Archiv der Kategorie: Libanon

Zu Hause auf einem Parkplatz

Barking for rent (c) Bente Scheller

Schwierig ist es mit dem Parken in Beirut. Angesichts dessen, dass es keinen wirklichen öffentlichen Nahverkehr gibt, ist man darauf angewisen, aber der Parkraum ist knapp. Auf einem öffentlichen Parkplatz in der Nähe des Büros schütteln die beiden alten Herrn, die ihn managen, bedauernd den Kopf: „Nein, meine Liebe, Du kannst hier nicht für einen Tag parken. Wir haben Abonnenten.“ Ich nicke: „Ja, ich erinnere mich. Meine Kollegin Hiba hat euch immer ihr Auto anvertraut.“ Der eine Parkplatzwächter zum anderen: „Hiba! Ja, ich erinnere mich. Vor einem Jahr hat sie den Parkplatz leider gekündigt. Und du arbeitest mit ihr zusammen? Na gut, stell Dein Auto hier an die Seite.“ Nachdem ich das Auto geparkt habe, will ich ihm wie es hier üblich ist den Schlüssel geben, damit er es im Zweifelsfall umparken kann. „Nein, Herzchen, behalt ihn. Fühl dich ganz wie zu Hause.“

Libanon in einem Wasserglas

Hussein Nassereddine – Salzsäulen von Jezzine (c) Hussein Nassreddine

Hussein Nassereddine – Detailaufnahme Salzsäulen von Jezzine (c) Hussein Nassereddine

 

 

 

 

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Das Gebäude, in dem die Künstlerin Marwa Arsanios aufgewachsen ist, wird zerstört. Lastwägen transportieren den Bauschutt ab und fahren an die Küste. Man sieht keine Menschen, nur Transporter voll beladen mit Steingeröll, nebeneinander aufgereiht. Langsam kippt die Ladefläche eines Wagens. Mit tosendem Lärm fallen Trümmer kaskadenartig ins flache, türkise Wasser und wirbeln wüstensandartigen Staub über der Meeresoberfläche auf.

Arsanios greift in ihrer topographischen Installation „Falling is not collapsing, falling is extending“ (Fallen ist nicht der Zusammenbruch, Fallen ist Ausdehnen) die umweltpolitische Katastrophe der Meerwasserverschmutzung an der Küste Beiruts auf. Ihre Installation ist derzeit im Beirut Art Center zu sehen. Dabei zeigt sie in einem Film, wie die Überreste alter Gebäude, die dem nachkriegszeitlichen Wiederaufbau zum Opfer fielen, ins Meer geschüttet werden um den Grund für neue glänzende Hochhäuser zu schaffen. Durch diesen Prozess gelangen unfassbare Mengen Schutt und Müll ins Meer.

Die Auseinandersetzung mit Wasser als Materie wird häufig in kontemporären Kunstpraktiken und Diskursen thematisiert. Die verschiedenen künstlerischen Herangehensweisen greifen hierbei die breitgefächerte Symbolkraft der Ressource auf: Wasser kann je nach Kontext ein stark politisiertes und umkämpftes Gut sein. In der Ausstellung „Let’s Talk About the Weather“ (Lasst uns über das Wetter reden) im Beiruter Sursock Museum stellte 2016 der Fotograf Emeric Lhuisset seine Fotoserie „Der letzte Wasserkrieg: Ruinen einer Zukunft“ aus. Dabei handelt es sich um Eindrücke aus kartografischer Perspektive eines Gebiets im Irak, in dem nachweislich vor mehr als 4000 Jahren der erste, und dem Künstler zufolge auch letzte, Krieg um Wasserressourcen zwischen zwei Zivilisationen ausgetragen wurde.

Im Libanon herrscht momentan zwar kein Krieg um Wasser, aber das ideologische Ringen um die Ressource des ehemaligen Wasserschatzes konnte man bereits während des Bürgerkrieges (1975-1990) beobachten. Aufgrund ihrer geografischen Lage ist die Zedernrepublik gesegnet mit 17 mehr oder weniger fortwährenden Flüssen und mehr als 2000 Quellen. Diese machten sich die Anführer der zahlreichen Milizen zunutze als der Staat bereits in Ende der 70er nicht mehr in der Lage war, die Bevölkerung mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen. Die Trinkwasserversorgung wurde instrumentalisiert, um das auf Patronage-und Klientelverhältnissen basierende Machtsystem aufrechtzuerhalten.

Die libanesische Wasserversorgungsinfrastruktur sowie der Betrieb hydrologischer Messstationen wurden im Laufe des Bürgerkriegs (1975-1990) weitgehend zerstört. Die darauffolgenden Konflikte mit Israel hatten ebenfalls verheerende Auswirkungen auf die Versorgungsnetze. Als Folge dessen ist seit Anfang der 90er Jahre  Kapital in Form von Darlehen und Zuschüssen seitens der internationalen Geldgebergemeinde in den Wiederaufbau des libanesischen Wassersektors geflossen. Der libanesische Staat selbst arbeitete allein zwischen 1996 und 2012 an acht verschiedenen Reformvorhaben, die dem Wassersektor hinsichtlich Angebot, Nachfrage und Qualität der Ressource zugutekommen sollten.

Das Resultat nach mehr als zwei Jahrzehnten Geldgeberkonferenzen, Investitionen und Reformvorhaben, ist dennoch dürftig: Landesweit haben Haushalte mit  Wasserversorgungsausfällen zu kämpfen, was zu exorbitant hohen Rechnungen für die private Versorgung über Wassertanklaster führt. Der Grundwasserspieler ist in vielen Regionen des Libanons bis zu 400m abgesunken, weil die öffentliche Hand nicht im Stande ist, den landwirtschaftlichen Sektor mit Wasser für die Bewässerung der Felder und für die Tierhaltung zu versorgen. Unter anderem aus diesem Grund sind im Laufe der Zeit mehr als 80.000 nicht registrierte Brunnen entstanden. Die Trinkwasserversorgungslücke wurde von Nestlè & Co. gefüllt. Die Grundwasserspeichersysteme werden verschmutzt durch den Einfluss von ungeklärtem Abwasser und die steigende Infiltrierungsrate von salzigem Meerwasser beeinträchtigt fast alle Quellen entlang der Küste.

Das öffentliche Wassermanagement umfasst neun verschiedene Regierungseinheiten, deren Verantwortungsbereiche sich oftmals überschneiden, ohne dass es eine interne Kommunikation zu den überlappenden Aufträgen gäbe. Offenkundige Verwaltungsmängel jeglicher Art auf Regierungsebene bestehen fort, obwohl laut offiziellen Statistiken des libanesischen Ministeriums für Wasser und Energie der Libanon zu den Regionen der Welt, die von Wassermangel betroffen sind, gehört. Pro Person stehen etwas weniger als 1000m³ pro Jahr zur Verfügung, was ein internationaler Schwellenwert für die Messung von sogenannter Wassersicherheit ist. Folglich wird die Wasserressourcensituationen im Libanon von der FAO (Food and Agriculture Organisation) zwischen „chronischer Wassermangel“ und „regulärer Wasserstress“ eingestuft.

Die libanesische Regierung bezeichnet die Wassersituation als nationale Krise, die zusätzlich durch den Wasserverbrauch syrischer Geflüchteter verschärft wird. Der Generaldirektor für hydraulische und elektrische Ressourcen im Ministerium für Energie und Wasser, Fadi Comair, erklärte in einem Guardian-Interview „Wegen den Syrern ist die Wasserbilanz, die erst 2030 negativ sein sollte, schon jetzt negativ.“

Umweltaktivisten und Akademiker von der American University Beirut (AUB) arbeiten momentan an einer Studie, die nachweist, dass die zwei Millionen Touristen aus den Golfstaaten, die bis 2011 noch jährlich in den Libanon kamen, im Vergleich zu den syrischen Geflüchteten eine vielfache Menge Wasser nicht nur konsumierten, sondern gar verschwendeten, vornehmlich durch das Füllen privater Pools und Autowaschanlagen. Die Unverhältnismäßigkeit zwischen den beiden Verbrauchergruppen und ihrem Verhalten gegenüber Wasser ist dermaßen groß, dass der Vergleich berechtigt ist. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Golftouristen lediglich für maximal zwei Monate im Land blieben und nicht auf unbestimmte Zeit.

Was die Beziehung zwischen Mensch und Natur angeht, hat Mahmoud Safadi aus Beirut in Jezzine mittels Film-und Videomaterial das Konzept der Wassermasse spielerisch thematisiert. Seine Installationen kontrastierten Wassermassen als geographische Elemente (Seen, Flüsse, Meere) und Wassermassen als menschliche Körper, die in ihrer Rolle als Touristen wiederum in künstliche Wassermassen in Form von Pools eintauchen.

Safadis Installation entstand im Rahmen eines Künstlerresidenzprogramms rund um das Thema Wasser, initiiert durch die Assoziation für die Förderung und Ausstellung von Kunst im Libanon (APEAL). In Zusammenarbeit mit dem Beirut Museum for Art (BeMA) und der Temporary Art Platform (T . A . P .) wurden die Rahmenbedingungen bereitgestellt, um fünf libanesischen Künstlern und einem Künstler aus dem Irak das Ausstellen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen. Das Residenzprogramm fand in Jezzine statt, einer Kleinstadt südöstlich von Beirut entfernt. In unmittelbarer Nähe von Jezzine wird seit 2013 der Bau des umstrittenen Bisri Damms betrieben, der seitens lokaler Umweltaktivisten und Bauern aus der betroffenen Region als politisch korruptes, sinnfreies Entwicklungsprojekt beschimpft wird.

Der libanesische Künstler Ashraf Mtaweh griff in seiner Videoinstallation audiovisuelle Eindrücke und Erinnerungen seitens der betroffenen Gemeindemitglieder hinsichtlich des pre-Dammbau Bisri-Tals auf und projizierte diese in einen leeren Raum im Residenzhaus.

Das Hauptziel jedes Residenzprogramms von T . A . P . ist die Einbindung der lokalen Bevölkerung in die Umsetzung der Kunstprojekte. Die Gründerin dieser Plattform, Amanda Abi Khalil, zielt auf einen Bruch mit konventionellen Ausstellungsformaten und fördert ausschließlich temporäre Kunst im öffentlichen Raum.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf den menschlichen Umgang mit Wasser wurden durch den Fotografen Hassan Shaaban in der Serie „Die Macht des Wassers“ festgehalten. Im Rahmen eines Fotografenaustauschs zwischen der Schweiz und dem Libanon, reiste Shaaban zu Hydroelektrischen Triebwerken unter anderem in Lavey and Saint-Leónard und fotografierte Turbinen, Dämme und künstliche Seen. Sein schweizerischer Counterpart, die Fotografin Nicole Herzog-Verrey, reiste monatelang durch die Landschaft des Berg Libanon und fotografierte landwirtschaftliche Praxen. Die resultierende Fotoausstellung wurde organisiert durch das Dar al-Musawwir (Haus der Fotografie) in West Beirut. Das Fazit des Projekts lautete: Was der Libanon zu wenig hat, wird der Schweiz zu viel: Aufgrund der allgemeinen Klimaerwärmung schmelzen die schweizerischen Gletscher und drohen Täler und Ortschaften zu überfluten.

Charbel Hage Boutros wiederum stellte ein Wasserglas auf ein kleines Holzregal und füllte es mit 27 verschiedenen Trinkwassern aus 27 europäischen Ländern, je zum gleichen Anteil, und nannte es „Trink Europa“.

Die Künstlerresidenz in Jezzine ist inzwischen vorbei, was bleibt sind die Salzsäulen, die der Künstler Hussein Nassereddine in den Fluss von Jezzine legte. Das Salz sollte durch den Wasserstrom im Laufe der Zeit hinweg gespült werden, jedoch ist der Fluss seit einigen Wochen ausgetrocknet. Durch die steigenden Sommertemperaturen steigt auch die Evapotranspirationrate von Flüssigkeiten, was den Bau des Bisri Staudammes hinsichtlich der Oberflächenwasserspeicherung fragwürdig erscheinen lässt.

Die Salzsäulen von Nassereddine werden noch eine Weile zu begutachten sein.


Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

 

 

 

 

Am ersten Sonntag im Juli: Vertikale Perspektiven

Himmelsbank © Francois Chahine

Himmelsbank © Francois Chahine

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Der klassische Katersonntag in Beirut bedeutet in der Regel: verschwitzt und dehydriert aufwachen, mit Glitzer im Haar, optional auch im Bart. Wenn die körperliche Verfassung es zulässt, Frühstück, daraufhin geschwind Handtuch und Badeanzug einpacken und dann bloß raus aus der stickigen Hauptstadt, direkt und ohne Umwege ans Meer.

Alternativ kann man sich den Wecker auf 6.30h stellen, um für den anstehenden Kletterausflug zahlreiche Brote zu schmieren, während die Mitbewohnerin glitzernd durch die Haustür Richtung Schlafzimmer stolpert. Relativ frisch und definitiv munter findet man Sonntag morgens auf einem Sammelparklatz diverse Grüppchen wanderlustiger Individuen auf dem Weg ins Zedernreservat Tannourine. Hier, etwa 80km nördlich von Beirut befindet sich einer der sechs bisher entdeckten Kletterhotspots, die das Land zu bieten hat. Wer über die erforderliche Ausstattung verfügt oder einfach die richtigen Leute kennt, kann eintauchen in das libanesische Kletterparadies, das nur wenigen bekannt ist. Wir sind heute wieder mit Lama und Edwin unterwegs, den Gründern der Kletter- und Wandergruppe Moon Monkey.

Unterwegs erklärt uns Edwin, dass die Klettergemeinde Libanons  gerademal 150 Sportlerinnen und Sportler umfasst, einschließlich Amateuren und Hobby-Kraxlern. Doch es ist ein wachsender Trend, und das ist gut so. Denn wer klettern geht, verinnerlicht ein gewisses Umweltbewusstsein und verhält sich entsprechend ökologisch nachhaltiger. Die Lebanese Climbing Association arbeitet seit einigen Jahren daran, neue Routen im gesamten libanesischen Hinterland zu entdecken und zu präparieren, sodass Klettermöglichkeiten für jeden zugänglich werden, im Norden wie im Süden.

Wer als lokaler Kletterer durchgehen will, muss auf jeden Fall mindestens zwei Thunfischdosen als Snack einpacken, auf allzu funktionale Sportkleidung sowie Sonnencreme verzichten und bloß keinen Helm mitnehmen. Das ist wie im Straßenverkehr: Nur nicht-libanesische Radfahrer*innen tragen einen Fahrradhelm. Die Logik dahinter erläuterte mir letztens ein Freund, der als Fahrrad-Bote in Beirut seit zwei Jahren tätig ist: „Wenn du einen Helm trägst, fühlst du dich sicher, aber das ist trügerisch. Dann fährst du wie ein Idiot.“ Dasselbe gilt hier also auch für den Kletterspaß. Ich verdränge also schnell das unnütz gewordene Wissen, das ich mir aus einer Studie zu dem Thema „Helme: Schwächen, Stärken, Unterschiede“ vom Deutschen Alpinverein angeeignet hatte.

Kollege Bastian und ich tun unser Bestes, um den Sonnenschutz unbemerkt auf die roten Nasen zu schmieren. Da wir die einzigen nicht-Libanesen in der Gruppe sind, erweitern wir eben unser Arabisch-Vokabular um zahlreiche neue Worte rund ums Klettern. Hängengeblieben ist das unabdingbare Wort für „Seil“: Habbl. Wenn ein Stein fällt, ruft man „CAJUUUUU“ (oder so ähnlich). Zur Steinlawine kommt es zum Glück nicht, wir überwinden und bezwingen jede Kletterroute und stauben dabei sogar ein paar Kratzer und Schrammen ab, sexy.

Kletterrouten entstehen, wenn leidenschaftliche Amateure wie Edwin und Lama, die Kalksteinfelsen begutachten und mit dem einzig wahren Bohrer auf das Gestein losgehen. Dabei seilt sich Lama von oben ab, gesichert durch einen doppelten Achterknoten, und klopft die Felswand auf dichte Stellen ab. Klingen die Klopfzeichen zufriedenstellend, wird drauflos gebohrt. Je nach Felswandhöhe dauert der Prozess fünf bis sechs Stunden, während derer Edwin in regelmäßigen Abständen von oben Wasser, Nüsse und Zigaretten abseilt. In den Löcher werden Haken verankert und mit Epoxidharz festgeklebt.

Die Genehmigungen für Kletterrouten stellen die entsprechenden Kommunen aus. Laut Edwin sind diese leicht zu erhalten, da es den Behörden relativ schleierhaft ist, wer wann wo Löcher in welche Felswand haut. Somit sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Wer zuerst kommt, darf sogar den Namen der Felswand festlegen.

Was die Schwierigkeitsgrade der Routen angeht, so wird im Libanon das französische Bewertungssystem angewendet. Alles zwischen 1a und 4c fällt in die Kategorie „Wandern“ bis „Bergsteigen“. Ab 5a ist es offiziell „Klettern“, bis 5b+ kann jeder relativ sportliche Anfänger bis nach oben kraxeln. Das erklärt dann wohl auch unseren unerwarteten Klettererfolg, aber auf den Fotos sieht man hinterher zum Glück sehr todesmutig aus.

Was das Abseilen angeht, so lautet die internationale Kletterweisheit: runter kommt man immer. So oder so. Die Kletterrouten im Zedernreservat reichen bis maximal 6a. Dort befindet sich ein Felsvorsprung namens König der Löwen. Diese Route bietet den Adrenalinkick für Anfänger, weil sie ein Rückwärts-in-den-Abgrund-Abseilen voraussetzt. Wer sich an den Film erinnert, hat eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Ausmaß an Entschlossenheit, welches es für solch eine Aktion bedarf.

Die Felswand Gottlieb schräg gegenüber von König der Löwen wurde hingegen von Edwin und Lama so mit Haken versehen, dass sie dort ihre „Himmelsbank“ anbringen können. Dabei handelt es sich um eine mobile Aussichtsplattform, auf der zwei Menschen, eine Flasche Wein und eine Ukulele Platz haben. Wem das hawaiianische Zupfinstrument zu heikel ist, darf alternativ auf die gute alte Blockflöte zurückgreifen. Die Bank hängt an der glatten Felswand, gerne auch mal mehrere hundert Meter über dem Abgrund. Ein Ort für romantische Extremisten und extreme Romantiker ohne Höhenangst, garantiert die einzige Himmelsbank im gesamten Nahen Osten die Möglichkeit für außerordentliche Selfies, die man so auf keiner herkömmlichen Glitzer-Party in Beirut bekommt. Vorausgesetzt, man lässt das Handy nicht fallen.


Alice Brandt

Alice Brandt

Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

An einem Sonntag im Juni: Libanesische Wanderlust

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Es ist der letzte Sonntag des islamischen Fastenmonats Ramadan, und Hisham befindet sich in einem Dilemma: Der junge libanesische Filmemacher wird von seiner Familie zum Mittagessen zuhause erwartet. Sonntag ist für Hisham jedoch der Heilige Tag des ‚Hike and Seek‘: erstrebenswertes umweltbewusstes action-Wandern durch die herrlich mediterrane Flora des Libanon, organisiert von der Gruppe „Moon Monkey Libanon“. Eine Runde Brainstorming um Hisham von seinen familiären Feiertags-Pflichten zu befreien und das Resultat lautet: „Vogelbeobachtung! Jeder braucht ein Hobby, nicht wahr? Ich sag meiner Familie, dass ich ornithologisches Bildmaterial für das nächste Filmfestival benötige.“ Damit ist das Thema erledigt, und Hisham ist mit an Bord.

Wir treffen die Gruppe um 8:30 in außerhalb der stickigen Hauptstadt auf einem Parkplatz. ‚Guten Morgen‘ hier, ‚Hi, kifak (wie geht’s)?‘ dort, und anschließend düsen vier Fahrgemeinschaften Richtung Nordost, wo sich das Jabal Moussa Reservoir an den westlichen Hängen der Berg Libanon Gebirgskette befindet. Heute sind wir 15 Teilnehmer: 13 wanderbegeisterte Libanesen, eine Amerikanerin und eine Italienerin. Die Ausrüstungssituation der Teilnehmer ist höchst heterogen: von Straßenschuhen, Jeans und Plastiktüten bis zu Multifunktionshemden, raffinierte Hybridhosen mit drei verschiedenen Längen und Rucksäcken mit Solarplatten, damit das Handy stets geladen und Snapchat-parat ist. Laut Lama, Gründerin der Moon Monkey Initiative, kommen manchmal bis zu 90 Teilnehmer. Besonders beliebt sind die sogenannten ‚Moon Hikes‘, die einmal im Monat stattfinden, wenn Vollmond ist, Camping, Nachtwanderung und Klettern inklusive.

Lama, Architekturstudentin, und ihr Freund Edwin, Fotograf, haben Moon Monkey vor einem Jahr gegründet und warten nun darauf, beim Ministerium für Jugend und Sport als Unternehmen registriert zu werden. Die Chancen stehen jedoch nicht gut, da Wandern und Klettern laut Edwin nicht zu der traditionellen Ausrichtung des Ministeriums passen. Falls die Registrierung bei dem Ministerium tatsächlich verweigert wird, werden Lama und Edwin versuchen, ihre Gruppe als NGO anzumelden.

Die Wanderlust ist ein wachsender Trend unter den 20- bis 30-Jährigen Libanesen, Klettern und Bouldern etablieren sich unter naturliebenden Sportsfreunden ebenfalls als erstrebenswerte Hobbies. Wichtig ist den beiden Gründern der Gruppe, dass wir – wir alle –  uns auf unsere Wurzeln als Affen rückbesinnen und gleichzeitig vorwärtsgehen, bis zum Mond. Dazu gehört eine Sensibilisierung für die Umwelt und deren Verschmutzung. Jede Coladose und jede Verpackung, die ihnen in die Quere kommen, werden ausnahmslos aufgesammelt. Größere Müllhaufen werden fotografisch dokumentiert und den verantwortlichen Behörden gemeldet. Schritt für Schritt fangen auch andere Teilnehmer an, den umherliegenden Müll in Tüten zu sammeln. In Jabal Moussa, einer der drei Naturschutzgebiete Libanons, handelt es sich lediglich um sporadische Thunfischdosen und Flaschendeckel.

Die Instandhaltung dieses Naturschutzgebietes wird hauptsächlich durch die Nicht-Regierungsorganisation „Association for the Protection of Jabal Moussa“ (APJM) gewährleistet, mitfinanziert durch zahlreiche lokale und multinationale Partner und Spender sowie seit 2009 durch das UNESCO „Man and Biosphere“ (MAB) Programm.

Der APJM sind die Erhaltung der 727 Flora Spezies, 137 Vogelarten, 20 Säugetiere sowie die Unterstützung der lokalen Gemeinden bei der Verwirklichung nachhaltiger sozioökonomischer Entwicklungsprojekte ein Anliegen. Die Initiative fördert darüber hinaus auch den geschichtsträchtigen Aspekt der Gegend: Immerhin hat Kaiser Hadrian sich hier im 2. Jh. n.Chr. auf verschiedenen Felsblöcken durch Eingravierungen verewigt, um die Abholzung von Zedern, Eichen, Zypressen und Wachholder-Bäumen zu unterbinden.

Die ersten zwei Stunden der Wanderung sind eine angenehme Abwechslung zwischen gemütlichem Spazieren und knackigem Bergsteigen. Es ist heiß, doch die Luft ist im Vergleich zum Smog von Beirut so überragend frisch, dass ich einatme, bis mir schwindelig davon wird. Ab und zu brummelt jemand aus unserer Gruppe „Und wo ist jetzt Starbucks?“ oder „Kann mal jemand die Klimaanlage anschmeißen?“, doch die Stimmung ist grundsätzlich heiter bis fröhlich. Karamell-Frappuccinos finden wir zwar nicht in Jabal Moussa, aber was die von Schwitzeritis geplagten Wanderer angeht, so hat das Reservoir ein natürliches Heilmittel in petto: schluchtenartige Felsspalten, in welche die klimaanlagenbedürftigen Menschen dieser Erde den Kopf hineinstecken können wie in einen Kühlschrank.

Wir halten in regelmäßigen Abständen an, und Lama erweitert unsere Horizonte mit ihren bemerkenswerten Kenntnissen der umgebenden Natur, stets in einem Sprach-Cocktail aus Englisch, Französisch und Libanesisch. In Jabal Moussa leben Hyänen sowie die letzten zwanzig Wölfe des Zedernstaates, hier wachsen Syrische Wacholdersträucher (juniperus drupacea), aus deren Früchten Gin gemacht wird und die sich nur mithilfe des Blauhähers (und dessen Verdauungssystem) fortpflanzen können.

Der gemeine Klippdachs, der ausschließlich in der MENA Region beheimatet ist, bevölkert in Jabal Moussa die karstigen Kalkgesteine, die 70% der libanesischen Geologie ausmachen. Dieses poröse Gestein, durch das Wasser im Nu versickert, ist einer der vielen Gründe, derentwegen lokale Umweltaktivisten gegen die Idiotie des allgegenwärtigen Staudamm-Bau-Wahns vorgehen. Staudämme sind hierzulande ein hochprofitables Geschäft und so gut wie jede politische Partei im Libanon hat mindestens einen Damm auf ihrer Agenda. Die Biosphäre von Jabal Moussa jedoch sind bislang von neoliberalistischen Bauvorhaben verschont geblieben, unter anderem, weil die Association of the Protection of Jabal Moussa weite Flächen des Naturschutzgebietes gepachtet hat. So wird zum Beispiel sichergestellt, dass die seltene Kesrouan-Pfingstrose (peonia kesrouanensis) entlang des Pfingstrosen-Pfades ungehindert wächst und gedeiht. Diese bemerkenswerte Pflanze nimmt je nach Jahreszeit eine unterschiedliche Gestalt an: zurzeit sieht die Pfingstrose eher aus wie eine grüne Sternfrucht, im Herbst verwandeln sich die Knospen in blaue und knallpinke Kugeln, die eher wie getrocknete Johannisbeeren aussehen. Im Winter sieht die peonia kesrouanensis plattgedrückten getrockneten Feigen zum Verwechseln ähnlich. Nur im Frühling erkennt der aufmerksame Wanderer, dass es sich tatsächlich um eine Blume handelt.

Wir begegnen anderen Wandergruppen, tauschen verschwitzte Grußworte und energiereiche Sesamriegel aus und fotobomben Gruppenselfies bei jeder pittoresken Aussichtsplattform.

Am Ende des sechsstündigen Ausflugs im Namen des Wanderns und Strebens trennen sich die Moon Monkeys mit „min shufak el weekend el jeye“, wir sehen uns nächstes Wochenende! …und Hisham hat keinen einzigen Vogel gefilmt.


Alice Brandt Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

Zustände und Zuständigkeiten

Ausflug zum libanesischen Premierminister

Die Müllkrise, die Beirut im letzten Jahr einen übelriechenden Sommer bescherte, ist weiterhin ungelöst. Noch ist das Wetter halbwegs kühl, ein laues Lüftchen weht, so dass man es nicht so merkt – doch Müll sieht man im ganzen Land, illegal entsorgt, wo imer Platz ist. Zum Teil sind die monumentalen Müllsackberge notdürftig mit Erde bedeckt worden. Man versucht – im wahrsten Sinne des Wortes – Gras über die Sache wachsen zu lassen.

Für meinen fünfjährigen Sohn ist das ein großes Thema. Wenn wir in Deutschland unterwegs sind, kommentiert er unablässig: „Eine Papiertonne, eine gelbe Tonne ohne Deckel, drei Altglascontainer, weiß, braun, grün, eine Biotonne …“ Wenn es nach ihm ginge, würden wir nicht Ferien auf dem Bauernhof sondern auf dem Recyclinghof machen und uns den ganzen Tag anschauen, wie Müll getrennt wird.

Die letzte Unterrichtseinheit seiner Klasse in Beirut drehte sich um Pflanzen und wie sie nicht nur für saubere Luft sorgen sondern auch unter Umweltverschmutzung leiden. Im Rahmen dessen ermöglichte ein gutvernetzter Vater den Besuch der Schüler beim libanesischen Premierminister Saad Hariri, damit die Kinder an höchster Stelle über das Thema sprechen könnten.

Nach dem Empfang im Serail fragte ich meinen Sohn, ob er sich nach Mülltrennung und Recycling im Palast erkundigt habe. Er schüttelte den Kopf: „Weißt du, in dem ganzen großen Haus, in dem er sein Büro hat, habe ich nicht eine einzige Mülltonne gesehen! Nicht mal einen Mülleimer! Ich bin mir nicht sicher, dass er der Richtige ist, um mit ihm über Recycling zu sprechen.“

Regenbogenflaggen über Beirut – Beirut Pride Week

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Instagram @nour.tendo, mit freundlicher Genehmigung

Ein Beitrag von Bastian Neuhauser

„So… Happy Beirut Pride, I guess!“, schreit die Moderatorin ins Publikum. Menschen johlen, klatschen, schnippen mit den Fingern, und man hat das Gefühl, sie wissen selbst nicht ganz, was gerade passiert. Unter bunten Glühbirnen drängen sich mittlerweile mehr Menschen als Stühle, man sitzt auf dem Boden, auf Paletten und Schößen. Es ist eine Nacht des Geschichtenerzählens, und obwohl sich hunderte von Menschen um die winzige Bühne mit dem verloren wirkenden Mikrofon drängen, hat man sofort das Gefühl, dass es ein besonderer Augenblick ist. Lesbische, schwule, bi, trans, inter und queere Menschen nehmen Raum ein – Raum, der ihnen sonst nicht zugestanden wird. In keinem Moment vergisst man, wie wenig selbstverständlich das ist, in einem Umfeld, das sonst fast immer nur prekär ist für Personen deren Identität jederzeit als unnatürlich, gefährlich, strafbar gelten kann. Was entsteht, ist fast so etwas wie Intimität. Die Moderatorin wirft einen langen Blick in die Runde und fasst dieses Gefühl in Worte, erklärt dass dies ein Ort ist, an dem man offen sein darf, seltsam sein darf, verwundbar sein darf, und bittet alle dies zu respektieren. Menschen kommen auf die Bühne und erzählen ihre Geschichten. Eine Lesbe erzählt von ihrem Coming Out und ihrer ersten Liebe, ein schwuler Aktivist von den Tagen, als Sicherheitskräfte seine Wohnung durchsuchten und er für drei Tage verhaftet wurde, ein Sänger von den Traumata seiner Jugend und seiner Gegenwart. Jeder Pointe, jeder Pause folgt frenetischer Jubel, der gebrochen von den Brandwänden der umliegenden Hochhäuser zurückschallt. Man feiert das eigene Dasein, das eigene Überleben und die Tatsache, der Gesellschaft diesen Ort und diese Momente abgerungen zu haben, nur eine Handvoll Stunden, nachdem die libanesische Politik den Auftakt der Pride bereits in die Knie zwang. Man schätzt diese Tatsache, niemand unterbricht sich, niemand steht auf, als hätte man Angst, diese Seifenblase zum Platzen zu bringen. Die Bühne öffnet sich für alle, manche erzählen ernst ihre Lebensgeschichten, andere alberne Witze. Langsam löst sich der Abend auf. Als ich aufstehe, schreit grell eine Polizeisirene durch die Nacht. Mein Nachbar dreht sich um: „Ach, jetzt kommen sie also doch noch um die Veranstaltung zu räumen. Ein bisschen spät, jetzt hatten wir schon unseren Spaß.“ Noch mit einem Grinsen im Gesicht tritt er auf die Straße.

II.

Das Epizentrum der elektronischen Tanzszene Beiruts liegt auf dem 4. Stock eines alten Hafengebäudes, am Ende eines langen, stets mit Rauch gefüllten und von vier Scheinwerfern zerschnittenen Ganges. An diesem Abend wird die schlicht monochrome Dramatik dieser Installation von den Farben des Regenbogens abgelöst. Werden sonst hier nur die kulturell und finanziell privilegierten eingelassen, verteilt nun ein Türsteher mechanisch Stempel an das hereinströmende – und trotzdem gewohnt homogene – Publikum. Es soll ein feministischer Vortrag stattfinden, dazu Musik. Ersteres ist schnell erledigt. Eine Gruppe von Frauen liest einen überraschend knappen Text, gerichtet an den spärlich gefüllten Saal. Niemand scheint zuzuhören, man weiß an den richtigen Stellen zu klatschen, ansonsten warten Menschen ungeduldig auf die Rückkehr der Musik. Zum Ende des Vortrags beginnt sich der Saal zu füllen, Bewegung kommt in die nun beachtliche Menge als verkündet wird, es gäbe eine halbe glückliche Stunde lang kostenlose Getränke an der mit etwas verängstigt dreinblickendem Personal besetzten Bar. „Finally, we can have some fun“, stöhnt eine Freundin in mein Ohr und ist im nächsten Moment mit drei Gläsern bewaffnet zurück. Die Bässe trommeln nun gnadenlos los. Es beginnt – in bester libanesischer Manier – ein Abend mit Alkohol, Tanzen, Küsschen links, Küsschen rechts, kenn´ ich dich nicht von irgendwoher? In einem ersten Impuls bin ich überrascht von der Abwesenheit von inhaltsschweren Vorträgen, emotionalen Reden, großen Gesten. Und dann vom Überdruss meiner Bekannten. „Warum muss alles immer politisch sein?“, wird mir von einer angetrunkenen Freundin mit zusammengerafften Augenbrauen entgegengeworfen, „Haben wir kein Recht, einfach zu existieren, über normale Dinge zu reden, die nichts mit Religion oder Krieg zu tun haben? Dürfen das nur Leute aus dem Westen?“ Ich nippe an meinem Gin Tonic. Die zerknittert am DJ-Pult hängende Regenbogenflagge bewegt sich sanft über der zunehmend ekstatisch bunten Menge. Und mir wird klar, was es auch heißen kann, politisch zu sein:  Spaß zu haben, zu tanzen, einfach zu existieren.

III.

In einem weiten Bogen fliegen die langen plastikroten Locken von links nach rechts und klatschen nahezu hörbar gegen den Vollbart der Drag Queen. Zwischen den Tischen der Glücklichen deren Reservierung sie zu einem Abend überteuerter panasiatischer Küche und bester Sicht auf das Geschehen ermöglicht, schreit sich Evita stumm die Seele zu Missy Elliots Reverse It aus dem Leib. Im Hintergrund diejenigen, die auf Bänken stehend Blicke erhaschen, noch dahinter auf der anderen Seite der Fenster, die lange Schlange derjenigen, die gar keinen Platz gefunden haben. Das Lied endet, ein langer Schluck aus einem Glas das sowohl mit Gin als auch mit Wasser gefüllt sein könnte, ein tiefer Atemzug. Evita füllt die Stille mit ihren Geschichten, immer laut, derb, aber nie will sie ihre Intelligenz ganz verbergen. Es sind Geschichten aus queeren Alltagen: über die Grenzen allgemein akzeptabler Körperbehaarung, über hetero Männer, die Sex mit anderen Männern auf schwulen Dating Apps suchen, über die mannigfaltigen Wege, enkellose Großeltern auf Familienfeiern ein weiteres Jahr zu vertrösten. Die Themen kommen mir vertraut vor, es sind dieselben in Barcelona und Berlin. Ich pfeife, wenn Evita alle maskulinen Männer bittet den Saal zu verlassen, um Platz für die „good gays“ zu machen und wenn sie immer wieder betont, dass lesbische Frauen doch eigentlich die besseren Menschen auf dieser Welt sind, ohne sie wohl niemand hier wäre, am wenigsten sie selbst. Mittlerweile rollen die Schweißperlen dick von der gepuderten Stirn. Doch noch mit verschmiertem Lippenstift kämpft sie unerbittlich plaudernd gegen die Dinge, die die Community, hier und überall, bewegen. Nebensätze über Hass, Gewalt, Scham, über die Frage, wie man sich in Polizeikontrollen verhält, und was es bedeutet, nicht mehr seiner Familie zu sprechen, weil sie nicht erträgt, wer man ist. Am Ende versteht sie, diesen letzten Abend der Pride nicht in dunklen Tönen zu beenden. Die Regenbogenflaggen, die am Tag davor in den Straßen Mar Mikhaels hingen, die Euphorie, die sich während dieser Woche in der Beiruter Szene breit machte, und der vage aber elektrisierende Vorgeschmack auf einen anderen Libanon sind noch zu präsent. In den letzten Atemzügen ihres zweistündigen Monologs stellt sie selbst etwas überwältigt fest: „Oh my god, look around! I feel like I am in Paris!“. Die Bar bricht in Jubel aus.


Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser

Bastian Neuhauser ist seit April 2017 Projektassistent im Büro der Heinrich Böll Stiftung in Beirut. Davor studierte er Politikwissenschaften und Soziologie unter anderem in Berlin.

Beirut: wo die wilden Motten hotten

Delineating nature - Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 - Borders

Delineating nature – Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 – Borders

2006, infolge der Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah, bombardierte Israel den Libanon. Innerhalb eines Monats wurde die zivile Infrastruktur des Landes schwer beschädigt. Neben 165 Israelis starben in diesem Krieg 1300 Libanesinnen und Libanesen – überwiegend Zivilisten. Als Nothilfe sagte Ägypten dem Libanon damals den Bau eines Feldlazaretts zu.

Der Krieg war nach 34 Tagen beendet. Das Feldlazarett ließ über 10 Jahre auf sich warten. Erst jetzt, im Frühjahr 2017 wurde es errichtet. Das sind die Momente, in denen man eine Städtepartnerschaft zwischen Beirut und Schilda vermuten könnte.

Dass der Bau des Krankenhauses 10 Jahre lang vertagt wurde, liegt daran, dass die Stadt Beirut zuvor keinen Ort identifiziert hatte, der in Frage käme. Öffentlich sollte er sein, damit keine zusätzlichen Kosten entstünden. Im Zuge der ausufernden Privatisierungen ist öffentlicher Raum jedoch knapp geworden. Nach langem Hin und Her wollte man zunächst eine der raren öffentlichen Bibliotheken, unterhalten durch den privaten Verein „Assabil“, dafür nutzen. Nach Protesten wich man aus – auf den Parkplatz des Stadtparks von Beirut, dem erst 2016 der Öfffentlichkeit zugänglich gemachten Horsh.

Illustrationen wie die obige der libanesischen Künstlerin Nadine Bekdache zeigen, wie dieser Park über die Jahre schrumpfte, wie öffentlicher Grünraum dem Wohnungsbau weichen musste. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass die jetzige angeblich temporäre Nutzung des Parkplatzes – nach zwei Jahren soll das Krankenhaus wieder abgerissen werden – der erste Schritt zu einer weiteren Verkleinerung der Grünfläche ist. Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich auf dem Parkplatz wurden die Tore des  Horsh nämlich wieder geschlossen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund: ein Schädling verwüste den Pinienbestand des Parkes, heißt es. Experten der Beiruter Universitäten sind dabei, das Insekt zu bestimmen und geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen.

Folgt man der spärlichen Berichterstattung in den Medien, ist man allerdings geneigt, eine kafkaeske Verschwörung zu wittern. Vier Zeitungen benennen jeweils eine andere Art Käfer oder Motte, alle  gleichzeitig auf dem Weg, die letzten Pininen dieser Stadt zu vernichten. Dabei steht nicht jeder Baum gleichermaßen im Visier. Der überwiegende Baumbestand sieht (noch) überraschend grün aus. Das liege daran, heißt es, dass die verdorrten Bäume sofort abgeholzt würden. So genau lässt sich das nicht überprüfen, da man nicht mehr an die Bäume drankommt. Schuld an der Plage seien nämlich die Besucher, die sie unter ihren Schuhsohlen eingeschleppt hätten – augenscheinlich sind die Schädlinge also nicht nur gefräßig sondern auch faul, denn all die Arten, über die spekuliert wird, könenn auch fliegen. Wahrscheinlich haben sie vor der Öffnung des Parkes brav an desen Zaun gewartet.

Nicht 20 Jahre Vernachlässigung und Missmanagement der Grünfläche sind es also, die den Stadtpark ruinieren, sondern dass er endlich genutzt wird.

Der Vogel stinkt immer vom Kopf

"Bald am Beiruter Flughafen" - AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

„Bald am Beiruter Flughafen“ – AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

Massentötungen von Seevögeln, die Müllkrise, und wie all das mit der bewegten Geschichte Libanons zu tun hat

Ein Gastbeitrag von Mohamad Hassan Mansouri

Der Himmel über den Stränden Beiruts ist seit Mitte Januar überraschend leer. Wo sich sonst besonders Seevögel tummelten, herrscht Mitte Januar gähnende Leere. Besonders fällt das den Fischern auf. : „Natürlich vermisse ich sie. Sie waren unterhaltsam,“ zitiert die New York Times Mohammad Jradi, der seit 20 Jahren fischt Wie für ihn waren die Seevögel für viele andere Fischer stete Begleiter. Heute ist es einsam um sie geworden, nachdem innerhalb von drei Tagen im Januar angeblich 10.000 Vögel abgeschossen wurden.

Angelockt hatte die Vögel die „Costa Brava“, ein Küstenabschnitt wenige Kilometer südlich des einzigen internationalen Flughafens des Libanons. Hier lieh sich in hoffnungsvolleren Zeiten ein Strandressort den Namen des populären europäischen Touristenstrandes. Wo sich einst ausländische Tourist/innen und Libanes/innen am Strand erholten, türmt sich heute  provisorisch in Säcke gepresster Müll. Weil hier im letzten Jahr viel mehr abgeladen wurde, als die Deponie eigentlich verkraften kann, ist Costa Brava, wie der libanesische Blogger Claude el Khal schrieb, zu einem „riesigen kostenlosen libanesischen Restaurant“ für Vögel geworden.

In ihrer Masse begannen sie schließlich Starts und Landungen auf Beiruts Flughafen zu gefährden. Internationale Fluggesellschaften drohten, ihre Flüge in den Libanon einzustellen, weil Vogelschwärme in die Triebwerke geraten und die Maschinen zum Absturz bringen könnten. Umweltorganisationen hatten schon lange davor gewarnt und eine dauerhafte Lösung des Müllproblems gefordert.

Zunächst signalisierte das Umweltministerium, über eine Lösung nachzudenken – allerdings nicht die Schließung der Deponie, sondern lediglich Abschreckungsmaßnahmen für die Vögel. Am 14. Januar dieses Jahres nahm sich eine Gruppe von Jägern des Problems an – angeblich bezahlt durch die Regierung in einem  von Middle East Airlines gesponserten Bus kamen sie zur Küste und schossen Tausende Vögel vom Himmel.

Dieser Zwischenfall erzürnte libanesische Umweltaktivisten und lenkte den Fokus zurück auf die weiterhin ungelöste Müllkrise von 2015. Um die Proteste einzudämmen, hatte die Regierung gegen den Widerstand der Anwohner die Wiedereröffnung einiger längst überfüllter Mülldeponien beschlossen. Das ermöglichte den Abtransport des Abfalls aus Beirut und Mount Lebanon, und nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ legten sich die Proteste, an denen Tausende teilgenommen hatten.

Umweltaktivist/innen warfen der Regierung u.a. einen Bruch der Konvention von Barcelona vor, welche das Errichten von Mülldeponien an der Mittelmeerküste untersagt.

Jedoch war es vorauszusehen, dass die neuen Deponien und der neue Plan vom damaligen Agrarminister Chehayeb die Abfallproblematik nicht auf Dauer lösen können. Um zu verstehen, warum sich die Lösungsansätze ständig zwischen der Schließung alter und der Eröffnung neuer Deponien bewegen, lohnt sich ein Blick in die Nachkriegsgeschichte des Libanon.

Am 13. Oktober 1990 marschierten libanesische und syrische Streitkräfte im Präsidientenpalast ein und General Michel Aoun gab seine Kapitulation bekannt. Damit endete nach 15 Jahren ein Krieg, der das Land beinahe vollständig zerstört hatte. Dabei wurde auch vieles der Vorkriegsordnung zerstört und neue Machtverhältnisse ersetzten alte. Das 1977 gegründete Council for Development and Reconstruction (CDR) wurde 1992 wiederbelebt und wurde zum wichtigsten Instrument für den Wiederaufbau der Infrastruktur des Landes.

Gleichzeitig waren die Arbeiten und Vorgehensweisen des CDR immer begleitet von Korruptions- und Parteilichkeitsvorwürfen. Hauptakteur in der Abfallwirtschaft des Landes ist die private Firma Sukleen, welche auf die Abfallentsorgung spezialisiert ist, allerdings wenig im Bereich Mülltrennung und –beseitigung unternimmt. Ihr wird aufgrund ihrer Näher zur Familie Hariri vorgeworfen, Ausschreibungen trotz wettbewerbsunfähiger Preise für sich zu entscheiden. So kam es, dass Sukleen 1994 in einer Ausschreibung für 3,6 Millionen US Dollar zum beinahe alleinigen Abfalldienst  im gesamten Land wurde. Schon damals stand die skandalöse Schätzung im Raum, dass eine dezentralisierte Abfallbeseitigung in den Kommunen nur die Hälfte dieser Summe gekostet hätte und Korruptionsvorwürfe wurden laut. Dennoch ist Sukleen bis heute stets alleinige Bewerberin um die Vergabe der Beiruter Müllentsorgung. Pro Tonne erhält Sukleen den Spitzenpreis von USD 150, ist jedoch gleichzeitig nur für den Abtransport, nicht für die Bereitstellung von Deponiefläche zuständig.

Schon 1997 hatte die Vetternwirtschaft im Müllsektor zu einer Krise geführt. Damals war die Mülldeponie in Bourj Hammoud nach massiver Übernutzung geschlossen worden, ohne dass die Regierung eine Alternativlösung parat hatte. Das Resultat war eine Müllkrise in den südlichen Vororten Beiruts und in der Matn-Region, bei der die Regierung mehr oder weniger offen zugab, dass sie nicht in der Lage ist, etwas anderes als neue Mülldeponien anzubieten, geschweige denn eine längerfristige Vision für das Abfallmanagement hätte.

Heute, 20 Jahre später, scheint sich ihre Geschichte des Versagens zu wiederholen. Die Costa Brava ist lediglich ein weiteres Symptom einer verfehlten Politik, welche an der Grundsituation nichts ändert: der Libanon produziert zu viel Müll, ist nicht in der Lage ihn alleine zu bearbeiten und Recycling wird so gut wie nicht betrieben. Ohne, dass die Regierung bereit ist, das Problem nachhaltig anzugehen und solange die Gesellschaft nicht sensibler mit dem Thema Abfall umgeht, wird das Land auch in Zukunft dazu verdammt sein, seine Geschichte zu wiederholen – auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.

Mohamad Hassan Mansouri

Mohamad Hassan Mansouri studierte Betriebswirtschaft und Interkulturelle Studien in Heilbronn und Kairo, sowie Volkswirtschaft und Politikwissenschaften in Marburg und Beirut.
Derzeit unterstützte er das hbs-Büro in Beirut in Wirtschaftsfragen und beschäftigte sich vorwiegend mit den wirtschaftlichen Folgen des seit 2011 anhaltenden Syrienkrieges.

Es werde Licht

(c) Bente Scheller

Besucher in manchen Beiruter Stadtteilen mögen sich über die zahlreichen kleinen Schreine auf der Straße wundern. Mal freisetehend, mal an Häusern, mal mit Glas und mal als kleine kün

Der Schrein gegenüber (c) Bente Scheller

stliche Grotten sind sie ein nicht wegzudenkender Teil des Straßenbildes.

In unserem Büro gibt es gleich im Erdgeschoß ein kleines Türchen mit Glasscheibe, hinter der man den heiligen Georg beim Sieg über den Drachen sieht, beleuchtet gelegentlich von einem elektrischen „ewigen Licht“. Die Bewohner legen hier Blumen nieder oder halten Zwiesprachen mit den beiden Madonnenstatuen.

Vielleicht haben sie, wie ich, mal  die Tür daneben geöffnet, hinter der sich die Elektroinstallationen des Hauses verbergen. Angesichts des Kabelsalats kann man nur andächtig staunen und es für ein Wunder halten, das alles funktioniert.

 

 

 

 

 

 

Gute Beine, schlechte Beine? Burkini vs. Speedos

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

 

 

Ein Gastbeitrag von Brandie Podlech

Libanons Strände sind bekanntermaßen nicht nur Orte der Erholung, des Exzesses und der Balz, sondern auch Austragungsorte von Deutungskämpfen. Schlagzeilen machen dabei vor allem rassistische Zutrittsverbote für Hausangestellte und „people of colour.“ Offenbar herrschen derzeit an den Küsten Frankreichs Strandprobleme anderer Natur und auch fernab des Ozeans schlägt das Thema hohe Wellen: die richtige Bademode für die Frau.

Wie überall in der Welt ist es im Libanon als Frau nicht leicht, sich für das passende Strandoutfit zu entscheiden – einerseits will man möglichst wenigen Balzversuchen ausgesetzt sein, andererseits aber auch modisch auf dem aktuellen Stand bleiben. Momentan ist der Trend hier eher „weniger ist mehr“.

Eines ruhigen Sonntags im Monat Ramadan war ich mit Freunden, darunter Marwan, dessen Bild diesen Artikel ziert, an einem recht menschenleeren Strand. Wir hatten uns bereits ins Wasser gestürzt – drei Männer und eine Frau –, da musste der Strandaufseher aufgebracht rufend und winkend für Ordnung sorgen. Doch nicht mein Bikini war das Problem. Er hatte ausgemacht, worin die tatsächliche Bedrohung bestand: in Marwans Körper, genauer gesagt, seiner Badehose (siehe Foto). „Das Tragen von Speedos ist hier verboten.“ Glücklicherweise mussten wir bloß 20 Minuten im Wasser warten bis ein Freund mit langen extra-Badeshorts kam und für Marwans Rettung sowie die Sicherheit der anderen Badegäste sorgte.

Daran, eine logische Erklärung zu finden, sind wir an jenem Tag gescheitert. Heute möchte ich daher einmal versuchen, eine willkürliche Sammlung von Argumenten für die jüngsten Verbote umstrittener Bademoden in Frankreich auf ein Speedos-Verbot im Libanon anzuwenden:

Leider habe ich es versäumt, den Strandaufseher dazu zu befragen. Sein Kommentar hätte wohl in etwa so gelautet: „Es geht nicht darum, das Tragen modischer Statements am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu sexuellen Orientierungen hinweist, die gegen uns Krieg führen.

Was in Europa nach „höchster Verblödungsbereitschaft mit einem zutiefst rassistischen Kern“ klingt, war am Strand von Jiyeh wohl Homophobie – und damit eine Waffe des Sexismus.


Brandie Podlech

Brandie Podlech

Brandie Podlech studierte Politikwissenschaft, Arabistik und Iranistik in München. Im Sommer 2016 forscht sie im Rahmen eines Praktikums bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut zu „Masculinities“ in libanesischen TV- und Webserien.