frauen in langen Mänteln und bunten Kopftüchern haben grade eine Bank aus alten Holzpaletten fertiggestellt und sind jetzt dabei, zwei übereinander gestapelte Reifen zusammenzuschrauben, die in bunte Sessel verwandelt werden sollen. Wir treffen die Frauen im Hof von  Lubna, wo heute gezimmert, gebohrt und gemalt wird. Zweimal in der Woche treffen sich neun Frauen von Al Walajeh zum gemeinsamen Basteln und Arbeiten. Ihr Ziel ist es, ihre Gärten zu verschönern, Schaukeln und Rutschen für die Kinder und Bänke und Stühle für die Erwachsenen anzufertigen. Unterstützt werden sie von Alaa, der in Beit Sahour, einem Ort bei Bethlehem einen Recycling-Hof betreibt. „One man’s trash is another one´s treasure“, sagt Alaa, „Des einen Müll ist des anderen Schatz.“ Er zeigt den Frauen, wie man schraubt und sägt, und wir dürfen zuschauen, wie kreativ und geschickt die Frauen ihre Ideen umsetzen. Beim Anmalen der alten Autoreifen, die zu Zäunen, Pflanzkästen und Hockern umgestaltet werden, dürfen wir sogar helfen. Leuchtende Farben werden bevorzugt, gelb und grün, blau und rot und natürlich gerne immer wieder pink. Lubna serviert uns unterdessen selbstgebackenes Brot mit Labaneh, dem dicken weißen Käse aus Schafsmilch und Gemüse. Das Brot ist frisch aus dem Ofen und noch warm.
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Rasha und Lubna bei der Arbeit (Fotos von Katja Volkenant)

Die Idee, alte Autoreifen, Paletten und Plastikcontainer zu recyceln, kam von den Frauen von Al Walajeh selbst. „Am Anfang wussten sie noch nicht so genau, wie sie das anstellen sollten“, erzählt Katja Volkenant von der deutschen Organisation Kurve Wustrow, die die Frauen mit Energie und Tatkraft unterstützt. „Inzwischen aber sind sie sehr findig und haben dauernd neue Ideen.“ Jeden Sonntag und Mittwoch ist sie mit dabei, wenn die Frauen arbeiten, und sie legt auch selbst mit Hand an. Voller Stolz zeigt sie uns die Ergebnisse ihrer Arbeit. An diesem Tag werden zwei Bänke zusammengezimmert und mehrere Reifensessel zusammengeschraubt und angestrichen. Seit Beginn des Jahres haben die neun Frauen angefangen, ihre Gärten umzugestalten.  Kurve Wustrow unterstützt das Projekt mit 500 Euro pro Garten. Bis jetzt wurden schon vier Gärten angelegt. In Planung ist auch ein Spielplatz für die Kinder des Dorfes. Das Projekt ist im Dorf auf viel Aufmerksamkeit gestoßen. Viele Nachbarn schauen mit Bewunderung auf die Gärten der Frauen. „Es wird die anderen Dorfbewohner inspirieren, ihre Gärten ebenfalls zu verschönern“, sagt Alaa.

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Gleich neben Lubnas Haus liegt das pinkfarbene Haus von Rasha, das wir von schon aus der Ferne gesehen hatten. Als wir ihren bunten Garten betreten, kommen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Der Garten ist mit alten Reifen in Bonbon-Farben geschmückt, es gibt zwei Schaukeln aus aufgeschlitzten Reifen, eine Palme aus Plastikflaschen und bunte Reifensessel. Überall, wo man hinsieht, entdeckt man etwas Neues. Rasha zeigt uns stolz die Pflanzen, die sie in die Reifen gepflanzt hat und die bald zu einer grünen Hecke heranwachsen sollen. Der Garten bietet einen weiten Blick über Al Walajeh und das Westjordanland. Das von Siedlungen umzingelte Dorf liegt zu über 90% in der sogenannten C Zone, die vom israelischen Militär kontrolliert wird. Hier ist es für Palästinenser praktisch unmöglich, zu bauen. „Die meisten Häuser in Al Walajeh haben daher einen Abrissbefehl von der israelischen Armee“, erklärt uns Samia, die Frau, die das Projekt mit in die Wege geleiten hat.

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Um uns ein besseres Bild von der Situation zu verschaffen fahren wir zu Tufah, die ebenfalls im Frauenprojekt mitarbeitet. Von ihrem Dach aus sieht man die israelische Sperrmauer, die direkt am Haus vorbei führt, und dahinter die großen Häuser  der Siedlung Har Gilo. Von der anderen Seite des Daches hat man einen schönen Ausblick über die Nachbarhäuser und das Tal. Uns fällt ein riesiger Schutthaufen direkt hinter Tufahs Haus auf. „Das war einmal ein Haus“, erzählt sie uns. „Es wurde von der israelischen Armee „aus Versehen“ zerstört. Eigentlich sollte das stattliche Haus daneben abgerissen werden, vermutlich weil es den Siedlern die Aussicht über das malerische Tal versperrt. Den ehemaligen Bewohnern der Ruine ist es nicht gestattet, ihr Haus wieder aufzubauen. Solche Geschichten gibt es viele im Dorf. Viele der Familien fürchten um ihre Häuser. Wir sind geschockt und  überlegen uns, wie wir mit einer solchen Situation leben würden.
Von Tufahs Haus fahren wir weiter zu Sahar, um auch ihren Garten zu besuchen. Auch bei ihr finden wir die schon bekannten und sehr bequemen Reifensessel, jedoch sind diese nicht bunt angemalt sondern mit zusammengenähten Kaffesäcken bezogen. Sahar zieht gedeckte Farben und schlichte Formen vor. Ihren Garten nutzt sie oft zum Meditieren und findet hier zur Ruhe in der angespannten Atmosphäre von Al Walajeh.

Im Meditationsgarten von Sahar

Bald, so die Pläne der israelischen Behörden, soll das Dorf vollständig von der Mauer eingeschlossen und isoliert sein. Dann sollen die Bewohner es nur noch durch ein einziges Tor verlassen dürfen, das von der Armee kontrolliert wird. „Wenn wir dann quasi eingesperrt sind, wollen wir wenigstens ein schönes Dorf mit einladenden Gärten haben“, so die Frauen von Al Walajeh. Sie nennen ihr Projekt daher „Sumud“ – Widerstandskraft.

Al Badawi – der älteste Olivenbaum der Welt

Er heißt al Badawi – der Nomade , obwohl er mit Sicherheit noch nie seinen Standort verlagert hat. Im Gegenteil, der wohl älteste Olivenbaum der Welt steht fest verwurzelt in der steinigen Erde Palästinas, ein gewaltiger Baum mit zahlreichen Ablegern, die ihn umstehen wie die Leibwächter. Möglicherweise wuchs er in der Zeit heran, als in Ägypten die ersten Pyramiden gebaut wurden. Japanische Forscher attestieren ihm jedenfalls ein Alter von zwischen 4000 und 5000 Jahren. Benannt wurde er nach einem lokalen Weisen, Ahmed al Badawi, benannt, der vor 200 Jahren in seinem Schatten zu sitzen pflegte und dort seinen Gedanken nachhing und philosophierte. Er ist 12 Meter hoch und hat – mit seinen Ablegern – einen Durchmesser von 25 Metern. Seine Krone beschattet ein Gelände von 250 Quadratmetern.

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Heute ist Al Badwai das Wahrzeichen des kleinen Ortes al Walajeh bei Bethlehem, das sich malerisch in die von Oliven- und Nussbäumen bestandenen Hügel schmiegt. Früher verfügte Al Walajeh über mehr als zwei Dutzend Quellen, heute sind es noch zwei, die kaum noch Wasser spenden. Denn die israelischen Siedlungen, zwischen denen Al Walajeh eingeklemmt ist, rücken immer näher. Das Dorf hat schon einen großen Teil seines Landes an diese beiden Siedlungen verloren. 4209 Dunam (etwa 420 Hektar) werden zusätzlich von der israelischen Sperrmauer aufgefressen, die das Dorf schon fast vollständig umgibt. Wenn die Mauer fertiggestellt ist, wird der Ort fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten sein. Die Bewohner können ihren Ort dann nur noch durch ein einziges Tor verlassen, das von israelischen Soldaten bewacht wird. Auch der alte Olivenbaum könnte in Gefahr geraten, denn die Mauer wird nur wenige Meter an seinem Standort vorbeiführen und könnte seine Wurzeln beschädigen und das Grundwasser stören, aus dem er sich speist.

Doch noch steht er, majestätisch und gelassen, und seine Oliven spenden noch immer dickflüssiges und aromatisches Olivenöl, dem sogar Heilkräfte nachgesagt werden.