Archiv der Kategorie: Jerusalem

Respekt! Marteria im Flüchtlingslager

Ehrlich gesagt hatte ich von dem Mann noch nichts gehört; aber das Musikfest im Flüchtlingslager klang interessant, also sind wir hingefahren. Neben vielen palästinensischen Künstlern hatte das lokale Goethe-Institut auch einen deutschen Hip-Hopper eingeladen: Marteria. Wer das ist wusste ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Aber es wurden auch gute palästinensische Acts erwartet, zum Beispiel die Jerusalemer Rap-Combo „Alif“. Dass es in der Westbank, in Jerusalem, in Gaza großartige Bands und Künstler gibt ist kein Geheimnis und auch in den palästinensischen Flüchtlingslagern gibt es oft eine reichhaltige Kulturszene. Deutsche Chartsstürmer treten allerdings weniger oft auf. Mit Marteria kam aber ein echter Star nach Shuafat, der in Deutschland dieses Jahr bereits die Charts anführte.  Außerdem hat der Mann als ehemaliger Fußball-Jugendnationalspieler, Model und Schauspieler eine illustre Vergangenheit. Dass so jemand überhaupt zu einem Auftritt nach Palästina kommt, und dann noch ins Flüchtlingslager Shuafat, ist wirklich bemerkenswert. Dass er dabei eine Menge Spaß hatte umso mehr:

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(c) Paul Ripke. Hier finden sich eine Menge weitere tolle Fotos von dem Auftritt.

Shuafat ist einer jener Stadteile Ost-Jerusalems, die teilweise durch den Bau der Mauer abgeschnitten wurden. Das Flüchtlingslager hat es besonders schlimm getroffen, es ist von der Mauer isoliert und bekommt, obwohl Teil Jerusalems, kaum Dienstleistungen von der Jerusalemer Stadtverwaltung, jüngst wurde sogar die Trinkwasserversorgung zum Problem. Über kaputte, staubige Straßen fahren wir von Ramallah über Umwege (denn die direkten Wege sind von der Mauer und durch Checkpoints versperrt) nach Shuafat, irgendwann ist eine Straße von brennenden Reifen versperrt und wir verirren uns in den engen Gassen, bis wir die laute Musik in der Nachbarschaft hören. Zunächst singt auf der Bühne ein traditioneller Sänger, gefolgt von Tanzgruppen und palästinensischen Rappern. Dann wird Materia auf die Bühne gerufen, und er tritt im Flüchtlingslager völlig natürlich auf, klatscht junge Fans vor der Bühne ab, animiert gut gelaunt das Publikum  und bittet irgendwann ironisch seine „Homies“ auf die Bühne, ein paar schüchterne Teenager in palästinensischer Tracht, die vorher Volkstänze aufgeführt hatten und jetzt sichtlich begeistert sind von Marteria. Der singt ein paar Songs, auf Deutsch, die hier keiner versteht. Aber der Text passt ganz gut:

„Die ganze Erdkugel bebt
Wir haben überlebt
Und du glaubst nicht an Wunder?
Und du glaubst nicht an Wunder?“

Ein großartiges Lied, auch Shuafat wartet auf Wunder.

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Palästina im Arab Idol Fieber

Jeden Freitag Abend gibt es derzeit in der gesamten arabischen Welt nur ein Thema. Es ist nicht der grausame Krieg in Syrien. Nicht die Proteste in Ägypten, oder aktuell in der Türkei. Es handelt sich vielmehr um die arabische Version von „Deutschland sucht den Superstar“ – Arab Idol. Dabei treten Kandidatinnen und Kandidaten aus der ganzen Region gegeneinander an; und ein bisschen so wie beim „Eurovision“ Wettbewerb ist das Ganze nicht nur interessant wegen der eigentlichen Gesangsbeiträge, sondern auch wegen der Herkunft der Teilnehmer und ihrer Geschichten. Jeden Freitag abend wird die Show auf dem libanesischen Sender MBC aus Beirut ausgestrahlt. Langsam aber sicher geht die Show auf die Zielgrade, von den vorausgewählten 13 Kanidaten sind nur noch vier übrig. Unangefochtener Superstar ist Muhammed Assaf aus Gaza.

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Seine Herkunft aus dem isolierten, belagerten Gazastreifen weckt alleine schon Sympathien, um so mehr aber sein abenteuerlicher, beschwerlicher Weg zu den Vorausscheidungen in Ägypten. Assaf hatte sich in Gaza einen Namen als Sänger gemacht, der dort in erster Linie auf Hochzeiten auftrat. Jetzt fiebern nicht nur die 1,7 Millionen Menschen im Gazastreifen, sondern auch Fans in Jerusalem und in der Westbank mit ihrem Hoffnungsträger – genauso wie in vielen anderen Ländern der gesamten Region.

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Ramallah: Bereit für’s Public Viewing.
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

In der Stadtmitte Ramallahs findet jeden Freitag abend ein Public Viewing statt (was hier sonst nur beim Classico, der Begegnung zwischen Real Madrid und FC Barcelona denkbar war). Auch in Gaza gibt es Public Viewing, und in einem größeren Hotel in Gaza singt jede Woche Muhammads Bruder, der in seine Fußstapfen treten will. Überall in Palästina hängen Plakate mit dem Konterfei Assafs und der Nummer 3 – die müssen Zuschauer in einer sms senden, wenn sie Assaf unterstützen wollen. Palästinensische Banken werben mit Assaf und bieten an für jede sms, die die Palästinenser zugunsten Assafs abgeben, nochmal eine weitere sms-Stimme zu finanzieren.

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Werbung mit Superstar Assaf
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Muhammad Assaf ist wirklich ein grandioser Sänger und er dürfte gute Aussichten auf den Gesamtsieg haben; auch, aber nicht nur wegen seiner Herkunft und Geschichte. Am gestrigen Abend wurde er von der Jury wieder euphorisch gelobt. Eines der Jurymitglieder machte mit zwei Anekdoten deutlich, wie groß der Kult um Assaf ist: Erstens habe er einen Brief von einem palästinensischen Gefangenen in Israel bekommen, der sich im Hungerstreik befinde – auch um Medien nutzen zu können, und insbesondere damit er auch MBC und Arab Idol verfolgen könnne. Zweitens habe ihn auf der Fahrt zur Sendung jemand angerufen, um auszudrücken wie sehr er Muhammad Assaf die Daumen drücke – kein geringerer als Präsident Mahmoud Abbas. Samstag abend wird auf MBC mitgeteilt, wer ausscheiden muss, die endgültige Entscheidung fällt am 22. Juni. Die Konkurrenz für Assaf ist groß, und mit der Syrerin Farah Youssef gibt es noch eine weitere Kandidatin, der viele den Sieg auch aufgrund der tragischen Entwicklung in ihrem Heimatland wünschen. Aber für die Palästinenser ist die Sache längst klar: Superstar ist nur einer, Muhammed Assaf.