Archiv der Kategorie: Syrien

Tod eines Aktivisten: Bassel Khartabil

Bassel Khartabil 2009 (c) Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Bassel Khartabil 2009 (c) Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Nicht immer ist das, was gesagt wird, auch das, was beim anderen ankommt. So ist es auf dem Flipchart, das der Blogger Bassel Khartabil hier in die Kamera hält, dargestellt. Entstanden ist die Aufnahme bei einem Blogger-Workshop von Global Voices und dem Beirut-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung 2009.

Das Piktogramm ist geradezu emblematisch für  Situationen geworden, in denen sich zivile Aktivisten und humanitäre Helfer Syriens in westlichen Ländern oft wiederfinden dürften: Gerade diejenigen, die sich dem gewaltfreien Widerstand in Syrien verschrieben haben, werden in Syrien am erbittertsten verfolgt – durch Daesh, durch andere Extremisten, durch die PYD aber insbesondere von Anfang an durch das Regime. Doch während sie dort ihr Leben riskieren, bekommen sie in Deutschland und an anderen Orten oft genug zu hören, es gäbe sie gar nicht mehr.

Genau das ist der Eindruck, den das syrische Regime vermitteln möchte: Nur, wenn der Westen die „Guten“ nicht als relevant wahrnimmt, kann Assad darauf bauen, als „einzige Option“ und mutmaßlich „kleineres Übel“ vis-a-vis Daesh akzeptiert zu werden. Deswegen sind dem Regime kluge, bekannte Köpfe ein Dorn im Auge.

Der syrisch-palästinensische Aktivist Bassel Khartabil gilt einigen als derjenige, der das Internet für Syrien geöffnet hat. Als Blogger und Techie hat er lange vor 2011 Innovation in Syrien inspiriert und unter anderem an einem 3-D-Modell von Palmyra gearbeitet. Er begann 2011 als Bürgerjournalist zu arbeiten. Am ersten Jahrestag der syrischen Revolution, am 15. März 2012, wurde Bassel Khartabil an einem Checkpoint in Damaskus verhaftet. Die niederländische Journalistin Monique Doppert hat ihm ein Buch gewidmet. Unzählige Organisationen, darunter Amnesty International, Human Rights Watch, Global Voices, Creative Commons, haben sich für seine Freilassung eingesetzt, vergebens.

Trotz finsterer Haftbedingungen und Folter verlor Bassel Khartabil nicht seine Zuversicht, wie aus der Haft geschmuggelte Briefe zeigen. Im Oktober 2015 wurde er aus dem Gefängnis an einen unbekannten Ort verbracht. Heute schreibt Bassels Frau, Noura Ghazi Khartabil:

„Es ist schwierig, Worte zu finden, um im Namen von Bassels und meiner Familie mitzuteilen, dass mein Mann Bassel Khartabil Safadi hingerichtet wurde. Er wrude wenige Tage nachdem er im Oktober 2015 aus dem Adra-Gefängnis abgeholt wurde, hingerichtet. Das ist für einen Helden wie ihn ein würdiges Ende. Ich war die „Braut der Revolution“ und Deinetwegen bin ich zur Witwe geworden. Das ist ein großer Verlust für Syrien. Das ist ein großer Verlust für Palästina. Das ist ein großer Verlust für mich.“

Die Willkür der Geburt

Szene aus Amanda Baillys Film "8 Borders, 8 Days"

Szene aus Amanda Baillys Film „8 Borders, 8 Days“

– Zum Weltbürgerrecht der Syrerinnen und Syrer –

Ein Gastbeitrag von Antonia Klein

„Das W e l t b ü r g e r r e c h t soll auf Bedingungen der allgemeinen H o s p i t a l i t ä t eingeschränkt seyn. 

Es ist hier […] nicht von Philanthropie, sondern vom Recht die Rede, und da bedeutet H o s p i t a l i t ä t (Wirtbarkeit) das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann […].“

Immanuel Kant, Dritter Definitivartikel Zum Ewigen Frieden (1795).

Die Menschheit ist zusammengewachsen. Wir alle fühlen heute die Nähe zu den Bewohnern anderer Teile der Erde: Das Internet ermöglicht es uns, unmittelbar an ihrem Leben teilzunehmen und aus Berlin, zum Beispiel, können wir in nur fünf Stunden auf die Kanarischen Inseln fliegen, oder, ähnliche Entfernung, nach Damaskus, wenn dort nicht gerade Krieg wäre. Wir nehmen dadurch das einzelne Individuum mehr und mehr als eigene Persönlichkeit, losgelöst von seiner Nationalität, wahr. An die einst gezogenen Staatsgrenzen denken wir nicht mehr. Wir, das sind wir Europäerinnen und Europäer.

Wie sieht so eine Grenze eigentlich aus? Vor ein paar Jahren wäre es den Jüngeren unter uns schwer gefallen, diese Frage zu beantworten. Mit Grenzen hatte man in Europa seit Eröffnung des Schengen-Raums im Jahr 1995 nicht mehr viel am Hut. Auch die Grenzbarrieren von Staaten außerhalb unserer Gemeinschaft sind dank des gerngesehenen europäischen Tourismus mehr als dezenter Fingerzeig denn als Abschreckungsmaßnahme ausgestaltet.

Erst mit der Syrienkrise spürt der europäische Bürger, wie lieb ihm diese eigentlich schon vergessene Trennlinie ist. Wie es sich für Nicht-Europäerinnen und Europäer anfühlt, diese Grenzen zu überqueren, zeigt Amanda Bailly in ihrer Dokumentation 8 Borders, 8 Days, in der sie die Syrerin Sham und ihre zwei Kinder auf ihrem Weg von der Türkei nach Deutschland begleitet. Der Film zeigt nur Ausschnitte der Gewalt der Grenzbeamten gegen die Geflüchteten: An den Grenzen scharen sich die Menschen. Sie tragen nur ein bisschen Stoff auf der Haut und einen kleinen Koffer in der Hand. Die Menge schiebt und drängt. Auf der anderen Seite stehen die staatlichen Sicherheitsbeamten drohend mit ihren Schlagstöcken, die Menschen drängen weiter, über die Grenze, und die Polizei schlägt zu. Es ist Gewalt gegen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, um nicht im Bombenhagel unterzugehen.

Ich kenne diese Bilder bereits aus Zeitung und Fernsehen. Aber heute, während ich Amandas Film in einem Beiruter Café zwischen Syrern und Libanesen sitzend anschaue, wird ein Gefühl in mir besonders stark: Ich möchte mich von meinem Europäerinnendasein lösen. Auf keinen Fall möchte ich mit diesem politischen System in Verbindung gebracht werden, das, angefeuert durch die immer weiter nach rechts kippende Bevölkerung, diese Menschenrechtsverletzungen verübt.

Natürlich ist es den Leuten um mich herum egal, wo ich herkomme. Ich kann schließlich nichts dafür, Europäerin zu sein. Ich kann, jedenfalls solange ich mich klar gegen dieses Handeln positioniere, nichts dafür, wie sich viele meiner europäischen Landsleute verhalten – ich bin ja auch nur ein Mensch, zufällig in Deutschland geboren.

Gleichzeitig wird etwas anderes deutlich: Nicht nur ich kann nichts dafür, in Deutschland geboren zu sein. Auch die Syrerinnen und Syrer können nichts dafür, in Syrien geboren zu sein. Und, jedenfalls der größte Teil der Bevölkerung, der sich nicht an den Kämpfen beteiligt, sondern nur vor einem unterdrückenden System und einem Krieg, bei dem kein Ende in Sicht ist, Schutz sucht, kann nichts dafür, wie sich die Kampfparteien verhalten und dass Russland und die USA über Waffenruhe feilschen als werde der Krieg tatsächlich ihrer Interessen wegen geführt.

Auf welcher Grundlage nehmen wir uns nun heraus, uns vor diesen Menschen, die vor Krieg fliehen, zu verschließen? Was wollen wir vor ihnen schützen, das es rechtfertigt, ihm den Vorrang gegenüber dem Leben dieser Menschen einzuräumen? Wir sind doch auch nur zufällig in Europa geboren. Warum also messen wir der Herkunft dieser Frauen, Männer und Kinder, die zu uns kommen, so viel Bedeutung bei?

Wem gehört die Welt?

Der Lebensraum auf unserer Erde ist begrenzt. Wir müssen akzeptieren, dass wir nur zufällig an einem bestimmten Ort der Welt geboren werden und dass wir alle Bewohner der Welt sind, Bürger der Welt, Weltbürger. Als solchen steht uns die Erdoberfläche gleichermaßen zu. Freilich müssen wir berücksichtigen, dass Menschen nicht nur Weltbürger, sondern gleichzeitig Staatsbürger sind. Das Recht, sich anderen Menschen gegenüber auf den Staat und seine Grenzen zu berufen, endet aber dann, wenn diese in ihrer Heimat nicht mehr sicher leben können. Fällt ein Ort als bewohnbarer Platz auf der Erde weg, müssen die Menschen in anderen Teilen der Welt zusammenrücken, um der nunmehr staatsgebietslosen Bevölkerung weiterhin ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Im Falle Syriens kann niemand leugnen, dass der Staat keinen sicheren Ort mehr für Menschen bietet. Wir müssen daher endlich aufhören, das Weltbürgerrecht nur zu unserem Vorteil zu nutzen und den Syrerinnen und Syrern gegenüber unsere Staatsgrenzen zu verriegeln. Vielleicht fällt dies leichter, wenn wir uns vor Augen führen, dass auch wir nur zufällig Europäer sind und jede und jeder einzelne von uns auch zufällig in Syrien hätte geboren sein können.

Antonia Klein

Antonia Klein

Antonia Klein studierte Jura und Philosophie in Tübingen und
Aix-en-Provence. Seit Beginn ihres Rechtsreferendariats setzte sie sich für Geflüchtete in Berlin ein. Den Herbst 2016 verbrachte sie bei der Heinrich Böll Stiftung in Beirut, um die rechtliche Situation de Geflüchteten im Libanon näher zu betrachten, wo seit Beginn des Krieges mehr als 1,5 Millionen Syrerinnen und Syrer Schutz gesucht haben.

Die Armee der Zerstrittenheit

armeederzerstrittenheitAls 2003 die iranische Anwältin Shirin Ebadi mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, trank ich gerade Tee mit einem älteren syrischen Menschenrechtsanwalt in Damaskus, der das sich gar nicht darüber freuen konnte: „Ich habe jahrelang im Gefängnis verbracht, und sie kriegt den Friedensnobelpreis?“ empörte er sich. Deutlicher hätte man nicht machen können, unter welchen Bedingungen die syrische Opposition seit Hafez al-Assads Putsch 1970 lebte und arbeitete: Unter Hafez al-Assad und Bashar wurden Zehntausende für ihre Geisteshaltung und politischen Aktivitäten zu Verbrechern erklärt,  verschleppt, verhaftet, gefoltert und ermordet. Weit über zwanzig Jahre verbrachte der Kommunist Riad Turk unter verschiedenen Regimen Syriens in Haft und verbrachte sein Leben danach weitgehend im Untergrund; andere erholten sich nie von den im Gefängnis erlittenen Misshandlungen und die meisten von ihnen bekamen keinen Pass und keine Ausreiseerlaubnis.

Doch das Regime verfügte noch über andere Mittel: Mindestens ebenso wichtig wie die physische Einschüchterung der Untertanen war es, Misstrauen zu säen – zu kooptieren, Privilegien ohne Erklärung zu geben und wieder zu entziehen und Gerüchte zu streuen. Daraus entstand der „Wettbewerb des Leidens“, wie er sich in des Anwalts Missgunst gegenüber Shirin Ebadi niederschlug: Nicht selten wurden Oppositionelle, die weniger Zeit hinter Gittern verbracht hatten, von anderen kritisch beäugt: „All seine Brüder waren in Haft, aber er ist immer noch auf freiem Fuß?“ – Rasch wurde argwöhnt, die Betreffenden seien gar keine „echten“ Oppositionellen sondern Spitzel für das Regime.

So, wie das Regime sich in den eigenen Reihen absicherte, in dem die Wichtigkeit einer Person sich nicht allein aus einem bestimmten Amt ableitete, sondern auch oder sogar mehr aus ihrer Loyalität gegenüber dem Präsidenten, trieb es erfolgreich Keile zwischen seine echten und vermeintlichen Gegner.

Aus diesem historischen Erbe erklärt sich, warum nicht aus dem brutal und absichtlich geschaffenen Nichts plötzlich eine geeinte Opposition hervorgeht – kompatibel mit westlichen Erwartungen, anerkannt im eigenen Land und mit einem klaren Programm.

Hinzu kommen fünf Jahre, in denen europäische Staaten, die USA, die Golfstaaten, die Türkei und einige andere selbst sich keinesfalls einig waren: was sie von der syrischen Opposition wollen, wie viel sie bereit sind, dafür selbst zu leisten und auf welchem Wege.

Einigkeit wäre immer notwendiger gewesen, je weiter der Konflikt fortschritt, denn die Gegner der Opposition mehrten sich: Sowohl ISIS als auch das Regime sahen in der Opposition ihren Hauptfeind, so dass diese zwischen den beiden Fronten aufgerieben wurde, um nur einige zu nennen.

Je grausamer das Regime den Widerstand niederschlug, desto weitere Abgründe klafften jedoch auch zwischen politischen und militärischen Akteuren der Opposition, zwischen Vertretern eines gewaltfreien (und vom Regime besonders unerbittlich verfolgten) Widerstands und bewaffneten Gruppen. So verständlich es ist, dass viele in Sysrien wie im Westen sich gewünscht hätten, dass die friedlich begonnene Revolution auch so bleibt: Wie, angesichts der brutalen Niederschlagung? Für viele derjenigen, die in den letzten Jahren zu Waffen gegriffen haben, war es buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Oder, wie der Zahnarzt und Schriftsteller Assaf Alassaf es in seinem Roman „Abu Jürgen“ seinem fiktiven Ich in den Mund legt: „Von Jesus und Deir ez-Zor (habe ich gelernt), dass ich, wenn ich dem, der mich geschlagen hat, meine linke Wange hinhalte, ihm gleichzei­tig einen Kopfstoß geben muss, von dem er sich nicht wie­der aufrappeln kann, … sonst drischt er einfach unendlich weiter auf mich ein.“

Viele Aktivistinnen wissen um die Schwäche, die aus der Uneinigkeit resultiert, und sehen sich doch nicht in der Lage etwas dagegen zu tun. Das nutzen das Regime und seine Unterstützer weidlich aus. Schon lange fordern sie, dass sich moderate von extremistischen Rebellengruppen nicht nur distanzieren, sondern auch im physischen Sinne Abstand nehmen, was an vielen Orten schlicht nicht machbar ist.

Nachbarorte werden gezielt gegeneinander aufgewiegelt, in dem nach Jahren der Belagerung punktuell an einem mehr Schmuggel toleriert oder doch ein Hilfskonvoi  zugelassen wird – oder in dem mit den derzeitigen ethnischen Säuberungen um Damaskus herum Tausende Kämpfer und Zivilisten nach Idlib gezwungen werden – wo sie nicht unbedingt als Unterstützung sondern auch als zusätzliche Last angesehen werden.

Angesichts der hoffnungslosen Lage hat sich eine Gruppe nun satirisch geäußert und im Stile der Myriaden bewaffneter Gruppen mit bedrohlich schillernden Namen eine weitere ins Leben gerufen: „Die Armee der Zerstrittenheit“. „Spaltet euch!“ fordert sie, „denkt lokal!“ – „Desertiert und gründet neue Formationen, selbst wenn ihr nur ein oder zwei Kämpfer seid!“ – „Wir fordern all unsere Konkurrenten auf, jegliche Einigungsbemühungen einzustellen und gefälligst Hass zu säen, damit wir gemeinsam die vollständige Zerstörung von Ghouta erleben können“, ätzt die Gruppe und droht, alle militärischen Avancen mit Waffengewalt niederzuschlagen. Im Gegenzug bietet sie an, allen neuentstehenden Splittergruppen ein eigenes Statement zu schreiben.

Drei Farben: knallbunt, blutrot, leichenblass

#I_Love_Damascus auf Twitter

#I_Love_Damascus auf Twitter

Ein Beitrag von Alisha Molter und Bente Scheller

„I love Damascus“ – Syrien ist tot, es lebe Damaskus. Glaubt man einem Regime-Werbevideo, gaben sich am Wochenende Tausende junge Menschen in Damaskus in einem offensichtlich eigens dafür entworfenen und verteilten Outfit einem Farbrausch hin, ein großes Fest für die Damaszener, inszeniert vom syrischen Regime.

Die Farben, die in die Menschenmenge gesprüht werden, erinnern an Holi, das hinduistische Fest, mit dem der Sieg des Guten über das Böse gefeiert wird und die Zerstörung der Dämonin Holika – also etwas positiv konootiertes. Von sportlicher Betätigung sind keine Bilder überliefert, und doch scheint die Damaszener Inszenierung an die kommerziellen „Color Runs“ anknüpfen zu wollen, die in den letzten Jahren als Mini-Marathons „zwecks Gesundheit und Glückseligkeit“ vermarktet werden.  „Die syrische Jugend entscheidet sich für das Leben“ frohlockt die christliche Organisation „SOS Chretiens d’Orient“ stolz auf Twitter. Christlichen Werte wie Nächstenliebe und Respekt scheinen in weite Ferne gerückt.

In dem Vido geben sich Jugendliche einem Farbrausch hin, den wir mit einem Leben jenseits von schwarz und weiß assoziieren, einem bunten, vielfältigen Leben fernab der dunklen Realität, mit denen SyrerInnen zu tun haben, die außerhalb der regimekontrollierten Gebiete leben: mit dem Grau des Staubs, der sich nach Fassbomben senkt, den schwarz in den Himmel ragenden Ruinen, wo Brandbomben das Leben ausgelöscht haben und dem Tiefrot des Blutes, mit dem Kinder, Frauen und Männer nach jedem Angriff überströmt sind. Kaum fünf Kilometer entfernt sterben Menschen, Syrerinnen und Syrer, die politische Reformen gefordert haben und damit unweigerlich auf die schwarze Liste des Regimes gelangt sind.

In seiner derzeitigen Version in Syrien wird der Color Run gemischt mit der Liebe zu einer fraglos wunderbaren Stadt und erhält dabei doch einen bitteren Beigeschmack.
Nicht zuletzt, weil „Liebe“ in Syrien seit langem kein rein privater Begriff ist, war doch die Erwartung der Regierung an die Staatsbürger nicht darauf beschränkt, die Verfassung und ihre Institutionen zu respektieren: Schon Hafez al-Assad legte größten Wert darauf, dass die Untertanen ihm persönlich mehr Respekt zollen als dem Staat, der Verfassung und seinen Institutionen. Sein Personenkult manifestierte sich in Plaketten, Reliefs, Wandmalereien – schon am Flughafen wurde allen Besuchern mit Plakaten klargemacht, dass sie hier „Suriya al-Assad“, „Assads Syrien“ betraten.

Zahlreiche Devotionalien mit dem Schriftzug „I love Bashar“ überfluteten nach dem Machtantritt seines Sohns Bashar die Märkte, und nach 2011 waren sie die Referenz für Spötter, die Regimeanhänger despektierlich als „Minhibbakjis“ – „Ich liebe dichs“ bezeichnen. Schon vor einer formellen Teilung ist Syrien gespalten, was sich auch in dem Motto der Veranstaltung manifestiert: „I love Syria“ gibt es hier nicht mehr, nur noch „I love Damaskus“.

Der Krieg ist völig ausgeblendet in der I Love Damascus-Kampagne. Das Massensterben, Elend und Hungern in den umliegenden Gebieten und der Völkermord, der derzeit in Aleppo an den eigenen Landsleuten begangen wird, rücken die Partystimmung der jugendlichen Damaszener Loyalisten in ein makaberes Licht. Anteilnahme oder zu mindestens Taktgefühl für die Situation der anderen Syrer, die einst Teil ihres Syriens waren, gibt es nicht. Das Geräusch von Rotoren, für viele Syrer eine Ankündigung des Tods, der sie mit irregulären Waffen aus dem Himmel heimsucht, ist eingeflochten in die Techno-Hits, die das Video untermalen. „Wenn dass das Damaskus ist, das ihr liebt… dann hasse ich Damaskus“ schreibt @ysyriana, ein Gegner der Aktion, bei Twitter.

Bei Facebook folgen viele dem Aufruf und lassen sich mit einem der „I love Damascus“ T-shirts ablichten. Auch unter Exil-Syrern, jenen die aus Damaskus, aus Gesamtsyrien, vertrieben und verstoßen wurden und vielleicht nie wieder zurückkehren dürfen, ist das Video populär. Ihre Liebe zu Damaskus gilt jedoch selten der Party-Szene, die an diesem Wochenende in der Hauptstadt in den Vordergrund gerückt wird – es ist der Duft des Jasmins, ihre Freunde, Nachbarn und Eltern, die sie mit der Stadt verbinden, und alles was sie sich wünschen, ist noch einmal durch die Straße zu laufen, in der sie aufgewachsen sind.

Und die Menschen aus Aleppo? Ihre Kindheitserinnerungen werden gerade in Schutt und Asche gelegt. Ost-Aleppo wird, laut Schätzungen der UN, Ende 2016 komplett zerstört sein.
Und was kommt dann? Die makabere Trauerfeier des Regimes in Aleppo, kaum, dass die letzte totbringende Bombe auf ein Wohnhaus gefallen ist – ein Leichenschmaus bei dem Regimeanhänger ihre Champagnergläser erheben und T-Shirts tragen, auf denen steht: „We loved Aleppo“.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Nominiert: Syrische Kandidaten für die Goldene Himbeere!

Das syrische Staatsfernsehen gibt auch weniger talentierten Schauspielern eine Chance.

Das syrische Staatsfernsehen gibt auch weniger talentierten Schauspielern eine Chance.

„Sagen Sie, wie viele Unterstützter hat denn Assad eigentlich noch?“ werde ich oft bei Vorträgen gefragt. Die Frage ist meist rhetorisch gemeint und dient den Fragenden, um ihre eigenen Theorien oder Verschwörungstheorien über die Entwicklungen in Syrien zum Besten zu geben. Oft hängen sie dem vorrevolutionären Syrien nach, allerdings einer romantisierten Version, bei der sie – aus Unkenntnis, Ignoranz oder bewusst – ausblenden, dass es auch damals schon ein Unrechtsstaat war, in dem willkürliche Verhaftungen, Folter, Unterdrückung und Diskriminierung an der Tagesordnung waren.

Die schlimmste Begegnung war die mit einer selbsterklärten Pazifistin in Berlin, die darauf beharrte, Assad sei doch gar nicht so schlecht. Sie stellte die Zehntausenden Foltertoten der letzten Jahre, im heute veröffentlichten Bericht von Amnesty International auf 18.000 geschätzt, nicht in Frage, sondern sah sich durch diese bestätigt: Irgendjemand „müsse das ja schließlich machen“, viele Opfer hieße auch viele Folterknechte, ergo: so unpopulär sei das Regime gar nicht.

Was soll ich sagen? „Auch, wenn es in Deutschland sogar bis heute Neonazis gibt, bin ich froh, dass das Hitler-Regime 1945 gestürzt wurde“? Oder: „Unter den Kriegsgewinnlern sind seine Anhänger sogar immer zahlreicher geworden“? Jeder Despot hat eine Gefolgschaft. Es gibt auch diejenigen, die keine glühenden Anhänger sind, aber keinen anderen Ausweg sehen, weil sie vor den Rebellen oder Daesh mehr Angst haben; es gibt die, denen jahrelang eingeredet worden ist „die anderen“ seien lediglich darauf aus, sie zu töten. Aber das kann kein Argument sein, dem Massenmord und der Vertreibung von Millionen zuzusehen, oder schlimmer noch: diese zu verteidigen. Angesichts der beleidigten und beleidigenden Ausdrücke, die in dieser Diskussion auftauchen, habe ich manchmal den Eindruck, Assad habe unter den Linken und den Rechten in Europa vielleicht sogar mehr Anhänger als im eigenen Lande.

Da es selbst wenn man nur den offiziellen Verlautbarungen des Regimes folgt, schwierig geworden ist, etwas Positives an seinem Vorgehen zu finden, waren im Zuge der Belagerung Ost-Aleppos die „Fluchtkorridore“ ein großes Thema. Das Regime und seine Verbündeten behaupteten, mittels dieser Zivilisten und Rebellen freies Geleit aus der belagerten Stadthälfte zu gewähren. Tatsächlich erhielten die Bewohner an keiner Stelle die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. Die Korridore und mithin die Flüchtenden gab es lediglich im syrischen und russischen Fernsehen.

Unkritisch übernahmen deutsche Fernsehsendern die Bilder und verbreiteten den Mythos der Fluchtmöglichkeiten, während Nutzer sozialer Medien bei der fadenscheinigen Inszenierung längst genauer hingesehen hatten: Ein Mann, der in einem russischen Video lediglich herumsteht und ganz offensichtlich weder Flüchtling noch Aufständischer ist, tritt im syrischen Fernsehen als „Rebell“ auf, der sich unterwürfigst ergibt und sich freut, dass er nicht nur seine Waffen niederlegen und „in den Schoß der syrischen Nation“ zurückkehren dürfe, sondern auch gleich Teil der Armee werden.

Den würde ich als ganz heißen Kandidaten für die Goldene Himbeere nominieren. Gleich danach vielleicht die „Gefangenen“, die in einem Video mitspielen, das das Regime im Mai 2016 veröffentlichte, als es die Kontrolle über das Gefängnis in Hama  nach einem Gefangenenaufstand wiedererlangt hatte. Während angebliche Gefängnisinsassen, so wohlgenährt und sauber, wie man sie von anderen Bildern aus syrischen Haftanstalten nicht kennt, im Hof Assad lobpreisen, hört man im Hintergrund die echten Gefangenen „Freiheit, Freiheit, Bashar raus“ skandieren, so laut, dass der Moderator die Bande im Hof noch mal auffordert, lauter zu brüllen, um die Sprechchöre der echten Gefangenen zu übertönen. Auf den dritten Platz könnte es vielleicht „Syriens empörtester Passant“ schaffen, der „zufällig“ immer wieder Zeuge von Anschlägen wurde und auch in verschiedenen anderen Rollen, mal in Uniform, mal in zivil auftauchte.

Wenn mich das nächste Mal jemand fragt, wie viele Anhänger Assad noch hat, werde ich einfach auf das Video verweisen: offensichtlich nicht mal genug, um zwei kurze Fernsehclips mit unterschiedlichen Statisten zu besetzen.

Verschwörung wittern, feiern, spotten – Brexit in der Levante

Facebook-Meme "Lebxit"

Facebook-Meme „Lebxit“

ISIS feiert, Muqtada Sadr wittert eine amerikanisch-israelische Verschwörung und der Libanon reißt Witze: Das britische Referendum für einen Austritt aus der EU ist kaum ein (ernstes) Thema unter arabischen Kommentatoren der Levante. Die Europäische Union, komplex wie sie ist, ist schon den eigenen BürgerInnen stets ein wenig abstrakt geblieben. So ist es kein Wunder, wenn sie in der Nachbarschaft auch eher mit einer Mischung aus Staunen und Unverständnis wahrgenommen wird, und dementsprechend auch ein so folgenreicher Schritt wie die Abkehr eines wichtigen Mitgliedsstaates nicht als das politische Erdbeben erfasst wird, das es in Europa selbst ausgelöst hat.

Zudem verblassen angesichts des Kriegs in Syrien und Irak und der akuten Bedrohung, die davon für die Region ausgeht, politische Fragen, die an anderen Orten der Welt gerade relevant sein mögen.

Den meisten libanesischen Medien ist das Thema keinen eigenen Kommentar wert. Sie haben im Wesentlichen Agenturmeldungen übernommen. Die Daily Star-Autorin Dana Halawi befasst sich mit den Auswirkungen des Brexit auf den Libanon. Kurzfristig vorteilhaft, aber langfristig negativ lautet ihre Einschätzung. Das libanesische Pfund ist an den Dollar gebunden. Wenn der Brexit also den Euro schwäche, würden die Importe aus Europa – rund 30% der libanesischen Importe – günstiger. Langfristig jedoch würden all die libanesischen Investoren in Großbritannien am Wertverfall ihrer Objekte leiden, schließt Halawi aus ihren Gesprächen mit einer Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern.

Rubina Abu Zeinab-Chahine, Geschäftsführerein der Hariri-Stiftung für nachhaltige menschliche Entwicklung, beschreibt den Austritt als tragisch, legt die Vorteile und die Schwächen der EU über ihre Geschichte hin da und wendet sich dann den europäischen Mittelmeer-Partnerschaften zu: „Die Europäische Mittelmeer-Partnerschaft, vor 21 Jahren aus der Taufe gehoben, war der erste Ansatz der EU zu einer umfassenden gemeinsamen Politik für den nahen Osten, die die Grundlage für neue regionale Beziehungen werden sollte, und darauf ausgerichtet war, Frieden zu stiften, Sicherheit, nachhaltige Entwicklung und besondere Beziehungen zwischen der EU und dem Libanon zu etablieren. In einem so komplizierten Kontext voller Herausforderungen wie heute: Was bedeutet es für den Mittelmeerraum und den Libanon, wenn sich ihre Nachbarschaft ändert?“ Leider erörtert sie diese Frage nicht weiter.

Weniger akademisch und mehr verschwörungstheoretisch geht der hochrangige irakische schiitische Geistliche Muqtada al-Sadr das Thema an. Er warnt vor einer fragmentierten EU als Folge des Brexit und beschuldigte die USA und Israel, dahinter zu stecken. Ihm zufolge stellte die „mächtige EU“ eine Bedrohung der Vormachtstellung der USA „und ihres Stiefsohns Israel“ dar. Der Brexit sei ein erster Schritt, mit denen diese die EU zu schwächen versuchten.

Dass das britische Referendum die EU schwächt, veranlasst auch ISIS, sich die Hände zu reiben. Die Terrororganisation forderte ihre Anhänger zu Anschlägen in Europa auf, um es vollends lahmzulegen.

Gänzlich unernst verläuft die Debatte auf Libanons sozialen Medien. Schon gleich nach dem Referendum machte ein Plakat die Runde, auf dem stand, „Können wir, als Libanesen, dafür stimmen, den Nahen Osten zu verlassen?“ Manche LibanesInnen sehen sich eher Europa als dem Nahen Osten zugehörig. Insbesondere in einigen christlichen Kreisen betrachtet man Europa augenscheinlich als eine Art erweitertes Wohnzimmer des Libanons. Hatte ich erwartet, dass die meisten Libanesen die Resettlement-Politik Europas wenn dann als unzureichend kritisieren, bekam ich von Angehörigen der libanesischen Rechten neulich gesagt, Deutschland sollte doch auf sie hören und bloß keine Syrer mehr reinlassen. Sie fühlten sich als Teil des „christlichen Abendlandes“, das sie durch die Zuwanderung von, wie sie sagten „Arabern“, gefährdet sahen, sicherlich die Sicht einer kleinen Gruppe, aber dennoch präsent.

Doch es ist ein weitverbreitetes Gefühl, dass der Libanon durch seine als unwirtlich bis feinselig empfundene Nachbarschaft daran gehindert wird, sein volles Potential zu entfalten. Dass wiederum veranlasste einen Aktivisten der libanesischen Zivilgesellschaft zu einem öffentlichen Aufstöhnen auf Facebook:  “Können alle bitte aufhören, den “Kann Libanon darüber abstimmen, ob es aus dem Nahen Osten austreten will“-Witz weiterzuverbreiten?“ schrieb Georges Azzi, Direktor der Arab Foundation for Equality, „Erstens gibt es keine Institution namens „Naher Osten“, weder politisch noch wirtschaftlich noch als irgendeine Art von Abkommen. Es gibt keinen „Austritt“. Zweitens, wenn das Ziel ist, physisch aus dem Nahen Osten herauszukommen, könnt ihr anfangen zu graben. Aber wann immer ihr fertig wäret:  Nabhi Berri [Parlamentspräsident seit 1992] wäre noch immer Parlamentspräsident, Michel Aoun und sein Günstling Bassil würden noch immer alles daran setzen, das Präsidentenamt an sich zu reißen, und [der Geschäftsmann] Hariri würde an der damit neu entstandenen Küste in der Bekaa-Ebene Lizenzen an private Firmen verkaufen, damit diese dort neue schicke Strandressorts bauen können. Drittens werden sich die einzelnen Konfessionen des Libanons spinnefeind sein, wo auch immer in der Welt sie sich befinden. Viertens hat Korruption nichts mit unseren Nachbarländern  zu tun. Also hört auf, andere für eure Probleme verantwortlich zu machen.“

Gesucht: Hafez al-Assad

YouTube Preview ImageRegelmäßig werden in Deutschland Artikel über Namen veröffentlicht, die Standesämter nicht zulassen. Ob „Pepsi“ oder „Pumuckl“ – der Staat möchte die Kinder vor Spott und Verunglimpfung schützen, die die Namenswahl ihrer Eltern eventuell mit sich bringen würde. In anderen Ländern sind der Namensgebung weniger Grenzen gesetzt, dabei kann es natürlich auch eine schwere Bürde sein, nach prominenten Figuren benannt zu werden.

Vor einigen Wochen hat die syrische oppositionelle Webseite Zaman al-Wasl einen Artikel über Syrer veröffentlicht, die nach dem ehemaligen Präsidenten Hafez al-Assad oder seinem eigentlich fürs Präsidentenamt vorgesehenen Sohn Bassel, benannt sind, der 1994 bei einem Autounfall ums Leben kam. Fast alle Hafez‘ und Basels, um die es hier geht, kommen aus dem syrischen Nordosten,  kein einziger aus Assads Heimatregion an der Küste. Was sie jenseits der pikanten Benennung verbindet: Sie sind alle zur Fahndung ausgeschrieben, zwölf „Hafez al-Assads“ und sieben „Bassel al-Assads“. Einer, weil er desertiert sei, einer, weil er den Militärdienst verweigert habe – über die anderen ist nicht bekannt, weswegen sie gesucht werden.

Während es schon unangenehm sein mag, einen solch eindeutig besetzten Namen zu tragen, wie mag es wohl sein, einen Fahndungsbefehl mit Namen auszustellen, die niemand in den Dreck ziehen darf? Ein „Bashar al-Assad“ taucht auf den Listen nicht auf, vielleicht, weil er nie populär genug war, dass Leute ihre Kinder nach ihm benennen wollten –  oder, weil niemand sich traut, auch nur einen Namnesvetter zur Fahndung auszuschreiben.

Hafez – Bassel – Bashar, die heilige Dreifaltigkeit der syrischen Plakatwände. Damit Bashar neben dem zum weisen Staatsmann stilisierten Hafez und dem als bärtigem Muskelprotz dargestellten Bassel nicht zu lächerlich aussah, hüllte der Ikonenmaler oft alle drei in unkleidsamen Flecktarn und versuchte, Bashar mittels einer aufgepinselten verspiegelten Sonnenbrille Autorität zu verleihen.

Allgegenwärtig waren in Syrien Assad-Statuen, Assad-Plaketten, Assad-Poster – letztere gern mit den immer gleichen Leitsprüchen versehen, damit man nicht vergessen konnte, wie das Regime sein Land sah: als Besitz. „Willkommen in Assads Syrien“ sprang es einem schon am Flughafen entgegen. Den Personenkult und die inszenierten Huldigungen karikierte die syrische Organisation Bidayyat in dem Video: „Ich liebe den Tod.“ Die schauspielerischen Leistungen der Satiriker stehen denen der syrischen Parlamentarier bei der offiziellen Bekanntgabe des Todes von Hafez al-Assad im Jahr 2000 in nichts nach. 

„Ja – bis in alle Ewigkeit“ lautete ein gängiger Slogan, das „a“ im „Ja“ zum Herz geformt. Irgendwann reichte auch das nicht mehr. Wie der libanesische Intellektuelle Elias Khoury festhält: „Aber die despotische Fantasie von Präsident Assad Senior übertraf die aller seiner Vorgänger: Irgendwann las man auf den Jubeltransparenten nicht mehr nur ‚Assad auf ewig‘, sondern er wurde mit ‚Präsidenten auf ewig und die Zeit danach‘ tituliert. Was nach der Ewigkeit kommt, hatte ich mir nie vorstellen können. Erst seitdem ich sehe, wie Baschar al-Assad die Ewigkeit seines Vaters praktiziert, indem er Syrien niederbrennen und zerstören lässt, und indem er sich jetzt, im Anschluss an die Ewigkeit, erneut zur Wahl gestellt hat, um nun weiter über die Ruinen zu regieren, verstehe ich, was damit gemeint gewesen sein könnte. ‚Assad oder wir brennen das Land nieder‘.“

Daneben nimmt es sich geradezu schlicht aus, dass eine syrische Familie ihrem Sohn den Slogan  „Ja zu Hafez al-Assad“ als Namen gegeben hat.

Lacht kaputt, was euch kaputt macht

Screen shot 2016-05-13 at 21.28.05Es scheint, als hätte Putin jetzt auch Harry Potter gelesen und analog zu der dort im 4. Stock des Zauberei-Ministeriums beheimateten „Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe“ in der russischen Botschaft in London eine „Abteilung zur Instrumentalisierung fiktiver Apparaturen und Kreaturen“ geschaffen. Fantasievoll bebildert die Botschaft ihre Tweets zu echten oder behaupteten politischen Ereignissen mit Bildern aus Zombie-Filmen und Videospielen. Am 12. Mai dekorierte die Londoner Vertretung Moskaus ihren Tweet über angebliche Lieferungen von Chemiewaffen an Rebellen nahe Aleppo mit einem Bild, das drei LKWs aus dem Videospiel: „Command and Conquer“, zeigt.

Dass ist besonders hübsch, weil das russische Außenministerium zu anderen Gelegenheiten behauptete, Satellitenbilder von seinen Aktivitäten in der Ukraine seien einem Videospiel entnommen.

Für Scharen von Twitterern war das ein gefundenes Fressen. „Und hier die Extremisten!“ schrieb einer von ihnen und fügte das Bild einer fusselbärtigen Legomännchen-Armee mit einem Lego-Huhn an. „Oh je, wen haben sie nur gefunden, um mutig genug zu sein, diese Bilder hinter den Frontlinien aufzunehmen?“ fragt ein anderer, der eine Bild aus einem Commodore-64-verdächtigen Computerspiel postet, auf dem eckigen Gestalten Pfeile auf ihre Gegner abschießen

Screen shot 2016-05-13 at 21.16.34Selbst Twittererin „Partisangirl“, die sonst weder Zeit noch Mühe scheut, absurde Verschwörungstheorien des Regimes ein paar Windungen weiterzudrehen, fiel dazu nur die lahme Bemerkung ein, auf dem Bild stehe, dass es lediglich „zur Bebilderung“ diene, auf Gutdeutsch also einer Art Serviervorschlag gleichkomme.

Als ob es nicht genügend Bilder aus Syrien und dem Irak gäbe verbreiten sich fiktive Bilder zur Illustration des Unfassbaren oft wie ein Lauffeuer, im Gutgemeinten wie im Schlechten. Die iranische Künstlerin Bharesh Bisheh reagierte erstaunt darauf, dass sich ihr Foto von einem Mädchen, das sich auf dem Asphalt innerhalb mit Kreide gezeichneten Frauenfigur zusammengerollt hat, plötzlich selbständig machte. Die Legende, die dem Bild zum Erfolg verhalf: „Herzzerreißendes Foto einer irakischen Künstlerin aus einem Waisenhaus. Das Mädchen hat seine Mutter nie gesehen, daher hat es eine Mutter gemalt und sich zum Schlafen bei ihr eingekuschelt.“ Das Bild ging um die Welt, auch wenn die Zeichnung offensichtlich nicht von einem Kind stammt und die ganze Szene nicht recht schlüssig erscheint. Bharesh Bisheh schrieb daraufhin einen Hinweis auf Flickr: „Dieses Mädchen ist meine Cousine, die auf dem Asphalt vor meinem Haus eingeschlafen war. Sie muss ein Weilchen gespielt haben und sich dann hingelegt haben und eingeschlafen sein. Ich habe mich auf einen Stuhl gestellt, um dieses Bild zu machen. Das hat nichts mit einem Waisenhaus zu tun, und es steht keine tragische Geschichte dahinter. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, um kreativ zu arbeiten. Es ist ein Fotografie-Stil. Ihr könnt mein Bild benutzen, wenn ihr auf mich als Fotografin verweist. Danke für euer Verständnis.“

Ähnlich erging es Abdel Aziz al-Atibi, der künstlerisch seinen kleinen Neffen in eine rote Decke gehüllt zwischen zwei Steinhaufen liegend fotografierte – ein Bild, das mit der Überschrift „Syrischer Junge liegt zwischen den Gräbern seiner Eltern“ bekannt wurde. Atibi bemühte sich um eine Richtigstellung, stellte weitere, diesmal fröhliche Bilder des kleinen Jungen ins Netz.

Weniger harmlos sind Bilder aus Spiel- oder Horrorfilmen, die als Bilder realer Barbareien präsentiert werden. CNN verbreitete ein Bild, das als „Steinigung eines Mädchens in Syrien durch ISIS, weil es auf Facebook war“ verkauft wurde – zwar mit der Einschränkung „angeblich“, was der Verbreitung aber keinen Abbruch tat. Das Bild entstammt einem dem  amerikanischen Film „Die Steinigung der Soraya M.“, der im Iran spielen soll. Auch „Frauen in Käfigen auf einem Pick-Up „, die laut Beschreibung auf dem Weg zu einem „Sklaven-Markt von ISIS“ seien, bekam gehörigen Auftrieb. Das Original: eine Performance von einer ägyptischen Demonstration. Ebenso werden online gerne Bilder von schwarz verhüllten Frauen, die aneinandergekettet sind, als Illustrationen der sexuellen Sklaverei von ISIS geteilt – Bilder, die den schiitischen Ashura-Prozessionen entstammen, bei denen sich die Betreffenden im Gedenken an das Martyrium Husseins als seine vor 1300 Jahren in Ketten gelegten Schwestern inszenieren. Nicht zu vergessen auch das Bild einer „Christin die von ISIS mit einem Pfahl“ im Bett getötet worden sei – in Wirklichkeit entnommen einem westlichen Horrorfilm.

Ich habe in den letzten Jahren Hunderte von Aufnahmen der Grausamkeiten in Syrien angeschaut, profesionell gefilmtes oder mit verwackelten Handykameras dokumentiertes Foltern und Morden. Ob ISIS‘ Schergen oder die des Regimes: Sie dokumentieren sich gerne bei ihren unvorstellbaren Taten. Die einen, um einzuschüchtern, die anderen, weil sie sich in Sicherheit vor der Strafverfolgung wähnen. Dritte, wie der unter dem Pseudonym Cesar bekannt gewordene Fotograf, waren angestellt vom syrischen Regime, um als Buchhalter des Grauens zu dokumentierten, dass die Geheimdienste ihr tägliches Soll todbringender Taten erfüllen. Diese Dokumente der absoluten Abgründe der Menschlichkeit sind Mahnmale der Schande für die Täter und all diejenigen, die sie haben gewähren lassen.

Umso wichtiger, den lächerlichen Manipulationen  der russischen Botschaft in London gewitzt zu begegnen, um ihr albernes, aber gefährliches Spiel mit den Bildern offenzulegen. Statt auf die täglichen Kriegsverbrechen hinzuweisen, befördert dies den Konflikt und die bequeme westliche Wahrnehmung, man „könne es nicht so genau wissen.“ Angesichts dessen, dass jetzt schon Videospielaufnahmen bemüht werden, fehlt nur noch, dass alsbald die Personalausweise von Harry Potters schaurigem Gegenspieler Lord Voldemort oder dem Inbegriff des Grauens aus „Herr der Ringe“, Sauron, als „Ausweispapiere getöteter syrischer Rebellen“ präsentiert werden.

Above Zero – Spiel um die Macht

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Der Bär frisst den Wolf, der Wolf frisst die Hyäne, die Hyäne frisst den Hund, der Hund frisst die Katze, die Katze frisst die Maus“.

Erschrockene Menschen kauern unter einem Bettgestell aus Metall. Sie pfeifen, schauen zum Himmel, verfolgen einen Punkt mit ihren Augen und zittern dann. Ein Luftangriff womöglich. Ihre Körper rollen über den Boden, übereinander, gegeneinander. Ein Mann scheint die Kontrolle über sich verloren zu haben. Seine Beine bewegen sich wild in alle Richtungen, und jede Anstrengung sie zu lenken, scheitert. Dann beginnt er, sich am ganzen Körper zu kratzen, lacht plötzlich laut auf und bricht in Tränen aus.

Die Bühne, sie ist ein Gefängnis, eine Folterkammer, deren Opfer langsam durchdrehen.

Ein Mann in Basketballklamotten betritt die Bühne. Er dribbelt seinen Ball auf den Verrückten zu. Bei jedem Aufprall geht ein Zucken durch den leblosen Körper am Boden. Als der Ball dem Spieler entgleitet, nimmt er kurzerhand den Kopf des Gefangenen als Ball. Den Körper zwischen die Beine geklemmt, dribbelt er den Kopf von rechts nach links, von links nach rechts. Der Ball wird zum Machtobjekt und wer ihn hat, hat das Kommando. „Wenn er geschlagen wurde, fiel er, und stand wieder auf“, wiederholt die Gruppe unter dem Bett immer wieder. Gewalt produziert Angst, und Angst produziert Gewalt. Und die Insassen, voller Angst, hängen den Körper ihres Kammeradens auf und lassen ihn schwingen. Nun sind sie es, die die Macht haben. Rhythmisch prallen ihre Basketbälle auf den Boden der Bühne.“Er starb, er starb, er starb“, rufen sie im Takt.

Der Theaterregisseur Ossama Halal ist ein Talent. Er hat Dramaturgie in Damaskus studiert und die Koon Theatre Group ins Leben gerufen, ein Kollektiv an Tänzern und Musikern, die gemeinsam Tanztheater auf hohem Niveau machen. Nach seiner Erfolgsperformance Cellophane von 2012, war sie im vergangenen Jahr mit Above Zero bei dem Festival für Performancekunst aus der MENA Region Dancing on the edge in den Niederlanden zu Gast. Im Rahmen des Festivals Focus Syria, das von der Kultureinrichtung Ettijahat organisiert wird, hat sie nun erneut ihre Performance im Shams-Theater in Beirut gezeigt.

„Wer ist im Exil und wer wurde exiliert? Wer vergisst und wer wurde vergessen?“ Eines der Bettgestelle wird aufrecht aufgestellt. Es wird kurzerhand zu der Gefängnistür, vor der eine Frau wimmert. Leise erklingen Klaviermelodien, mit dumpfem Bass. Eine Stimme fragt: “Habt ihr heute Strom? Wartest du noch immer? Oder siehst du jemand anderen …?“ Die Fragen erinnern an Briefe der Insassen, an ihre Gedanken an Zuhause. Von der anderen Seite kleben zwei Tänzer Papierzettel mit Namen an die Stangen der Tür. Auf einem steht „Syrisches Pfund“- die Währung Syriens. Es erinnert an die Todesanzeigen, die in der Region üblicherweise an Wände und Häuser geklebt werden.

Außerhalb der Halle, vor der Aufführung von Above Zero, treffen ganz unterschiedliche Besucher aufeinander. „Siehst du den Mann da vorne? In dem gelben T-Shirt? Und die Frau daneben?“ fragt mich mein Freund. – „Ja, was ist mit denen?“

„Die sind Schauspieler und man sieht sie in allen syrischen Serien“. Er beugt sich zu mir runter und flüstert verschwörerisch: “Die sind super pro-Regime. Und der Typ, der da sitzt ist Regisseur – auch pro- Assad.“

Es mag paradox erscheinen, Regimegegner und Regimebefürworter bei einem Stück wie Above Zero anzutreffen – doch letztendlich vereint sie etwas so Groteskes, wie es auch das Ende des Stückes selbst auf den Punkt bringt: „Dieser Krieg ist unser Blut, in Angebot und Nachfrage.“

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Kino im Krieg

Syrisches Handy-Film-Festival in Bosra

Syrisches Handy-Film-Festival in Bosra

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Die Nacht bricht ein in Bosra al-Sham, einer Handelsmetropole der Antike im Süden Syriens. Ein großes weißes Stofftuch hängt etwas schief vor den Säulen in der Mitte des römischen Theaters. Langsam füllen sich einige der Ränge des Open-air-Theaters, das mit seinen 15.000 Plätzen zu einem der größten der Welt zählt. Seit knapp zweitausend Jahren finden in dem UNESCO Weltkulturerbe Veranstaltungen statt, und doch ist das diesjährige Syria Mobile Filmfestival in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Denn hier in Bosra mischen sich Fiktion und Dokumentation, Geschichte und Gegenwart auf drastische Weise. Um dieses flattrige Leinwand herum, irgendwo hinter den Mauern der Stadt, die 2015 von der Freien Syrischen Armee eingenommen wurde und in der oppositionellen Region Dara’a im Süden des Landes liegt, tobt weiterhin der syrische Bürgerkrieg.

Die elf Kurzfilme auf der Leinwand in Bosra, die im Rahmen des Syria Mobile Phone Festivals auch vom 8. bis 9. April im Box Freiraum auch in Berlin vorgestellt wurden, zeigen Kämpfer und einfache Leute, sie erzählen Geschichten aus den vergangenen fünf Jahren, sind poetisch und real, fiktiv oder dokumentarisch. Die Bilder verbindet, dass sie alle ausschließlich mit Handys gefilmt wurden – dem Medium schlechthin des arabischen Frühlings.

Das Festival, das erstmals 2014 in über 20 syrischen Städten stattgefunden hat, will in Berlin auch als Plattform für Filmschaffende und Amateure dienen und sie dazu anregen, kreative Low-Budget-Filme mit dem Handy zu drehen. Das Logo zeigt den für Filmfestivals üblichen Lorbeerkranz, darin: ein Handy. In dem Theater in Bosra fanden noch vor wenigen Tagen große Demonstrationen gegen Machthaber Bashar Assad statt. Jetzt haben die Bewohner das römisch-byzantinische Theater in ein Kino verwandelt. Wie auch in Kafranbel in Idlib bietet das Festival den Bewohnern darüber hinaus Gelegenheit zu einer Verschnaufpause und erlaubt ihnen zusammen zu kommen. Doch es ist auch riskant: jede Menschenansammlung ist ein mögliches Angriffsziel der syrischen Luftwaffe, insbesondere, seit die Waffenruhe immer weniger respektiert wird.

In der deutschen Hauptstadt ist das Festival für diese Saison bereits vorbei. Doch in den Städten Gaziantep und Şanlıurfa, in der südlichen Türkei sowie in Idlib, Aleppo und Ghouta in Syrien laufen die Filmvorführungen weiter – und in letzteren der Krieg leider auch.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.