Archiv des Autors: Rene Wildangel

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Über Rene Wildangel

Rene Wildangel leitet das Büro der Stiftung in Ramallah. Er twittert als @rewiram

Abschied aus Gaza

Mein wahrscheinlich letzter Besuch im Gazastreifen (bevor ich Ende September Palästina verlasse) macht mich traurig. So viel Talent, so viel Möglichkeiten, so viel junge, großartige Menschen – und so unwürdige Bedingungen. Heute besuche ich zum ersten Mal die Kunstgalerie Eltiqa, eine von zwei Kunstgalerien im Gazastreifen. Die wunderbaren Künstler verarbeiten, wenig überraschend, die Lage im Gazastreifen in ihrer Kunst, den letzten mörderischen Krieg in ihren Bildern. Raed Issa hat im Krieg sein Haus verloren. „Schlimmer als die zerstörten Bauten sind die vielen verlorenen Erinnerungen.“ Die malt er auf seine Bilder zwischen Schuttberge und schafft ihnen so einen neuen Ort. Gazas Künstler leiden unter der Blockade.

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Raed Issa in der Eltiqa Galerie in Gaza (c) René Wildangel

Die benötigten Materialien, von Farben über Leinwände kommen kaum herein, müssen meist über ausländische Diplomaten eingeschmuggelt werden – als wäre auch die Kunst eine verbotene Waffe. Vor allem aber sagt Mohamed Abusal: „Kunst lebt mehr als alles andere vom Austausch, von den weltweiten Debatten.“ Aber die Künstler aus Gaza können nicht reisen. Raed hatte in den letzten Jahren Stipendien oder Ausstellungsangebote aus Europa, Mexiko, Japan und anderen Orten – aber herausgekommen ist er nie. Mohamed hat gerade ein Visum, um nach Frankreich zu reisen, aber er bekommt von Israel keine Erlaubnis für die Ausreise. So geht es Tausenden junger Menschen im Gazastreifen, die in die Isolation gezwungen werden, und dazu noch unter strenger Kontrolle der Hamasregierung stehen. Keinen Ort in Palästina habe ich in den letzten Jahren so lieben gelernt wie Gaza; es ist traurig zu sehen, wie Politik von außen mutwillig eine ganze Gesellschaft zerstört. Aber auf Dauer kann man fast 2 Millionen Menschen nicht einfach wegsperren. Ich freue mich auf den Moment, wenn Gazas junge Bevölkerung endlich in Würde leben und reisen kann.

Dazu ruft aktuell eine Avaaz-Petition auf, die hier unterzeichnet werden kann.

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Raed Issa’s painting of things and memories after his house was destroyed in the 2014 war. (c) René Wildangel

 

 

Schmerzende Waden in Bethlehem: Palästina-Marathon

Wie alles hier vor Ort ist auch der Lauf politisch: Der jetzt zum dritten Mal veranstaltete Palästina-Marathon wird jährlich von der internationalen Kampagne „Right to Movement“ veranstaltet. Der in Dänemark ansässigen Initiative geht es darum, auf das Grundrecht zur freien Bewegung innerhalb eines Landes (Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) aufmerksam zu machen – und wie eben jenes der Palästinenser in der Westbank und im Gazastreifen verletzt wird. Das wird kaum in einer Stadt deutlicher als in der eingemauerten Stadt Bethlehem. Die historische nur wenige Kilometer entfernte Nachbarstadt von Jerusalem ist durch die israelische Sperranlage völlig von der arabischen Metropole Ost-Jerusalem abgeriegelt.

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Läufer bereiten sich auf den 3. Palästina-Marathon vor. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Die politische Aktion unterstütze ich mit meiner Teilnahme (die 10-Kilometer-Variante, nicht den Marathon: das reicht schon für schmerzende Waden), zwei Mitarbeiterinnen unseres Heinrich-Böll-Stiftungsbüros nehmen auch teil. Morgens um 5.30 geht es los in Richtung Bethlehem für den Lauf, der um 8 Uhr beginnen soll, da auch ich nicht weiß ob die israelische Armee Checkpoints schließt und den Lauf möglicherweise behindert. So wie dies bei zahlreichen anderen palästiennsischen Großveranstaltungen geschieht. Besonders in Jerusalem, wo aufgrund der israelischen Restriktionen das palästinensische Kultur- und Sportleben kaum stattfinden kann. Gegen den jährlichen Jerusalem-Marathon protestieren PalästinenserInnen und Menschenrechtsorganisationen, da er auch durch Teile des besetzten Ost-Jerusalems führt und die international nicht anerkannte israelische Annexion Ost-Jerusalems zementieren soll.

Immerhin 50 Läufer aus Gaza können in Bethlehem teilnehmen. Ihnen wurde von Israel die Erlaubnis zur Ausreise erteilt. Der Gazastreifen wird von Ägypten und Israel nahezu vollständig abgeriegelt, nur wenige Menschen können mit willkürlich erteilten Genehmigungen ausreisen. Wie sportlich die Läufer aus Gaza sind bewies Nader al-Masri. Der ehemalige Olympiateilnehmer (Peking 2008), dessen Haus bei israelischen Luftangriffen im Sommer 2014 zerstört wurde, gewann den Marathonlauf in der Siegerzeit von 2:47:15.

 

Erfolg ohne Tore – Palästina beim Asiencup

Seit 1998 ist Palästina Mitglied des FIFA-Weltverbandes, nie war man bei einem großen Turnier dabei. Das änderte sich mit dem sensationellen Erfolg im Mai 2014 gegen die Philippinen, als erstmals die Qualifikation für einen Asien-Cup gelang. Anschließend kletterte Palästina sogar um 71 Ränge auf Platz 94 der „FIFA-Weltrangliste“. Sportlich blieb die Teilnahme am Asiencup, der derzeit in Australien ausgetragen wird, weit hinter den Erwartungen zurück: 0:4 gegen den starken Favoriten Japan, 1:4 gegen Jordanien – eine Mannschaft die zum überwiegenden Teil auch aus Palästinensern besteht – und 0:2 gegen den Irak, eine andere kriegsgebeutelte Nation. Aber das Palästina trotz aller Widerstände überhaupt teilnehmen konnte, war dennoch ein Riesenerfolg, über denen sich nicht nur PalästinenserInnen in Australien freuen konnten – ausgerechnet dem Land, das Palästina jedes Recht auf Eigenständigkeit abspricht.

Zuhause in Palästina – immerhin seit 2012 auch von den Vereinten Nationen als Staat anerkannt – stehen einem regulären Fußballbetrieb viele Hindernisse entgegen. Durch die Zersplitterung der besetzten Gebiete kann keine Liga betrieben werden, an der Mannschaften aus Gaza, Westjordanland und Ostjerusalem gemeinsam teilnehmen können. Viele palästinensicshe Fußballer sitzen in israelischer Haft, oder ihre Ausreise wird verhindert, wie auch beim jüngsten Asiencup. Aufgrund der prekären Lage im Gazastreifen, die sich seit dem jüngsten Krieg nicht entspannt hat, ist hier kaum an Fußball zu denken. Dennoch sind die Menschen dort genauso fußballverrückt wie im Rest des palästinensischen Gebiets.

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Shisha mit Emblem von Barcelona in Ramallah.

Wenn in Spanien das „Classico“ ausgespielt wird, sind die Straßen Ramallahs immer wie leer gefegt. Zuvor verkaufen Andenkenverkäufer am zentralen Manara-Platz Fahnen und Trikots der beiden Mannschaften. Die Symbole von Real und Barca sind überall. Die Unterstützung für die palästinensische Nationalmannschaft fällt zurückhaltender aus, was an den mangelnden Erfolgen liegt. Ein regionaler Erfolg wie der Sieg von Muhammad Assaf bei „Arab Idol“ wiegt schwerer. Die Palästinenserinnen und Palästinenser warten auf den Tag, an dem ein ein „Classico“ zwischen Gaza-Stadt und Ost-Jerusalem so normal ist, wie heute die Begegnung zwischen Madrid und Barcelona.

(Ein ausführlicher Artikel zum Thema ist vom Autor erschienen in Israel&Palästina 2/2014, „Fußballnation ohne Staat – Fußball in Palästina“). Siehe auch den Blogbeitrag zu Fußball in Gaza.

Gastbeitrag: Über Mauern

Ein Gastbeitrag von Lukas Matzkows

Lukas ist für drei Monate Praktikant im Heinrich-Böll-Büro in Ramallah. Als junger Berliner hat er die Mauer zwar nicht mehr erlebt. Aber hier vor Ort wird er an diese Geschichte erinnert. Ist der Kontext ein anderer? Natürlich ist er das. Aber die gewaltige Betonmauer ist omnipräsent und schränkt die Rechte von Millionen Palästinenserinnen und Palästinensern ein. Lukas hat sich intensiv mit den  Konsequenzen der Mauer auseinandergesetzt und eine spannende Masterarbeit zum Thema „Space Invaders ® – The theoretical notion of Space and Graffiti on the West Bank Wall“ geschrieben.

Gestern, am 9. November, jährte sich zum 25. Mal der Fall der Berliner Mauer und in Berlin wird dem freudigen historischen Ereignis vielfältig gedacht. Während in Berlin gerade der bewegende Moment des Mauerfalls gefeiert wurde, gedachte man in Palästina 2014 dem zehnjährigen „Jubiläum“ des Urteils des internationalen Strafgerichtshof, das den Bau der „Separation Barrier“, die Israel und die Westbank trennen soll, aber weit in palästinensischem Territorium verläuft, als illegal nach internationalem Recht bezeichnete. Aber die Mauer steht noch immer. In Palästina haben Aktivisten das Datum des 9. November daher zum Anlass genommen, sie symbolisch zu durchbrechen. Die Aktivisten, Mitglieder der „local popular resistance committees“ in Palästina, die versuchen einen friedlichen Widerstand gegen die Besatzung organisieren, schlugen ein Loch in die Mauer und veröffentlichten dazu das folgende Statement: „No matter how high walls are built, they will fall. Just as the Berlin Wall fell, the wall in Palestine will fall, along with the occupation.“

ryanrodrickbeiler.com - 2.7.2013

 

 

 

 

 

 

 

Als Berliner, der nach dem Fall der Mauer, die Deutschland so lange teilte, aufwuchs und sie im Prinzip nur als eine Art Museum und ein Objekt der Vergangenheit kennt, wirkt die Mauer hier jedes Mal wieder fast surreal. Palästinensische Aktivistinnen und Aktivisten protestieren wöchentlich gegen die Auswirkungen der Mauer und die teils grotesken Trennungendie sie vornimmt – nicht zwischen Israelis und Palästinensern, um Sicherheit zu gewährleisten, sondern zwischen Palästinensern und Palästinensern. Künstler setzen sich auf kreative Weise mit der absurden Situation auseinander, so wie Khalid Jarrar, der Objekte aus der Mauer formte oder einen Film drehte über ein Tennismath über die Mauer hinweg:

Seit 2002 nun schlängelt sich die von manchen „Security Fence“ und von anderen „Apartheid Wall“ genannte Mauer, die vier Mal so lang ist wie die Berliner Mauer, durch die Leben von tausenden von Palästinensern. In stark besiedelten Gebieten wie Bethlehem ragen die Betonblöcke bis zu acht Meter in die Höhe und werfen lange Schatten auf die Häuser zu beiden Seiten. An vielen Stellen ist die Mauer, wie in Berlin, großflächig mit Graffiti bedeckt und wirkt so fast wie eine Art East Side Gallery im Nahen Osten.

Sollte die Barriere ursprünglich entlang der sogenannten Grünen Linie von 1967 verlaufen, sehen die Fakten deutlich anders aus. 85 Prozent der Mauer verlaufen innerhalb der Westbank und annektieren de facto 9,5 Prozent des Gebietes, das für die Bildung eines Palästinsischen Staates vorgesehen ist. Dies resultiert darin, das sich rund 30.000 Palästinenser auf der ‚falschen‘ Seite der Mauer befinden und nur mit besonderen Genehmigungen in ihren Häusern leben dürfen. Hinzu kommen die rund 200.000 Bewohner Ost-Jerusalems, die zwar ein Aufenthaltsrecht in Israel, jedoch keine Staatsbügerschaft mit einhergehenden Rechten besitzen.

mauerDie Israelische Regierung begründete die Errichtung der Mauer mit der Notwendigkeit für die Sicherheit des Staates Israel; da sie aber einerseits palästinensisches Land enteignet und eingemeindet, und andererseits sich tausende Siedler jenseits der Mauer in den wachsenden Siedlungen befinden, macht dies kaum noch Sinn. Auch ihre temporäre Natur ist angesichts der ungeheuren wirtschaftlichen Kosten zu bezweifeln. Seit Baubeginn hat die Mauer den israelischen Steuerzahler bereits über 2,6 Billionen Dollar gekostet, jedes Jahr kommen weitere 260 Millionen Dollar für Ausbau und Instandhaltung hinzu.

Die Mauer in Berlin teilte eine Stadt für 28 Jahre. Es bleibt zu hoffen, dass die Palästinenser keine weiteren 16 Jahre warten müssen bis ihr „Traum in Erfüllung geht“ (Angela Merkel anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls in Berlin) und Menschen auf beiden Seiten in Frieden und Freiheit leben können.

Ein Eimer voller Schutt – Gaza hat kein (Eis-)wasser

Seit Wochen schütten sich Prominente und Semi-Prominente Eimer mit Eiswasser über den Kopf. Das nervt langsam – zumal von der ursprünglichen Idee, damit Spenden für die Bekämpfung der Nervenkrankheit ALS zu generieren, keine Rede mehr ist.

Eine ganz andere Perspektive haben auf den nassen Unsinn die Menschen in Gaza. Sie mussten einen 50-tägigen Krieg mit weitreichenden Zerstörungen durchleiden. Der halbe Gazastreifen liegt in Schutt und Asche, auch die Infrastruktur für Wasserversorgung und Abwasser ist weitreichend zerstört.

Darauf macht auf zynische Weise in einem Video der Journalist Ayman Al-Alul aus Gaza aufmerksam. „Ich mochte den Eiswasser-Wettbewerb“, sagt er. „Daher habe ich eine palästinensische Version erfunden. Ich habe nach einem Eimer Wasser gesucht, aber Wasser ist in Gaza zu kostbar, als es sich über den Kopf zu schütten. Auch kann man es nicht einfrieren, da es keine Elektrizität gibt.“ Die palästinensische Version der Eiswasseraktion geht daher so: Statt Wasser schüttet man sich einen Eimer mit Schutt des Krieges über den Kopf. „Wir haben kein Wasser, aber DAS ist es, was wir haben…“, sagt Ayman al-Alul.

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Heute wurde ein Waffenstillstand erzielt. Es ist zu hoffen, dass er endlich hält. Dann wird auch hoffentlich die grundlegende Wasserversorgung für die Bevölkerung wieder gewährleistet werden können – wenn auch nicht für den Eiswasser-Wettstreit.

 

 

 

 

 

Warten auf den Waffenstillstand: Urlaub impossible

Im Gazastreifen fallen die Bomben, über tausend Tote und kein Ende in Sicht. Wie soll man da Urlaub in Deutschland machen? Umso mehr, wenn man dort zahlreiche Freunde und Bekannte hat, und auch Kolleginnen und Kollegen durch die Arbeit der Stiftung. Eigentlich hätte es ein entspannter WM-Sommer werden sollen – für mich und die Fußballverrückten in Palästina und der Region (und dann noch mit so einem grandiosen Ausgang). Und eine Entspannung von den ewigen Frustrationen und Spannungen des Lebens in den besetzten Gebieten. Aber es kam anders, denn nicht nur in den Halbzeitpausen wurde man an die schreckliche Realität erinnert. Omnipräsent waren die Bilder aus dem Gazastreifen, wo die Menschen völlig schutzlos den Angriffen ausgeliefert waren, und omnipräsent war die Sorge um die Freunde dort. Vor allem in den sozialen Medien ein unaufhörlicher Strom von grauenhaften Bildern der Opfern – für mich eben keine anonymen, sondern die engen Freunde und Familien meiner Bekannten. Mittlerweile ist die Schwelle von 1000 Todesopfern überschritten, die meisten Zivilisten, viele Kinder und Frauen. Und warum in aller Welt versagt die Diplomatie auf ganzer Linie bei der Vermittlung eines Waffenstillstandes?

Unterstützen Sie hier bitte unsere Thunderclap-Kampagne für einen sofortigen und nachhaltigen Waffenstillstand!

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Der Versuch abzuschalten scheitert so völlig; auch im Urlaub bediene ich ein paar Presseanfragen, zum Beispiel beim NDR, bei Phönix oder beim Deutschlandradio. Und doch plagt das schlechte Gewissen, nichts tun zu können für die bedrohten Menschen im Gazastreifen.

Auch die schrecklichen Szenen von antisemitischen Ausschreitungen in Paris, aber auch in Deutschland schockieren und belasten mich. Wie kann man so dumm sein, so geschichstvergessen, und bei Demonstrationen für ein Ende des Krieges und gegen die Politik der gegenwärtigen radikalen israelischen Regierung jüdische Enrichtungen anzugreifen, jüdische Bürger oder Synagogen? Und dann wieder erregen mich jene, die jedem notwendigen und legitimen Protest gegen die israelische Politik und die Bombardments Antisemitismus unterstellen oder ihn als „antiisraelisch“ diskreditieren wollen.

Ähnliches geschieht, als internationale Fluggesellschaften ihre Flüge nach Tel Aviv absetzen. Und das passiert genau an jenem Tag, als ich mit Lufthansa nach Tel Aviv zurückfliegen möchte. Denn in Yehud, einer kleinen Stadt in der Nähe des Ben Gurion Flughafens, ist eine Rakete eingeschlagen. Auch wenn ich mich selbst nicht unmittelbar gefährdet fühle und am liebsten zurück in die „Heimat“ möchte – schließlich werden 90% aller Raketen vom „Iron Dome“ System abgefangen – man geht doch davon aus und erwartet das auch, dass Fluggesellschaften alle Risiken für ihre Fluggäste ausschließen wollen. Etwas befremdlich waren daher Stimmen in den USA, die politischen Druck zu einer Wiederaufnahme der Flüge machten. Und auch in Deutschland gab es ähnliche Kommentare, sogar aus der Politik – als betroffener Fluggast muss ich doch sagen, dass ich die Risikoanalyse lieber Fachleuten überlasse. Auch manchen Piloten und Crew-Mitgliedern der Lufthansa ging das so. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, buchen wir schließlich um: Nach Amman. Das ist ein Umweg, und auch die Einreise nach Palästina über Jordanien ist manchmal beschwerlich; so endet ein anstrengender Urlaub. Wenn jetzt endlich ein Waffenstillstand hält und der Gazastreifen eine Zukunft bekommt, wird es bald vergessen sein.

 

Ich bin kein Kronleuchter? Ein Logo und seine Geschichte

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Bei marokkanischen Usern der sozialen Medien kursiert aktuell ein Logo, auf dem ein durchgestrichener Kronleuchter zu sehen ist und unter dem steht „anamachitria“ (auf deutsch: „Ich bin kein Kronleuchter“). Was hat es damit auf sich?

Die marokkanische Vereinigung „Papier pour tous“ (Papiere für alle) hatte im März eine drei monatige Sensibilisierungskampagne  gegen Rassismus und Diskriminierung lanciert, die den Titel trägt:  „Anamasmitichazzi“ (auf deutsch  übersetzt etwa: „ich heiße nicht Nigger“).

Marokko erlebt seit letztem Sommer einen radikalen Politikwechsel was seine Einwanderungspolitik betrifft. Erklärte sich das Land bisher als Transitland, und ignorierte weitgehend die Anliegen der bis zu 40 000 nicht formal registrierten Flüchtlinge und Migranten, so erkennt Marokko seit einer königlichen Rede im September 2013 die Realität an und bemüht sich, dieser gerecht zu werden: angekündigt wurde eine rasche Registrierung der bisher informell im Land sich aufhaltenden Menschen. Ebenso wurden 3 Gesetzesinitiativen angekündigt: ein Gesetz gegen Menschenhandel, ein Gesetz für legale Registrierung bisher nicht registrierter sich in Marokko aufhaltender Menschen und ein Asylgesetz. Seit Januar 2014 können unregistriert in Marokko lebende Personen nun einen Antrag auf Registrierung abgeben.

Bis Anfang Juni hatten 15500 Menschen dies getan, allerdings wurden nur 1150 davon mit einer einjährigen Aufenthaltsgenehmigung beantwortet. Das heißt, 92, 6% der Anträge wurden abgelehnt. Was mit diesen Menschen jetzt passiert, ebenso wie mit denjenigen, deren Aufenthaltsgenehmigung nach 1 Jahr abläuft, ist nicht bekannt. Der marokkanische Staat unternimmt parallel Anstrengungen zur Inklusion der registrierten Flüchtlinge: sie sollen Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialer Sicherung erhalten sowie ihre Kinder Zugang zu Schulbildung.

Die Kampagne gegen Rassismus und Diskriminierung möchte – parallel zu diesem offiziellen Politikwechsel – für die Inklusion subsaharischer Flüchtlinge in der marokkanischen Gesellschaft sensibilisieren. Bisher sind die in Marokko auf ihrem Weg ins Eldorado Europa gestrandeten Flüchtlinge weder in den Arbeitsmarkt integriert noch haben sie Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen. Es gibt viele Familien, in denen schon in 2. Generation Menschen offiziell nicht existierend in Marokko in ärmlichsten Behausungen oder in Wäldern leben. Die Haltung in der marokkanischen Gesellschaft ist wenig integrierend und wertschätzend.

In Anlehnung an den Titel dieser Kampagne und ihr Logo haben nun user der sozialen Medien ein neues Logo kreiert, um auf die jüngsten Äußerungen des Premierminister Benkirane zu reagieren:  am 17. Juni rief dieser im Parlament Marokkos Frauen dazu auf, zu ihrer natürlichen Rolle zurückzufinden. „Frauen seien wie Kronleuchter“ so der Regierungschef. Seit sie zur Arbeit gingen sei das marokkanische Haus dunkel! Arbeitende Frauen hätten nicht die Zeit für die Erziehung ihrer Kinder und Familie. Benkirane hat damit offen die Entwicklung der marokkanischen Gesellschaft bedauert und das „europäische Modell“ verurteilt.

Ungefähr 200 Menschen, vor allem Frauen, protestierten daraufhin am 24. Juni in Rabat gegen diese Äußerungen. Kräfte der Zivilgesellschaft – unter anderen die Coalition civile pour l’application de l’article 19 de la Constitution – hatten zu einem Protestmarsch vor dem Parlament in Rabat aufgerufen und verurteilten die Äußerungen des Regierungschefs. Diese stünden im Gegensatz zu Artikel 19 der Verfassung, welcher zu Gleichheit der Geschlechter verpflichtet und für Männer und Frauen die gleichen Rechte und Freiheiten einfordert – politisch, ökonomisch, sozial, kulturell. Wie viele Artikel der reformierten Verfassung von 2011 ist jedoch auch der Artikel 19 bis heute nicht praktisch umgesetzt.

Die sozialen Medien bleiben aktiv – heute erschien die frankophone Version der marrokkanischen Kronleuchter:

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Respekt! Marteria im Flüchtlingslager

Ehrlich gesagt hatte ich von dem Mann noch nichts gehört; aber das Musikfest im Flüchtlingslager klang interessant, also sind wir hingefahren. Neben vielen palästinensischen Künstlern hatte das lokale Goethe-Institut auch einen deutschen Hip-Hopper eingeladen: Marteria. Wer das ist wusste ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Aber es wurden auch gute palästinensische Acts erwartet, zum Beispiel die Jerusalemer Rap-Combo „Alif“. Dass es in der Westbank, in Jerusalem, in Gaza großartige Bands und Künstler gibt ist kein Geheimnis und auch in den palästinensischen Flüchtlingslagern gibt es oft eine reichhaltige Kulturszene. Deutsche Chartsstürmer treten allerdings weniger oft auf. Mit Marteria kam aber ein echter Star nach Shuafat, der in Deutschland dieses Jahr bereits die Charts anführte.  Außerdem hat der Mann als ehemaliger Fußball-Jugendnationalspieler, Model und Schauspieler eine illustre Vergangenheit. Dass so jemand überhaupt zu einem Auftritt nach Palästina kommt, und dann noch ins Flüchtlingslager Shuafat, ist wirklich bemerkenswert. Dass er dabei eine Menge Spaß hatte umso mehr:

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(c) Paul Ripke. Hier finden sich eine Menge weitere tolle Fotos von dem Auftritt.

Shuafat ist einer jener Stadteile Ost-Jerusalems, die teilweise durch den Bau der Mauer abgeschnitten wurden. Das Flüchtlingslager hat es besonders schlimm getroffen, es ist von der Mauer isoliert und bekommt, obwohl Teil Jerusalems, kaum Dienstleistungen von der Jerusalemer Stadtverwaltung, jüngst wurde sogar die Trinkwasserversorgung zum Problem. Über kaputte, staubige Straßen fahren wir von Ramallah über Umwege (denn die direkten Wege sind von der Mauer und durch Checkpoints versperrt) nach Shuafat, irgendwann ist eine Straße von brennenden Reifen versperrt und wir verirren uns in den engen Gassen, bis wir die laute Musik in der Nachbarschaft hören. Zunächst singt auf der Bühne ein traditioneller Sänger, gefolgt von Tanzgruppen und palästinensischen Rappern. Dann wird Materia auf die Bühne gerufen, und er tritt im Flüchtlingslager völlig natürlich auf, klatscht junge Fans vor der Bühne ab, animiert gut gelaunt das Publikum  und bittet irgendwann ironisch seine „Homies“ auf die Bühne, ein paar schüchterne Teenager in palästinensischer Tracht, die vorher Volkstänze aufgeführt hatten und jetzt sichtlich begeistert sind von Marteria. Der singt ein paar Songs, auf Deutsch, die hier keiner versteht. Aber der Text passt ganz gut:

„Die ganze Erdkugel bebt
Wir haben überlebt
Und du glaubst nicht an Wunder?
Und du glaubst nicht an Wunder?“

Ein großartiges Lied, auch Shuafat wartet auf Wunder.

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Happy in Gaza

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„Gaza“ und „glücklich“ sind nicht oft Worte, die man in einem Satz liest. Dass die Menschen aber trotz israelischer und ägyptischer Blockade, wirtschaftlicher Ausweglosigkeit und rigider Herrschaft der Hamas auch glücklich sein können, ist natürlich eine Banalität. Aber bei jedem Besuch im Gazastreifen bin ich aufrichtig von der Mentalität der Menschen dort begeistert, die irgendwie ein warmherzigeres, humorvolleres Naturell haben als ihre Landsleute in der Westbank – nichts weniger beweist auch das „Happy“ Video im Stil von Pharrell Williams. Das ändert nichts an der katastrophalen Lage im Gazastreifen und der Tatsache, dass insbesondere die vielen jungen Menschen unter den Bedingungen völliger Isolation derzeit wenig positive Zukunftsaussichten haben.

In der Kommentarleiste unter dem Video auf Youtube tobt – wie immer beim Thema – eine Propagandaschlacht. Grotesk sind jene Kommentare, die meinen, das Video „beweise“, dass es in Gaza keine humanitäre Krise gibt und in Gaza ein völlig normales Leben mit gutem Lebensstandards vorherrsche. Das ist Unsinn, denn die humanitäre Lage ist bedrückend, woran ein gut sortierter Supermarkt und schick gemachtes Musikvideo noch lange nichts ändern. Gleichzeitig gibt es nur wenige Stunden am Tag Strom und eine massive Trinkwasserkrise. Wer sich einen Eindruck davon verschaffen wil, sollte den Bericht „Gaza 2020“ der Vereinten Nationen lesen. Andere meinen es sei ein positives Zeichen, dass die Menschen in Gaza keine israelischen Waren boykottieren, da im Video zahlreiche israelische Produkte zu sehen sind. Auch das ist Unsinn – denn seit die Tunnel auf der ägyptischen Seite zerstört wurden, gibt es fast nur noch ausschließlich israelische Produkte in Gaza zu kaufen, die zu hohen Preisen importiert werden müssen und sich viele Menschen nicht leisten können.

 

Fußballfieber im Gazastreifen

Am Stadion in Beit Lahia am Rande von Gaza-Stadt herrscht großes Gedränge. Vor dem Anpfiff  sind drinnen die Ränge schon gut gefüllt. Auch auf den Stadionmauern rund um das Stadion sitzen zahllose Fans. In wenigen Minuten beginnt das Erstligaspiel Khadamat Shati gegen Shabab Jabaliyah. Auch der Fußball findet in Palästina unter Ausnahmebedingungen statt. Eigentlich sollte eine palästinensische Liga alle Teams aus dem Gazastreifen, aus Ost-Jerusalem und der Wrestbank umfassen. Aber der Gazastreifen steht unter ägyptischer und israelischer Blockade, die Spieler können nicht ein- und ausreisen. In der FIFA ist Palästina wie ein anerkannter, unabhängiger Staat akzeptiert, aber die Realität sieht anders aus. Der berühmteste Fußballer aus Gaza, Mahmoud Sarsak, wurde 2012 nicht durch spektakuläre Torszenen berühmt, sondern durch einen fast 100 Tage andauernden Hungerstreik. Der ehemalige Nationalspieler war jahrelang ohne rechtliche Grundlage („Administrativhaft„) in israelischer Haft.

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Stadion in Beit Lahia (image: courtesy of René Wildangel)

Im Gazastreifen, wo viele ums tägliche Überleben kämpfen, die Wirtschaft schwächelt und Arbeitslosigkeit grassiert, wird eine Liga ausgespielt, in der ausschließlich Teams aus Gaza teilnehmen. Mit Jabaliya und Shati stehen sich hier zwei Teams aus Flüchtlingslagern gegenüber, zwei Drittel der 1, 7 Millionen Bewohner des Gazastreifen sind Flüchtlinge aus den Kriegen von 1948 und 1967. Die Mehrheit ist jung und fußballverrückt, aber selbst die umgerechnet 50 Cent Eintrittspreis kann sich hier nicht jeder leisten. Dagegen erstaunt der gute Zustand des Spielfeldes im Stadtteil Beit Lahia. Ein reicher Palästinenser hat hier, so wird mir erklärt, 100.000 Dollar für den Rasenplatz gespendet. Der Platz ist klein, aber gehört zu den besten hier, seit das Nationalstadion von Gaza im letzten Krieg von der israelischen Armee bombardiert wurde und tiefe Krater die Nutzung unmöglich machen. Anzeigetafeln oder Flutlicht gibt es nicht, dazu fehlt derzeit das Geld. Außerdem gibt es derzeit im gesamten Gazastreifen nur wenige Stunden am Tag Elektrizität.

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Tor für Khadamat Shati (image: courtesy of René Wildangel)

Als das Spiel beginnt, gehen die Zuschauer begeistert mit. Der Fußball ist eine willkommene Abwechslung, Trommeln, La Ola und Fanplakate vermitteln Normalität. Das Niveau des Spiels kann sich sehen lassen, die Kicker von Khadamat Shati machen Tempo und gehen schon nach kurzer Zeit in Führung. Mit einem spektakulären Treffer in der ersten Hälfte gleicht Jabaliya aus, dabei bleibt es bis zum Schluss. In der Halbzeitpause wird auf dem Spielfeld gebetet, auch einige Spieler nehmen teil. Die Ligaspiele in Gaza werden immer so getimt, dass die Pausen mit den islamischen Gebetszeiten übereinstimmen. Noch wichtiger als Fragen der politischen Zugehörigkeit ist für viele Palästinenser die Identifikation mit den spanischen Top-Mannschaften: Barca oder Real? Viele Besucher haben entsprechende Trikots an. Und als der deutsche Gast im Stadion erkannt wird, werden spontan Schlachtgesänge für die deutsche Nationalmannschaft angestimmt. Dann heißt die Frage: Bayern oder Dortmund? Ein Fan in der Menge beantwortet die Frage eindeutiger als ich, er hat ein Reus-Trikot an.

(Eine Kurzversion dieses Textes erscheint in der kommenden Ausgabe des Magazins „11 Freunde“ in der Rubrik „Auswärtsspiel“).

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Dortmundfan in Gaza (image: courtesy of René Wildangel)