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Geisterzüge vs. Schildkröten

Was von den Zügen blieb - Tripoli (c) Bente Scheller

Was von den Zügen blieb – Tripoli (c) Bente Scheller

Vor einigen Monaten versuchte ich meinen Kindern einen Konferenzbesuch im nordlibanesischen Tripoli schmackhaft zu machen und stellte ihnen in Aussicht, wir würden danach auf den „Souq“ gehen, den alten Basar. Gesagt, getan, doch während der Große die engen Gassen und kleinen Läden spannend fand, verdunkelte sich das Gesicht des Kleinen zusehends, bis er schließlich in Tränen ausbrach: „Du hast uns versprochen, dann fahren wir ZUG! Wo ist der Zug?“ Souq hatte für ihn nach einer Reise im Zug geklungen.

Ich versuchte, zu retten was zu retten war und nahm sie mit aufs alte Bahngelände von Tripoli. Auf von Unkraut überwucherten Schienen reihen sich dort die rostigen Skelette gewesener Züge. Seit dem Bürgerkrieg liegt das 1895 in Betrieb genommenen Eisenbahnnetz des Libanons brach. Zu seinen besten Zeiten umfasste es mehr als 400km. Heute fahren nicht einmal mehr Straßenbahnen in Beirut. An vielen Stellen sind die Gleise eins geworden mit der Landschaft, und übrig geblieben sind nur gespenstische Ruinen der Bahnhöfe.

Godot wartete hier - der Bahnhof in Ain Sofar (c) Bente Scheller

Godot wartete hier – der Bahnhof in Ain Sofar (c) Bente Scheller

Im Libanon mangelt es auf den ersten Blick an wenig – außer an allem, was man von staatlicher Grundversorgung erwartet: Zugang zu stabiler Strom- und Wasserversorgung, einem schnellen und verlässlichen Internet – oder eben öffentlichem Nahverkehr. Die täglichen Staus zehren nicht nur an den Nerven, sondern sind ein erhebliches wirtschaftliches Problem: Durch sie entstünde dem Land jedes Jahr, so die Weltbank, ein wirtschaftlicher Schaden in Höhe von 5 – 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Tendenz steigend –  obwohl das Verkehrsministerium über ein mit rund 8,6 Millionen Dollar im Jahr ansehnliches Budget verfügt. Dass Geld fließt, ohne, dass signifikante Leistungen dafür erbracht werden müssen, könnte ein Grund dafür sein, warum das Ministerium beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs im Schneckentempo arbeitet. Abgesehen von einer Busflotte, die aus lediglich 40 maroden Vehikeln besteht, hat es nicht viel zu tun. Während das Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr wurden all diese Versäumnisse genüsslich karikiert. Einer der Witze, die am häufigsten geteilt wurden, war ein Foto, das Hariri und Merkel auf dem über den Dächern von Beirut zeigte. Hariri deutet erklärend ins Blaue, die hinzugefügte Sprechblasenkonversation über die nicht existenten Züge:

"Sehen Sie unsere Schnellzüge?" - Spott während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel, 2018

„Sehen Sie unsere Schnellzüge?“ – Spott während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel, 2018

Hariri: Sehen Sie dort hinten unsere Schnellzüge?

Merkel: Nein.

Hariri: Für die haben wir sogar eine eigene Abteilung mit einem Direktor und Angestellten, die wir bezahlen.

 

 

Das Schienennetz wieder zu beleben wäre eine überaus politische Angelegenheit. Nicht nur würde das eine Konfrontation mit den Betreibern der vielen kleinen privaten Minibusse nach sich ziehen, sondern es würde auch heißen, gegen die seit 1990 massiv betriebene Privatisierung öffentlichen Raums anzugehen. Gesetzlich sind Strände im Libanon öffentliches Gelände. In der Praxis ist es jedoch schwierig geworden, öffentliche Strände zu finden. Die meisten sind von Privatleuten in luxuriöse Strandclubs mit einem entsprechend hohen Eintritt verwandelt worden. Sie bleiben zumeist unbehelligt, weil sie mit politischen Größen verbandelt sind, die ihren Anteil abschöpfen.

Nun aber hat ein libanesisches Gericht der Privatisierung an einer Stelle den Kampf angesagt: Dem Orange House in Tyros, einem Gästehaus, dessen Besitzerin Mona Khalil sich dort seit 1999 dem Schutz der Meeresschildkröte widmet. Meeresschildkröten sind selten geworden im Libanon – nicht zuletzt, weil libanesische Politiker einen Teil des hiesigen Sandstrands absaugen und nach Zypern verkaufen ließen. Das hat das Habitat der Schildkröten zerstört, die ihre Eier stets dort legen, wo sie geschlüpft sind. Das Orange House kümmert sich um die Bestandspflege, schützt die Gelege der Schildkröten und bildet BesucherInnen darin fort, wie sie selbst einen Beitrag zum Umweltschutz leisten können. Nun wurde die Betreiberin Mona Khalil zu einer Geldstrafe von über 6.000 Euro verurteilt – weil ihr Projekt den Zugverkehr blockiere.

Nichts haben Libanons Eliten seit 30 Jahren unternommen, das seit dem Bürgerkrieg verrottende Bahnnetz wieder in Gang zu bringen. Nur jetzt, wenn es gilt, ein sowohl aus ökologischen Gründen wie auch als Touristenattraktion fantastisches Projekt kaputtzukriegen, um auch einen der letzten Sandstrände wegbaggern zu können, erinnern sie sich ihrer Geisterzüge.

Auf zwei Rädern durch Beirut

Beirut Wall Painting - with kind permission of The Chain Effect

Graffiti in Beirut – mit freundlicher Genehmigung von The Chain Effect

 

Ein Gastbeitrag von Sara Stachelhaus

Jedes Mal, wenn ich die Wahl meines bevorzugten Transportmittels in Beirut verrate, erhalte ich eine ähnliche Reaktion in der Form der nonverbal artikulierten oder ausgesprochenen Frage, ob ich vorhabe, Beirut lebendig wieder zu verlassen. Fahrrad fahren in Beirut? Bloß nicht! Da es mir anscheinend ein besonderes Alleinstellungsmerkmal verleiht, Rad zu fahren – nebst einem guten Gesprächseinstieg – fühle ich mich dafür verantwortlich, Aufmerksamkeit auf Freud und Leid der Beiruter Radfahrer zu lenken. Als Mitglied dieser unterprivilegierten Minderheit sehe ich es als meine Pflicht, meine Mitmenschen zu ermutigen ihre Abgas-produzierenden Autos zu Hause stehen zu lassen, und sich auf ihre Köperfett-reduzierenden Räder zu schwingen.

Vielfältiger als die besorgte Standardfrage nach meinem Selbererhaltungstrieb sind die Reaktionen, die ich im Straßenverkehr auf meinem alltäglichen Abenteuer durch den Großstadt-Dschungel erhalte. Die beliebteste Frage ist die nach meiner Herkunft. Selbstverständlich, mein Aussehen kombiniert mit dem Fakt, dass ich eine Frau auf einem Rad bin, gibt mich augenblicklich als Ausländerin preis. Andere nehmen an, ich sei hier, um für die Tour de France zu trainieren – ich, auf meinem pinken Damenrad. Auch wenn ich meinen Gewinnchancen bei dem Fahrradrennen pessimistisch entgegenblicke, stimmte ich dennoch inbrünstig in den Jubel jenes Autofahrers ein, der die Fenster herunterließ um „Vive La France“ über die Straße zu brüllen. Sie sind es, die eingesperrten Menschen in ihren Autos, die mir tagtäglich vor Augen führen, was für einen Vorteil ich habe, wenn ich sie im Stau des Feierabendverkehrs überhole. Auch sie sehen es so, und rufen mir manches Mal fast neidvoll hinterher:

„Radfahren ist das Beste was du tun kannst in Beirut!“

Ja, dem stimme ich zu.

Und an jene, die sich um mein Wohlergehen in dem von aggressiven Fahrverhalten dominierten Straßenverkehr Sorgen machen: Wenn es zu Radfahrern kommt, haben manche Autofahrer mehr Angst vor mir als ich vor ihnen. Der Abstand, den manche von mir halten, ist beinah liebenswert (und wird von mir sehr gewürdigt!), als ob sie davon ausgingen, dass ich jede Sekunde grundlos von meinem Rad fallen könnte. Jeder, der schon einmal in einer durchschnittlich-großen, europäischen Großstadt aus Versehen einen Fuß auf den Radweg gesetzt hat, weiß, dass Radfahrer in Europa absolut rücksichtslos sein können. Ich habe nicht vor, diesen rücksichtslosen Fahrstil gutzuheißen und für Beirut zu propagieren – ganz im Gegenteil! Was ich bloß sagen will, akzeptiert Radfahrer als normale Verkehrsteilnehmer, die man nicht fürchten muss, sondern die man überholen kann – sie werden auch dich überholen, wenn sie können.

Ich habe jedoch nicht die Absicht, die Illusion zu kreieren, dass ich mich als Radfahrerin sicher auf Beiruts Straßen fühle. Jede Fahrt ist ein Risiko. Ein Risiko, das wenigstens auf den Hauptstraßen der Innenstadt eingedämmt werden könnte, wenn man Radwege einrichten würde. Außerdem, nicht jeder teilt die Furcht vor Radfahrern, wie sie oben beschrieben ist. Manche scheinen sich zu wünschen, wir würden uns in Luft auflösen, und scheinen zu glauben, dies in die Tat umsetzen zu können, wenn sie uns nur zu nahekommen. Mein Rat: Radfahren nur mit Helm und Augen auf!

Das ‚Gute‘ am Radfahren in einer Stadt mit einer kleinen, gefährdeten Radfahrerminderheit ist, dass sich bisher niemand die Mühe gemacht hat, Schilder anzubringen die verbieten, dass man sein Rad an öffentlichen Eigentum wie Geländern, Bäumen oder Straßenschildern anschließen darf. Das wäre aber auch schwierig, da Fahrradständer eine Seltenheit in Beiruts Straßen sind. Sie würden allerdings nicht nur das Straßenbild positiv prägen, sondern auch mehr Menschen ermutigen, sich per Rad zu bewegen. Eine libanesische Organisation, die gemeinsam mit Privatunternehmen, Nachbarschaftsorganisationen sowie der Stadtverwaltung Fahrradständer aufstellt, ist ‚Chain Effect‘. Ihr größtes Modell hat die Silhouette eines Autos. Wo ein Kleinwagen parkt, so die Botschaft, könnten 12 Fahrräder Platz finden. Wenn in einer Stadt, in der Parkplätze schwierig zu finden sind, 12 potentielle Kunden ihre Shopping- oder Essenstour von einem Parkplatz aus starten können, der normalerweise nur maximal fünf Kunden heranbringen könnte (und wie viele Autos sind schon voll belegt?!), dann sollten Geschäfte und Restaurants rasch auf den Zug, oder besser, auf das Rad aufspringen, und Fahrradständer statt Autoparkplätze zu Verfügung stellen. Gerade Restaurants sollten berücksichtigen, dass Radfahrer hungriger als Autofahrer sein dürften.

Fazit: Radfahren in Beirut ist höchst empfehlenswert. Für Adrenalin-Junkies empfehle ich auf jeden Fall die Rush Hour, und für verträumte Genießer, sich an der Strandpromenade ein Fahrrad auszuleihen. Falls du einen Radausflug mit anderen machen möchtest, gibt es organisierte Fahrten wie den ‚Beirut Night Ride‘. Auf den Facebook-Seiten ‚Beirut By Bike‘ oder ‚CyclingCircle‘ findest du die Events.

Sara Stachelhaus (c) privat

Sara Stachelhaus (c) privat

Sara Stachelhaus ist seit Oktober 2018 Praktikantin im Beirut-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung . Als Public Governance-Studentin in den beiden Fahrradstädten Münster und Enschede war es für sie selbstverständlich, sich auch in Beirut aufs Rad zu schwingen.

Die passende Quittung

Ich habe an dieser Stelle schon einmal darüber geschrieben, wie der Name unserer Stiftung für Verwirrung sorgt. Inmitten des langen, heißen Sommers in Beirut haben wir die (passende) Quittung dafür bekommen – statt „Heinrich Böll“ steht darauf „Heinrich Boil“ – wie „Heinrich, koch.“

Stilkritik: Kunstpalmen

In Deutschland gibt es fast keine Palmen, deshalb kaufen sich Leute Kunstpalmen. Allein bei real findet man über 60 verschiedene Palmen aus Plastik, Textil und Kunstholz, angefangen bei der günstigen Variante für 18,99 bis hin zum Edel-Modell für 607,50 Euro. Leute kaufen sich das, weil sie es schön finden. Und natürlich, weil Palmen der Inbegriff von Exotik sind. Die Artefakte sehen echten Palmen offenbar so ähnlich, dass die Hersteller teilweise in der Beschreibung darauf hinweisen, dass die Pflanze keine Pflege benötige.

In Marokko gibt es hingegen viele Palmen, und trotzdem begegnen mir täglich Kunstpalmen. Die sind aber viel größer als bei real und eher nicht für den Privathaushalt bestimmt. Sie sind auf großen Masten abgebracht und zieren das Straßenbild in Rabat, Marrakesch und Agadir. Die Städte haben sie aufgestellt, weil sie etwas Hässliches verdecken: Mobilfunkantennen. Ob es hier um rein optische Beweggründe oder die Prävention einer antizipierten Debatte über Mobilfunkstrahlung geht, vermag ich nicht zu beurteilen. Feststeht, dass die Mobilfunkmasten fast gar nicht auffallen und, ja, teilweise sogar schön aussehen. Der Handyempfang ist übrigens auch ausgezeichnet.

„Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“

Mirna El Masri (c) privat

Ein Gastbeitrag von Mirna El Masri

Libanon ist bekannt für seine Vielfältigkeit, Offenheit und Modernität. Zumindest im Vergleich zu anderen Staaten des nahen- und mittleren Ostens. Von einer maßlosen Partymetropole bis hin zu der Stadt, die eine der höchsten Schönheitsoperationsraten der Welt vorweist, ist im Libanon alles vorzufinden – bis auf etwas so alltägliches wie Tampons. Damit wird es schwierig, denn diese sind ja zum Einführen in die Scheide vorgesehen – und wehe dem, der sich etwas vaginal im Libanon einführen möchte! Allein bei der Benennung des unaussprechlich privaten stellen sich bei sämtlichen Leuten, selbst Apothekern, bei denen man einen gewissen Bildungsgrad voraussetzen könnte, die Nackenhaare auf. Verschämt sprechen sie in der Regel (unbeabsichtigtes Wortspiel) von „da unten“ – oder deuten mit dem Finger in Richtung der allzu heiklen Körperregionen, begleitet mit einem Räuspern. Ein ebenfalls nur in geheimnisvoll raunendem Ton besprochenes Thema ist die Periode an sich, was Marsa, ein Zentrum für sexuelle Gesundheit im Libanon, zu dem Aufklärungsvideo „Leila die Spionin“ anregte.

Anfangs unwissend über die prekäre Situation, schlenderte ich durch die Einkaufszentren und kleinen Läden Beiruts, in der Hoffnung, Tampons zu kaufen. Nachdem ich selbst im dritten Geschäft keine ausfindig machen konnte, entschloss ich mich beim vierten dazu, die Verkäuferin nach Tampons zu fragen. Sie mustere mich ebenso misstrauisch wie vorwurfsvoll von oben bis unten hin. Viel jünger auszusehen, als man tatsächlich ist, kann einem in vielen Situationen Vorteile verschaffen – aber gerade bei den unerhörten sexualisierten Themen auch genug Nachteile, wie die Reaktion der Verkäuferin zeigte: „Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“ verfügte sie. Einen kurzen Moment war ich irritiert – stattdessen für Jungs? Dann fiel der Groschen, dass ich aus ihrer Sicht noch ein „Mädchen“, keine „Frau“ war. Nach einer kleinen Diskussion mit ihr erfuhr ich, dass Tampons in der Regel in Apotheken angeboten werden.

Also wandte ich mich an die nächstgelegene Apotheke. Auch hier wieder ein intensives Gemustere, diesmal seitens der Apothekerin, gefolgt von der Frage: „Tampons, wofür brauchst du denn sowas?“ Verwundert antwortete ich: „Oh, ich wusste gar nicht, dass Tampons auf mehrere Art und Weise benutzt werden können …? Ich jedenfalls verwende sie während meiner Periode, zum Einführen in die Vagina.“ Vagina, bei dem Wort musste eine andere anwesende Apothekerin hysterisch kichern, ein männlicher Gehilfe lief rot an. Dann sagte die Angesprochene zögerlich: „Ja, Tampons haben wir da … aber du bist doch verheiratet, oder?“

Nun stellt sich die Frage, was denn beunruhigender ist: die Angst der Menschen vor einer vorehelichen Entjungferung – oder das offensichtliche Unwissen darüber, dass der Gebrauch von Tampons eben nicht zu einer Entjungferung führt, da sich – wie eigentlich allen ApothekerInnen bewusst sein sollte – das Jungfernhäutchen während der Periode weitet.

Und selbst wenn, sollte dennoch die erschütternde Gefahr einer vorehelichen Entjungferung durch einen Tampon oder noch unaussprechlichere Möglichkeiten anderweitig bestehen, kann man sich Gott sei Dank (!) für schlappe 2000-5000 $ das Jungfernhäutchen durch einen chirurgischen Eingriff wieder zurückzaubern lassen, um zur Hochzeitsnacht pflichtschuldig den Blutfleck der gesitteten Frau im Laken zu hinterlassen und somit achtenswert zu sein – ohne Jungfernhäutchen ist man das natürlich nicht! Die Wiederherstellung des Jungfernhäutchens ist übrigens auch ein weit verbreiteter Trend im Libanon.

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Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri ist seit April 2018 Projektassistentin im Büro der Heinrich Böll Stiftung Middle East in Beirut. Davor studierte sie Integrierte Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt in Politikwissenschaften.

 

Tiere auf Beton

Tiere auf Beton – das ist das unwürdige Image, das viele Zoos in den 1970ern in Deutschland prägte und was bis heute an vielen Orten die traurige Realität ist.

Ein berühmtes Beispiel einer tragischen Zoo-Existenz ist Marjon, der Löwe, der 2002 im Zoo Kabul sein Leben beendete. Er war 1978 ein Geschenk des Kölner Zoos an den Hindukusch. 17 Jahre später begab sich ein Afghane ins Löwengehege,  um dort in Siegerpose fotografiert zu werden und wurde von Marjon zerfleischt. Der Bruder des Verstorbenen rächte ihn wenige Tage später, indem er eine Handgranate in den Käfig warf.

Der Löwe überlebte, verlor bei dem Anschlag jedoch ein Auge. Geehrt wurde er nach seinem Tod mit einem Grabstein  mit der Inschrift: „Hier ruht Marjon, der ungefähr 23 wurde. Er war der berühmteste Löwe der Welt.“

Was die Zoos betrifft, bildet Beirut vielleicht eine löbliche Ausnahme. Es hat nämlich keinen. Doch an Tieren auf Beton gebricht es der libanesischen Hauptstadt nicht.

Neulich saß ich abends in einem Straßencafé, in dem – wie üblich – alle paar Minuten eine riesige Kakerlake vorbei huschte. Die Leute, die sich am Nebentisch direkt neben dem Kakerlakentrampelpfad niederließen, hatten mit der Omnipräsenz von Periplaneta Americana offensichtlich noch nicht ihren Frieden gemacht, denn sie sprangen bei der nächsten panisch auf. Die Schabe floh unter den Nachbartisch zur Linken, die Gäste von gegenüber verschanzten sich hinter mir, und Sekunden später stand das halbe Restaurant quiekend auf den Zehenspitzen und lugte unter das Mobiliar.

„Es handelt sich schon noch um eine Kakerlake, die wir hier suchen?“ vergewisserte sich mein Gesprächspartner. In diesem Moment sah ich sie, stand auf und begrub sie unter meinem Fuß. „Gefahr gebannt“, verkündete ich. Der Kellner umarmte mich, und ich wurde gefeiert, als hätte ich gerade das Monster von Loch Ness mit bloßen Händen erwürgt. Ich sollte darüber nicht lästern, denn wäre das eine Spinne gewesen, wäre ich nie so beherzt gegen sie vorgegangen.

Der nächste Ort animalischer Ansichten in meiner Nachbarschaft war die örtliche Polizeiwache. Vor ihren ohnehin unappetitlichen Mülltonnen lag spektakulär eine fette tote Ratte. Die Diensthabenden beobachteten regungslos, wie ein Passant nach dem anderen angeekelt die Straßenseite wechselten und starrten die Ratte an, ohne jegliche Regung, sie wegzuräumen. Vielleicht war die Ratte auch nicht tot, sondern starte die Polizisten an, ohne sie wegzuräumen. Ganz sicher bin ich mir im Nachhinein nicht.

Fußball-Fieber

In Marokko dreht sich seit Wochen alles um die Fußball-Weltmeisterschaft. Nicht die in Russland 2018, nein, sondern die in Marokko 2026. Das ist zumindest die große Hoffnung der Marokkanerinnen und Marokkaner. Noch ist es allerdings nicht so weit. Die FIFA wird erst am 13. Juni darüber entscheiden, ob die WM 2026 tatsächlich in Marokko ausgetragen oder von dem Trio USA, Mexiko und Kanada ausgerichtet werden wird.

Von außen betrachtet erscheint dies ein sehr ungleicher Zweikampf zu sein. Dem Außenseiter Marokko werden aber durchaus Chancen eingeräumt. Die WM-Kandidatur beherrscht die Schlagzeilen der marokkanischen Medien – seit Monaten. Die Euphorie im Land ist riesig, jetzt, zu kurz vor der finalen Entscheidung des FIFA-Kongress.

Minutiös analysiert die Presse die taktischen Manöver der Kontrahenten und das voraussichtliche Wahlverhalten der afrikanischen und europäischen Länder. Auf einer interaktiven Weltkarte werden die Präferenzen der einzelnen Mitgliedsländer laufend aktualisiert. Sogar Marokkos Erzfeind Algerien hat angekündigt für den Nachbarn zu stimmen, angesichts der Alternative Trump. Letzterer hat sich mit seinem Tweet zur WM-Vergabe den geballten Unmut der Marokkanerinnen und Marokkaner zugezogen. In gewohnter Trump-Manier drohte er, allen Ländern, die die WM-Kandidatur der USA nicht unterstützten, die Hilfsgelder zu streichen. Damit zielte er natürlich auf die afrikanischen Unterstützer Marokkos ab. Und tatsächlich, wenige Tage später erklärte Südafrika entgegen seiner zuvor verkündeten uneingeschränkten Unterstützung der marokkanischen Kandidatur, nun doch für die USA, Mexiko und Kanada stimmen zu wollen.

Die Aussicht auf eine WM im eigenen Land bewegt die Menschen in Marokko. Das spürt man. Die Resonanz auf Facebook und Twitter ist enorm. Gemeinsam wird die erhoffte Entscheidung für Marokko geradezu herbeibeschworen. Hunderte Unterstützer – ganz normaler Bürgerinnen und Bürger, aber auch Prominente wie Zlatan Ibrahimović und Lionel Messi – haben sich der Online-Kampagne #MAYMKENCH angeschlossen und ein kurzes Video hochgeladen, um der marokkanischen Kandidatur zusätzlichen Atem einzuhauchen. Bekannte Pop-Musiker haben gemeinsam eine Hymne auf die marokkanische Nation komponiert, in der sie die die Qualitäten ihres Heimatlandes besingen. Das 16 minütige Video zeigt ein Meer aus marokkanischen Fahnen, Autobahnen, Windräder, Wüste und natürlich den König. Das war vielen dann doch zu dick aufgetragen. Der folkloristische Patriotismus des Videos wurde in den Medien zerrissen, der Produzent für seinen „Clip der Schande“ scharf kritisiert.

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Das Hoffen auf die WM geht aber weiter. Und ja, es gibt viele gute Gründe, die für Marokko sprechen. WM-Botschafter Lothar Matthäus erläutert diese besonders prägnant: „Die Leute in Marokko lieben den Fußball, sie atmen den Fußball, sie leben Fußball. Und deswegen muss die Weltmeisterschaft in Marokko stattfinden.“ Aus seiner Erfahrung des Länderspiels zwischen Deutschland und Marokko von 1986 bescheinigt Lothar Matthäus den Marokkanern zudem, dass bei ihnen auch in der Niederlage eine hohe Qualität stecke. Marokko braucht die Entscheidung der FIFA am 13. Juni also nicht zu fürchten.

Die Stärke der syrischen Armee: Keiner trägt so viele Waschmaschinen

„Aber meine Seele wird in dir weiterleben,“ lautet eines der letzten Graffiti, die Einwohner der Vororte in Süddamaskus auf die Wände gesprüht haben, bevor sie in die berühmten grünen Busse der erzwungenen Vertreibung gestiegen sind.

Am 21. Mai nahmen die Regimetruppen das – inoffizielle – Palästinenserlager Yarmouk wieder ein. Seit Jahren war es belagert und von beständigen Bombardements in Schutt und Asche gelegt worden. Yarmouk wurde im Westen im wesentlichen durch zwei Dinge bekannt: durch Aeham Ahmad, der mittlerweile in Deutschland lebt und berühmt für sein Klavierspiel in den Trümmern wurde. Und durch ein Foto vom Januar 2014, das das Ausmaß des Grauens der Belagerung versinnbildlichte: Eine Straße, gesäumt von den Ruinen bombardierter und ausgebrannter Hochhäuser, auf der sich bis zum Horizont Menschen für eine der raren Essenslieferungen der Vereinten Nationen drängen.

Letzteres kombinierte der Politikwissenschafter Ziad Majed mit einem aktuellen Bild der gleichen Straße. Darauf sieht man, wie die Soldaten Kühlschränke, Waschmaschinen und was sie sonst in den Häusern der Vertriebenen finden, wegschleppen  – so viel sie tragen oder auf einen Karren laden können. Assadismus in zwei Bildern,“ schreibt Majed hierzu: „Nachdem Assads Söldner und ihre Verbündeten diejenigen deportiert haben, die die mittelalterliche Belagerung überlebt haben, die Fassbomben und die Folter (in der berüchtigten Palästnina-Abteilung!), klauen sie, was in den zerstörten Häusern zurückgeblieben ist.“ – „Hier sieht man, wie das syrische Regime Palästina befreit – Waschmaschine um Waschmaschine,“ bemerkte eine Aktivistin trocken.

Als das Internationale Institut für Strategische Studien in London 2013 konstatierte, die syrische Armee sei sehr geschwächt und verfüge noch nicht einmal mehr über die Hälfte ihres ehemaligen Potentials, hatte das Institut möglicherweise einfach nur den falschen Maßstab angelegt. Vielleicht bemisst sich die Stärke der syrischen Armee nicht in Zahlen, sondern darin, wieviele Haushaltsgeräte ein Soldat auf einmal tragen kann. Auch sollte man nicht auf die Goldwaage legen, wenn das Regime bei jedem niedergerungenen und entvölkertem Ort davon spricht, sie habe ihn „befreit“ – da Assad es mit bürgerlichen Freiheitsrechten nicht so hält, ist das im post-materialistischen Sinne  zu verstehen: man befreit die BürgerInnen von ihrem Hab und Gut. Zwar dürfen auch sie mit in die Busse nehmen, was sie hineinbekommen – außer, so ist es in allen jüngsten „Versöhnungsabkommen“ festgehalten, Schmuck und Geld.

Es ist nicht so, dass andere Akteure nicht plündern oder klauen. Als die mit der Türkei verbündeten syrisch-arabischen Truppen Kurden aus Afrin vertrieben hatte, machten ebenfalls Bilder von Plünderungen die Runde. Sofort danach gab es jedoch auch die Graffitis derer, die öffentlich bekundeten, sich für ein solches Vorgehen zu schämen, und zumindest einen halbherzigen Versuch, den Bewohnern ihr Hab und Gut wiederzubeschaffen. Wie auch bei Foltertoden und getöteten ZIvilisten: das Regime ist auch bei Plünderungen einsame Spitze und bemüht sich noch nicht einmal, de Anschein zu erwecken,  dagegen vorzugehen. „Das war schon beim Abzug aus dem Libanon so,“ erzählt eine Kollegin – „Lastwagen voller Haushaltsgeräte haben sie mitgenommen – völlig ungeniert. Die Soldaten waren nicht gut bezahlt, dafür ließ ihnen das Regime freie Hand beim Plündern.“

Im Februar stellte auf Twitter „Abdulrahman“ ein Foto ein, auf der man Soldaten einen riesigen Haufen voluminöser Kochtöpfe bewachen sieht. „Im ländlichen Deir Ezzor ist eine auf das Plündern von Kochtöpfe spezialisierte Armeeeinheit stationiert worden,“ verkündete er, und hängte auch gleich einen Merkzettel für die „neuen Ränge der sysrischen Armee“ an. Statt Sternen prangen  auf den Schulterstücken Waschmaschinen, Gasflaschen und Ventilatoren.

Nach den Bildern von dem Beutezug durch Yarmouk ging eine syrische Webseite noch weiter. In Anlehnung an die vollmundigen Regimebekundungen, es setze sich für die ‚Befreiung Palänstinas‘ ein, behauptete die Seite, sie haben den einzigen Weg gefunden, wie man die syrische Armee dazu bringen könne, diese in Angriff zu nehmen – darunter eine Fotomontage mit dem Felsendom, vor den verlockend Gefrierschränke und Mikrowellen aufgestapelt sind.

Nach dem Herbst der Patriarchen: Sommer der Unterwäschemodels

In manchen Stadtteilen von Beirut kann man kaum einen Schritt gehen, ohne von einer Galerie in die nächste zu stolpern. Kunst und Design sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Umso augenfälliger, dass bei Wahlen offensichtlich die Kreativität aufhört. Die Plakate, teils so groß, dass sie ganze Hausfassaden bedecken, wirken, als hätten sich die KandidatInnen eine Selbstbeschränkung auferlegt, keine zu vorteilhaften Bilder zu verwenden und sich als einzige Dekorationselemente wahlweise die ganze Flagge oder nur die Zeder zu leisten. Gleichermaßen gesichtslos die Slogans, die einen Wettbewerb des Beliebigen verheißen – „Deine Stimme für den Norden“ – oder „Für einen starken Libanon“.

Obwohl der Frauenanteil bei den diesjährigen Parlamentswahlen mit 15% höher denn je war, dominierten, je näher die Wahlen rückten, umso mehr die Portraits von Männern gesetzteren Alters das Stadtbild. Auf Twitter  gab es diesbezüglich vereinzelte Fotos, auf denen die Hochhäuser gänzlich von Anzügen und sich lichtenden grauen Haaren bedeckt erschienen -mit der wehmütigen Bildunterschrift: „Wir vermissen Marie France“, ein Verweis auf die oft sehr freizügige Werbung einer der marktführenden Firmen im Dessous-Bereich, die sonst auf den Plakatwänden zu sehen war.

Seit kurzem werden die die alten Herren wieder durch sich räkelnde Unterwäschemodels verdrängt – als kleine Dreingabe prangt ein goldenes Herz auf den Plakaten, das den Twitter-Kommentaren Rechnung trägt „We are back“ steht da – „Wir sind zurück.“ Das sind die Jahreszeiten des Libanons. Aus feministischer Sicht zweifelhaft, aber als Fakt unübersehbar: Der im Frühjahr zelebrierte Herbst vieler libanesischer Patriarchen wird jetzt durch den Sommer der Unterwäsche- und Bademoden abgelöst.

 

 

Warum Milch, Wasser und Benzin in Marokko boykottiert werden

Milch und Wasser einkaufen ist in Marokko dieser Tage gar nicht so einfach. Denn, es ist zu einem Politikum geworden. Seit Ende April werden die beiden marktführenden Produkte, Wasser von Sidi Ali und Milch von Centrale, boykottiert. Dasselbe gilt für den Sprit der marokkanischen Tankstellen-Kette Afriquia.

Angefangen hat alles mit ein paar Facebook-Posts, die dazu aufriefen, die genannten drei Marken einen Monat lang zu boykottieren, um die Produzenten zu zwingen, die Preise für Wasser, Milch und Benzin zu senken. Der Aufruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer – ohne prominente Initiatoren, ohne Unterstützung von politischen Parteien und anderen Organisationen. Im ganzen Land ist der Boykott mittlerweile Thema. Zeitungen und Zeitschriften bringen Titelgeschichten. Die sozialen Medien quellen über. Und Politiker und Konzerne reagieren unbeholfen bis patzig.

Bei dem Boykott geht es aber längst nicht nur um hohe Preise. Mit der Kampagne ist ein heterogenes Bündel von enttäuschten Erwartungen, latenter Unzufriedenheit und handfestem Frust verknüpft. Jeder in Marokko kennt Sidi Ali, Centrale und Afriquia. Dasselbe gilt für die Personen und Familien, denen die Unternehmen gehören. Auf sie und auf das System, für das sie stehen, richtet sich die Wut vieler Marokkanerinnen und Marokkaner. Denn ihre schier unermessliche politische und wirtschaftliche Macht spottet den alltäglichen Sorgen, unter denen die Menschen leiden: Steigenden Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Korruption.

Sinnbild hierfür ist der Besitzer der Afriquia Tankstellen, Aziz Akhannouch. Er ist nicht nur amtierender Landwirtschaftsminister und Vorsitzender der Regierungspartei RNI, sondern auch der reichste Mann Marokkos. Der Boykott hat ihn aber offenbar überrascht – zumindest lassen seine unglücklichen Reaktionen dies vermuten. Zuerst tat er den Boykott als rein virtuelle Kampagne ab, die keinerlei Bedeutung habe. Kurz darauf appellierte er an die Boykotteure, doch woanders spielen zu gehen. Ähnlich ungeschickt äußerte sich ein Direktor des Centrale-Konzerns, der mittlerweile zum Multi Danone gehört. Wer die Centrale-Milch boykottiere, sei ein Vaterlandsverräter, da er die heimische Wirtschaft schwäche. Gleichzeitig brachte Centrale erstaunlich schnell eine neue Verpackungs-Edition für seine Milch auf den Markt, die dem marokkanischen Kulturerbe gewidmet ist. Für die sozialen Medien war das natürlich ein gefundenes Fressen, bestätigten die Aussagen doch nur, was viele ohnehin schon denken: Die da oben scheren sich nicht um uns und unsere Sorgen und Nöte.

Doch neben dem Verdruss über soziale Ungleichheit, hohe Preise und Monopol-ähnliche Wirtschaftsstrukturen, schwingt auch viel Euphorie und Hoffnung in der Boykott-Kampagne mit. Insbesondere junge Leute sehen in ihr eine neue, vielversprechende Aktionsform. Unter ihnen viele, die sich 2011 für die Bewegung 20. Februar engagiert haben, mittlerweile aber von der stagnierenden politischen Transformation enttäuscht sind. In dem Boykott sehen sie eine Möglichkeit, neuen Reformdruck aufzubauen, ohne eine Verhaftung zu riskieren. Noch. Denn letzte Woche hat die Regierung angekündigt, dass sie Boykottaufrufe, denen falsche Informationen zugrunde liegen, zukünftig strafrechtlich verfolgen werde.

Die realen Effekte des Boykotts lassen sich jenseits der Flut an Facebook-Posts nur schwer abschätzen, da bislang weder die betroffenen Unternehmen noch die Supermärkte Zahlen über verkaufte Wasserflaschen, Milchtüten und Tankfüllungen veröffentlicht haben. Messbar sind aber die Kurseinbrüche der Aktien von Afriquia und Centrale-Danone an der Börse in Casablanca.

Wie es weitergeht? Das ist ungewiss. Es dürfte schwer werden, die Kampagne ohne zentrale Koordination und klare Forderungen über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. Zumal diese Woche in Marokko der Ramadan beginnt. Gleichzeitig hat der Boykott aber schon jetzt ein Ausmaß angenommen, das Befürworter und Gegner überrascht hat. Die erstaunliche Dynamik, die der Boykottaufruf entwickelt hat, zeigt, wie sehr es unterhalb der Oberfläche gärt. Die Boykott-Kampagne hat der latenten Unzufriedenheit im Land ein Ventil gegeben.