Archiv der Kategorie: Allgemein

Stilkritik: Kunstpalmen

In Deutschland gibt es fast keine Palmen, deshalb kaufen sich Leute Kunstpalmen. Allein bei real findet man über 60 verschiedene Palmen aus Plastik, Textil und Kunstholz, angefangen bei der günstigen Variante für 18,99 bis hin zum Edel-Modell für 607,50 Euro. Leute kaufen sich das, weil sie es schön finden. Und natürlich, weil Palmen der Inbegriff von Exotik sind. Die Artefakte sehen echten Palmen offenbar so ähnlich, dass die Hersteller teilweise in der Beschreibung darauf hinweisen, dass die Pflanze keine Pflege benötige.

In Marokko gibt es hingegen viele Palmen, und trotzdem begegnen mir täglich Kunstpalmen. Die sind aber viel größer als bei real und eher nicht für den Privathaushalt bestimmt. Sie sind auf großen Masten abgebracht und zieren das Straßenbild in Rabat, Marrakesch und Agadir. Die Städte haben sie aufgestellt, weil sie etwas Hässliches verdecken: Mobilfunkantennen. Ob es hier um rein optische Beweggründe oder die Prävention einer antizipierten Debatte über Mobilfunkstrahlung geht, vermag ich nicht zu beurteilen. Feststeht, dass die Mobilfunkmasten fast gar nicht auffallen und, ja, teilweise sogar schön aussehen. Der Handyempfang ist übrigens auch ausgezeichnet.

„Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“

Mirna El Masri (c) privat

Ein Gastbeitrag von Mirna El Masri

Libanon ist bekannt für seine Vielfältigkeit, Offenheit und Modernität. Zumindest im Vergleich zu anderen Staaten des nahen- und mittleren Ostens. Von einer maßlosen Partymetropole bis hin zu der Stadt, die eine der höchsten Schönheitsoperationsraten der Welt vorweist, ist im Libanon alles vorzufinden – bis auf etwas so alltägliches wie Tampons. Damit wird es schwierig, denn diese sind ja zum Einführen in die Scheide vorgesehen – und wehe dem, der sich etwas vaginal im Libanon einführen möchte! Allein bei der Benennung des unaussprechlich privaten stellen sich bei sämtlichen Leuten, selbst Apothekern, bei denen man einen gewissen Bildungsgrad voraussetzen könnte, die Nackenhaare auf. Verschämt sprechen sie in der Regel (unbeabsichtigtes Wortspiel) von „da unten“ – oder deuten mit dem Finger in Richtung der allzu heiklen Körperregionen, begleitet mit einem Räuspern. Ein ebenfalls nur in geheimnisvoll raunendem Ton besprochenes Thema ist die Periode an sich, was Marsa, ein Zentrum für sexuelle Gesundheit im Libanon, zu dem Aufklärungsvideo „Leila die Spionin“ anregte.

Anfangs unwissend über die prekäre Situation, schlenderte ich durch die Einkaufszentren und kleinen Läden Beiruts, in der Hoffnung, Tampons zu kaufen. Nachdem ich selbst im dritten Geschäft keine ausfindig machen konnte, entschloss ich mich beim vierten dazu, die Verkäuferin nach Tampons zu fragen. Sie mustere mich ebenso misstrauisch wie vorwurfsvoll von oben bis unten hin. Viel jünger auszusehen, als man tatsächlich ist, kann einem in vielen Situationen Vorteile verschaffen – aber gerade bei den unerhörten sexualisierten Themen auch genug Nachteile, wie die Reaktion der Verkäuferin zeigte: „Tampons? Das ist nichts für Mädchen!“ verfügte sie. Einen kurzen Moment war ich irritiert – stattdessen für Jungs? Dann fiel der Groschen, dass ich aus ihrer Sicht noch ein „Mädchen“, keine „Frau“ war. Nach einer kleinen Diskussion mit ihr erfuhr ich, dass Tampons in der Regel in Apotheken angeboten werden.

Also wandte ich mich an die nächstgelegene Apotheke. Auch hier wieder ein intensives Gemustere, diesmal seitens der Apothekerin, gefolgt von der Frage: „Tampons, wofür brauchst du denn sowas?“ Verwundert antwortete ich: „Oh, ich wusste gar nicht, dass Tampons auf mehrere Art und Weise benutzt werden können …? Ich jedenfalls verwende sie während meiner Periode, zum Einführen in die Vagina.“ Vagina, bei dem Wort musste eine andere anwesende Apothekerin hysterisch kichern, ein männlicher Gehilfe lief rot an. Dann sagte die Angesprochene zögerlich: „Ja, Tampons haben wir da … aber du bist doch verheiratet, oder?“

Nun stellt sich die Frage, was denn beunruhigender ist: die Angst der Menschen vor einer vorehelichen Entjungferung – oder das offensichtliche Unwissen darüber, dass der Gebrauch von Tampons eben nicht zu einer Entjungferung führt, da sich – wie eigentlich allen ApothekerInnen bewusst sein sollte – das Jungfernhäutchen während der Periode weitet.

Und selbst wenn, sollte dennoch die erschütternde Gefahr einer vorehelichen Entjungferung durch einen Tampon oder noch unaussprechlichere Möglichkeiten anderweitig bestehen, kann man sich Gott sei Dank (!) für schlappe 2000-5000 $ das Jungfernhäutchen durch einen chirurgischen Eingriff wieder zurückzaubern lassen, um zur Hochzeitsnacht pflichtschuldig den Blutfleck der gesitteten Frau im Laken zu hinterlassen und somit achtenswert zu sein – ohne Jungfernhäutchen ist man das natürlich nicht! Die Wiederherstellung des Jungfernhäutchens ist übrigens auch ein weit verbreiteter Trend im Libanon.

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Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri (c) privat

Mirna El Masri ist seit April 2018 Projektassistentin im Büro der Heinrich Böll Stiftung Middle East in Beirut. Davor studierte sie Integrierte Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt in Politikwissenschaften.

 

Tiere auf Beton

Tiere auf Beton – das ist das unwürdige Image, das viele Zoos in den 1970ern in Deutschland prägte und was bis heute an vielen Orten die traurige Realität ist.

Ein berühmtes Beispiel einer tragischen Zoo-Existenz ist Marjon, der Löwe, der 2002 im Zoo Kabul sein Leben beendete. Er war 1978 ein Geschenk des Kölner Zoos an den Hindukusch. 17 Jahre später begab sich ein Afghane ins Löwengehege,  um dort in Siegerpose fotografiert zu werden und wurde von Marjon zerfleischt. Der Bruder des Verstorbenen rächte ihn wenige Tage später, indem er eine Handgranate in den Käfig warf.

Der Löwe überlebte, verlor bei dem Anschlag jedoch ein Auge. Geehrt wurde er nach seinem Tod mit einem Grabstein  mit der Inschrift: „Hier ruht Marjon, der ungefähr 23 wurde. Er war der berühmteste Löwe der Welt.“

Was die Zoos betrifft, bildet Beirut vielleicht eine löbliche Ausnahme. Es hat nämlich keinen. Doch an Tieren auf Beton gebricht es der libanesischen Hauptstadt nicht.

Neulich saß ich abends in einem Straßencafé, in dem – wie üblich – alle paar Minuten eine riesige Kakerlake vorbei huschte. Die Leute, die sich am Nebentisch direkt neben dem Kakerlakentrampelpfad niederließen, hatten mit der Omnipräsenz von Periplaneta Americana offensichtlich noch nicht ihren Frieden gemacht, denn sie sprangen bei der nächsten panisch auf. Die Schabe floh unter den Nachbartisch zur Linken, die Gäste von gegenüber verschanzten sich hinter mir, und Sekunden später stand das halbe Restaurant quiekend auf den Zehenspitzen und lugte unter das Mobiliar.

„Es handelt sich schon noch um eine Kakerlake, die wir hier suchen?“ vergewisserte sich mein Gesprächspartner. In diesem Moment sah ich sie, stand auf und begrub sie unter meinem Fuß. „Gefahr gebannt“, verkündete ich. Der Kellner umarmte mich, und ich wurde gefeiert, als hätte ich gerade das Monster von Loch Ness mit bloßen Händen erwürgt. Ich sollte darüber nicht lästern, denn wäre das eine Spinne gewesen, wäre ich nie so beherzt gegen sie vorgegangen.

Der nächste Ort animalischer Ansichten in meiner Nachbarschaft war die örtliche Polizeiwache. Vor ihren ohnehin unappetitlichen Mülltonnen lag spektakulär eine fette tote Ratte. Die Diensthabenden beobachteten regungslos, wie ein Passant nach dem anderen angeekelt die Straßenseite wechselten und starrten die Ratte an, ohne jegliche Regung, sie wegzuräumen. Vielleicht war die Ratte auch nicht tot, sondern starte die Polizisten an, ohne sie wegzuräumen. Ganz sicher bin ich mir im Nachhinein nicht.

Fußball-Fieber

In Marokko dreht sich seit Wochen alles um die Fußball-Weltmeisterschaft. Nicht die in Russland 2018, nein, sondern die in Marokko 2026. Das ist zumindest die große Hoffnung der Marokkanerinnen und Marokkaner. Noch ist es allerdings nicht so weit. Die FIFA wird erst am 13. Juni darüber entscheiden, ob die WM 2026 tatsächlich in Marokko ausgetragen oder von dem Trio USA, Mexiko und Kanada ausgerichtet werden wird.

Von außen betrachtet erscheint dies ein sehr ungleicher Zweikampf zu sein. Dem Außenseiter Marokko werden aber durchaus Chancen eingeräumt. Die WM-Kandidatur beherrscht die Schlagzeilen der marokkanischen Medien – seit Monaten. Die Euphorie im Land ist riesig, jetzt, zu kurz vor der finalen Entscheidung des FIFA-Kongress.

Minutiös analysiert die Presse die taktischen Manöver der Kontrahenten und das voraussichtliche Wahlverhalten der afrikanischen und europäischen Länder. Auf einer interaktiven Weltkarte werden die Präferenzen der einzelnen Mitgliedsländer laufend aktualisiert. Sogar Marokkos Erzfeind Algerien hat angekündigt für den Nachbarn zu stimmen, angesichts der Alternative Trump. Letzterer hat sich mit seinem Tweet zur WM-Vergabe den geballten Unmut der Marokkanerinnen und Marokkaner zugezogen. In gewohnter Trump-Manier drohte er, allen Ländern, die die WM-Kandidatur der USA nicht unterstützten, die Hilfsgelder zu streichen. Damit zielte er natürlich auf die afrikanischen Unterstützer Marokkos ab. Und tatsächlich, wenige Tage später erklärte Südafrika entgegen seiner zuvor verkündeten uneingeschränkten Unterstützung der marokkanischen Kandidatur, nun doch für die USA, Mexiko und Kanada stimmen zu wollen.

Die Aussicht auf eine WM im eigenen Land bewegt die Menschen in Marokko. Das spürt man. Die Resonanz auf Facebook und Twitter ist enorm. Gemeinsam wird die erhoffte Entscheidung für Marokko geradezu herbeibeschworen. Hunderte Unterstützer – ganz normaler Bürgerinnen und Bürger, aber auch Prominente wie Zlatan Ibrahimović und Lionel Messi – haben sich der Online-Kampagne #MAYMKENCH angeschlossen und ein kurzes Video hochgeladen, um der marokkanischen Kandidatur zusätzlichen Atem einzuhauchen. Bekannte Pop-Musiker haben gemeinsam eine Hymne auf die marokkanische Nation komponiert, in der sie die die Qualitäten ihres Heimatlandes besingen. Das 16 minütige Video zeigt ein Meer aus marokkanischen Fahnen, Autobahnen, Windräder, Wüste und natürlich den König. Das war vielen dann doch zu dick aufgetragen. Der folkloristische Patriotismus des Videos wurde in den Medien zerrissen, der Produzent für seinen „Clip der Schande“ scharf kritisiert.

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Das Hoffen auf die WM geht aber weiter. Und ja, es gibt viele gute Gründe, die für Marokko sprechen. WM-Botschafter Lothar Matthäus erläutert diese besonders prägnant: „Die Leute in Marokko lieben den Fußball, sie atmen den Fußball, sie leben Fußball. Und deswegen muss die Weltmeisterschaft in Marokko stattfinden.“ Aus seiner Erfahrung des Länderspiels zwischen Deutschland und Marokko von 1986 bescheinigt Lothar Matthäus den Marokkanern zudem, dass bei ihnen auch in der Niederlage eine hohe Qualität stecke. Marokko braucht die Entscheidung der FIFA am 13. Juni also nicht zu fürchten.

Die Stärke der syrischen Armee: Keiner trägt so viele Waschmaschinen

„Aber meine Seele wird in dir weiterleben,“ lautet eines der letzten Graffiti, die Einwohner der Vororte in Süddamaskus auf die Wände gesprüht haben, bevor sie in die berühmten grünen Busse der erzwungenen Vertreibung gestiegen sind.

Am 21. Mai nahmen die Regimetruppen das – inoffizielle – Palästinenserlager Yarmouk wieder ein. Seit Jahren war es belagert und von beständigen Bombardements in Schutt und Asche gelegt worden. Yarmouk wurde im Westen im wesentlichen durch zwei Dinge bekannt: durch Aeham Ahmad, der mittlerweile in Deutschland lebt und berühmt für sein Klavierspiel in den Trümmern wurde. Und durch ein Foto vom Januar 2014, das das Ausmaß des Grauens der Belagerung versinnbildlichte: Eine Straße, gesäumt von den Ruinen bombardierter und ausgebrannter Hochhäuser, auf der sich bis zum Horizont Menschen für eine der raren Essenslieferungen der Vereinten Nationen drängen.

Letzteres kombinierte der Politikwissenschafter Ziad Majed mit einem aktuellen Bild der gleichen Straße. Darauf sieht man, wie die Soldaten Kühlschränke, Waschmaschinen und was sie sonst in den Häusern der Vertriebenen finden, wegschleppen  – so viel sie tragen oder auf einen Karren laden können. Assadismus in zwei Bildern,“ schreibt Majed hierzu: „Nachdem Assads Söldner und ihre Verbündeten diejenigen deportiert haben, die die mittelalterliche Belagerung überlebt haben, die Fassbomben und die Folter (in der berüchtigten Palästnina-Abteilung!), klauen sie, was in den zerstörten Häusern zurückgeblieben ist.“ – „Hier sieht man, wie das syrische Regime Palästina befreit – Waschmaschine um Waschmaschine,“ bemerkte eine Aktivistin trocken.

Als das Internationale Institut für Strategische Studien in London 2013 konstatierte, die syrische Armee sei sehr geschwächt und verfüge noch nicht einmal mehr über die Hälfte ihres ehemaligen Potentials, hatte das Institut möglicherweise einfach nur den falschen Maßstab angelegt. Vielleicht bemisst sich die Stärke der syrischen Armee nicht in Zahlen, sondern darin, wieviele Haushaltsgeräte ein Soldat auf einmal tragen kann. Auch sollte man nicht auf die Goldwaage legen, wenn das Regime bei jedem niedergerungenen und entvölkertem Ort davon spricht, sie habe ihn „befreit“ – da Assad es mit bürgerlichen Freiheitsrechten nicht so hält, ist das im post-materialistischen Sinne  zu verstehen: man befreit die BürgerInnen von ihrem Hab und Gut. Zwar dürfen auch sie mit in die Busse nehmen, was sie hineinbekommen – außer, so ist es in allen jüngsten „Versöhnungsabkommen“ festgehalten, Schmuck und Geld.

Es ist nicht so, dass andere Akteure nicht plündern oder klauen. Als die mit der Türkei verbündeten syrisch-arabischen Truppen Kurden aus Afrin vertrieben hatte, machten ebenfalls Bilder von Plünderungen die Runde. Sofort danach gab es jedoch auch die Graffitis derer, die öffentlich bekundeten, sich für ein solches Vorgehen zu schämen, und zumindest einen halbherzigen Versuch, den Bewohnern ihr Hab und Gut wiederzubeschaffen. Wie auch bei Foltertoden und getöteten ZIvilisten: das Regime ist auch bei Plünderungen einsame Spitze und bemüht sich noch nicht einmal, de Anschein zu erwecken,  dagegen vorzugehen. „Das war schon beim Abzug aus dem Libanon so,“ erzählt eine Kollegin – „Lastwagen voller Haushaltsgeräte haben sie mitgenommen – völlig ungeniert. Die Soldaten waren nicht gut bezahlt, dafür ließ ihnen das Regime freie Hand beim Plündern.“

Im Februar stellte auf Twitter „Abdulrahman“ ein Foto ein, auf der man Soldaten einen riesigen Haufen voluminöser Kochtöpfe bewachen sieht. „Im ländlichen Deir Ezzor ist eine auf das Plündern von Kochtöpfe spezialisierte Armeeeinheit stationiert worden,“ verkündete er, und hängte auch gleich einen Merkzettel für die „neuen Ränge der sysrischen Armee“ an. Statt Sternen prangen  auf den Schulterstücken Waschmaschinen, Gasflaschen und Ventilatoren.

Nach den Bildern von dem Beutezug durch Yarmouk ging eine syrische Webseite noch weiter. In Anlehnung an die vollmundigen Regimebekundungen, es setze sich für die ‚Befreiung Palänstinas‘ ein, behauptete die Seite, sie haben den einzigen Weg gefunden, wie man die syrische Armee dazu bringen könne, diese in Angriff zu nehmen – darunter eine Fotomontage mit dem Felsendom, vor den verlockend Gefrierschränke und Mikrowellen aufgestapelt sind.

Nach dem Herbst der Patriarchen: Sommer der Unterwäschemodels

In manchen Stadtteilen von Beirut kann man kaum einen Schritt gehen, ohne von einer Galerie in die nächste zu stolpern. Kunst und Design sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Umso augenfälliger, dass bei Wahlen offensichtlich die Kreativität aufhört. Die Plakate, teils so groß, dass sie ganze Hausfassaden bedecken, wirken, als hätten sich die KandidatInnen eine Selbstbeschränkung auferlegt, keine zu vorteilhaften Bilder zu verwenden und sich als einzige Dekorationselemente wahlweise die ganze Flagge oder nur die Zeder zu leisten. Gleichermaßen gesichtslos die Slogans, die einen Wettbewerb des Beliebigen verheißen – „Deine Stimme für den Norden“ – oder „Für einen starken Libanon“.

Obwohl der Frauenanteil bei den diesjährigen Parlamentswahlen mit 15% höher denn je war, dominierten, je näher die Wahlen rückten, umso mehr die Portraits von Männern gesetzteren Alters das Stadtbild. Auf Twitter  gab es diesbezüglich vereinzelte Fotos, auf denen die Hochhäuser gänzlich von Anzügen und sich lichtenden grauen Haaren bedeckt erschienen -mit der wehmütigen Bildunterschrift: „Wir vermissen Marie France“, ein Verweis auf die oft sehr freizügige Werbung einer der marktführenden Firmen im Dessous-Bereich, die sonst auf den Plakatwänden zu sehen war.

Seit kurzem werden die die alten Herren wieder durch sich räkelnde Unterwäschemodels verdrängt – als kleine Dreingabe prangt ein goldenes Herz auf den Plakaten, das den Twitter-Kommentaren Rechnung trägt „We are back“ steht da – „Wir sind zurück.“ Das sind die Jahreszeiten des Libanons. Aus feministischer Sicht zweifelhaft, aber als Fakt unübersehbar: Der im Frühjahr zelebrierte Herbst vieler libanesischer Patriarchen wird jetzt durch den Sommer der Unterwäsche- und Bademoden abgelöst.

 

 

Warum Milch, Wasser und Benzin in Marokko boykottiert werden

Milch und Wasser einkaufen ist in Marokko dieser Tage gar nicht so einfach. Denn, es ist zu einem Politikum geworden. Seit Ende April werden die beiden marktführenden Produkte, Wasser von Sidi Ali und Milch von Centrale, boykottiert. Dasselbe gilt für den Sprit der marokkanischen Tankstellen-Kette Afriquia.

Angefangen hat alles mit ein paar Facebook-Posts, die dazu aufriefen, die genannten drei Marken einen Monat lang zu boykottieren, um die Produzenten zu zwingen, die Preise für Wasser, Milch und Benzin zu senken. Der Aufruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer – ohne prominente Initiatoren, ohne Unterstützung von politischen Parteien und anderen Organisationen. Im ganzen Land ist der Boykott mittlerweile Thema. Zeitungen und Zeitschriften bringen Titelgeschichten. Die sozialen Medien quellen über. Und Politiker und Konzerne reagieren unbeholfen bis patzig.

Bei dem Boykott geht es aber längst nicht nur um hohe Preise. Mit der Kampagne ist ein heterogenes Bündel von enttäuschten Erwartungen, latenter Unzufriedenheit und handfestem Frust verknüpft. Jeder in Marokko kennt Sidi Ali, Centrale und Afriquia. Dasselbe gilt für die Personen und Familien, denen die Unternehmen gehören. Auf sie und auf das System, für das sie stehen, richtet sich die Wut vieler Marokkanerinnen und Marokkaner. Denn ihre schier unermessliche politische und wirtschaftliche Macht spottet den alltäglichen Sorgen, unter denen die Menschen leiden: Steigenden Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Korruption.

Sinnbild hierfür ist der Besitzer der Afriquia Tankstellen, Aziz Akhannouch. Er ist nicht nur amtierender Landwirtschaftsminister und Vorsitzender der Regierungspartei RNI, sondern auch der reichste Mann Marokkos. Der Boykott hat ihn aber offenbar überrascht – zumindest lassen seine unglücklichen Reaktionen dies vermuten. Zuerst tat er den Boykott als rein virtuelle Kampagne ab, die keinerlei Bedeutung habe. Kurz darauf appellierte er an die Boykotteure, doch woanders spielen zu gehen. Ähnlich ungeschickt äußerte sich ein Direktor des Centrale-Konzerns, der mittlerweile zum Multi Danone gehört. Wer die Centrale-Milch boykottiere, sei ein Vaterlandsverräter, da er die heimische Wirtschaft schwäche. Gleichzeitig brachte Centrale erstaunlich schnell eine neue Verpackungs-Edition für seine Milch auf den Markt, die dem marokkanischen Kulturerbe gewidmet ist. Für die sozialen Medien war das natürlich ein gefundenes Fressen, bestätigten die Aussagen doch nur, was viele ohnehin schon denken: Die da oben scheren sich nicht um uns und unsere Sorgen und Nöte.

Doch neben dem Verdruss über soziale Ungleichheit, hohe Preise und Monopol-ähnliche Wirtschaftsstrukturen, schwingt auch viel Euphorie und Hoffnung in der Boykott-Kampagne mit. Insbesondere junge Leute sehen in ihr eine neue, vielversprechende Aktionsform. Unter ihnen viele, die sich 2011 für die Bewegung 20. Februar engagiert haben, mittlerweile aber von der stagnierenden politischen Transformation enttäuscht sind. In dem Boykott sehen sie eine Möglichkeit, neuen Reformdruck aufzubauen, ohne eine Verhaftung zu riskieren. Noch. Denn letzte Woche hat die Regierung angekündigt, dass sie Boykottaufrufe, denen falsche Informationen zugrunde liegen, zukünftig strafrechtlich verfolgen werde.

Die realen Effekte des Boykotts lassen sich jenseits der Flut an Facebook-Posts nur schwer abschätzen, da bislang weder die betroffenen Unternehmen noch die Supermärkte Zahlen über verkaufte Wasserflaschen, Milchtüten und Tankfüllungen veröffentlicht haben. Messbar sind aber die Kurseinbrüche der Aktien von Afriquia und Centrale-Danone an der Börse in Casablanca.

Wie es weitergeht? Das ist ungewiss. Es dürfte schwer werden, die Kampagne ohne zentrale Koordination und klare Forderungen über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. Zumal diese Woche in Marokko der Ramadan beginnt. Gleichzeitig hat der Boykott aber schon jetzt ein Ausmaß angenommen, das Befürworter und Gegner überrascht hat. Die erstaunliche Dynamik, die der Boykottaufruf entwickelt hat, zeigt, wie sehr es unterhalb der Oberfläche gärt. Die Boykott-Kampagne hat der latenten Unzufriedenheit im Land ein Ventil gegeben.

Wie das Radler in den Libanon kam

 

Radler im Libanon (c) hbs Beirut

Radler im Libanon (c) hbs Beirut

Ein Gastbeitrag von Bastian Neuhauser

Wenn sich jemand auskennen muss mit den Details der Biergeschichte, dann ist es wohl der Verein zur Förderung der Fränkischen Braukultur. Auch wenn auf den ersten Blick nicht klar wird, warum diese Kultur in einem Gebiet wie Oberfranken, auf dessen gut 1 Million Bewohnern gut und gerne 160 Brauereien kommen,  spezieller Förderung bedarf, bietet sie doch erhellende Einblicke in die Geschichte des Radlers.

Das Radler wird von Menschen im hohen Norden Deutschlands auch Alster genannt, von benachbarten Bergbewohnern auch Panasch, und von den Liebhabern gekochter Fleischware anscheinend auch Wurstwasser. Während die Legende besagt, dass das Getränk 1922 vom findigen Münchner Wirt Max Kugler zur Verpflegung einer eintreffenden Radfahrergruppe erfunden wurde, klärt der Verein auf: Mitnichten! Alles nur erfunden und erlogen! Die Fachzirkel der Genesis regionaler Biermischgetränke sind sich heute sicher, dass die Radlermaß bereits Ende des 19. Jahrhunderts in einem der zumeist sozialdemokratisch geprägten Radlerklubs erfunden wurde. Es handelt sich also geradezu um das Ambrosia der gemäßigten Linken; was Obelix sein Zaubertrank, Popeye sein Spinat, ist der Sozialdemokratie ihr Radler.

Von dort an – vermutlich aus Gründen nachbarschaftlicher Zuneigung oder aus Liebe zur deutschen Sozialdemokratie – hat es sich sie niederländische Industriebrauerei Heineken zur Aufgabe gemacht, dieses Vermächtnis um die ganze Welt zu tragen. Und das wohlweislich nicht als britisches Shandy oder französisches Panaché, sondern unter seinem angestammten Münchner Bierkellernamen: Ob Honshu oder Honduras, Schweden oder Swasiland, das Radler sollte „Radler“ bleiben. Und so begab es sich, dass Heineken die libanesische Brauerei Almaza und mit ihr gut  70% des libanesischen Brauereigeschäftes übernahm, und eines Tages das Radler nach Beirut kam.

Nun bleibt abzuwarten, ob dieses Biermischgetränk im Libanon einen ähnlich erfolgreichen Siegeszug antritt wie im gemäßigten Klima Mitteleuropas. Die Libanes_innen besitzen viele Talente – zweifelsohne einen ganz ausgeprägten Sinn fürs Geschäft, die perfekte Organisation von Hochzeiten biblischen Ausmaßes und eine Treue zu ihren politischen Idolen bis dass der Tod sie scheide – doch Kompromiss und Mäßigung sind nun leider keine davon. Reden ist Silber, Schreien ist Gold. Man füllt sein Haus mit barockem Mobiliar, verlängert Wimpern bis sie von innen an die Sonnenbrille kratzen, errichtet Statuen von Heiligen, die den Koloss von Rhodos vor Neid erblassen lassen würden. Es werden Delikatessen bestellt, bis auch die letzte Kreditkarte bedingungslos vor der Konsumlust ihrer Besitzer kapituliert, Musik wird aufgedreht bis sich die getönten Scheiben der SUVs am liebsten aus ihren Halterungen in den wohlverdienten Freitod stürzen würden und man brettert betrunken über Autobahnen zum nächstbesten Club auf der Suche nach dem letzten Rest Exzess, als gäbe es kein Morgen im Morgenland.

Auch das Parlament gibt hierbei kein Vorbild. In maßloser Auto-Apotheose streiten sich dort alte Männer, scheinbar gerade mühsam aus Uniformen in uniforme Anzüge geschlüpft, einig in ihrer Uneinigkeit. Man trifft sich einmal, zweimal, fünfundvierzigmal, bei Regen, Donner, Wetterstrahl, und geht ohne Entscheidung wieder auseinander. Sie zeugen stur von einer selbstgerechten Selbstüberhöhung, einer Unwilligkeit Mittelwege zu finden oder Lösungen für Probleme, die dringender sind als lang überbaute grüne Linien: pah, lieber Konkurs als Konkordanz, sollen sie doch Knefeh essen! Und wenn schon Vertreter des Volkes dazu nicht gewillt sind, warum sollte dann ein Kompromiss beim wohlverdienten Glas nach Feierabend gefunden werden? Warum zu Dabkeh und Dubstep etwas trinken, dessen Alkoholgehalt niedriger ist als der Anteil von Frauen im Parlament oder Grünflächen in Beirut? Nein, nein, man trinkt Arak statt Alster, und dreht die Musik noch etwas lauter.

Kein vielversprechender Ort also für das unschuldig halbherzige daherkommende Radler, diesen gebrauten Kompromiss. Doch wer weiß, vielleicht schafft es das Radler ja ein kleines bisschen Ausgeglichenheit in die Levante zu bringen. Vielleicht. Oder es ereilt ihn dasselbe tragische Schicksal, wie seinen Erfindern, den Sozialdemokraten in Bayern. Wünschen möge man es ihm nicht.

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Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

Zugang zu Wasser – eine Glückssache

Foto (c) hbs Ramallah

Von Zeinah Kamel

Wasser bedeckt drei Viertel der Erd-Oberfläche. Es ist das wichtigste Element des Lebens. Ohne Wasser – kein Leben. Manche Menschen haben immer sauberes Wasser, manche haben schmutziges Wasser, und manche haben gar keine sichere Wasserversorgung. So wie die Palästinenser: sie versuchen immer, sich Wasser zu besorgen.

Wenn man Palästina von oben anschaut, dann sieht man sehr viel Wasser. Aber wenn man näher heranzoomt, dann sieht man nichts als Wasser-Behälter auf den Dächern der Häuser. Darin wird das Wasser gespeichert, das Palästinenser verbrauchen. Fließendes Wasser aus der Leitung, wann immer man es braucht – das gibt es nicht.

Plastik-Wasserbehälter in Ramallah, Foto (c) hbs Ramallah

Das Wasser in Palästina ist knapp. Warum? Weil Israel das Wasser kontrolliert. 1967 besetzte Israel im Zuge des Sechs-Tage-Krieges die syrischen Golanhöhen und das Westjordanland. Dort liegen die wichtigsten Quellen und Zuflüsse des Jordans, die sich in den See Genezareth ergießen. Israel zapft so viel Wasser aus dem See ab wie es braucht. Rund drei Viertel des Jordanwassers fließen so aus dem See Genezareth in israelische Haushalte und auf israelische Felder. Das Quellwasser des Jordans geht daher zu 87 Prozent an Israelis und nur zu 13 Prozent an Palästinenser. Die Palästinenser haben keinen direkten Zugang zum Wasser des Jordan. Israel entnimmt aber auch Wasser aus den sogenannten Aquifern, den Grundwasseradern, die sich an der Küste und unter dem Westjordanland entlang ziehen. Die Palästinenser beziehen ihr Wasser von der israelischen Wassergesellschaft Mekorot, die es wiederum aus den Vorräten unter dem Westjordanland pumpt. Aber es ist teuer und nie genug. Und vor allem: es wird nur sporadisch geliefert.

Wenn es – ein-, zwei- oder dreimal die Woche – durch die Leitungen gepumpt wird, müssen die Palästinenser es in den großen Wasserbehältern auf ihren Dächern auffangen und speichern – um den Rest der Woche versorgt zu sein.  Manche haben einen Wasserbehälter für 500 oder 1000 Liter auf dem Dach, manche haben zwei Wasserbehälter und manche haben 3 oder mehr.

Große Familien benötigen viele Wasserbehälter, Foto (c) hbs Ramallah

Es hängt von dem Gebrauch der Familie ab. Ist der Behälter leer, muss man warten, bis wieder Wasser geliefert wird. In der Zwischenzeit kann man nicht kochen, nicht duschen und nicht waschen.

Die Frage, wann die Palästinenser Wasser bekommen, ist wie ein schwieriges Rätsel, das niemand lösen kann. Und es ist ein Thema, über das man in Palästina immer sprechen kann, wie in anderen Ländern über das Wetter. Man kann eigentlich nicht Palästinenser sein, wenn man nicht mindestens dreihundert Mal in seinem Leben gefragt hat: „Gibt es heute Wasser? “ „Haben wir noch Wasser in dem Behälter?“, „Wann sind wir dran?“

Die Wasserversorgung hängt davon ab, wie viele Siedlungen in der Nähe sind und wieviel Wasser die Siedler brauchen. In Bethlehem zum Beispiel, bekommen die Einwohner nur an drei oder vier Tagen in jeder dritten Woche Wasser. In Ramallah gibt es manchmal an 3 Tagen in der Woche Wasser – manchmal nur an einem Tag. Im Winter, wenn es regnet, gibt es mehr Wasser, aber niemand weiß, wann es gepumpt wird. Ein guter Tipp, um zu wissen ob es Wasser gibt oder nicht, ist, nach frisch gewaschener Wäsche Ausschau zu halten. Wenn überall in Palästina saubere Wäsche auf den Leinen hängt, dann weiß man, dass es gerade Wasser gibt.

Für Ausländer, die die besetzten Gebiete besuchen, ist es manchmal schwierig, zu erkennen, wo israelische Siedler leben und wo Palästinenser.  Die Wasserbehälter auf den Dächern sind ein sicheres Zeichen, dies unterscheiden zu können. Wo große Plastikbehälter auf den Dächern stehen, da leben Palästinenser. Wo nur die kleinen Metallbehälter für das aus den Sonnenkollektoren aufbereitete Warmwasser stehen, da leben Israelis.


Foto (c) privat

Zeinah Kamel aus Jifna im Westjordanland ist Schülerpraktikantin bei der hbs Ramallah. Im September wird sie ihr Studium in Deutschland aufnehmen.

 

Mit Kanonen auf Spatzen schießen

Grauen vor Flusslandschaft – Südlibanon, November 2017

Wer im Herbst im Libanon unterwegs ist, findet viele Straßen in den Bergen gesäumt von Männern im Flecktarn. Um sie herum zwitschert und zirpt es wie in einem Vogelpark. Das entstammt den Lockgeräten, die die Jäger mit sich führen, wenn man tatsächlich eines Singvogels ansichtig wird, dann liegt er meist tot am Straßenrand. Auf Campingstühlen sitzen die Jäger neben ihren blitzblankpolierten Geländewagen. Wie bei vielen Sportarten im Libanon gilt die perfekte, teure Ausstattung als die halbe Miete, hinter der jegliche sportliche Erwägungen zurückstehen.

Die Jagdsaison beginnt im September und endet im Januar. Wieviele LibanesInnen sich tatsächlich auf Pirsch begeben, weiß niemand.  Offiziell in Jagdorganisationen registriert sind 15.000, doch ein Vertreter des Programms LIVE Lebanon der Vereinten Nationen schätzt, dass tatsächlich 100.000 bis 600.000 jährlich der Jagd frönen.. Freiwillige der Jugendorganisation von LIVE Lebanon  sammeln jedes Jahr schätzungweise 25 Millionen Patronenhülsen ein.

Besonders bedenklich ist die Jagd in dieser weitgehend unkontrollierten Form für die Zugvögeln, auf deren Route Libanonein Engpass ist. Sie sind besonders begehrte Jagdobjekte derer, die spektakuläre Beute vorzeigen wollen – und die keinerlei Hemmungen haben, eben diese auf Fotos im Internet zu präsentieren.

Immer wieder beeinträchtigen bizarre Formen, die Jagdlust auszuleben, jedoch nicht nur Flora und Fauna. So legten Jäger, die statt Schrotflinten angeblich schweres militärisches Gerät gewählt hatten, in diesem Jahr zeitweise die Stromversorgung in Teilen des nördlich gelegenen Akkars lahm, weil sie im Eifer des Gefechts Stromleitungen nachhaltig beschädigten.