Archiv der Kategorie: Syrien

Kino im Krieg

Syrisches Handy-Film-Festival in Bosra

Syrisches Handy-Film-Festival in Bosra

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Die Nacht bricht ein in Bosra al-Sham, einer Handelsmetropole der Antike im Süden Syriens. Ein großes weißes Stofftuch hängt etwas schief vor den Säulen in der Mitte des römischen Theaters. Langsam füllen sich einige der Ränge des Open-air-Theaters, das mit seinen 15.000 Plätzen zu einem der größten der Welt zählt. Seit knapp zweitausend Jahren finden in dem UNESCO Weltkulturerbe Veranstaltungen statt, und doch ist das diesjährige Syria Mobile Filmfestival in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Denn hier in Bosra mischen sich Fiktion und Dokumentation, Geschichte und Gegenwart auf drastische Weise. Um dieses flattrige Leinwand herum, irgendwo hinter den Mauern der Stadt, die 2015 von der Freien Syrischen Armee eingenommen wurde und in der oppositionellen Region Dara’a im Süden des Landes liegt, tobt weiterhin der syrische Bürgerkrieg.

Die elf Kurzfilme auf der Leinwand in Bosra, die im Rahmen des Syria Mobile Phone Festivals auch vom 8. bis 9. April im Box Freiraum auch in Berlin vorgestellt wurden, zeigen Kämpfer und einfache Leute, sie erzählen Geschichten aus den vergangenen fünf Jahren, sind poetisch und real, fiktiv oder dokumentarisch. Die Bilder verbindet, dass sie alle ausschließlich mit Handys gefilmt wurden – dem Medium schlechthin des arabischen Frühlings.

Das Festival, das erstmals 2014 in über 20 syrischen Städten stattgefunden hat, will in Berlin auch als Plattform für Filmschaffende und Amateure dienen und sie dazu anregen, kreative Low-Budget-Filme mit dem Handy zu drehen. Das Logo zeigt den für Filmfestivals üblichen Lorbeerkranz, darin: ein Handy. In dem Theater in Bosra fanden noch vor wenigen Tagen große Demonstrationen gegen Machthaber Bashar Assad statt. Jetzt haben die Bewohner das römisch-byzantinische Theater in ein Kino verwandelt. Wie auch in Kafranbel in Idlib bietet das Festival den Bewohnern darüber hinaus Gelegenheit zu einer Verschnaufpause und erlaubt ihnen zusammen zu kommen. Doch es ist auch riskant: jede Menschenansammlung ist ein mögliches Angriffsziel der syrischen Luftwaffe, insbesondere, seit die Waffenruhe immer weniger respektiert wird.

In der deutschen Hauptstadt ist das Festival für diese Saison bereits vorbei. Doch in den Städten Gaziantep und Şanlıurfa, in der südlichen Türkei sowie in Idlib, Aleppo und Ghouta in Syrien laufen die Filmvorführungen weiter – und in letzteren der Krieg leider auch.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Geschichten aus 1800 und einem Tag

1800 Colorful Centimenters

1800 Colorful Centimenters

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Im Krieg verändert sich alles. Fünf Jahre, 1800 Tage lang, herrscht in Syrien nun der Bürgerkrieg. In diesen 1800 Tagen hat Syrien viel Farbe verloren, es ist verbleicht, ausgeblasst. Die syrischen Künstler Johnny Semaan und Kaed Haidar verleihen diesen Tagen nun wieder Farbe. Denn in dieser Zeit wurde in Syrien auch weitergelebt. Mit Acrylfarbe, Öl, Tusche und Pastell rekolorieren sie die schönen, kleinen Dinge im Leben der Menschen in Syrien und erzählen Geschichten von zwischenmenschlichen Beziehungen, tanzenden Derwishen, Fischermännern und Träumern.

1800 hochkantDiese Idee gefiel auch der Galeristin Nelsy Massoud, die sofort Feuer und Flamme für das Projekt der beiden Künstler war und kurzerhand ihre Galerie in Beirut zur Verfügung stellte. Bei einem Besuch der Ausstellung „Colorful centimeters- 1800 days“, die am fünften Jahrestag der syrischen Aufstände eröffnet wurde, trifft man mit etwas Glück den jungen Künstler Johnny Semaan an, der an der Kunsthochschule in Damaskus  sein künstlerisches Talent entwickeln konnte. Bei einem Kaffee im wunderschönen Garten der Galerie erzählt er dann von seiner Arbeit und seiner Freundschaft zu Kaed, mit dem er in seiner Geburtsstadt Latakia zusammen Kunst unterrichtet hat. Während Kaed weiterhin in Latakia lebt und arbeitet, wohnt der 30-Jährige Johnny mittlerweile in Beirut und träumt von weiteren Ausstellungen, auch in Deutschland.

Die 1800 intensiven, nachdenklichen, verwirrenden, mal witzigen und mal traurigen Skizzen und Zeichnungen sind noch bis zum 10. April in der Galerie 392Rmeil393 in Gemayzeh in Beirut zu bewundern.

1800 Colorful Centimenters

1800 Colorful Centimenters

Doch man sollte sich ranhalten, denn es gehört zur Ästhetik der Ausstellung, dass die kleinen, rund 10 x 15cm großen Bilder ihren Platz oder gar ihren Besitzer wechseln, von den Wänden verschwinden, um in privaten Zimmern wieder aufzutauchen. Um diese Form der Lebendigkeit der Ausstellung zu garantieren, sind die Bilder erschwinglich und man findet somit das ein oder andere Kunstwerk zum Mitnehmen.

Doch auch die, die es lieber groß mögen, kommen bei Johnny Semaan nicht zu kurz. Die Galeristin Nelsy Massoud ist so begeistert, dass sie gleich eine weitere Ausstellung mit dem Künstler im August geplant hat. Dann zeigt Johnny einige seiner großformatigen, Drei-Meter-Kunstwerke. Und wer weiß, vielleicht geht Johnnys Traum schon bald in Erfüllung, und wir werden sein Talent irgendwo in einer Galerie in Berlin bestaunen können.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Staatsapparat an Rasierapparat, jemand zu Hause?

Mit freundlicher Genehmigung von Hassan Hassan

Mit freundlicher Genehmigung von Hassan Hassan

Vor den Hipstern war der Bart in Deutschland bekannt als Merkmal zu oft gerissener Witze.

Nun hat der syrische UN-Vertreter in Genf, Bashar al-Jaafari, einen neuen Bart-Witz in die Welt gesetzt. Mit einem Seitenhieb auf die kontroverse Oppositionsgruppe Jaish al-Islam sagt er: „Wir werden uns nicht in direkte Gespräche mit diesen Terroristen begeben, also wird es keine direkten Gespräche geben, bevor diese Terroristen sich entschuldigen und auch ihre Bärte abrasieren.“

Schaut man sich die Bilder der verschiedenen bewaffneten Akteure in Syrien an, ist das verwirrend, denn Gesichtsbehaarung ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal echter und Möchtegern-Islamisten auf Oppositionsseite. Die Shabiha, Assads irreguläre Milizen, zeichnen sich nicht nur durch von Anabolika ins Lächerliche torpedierte Muskeln aus, sondern plustern gerne ihre Bärte, und bei einem der Hauptverbündeten des syrischen Regimes, Iran, besteht die gesamte Führungsrige aus außerordentlich bärtigen Männern.

Seit es den sogenannten „Islamischen Staat“ gibt, nennt die libanesische Tageszeitung Daily Star Iran nicht mehr nur „Iran“ sondern spricht stets  analog von der „Islamischen Republik.“ Im Internet wird gerne eine Auflistung geteilt, inwieweit Saudi Arabien und ISIS sich ähnlich seien, aber man könnte dem genauso gut Iran hinzufügen. Man müsste sehr genau hingucken, um zwischen den durch den regionalen Konflikt eng miteinander verzahnten Dreien positive Unterschiede zu erkennen. Gerade, was die Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten im Nahen Osten und die Missachtung der Menscnenrechte betrifft, nehmen sie sich nicht viel – und darin, dass nicht wenige ihrer Vertreter mehr Wert auf Symbole wie eben den Bart denn auf moralisch einwandfreies Verhalten legen.

Dass Bashar Jaafari also ausgerechnet den Bart als zentrales Hindernis der Verhandlungen ausmachen will, ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eine haarige Angelegenheit. „Auf den Punkt gebracht: So ist das syrische Regime,“ schreibt der syrische ISIS-Experte Hassan Hassan auf Facebook.

„Tu es nicht“ – Kinderehen im Libanon

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Ein Mann gesetzten Alters steht an der belebten Uferpromenade in Beirut, neben ihm ganz in weiß und mit Brautstrauß seine Angetraute. Die beiden sind beim Fotoshooting ihrer Hochzeit. Eine ganz normale Szene, die sich hier im Sonnenschein und unter Palmen abspielt – wäre da nicht das Alter der Braut, die noch ein Kind ist. Die libanesischen Gesetze erlauben es. 12 ist das Mindesalter für eine Eheschließung.

Kinder, die verheiratet werden sind ein trauriges Thema, das mit der Flüchtlingskrise erst Aufmerksamkeit erhalten hat. Über eine Million syrischer Flüchtlinge befinden sich im Libanon, darunter viele Familien, in der die Mütter alleine für die Kinder sorgen müssen. Die Ehemänner und Väter: im Krieg, in Gefangenschaft, auf dem Weg nach Europa, um eine bessere Zukunft zu suchen; im Libanon und zu beschämt darüber, dass sie nicht mehr der Ernährer der Familie sein können – oder überzeugt, dass sie sich alleine besser durchschlagen können.

Das hat verheerende Auswirkungen für die Frauen, die auf sich selbst gestellt sind. Sie haben wenig Wahl, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten und die Kinder durchbringen sollen. Ausbeutung und Prostitution („Survival Sex“) sind die Folge – und dass Mädchen bereits als Kinder und Teenager verheiratet werden, damit die Mütter die Verantwortung für sie abgeben können, wie bei einer der Protagonistinnen von Carol Mansours Dokumentarfilm „Not Who We Are.“

Doch Kinderehen sind beileibe nicht nur ein Phänomen unter Flüchtlingen. Es gibt sie auch im Libanon, in dem ein Viertel der Bevölkerung bereits vor 2011 unter der Armutsgrenze gelebt hat. Genau dieser Bevölkerungsanteil ist durch die ökonomischen Auswirkungen der zahlreichen Flüchtlinge noch tiefer in die Armut gedrängt worden.

Die oben beschriebene Szene stammt aus einer Performance, mit der die libanesische Frauenrechtsorganisation KAFA Kinderehen bekämpfen will: der ältere Herr, das Mädchen, der Fotograf: alles Schauspieler, die die Reaktion der Passantinnen und Passanten auf die Probe stellen. Obschon legal, sind sie gesellschaftlich, wie hier zu sehen ist, höchst umstritten. Viele schauen sich das an, gehen vorüber, aber einige mischen sich ein. „Und, gefällt es dir, das zu filmen?“ fragt einer den Fotografen, „Und dir, bist du zufrieden?“ richtet er sich an den Bräutigam. „Misch dich nicht in meine Angelegenheiten, ich habe die Erlaubnis ihrer Eltern“, erwidert diser. „Ein Wort noch, und ich werfe dich ins Meer,“ herrscht ihn ein anderer an.

Ein Mann tritt von hinten an die „Braut“ heran, es ist nicht zu hören, was er sagt, aber er gestikuliert eindeutig: ‚Tu es nicht, tu es nicht!‘

„Wo ist Deine Mutter?“ fragt eine Passantin. Die Schauspieler wiegeln ab: „Ich habe das Einverständnis ihrer Eltern. Das geht dich nichts an.“ – „Das ist sehr wohl meine Angelegenheit“, insistiert die Passantin, „ich war hier joggen, aber als ich das gesehen habe, sind meine Füße zu Eis geworden! Ich nehme sie jetzt mit! Das könnte meine Tochter sein.“

„Revolution ist eine Idee, und Ideen kann man nicht töten“

Von Alisha Molter und Bente Scheller

"Im Käfig geborene Vögel halten die, die fliegen, für Kriminelle"

„Im Käfig geborene Vögel halten die, die fliegen, für Kriminelle“

“Vor einigen Tagen hat sich etwas Unglaubliches ereignet. Es war so unglaublich, so verrückt, ich wusste nicht, was ich darüber schreiben sollte. Also, ich versuchs mal.“ Behutsam tastet sich der Syrien-Aktivist Kenan Rahmani auf seiner Facebookseite an die schier unglaublichen Bilder heran, die seit Beginn der Waffenruhe am 26. Februar aus Syrien zu sehen sind. Die Revolution ist tot, lang lebe die Revolution. #‎TheRevolutionContinues oder Hallo Bashar, das Volk spricht- noch immer!

Doch gehen wir erst noch einmal zurück.

Syrien, März 2011.
Menschenmassen drängen in verschiedenen Orten Syriens auf die Straßen. “Wir haben nicht länger Angst,“ – „Gott, Syrien und Freiheit“, skandieren sie, ein „Tag der Würde“ wird ausgerufen.

Es folgten fünf Jahre Blutvergießen. Fünf lange Jahre, in denen Machthaber Bashar al-Assad versucht, sein Volk zum Schweigen zu bringen. Fünf Jahre, in denen die Forderungen, dass die Korruption beendet und der Ausnahmezustand aufgehoben werden sollen, sich angesichts der gewaltsamen Antwort rasch zu Forderungen nach dem Sturz Bashar al-Assads und des Regimes mausern. Fünf Jahre, in denen Regimekritiker in den Gefängnissen der Staatssicherheit verschwinden und nicht selten nur ihre Leichen zu den Familien zurückkehren, fünf Jahre, in denen Oppositionelle und Zivilisten in Aleppo, Daraya, Homs oder in den Vororten von Damaskus systematisch ausgehungert und bombardiert werden.

Und doch: Kaum gibt es weniger Luftangriffe sieht man sie wieder ganz deutlich, die friedlichen Demonstranten, die unbeirrt an ihren Forderungen festhalten. Über wenig dürfte sich Assad mehr geärgert haben, entblößen sie doch seine Behauptung, dass es in Syrien außer seinen Kräften lediglich Terroristen gäbe, als Lüge. Je größer international die Furcht vor ISIS wurde, desto weniger hatte auch der Westen daran glauben wollen, dass es zivile Kräfte in Syrien gibt. Und punktuell brachten auch die Extremisten ihren Unmut über die Proteste zum Ausdruck, in Idlib nämlich, als Jabhat al-Nusra letzte Woche eine Anti-Regime-Demo, bei der auch anti-jihadistische Lieder gesungen worden waren, auflöste.

Syrien, März 2016.

“Brüder, die Revolution geht weiter, bis wir die Forderungen unserer Bevölkerung nach Freiheit und Frieden erfüllt sehen. Der Weg ist steinig aber zu bewältigen, und wir rufen alle bewaffneten Gruppen dazu auf, sich unter einem Banner zu vereinigen und begrüßen den Geist der Revolution. Damascus, Arbeen, 2016.

Das ist nur eine von über 100 der bunten Demonstrationen, die aufgeblüht sind, kaum dass der Staub der letzten massiven Luftangriffe sich gelegt hatte. Von Aleppo bis Daraa, im besonders hart getroffenen Darayya, im ausgehungerten Modahamiye: überall gehen die Menschen auf die Straße – unbewaffnet. Sie tanzen, stehen Schulter an Schulter und hüpfen ausgelassen. Grün, weiß, schwarz, drei rote Sterne- sie schwenken die Flagge der Revolution. „Nieder mit dem Regime, nieder mit Bashar!“ rufen sie.

Die Bilder erinnern in der Tat an 2011. Doch zwischen ihnen liegen fünf Jahre Gewalt, Zerstörung und Verwüstung, Leichenberge mit über 350.000 Opfern von Aushungern, Massakern und Bombenhagel. Städte wie Homs oder Aleppo wurden dem Erdboden gleich gemacht. Rund 12 Millionen Syrer sind auf der Flucht, 4,6 Millionen davon halten sich mittlerweile außerhalb Syriens auf.

Umso beeindruckender ist, dass die Menschen in Syrien nun, kaum dass die Waffenruhevereinbarungen zwischen den USA und Russland, zu denen sich knapp 100 Rebellengruppen und das Regime bekannt haben, halbwegs tragen, wieder auf die Straßen gehen und nicht etwa Essen, oder ein Ende der Kriegshandlung fordern, sondern nur das Eine wollen: Das Regime stürzen. So steht es auf den Bannern vom 2. März 2016 in dem Damaszener Vorort Jobar, einer der Orte, die 2013 und 2014 mit Giftgas angegriffen wurden, und im südlichen Dara’a. In der Stadt Daraya, die über vier Jahre von dem syrischen Regime aufs Härteste belagert wurde und auf die das Regime allein am Tag vor der Waffenruhe 60 Fassbomben abwarf, sendeten zivilgesellschaftliche Gruppen eine Botschaft: „Assad kann die Waffenruhe brechen, aber nicht den unbezwingbaren Geist des syrischen Volkes.“

„Die Türen der Revolution haben sich erneut geöffnet“, ist zu lesen, oder „Revolution ist eine Idee, und Ideen kann man nicht töten.“ „Im Käfig geborene Vögel halten die, die fliegen, für Kriminelle“ lautet ein anderes Poster.

Die Menschen protestieren gegen das Regime und den ISIS, aber auch gegen die Einmischung ausländischer Kriegsparteien. Andrea Böhm zitiert in ihrem Artikel auf Zeit Online ein Plakat aus Aleppo, das einen Seitenhieb auf die ausländischen Kämpfer ist, die teils als Jihadisten, aber in mindestens ebenso großer Zahl auch auf Regimeseite kämpfen: Syrien sei zur Bananenstaude geworden, alle Affen wollten darauf herumturnen.

Selbst unter widrigsten Bedingungen gibt es noch immer eine lebendige Zivilgesellschaft, die sich politisch, sozial und kulturell an ihren jeweiligen Orten engagiert und die dezentrale Informationskanäle geschaffen hat, um Informationen weitergeben. Ana Press, eine open source Nachrichten-Organisation, sprach im Januar 2016 mit Bewohnern der einstigen Wirtschaftsmetropole Aleppo, die trotz der Luftangriffe in der geteilten Stadt geblieben sind. „Wir werden bleiben, ob es ihnen gefällt oder nicht”, kommentiert eine junge Frau die Frage, warum sie Aleppo nicht verlassen habe. „Ich hätte längst weggehen können, wenn ich weggehen wollen würde“. Ein anderer Anwohner fragt weiter: „Wenn wir gehen, wem werden wir Syrien überlassen? Bashar al Assad etwa?“ er lacht auf. Aber auch ohne diese Bilder war der zivile Widerstand immer da und ist nur weniger sichtbar gewesen und damit von unseren Bildschirmen verschwunden. Von internationalen Medien kaum beachtet, fanden in den fünf Jahren in Syrien regelmäßig Freitagsdemonstrationen statt, die an die Montagsdemos in der ehemaligen DDR erinnern. Unter Motti wie „Wir haben keine Wahl, als Assad und seine Bande zu stürzen“ oder „Revolutionäre von Zabadani – ihr seid die Größten!“ richten sich die Proteste gegen das Regime und gegen das Wegschauen der internationalen Gemeinschaft: „Das Aushungern von Madaya: Eine Schande für die Menschheit!“ oder „Durch Schweigen macht die Welt sich mitschuldig“. Und auch in zahlreichen Videos finden wir ihn, den ausschlaggebenden Satz, der den Willen vieler Syrer zum Ausdruck bringt und den auch fünf Jahre Krieg nicht ausradieren können: “Die Revolution geht weiter, bis das Regime stürzt.“

„Wenn das nächste Mal jemand fragt, wo denn in Syrien die zivile Opposition sei, zeigt ihnen diese Bilder“, heißt es auf dem Facebook-Profil eines Aktivisten. James Sadri von der Syria Campaign schreibt: „An all die selbstgefälligen Abteilungen für Entwicklungshilfe in fernen Ländern, die darüber nachdenken, wie man die Zivilgesellschaft päppeln und fördern könnte: Beendet die Gewalt und dann kümmern die Syrer sich schon um den Rest.“

Syriens Zukunft träumt von einer besseren Gegenwart

YouTube Preview ImageÖffentlicher Raum und Spielplätze sind in Beirut rar. Deswegen gehe ich jeden Nachmittag auf den Hof der Kirche nebenan – einer der wenigen Orte, an denen man mit Kindern Ballspielen oder Rollerfahren kann. Dort treffen wir regelmäßig vier syrische Geschwister, die aus dem südsyrischen Daraa nach Beirut gekommen sind. Sie haben hier keine Freunde.

Die älteste Schwester, Lama, selbst gerade 12, muss auf die jüngeren Geschwister, 1, 3 und 7 Jahre alt, aufpassen. Seit zwei Jahren sind sie hier, seit zwei Jahren gehen sie nicht mehr zur Schule, weil ihre Eltern sich die hohen Schulgebühren nicht leisten können. „Was war dein Lieblingsfach in der Schule?“ frage ich Lama. Sie bekommt feuchte Augen und haucht: „Ich habe ALLES geliebt. ALLES in der Schule.“

Wie ihnen geht es vielen. Einige Organisationen betreiben syrische Schulen im Libanon, mit einem syrischen Lehrplan, bei dem der Unterschied im wesentlichen darin liegt, dass alle Fächer außer Sprachunterricht auf Arabisch gelehrt werden – anders als im Libanon, in dem unter anderem Naturwissenschaften immer entweder französisch oder englisch sind.

Manche libanesische Schulen haben eine „zweite Schicht“ am Nachmittag für syrische Kinder eingerichtet. Aber die allermeisten syrischen Kinder fallen wegen der Gebühren aus dem Bildungssystem heraus. Viele müssen sich in der Landwirtschaft verdingen. „Wir haben den Platz für ein Zelt gemietet“, sagt eine syrische Mutter in der Bekaa-Ebene. „Aber wie sollen wir das bezahlen?  Es kostet 100 Dollar im Monat – nur dafür, dass wir uns hier eine Notunterkunft bauen können. ‚Wenn ihr es euch nicht leisten könnt, könnt ihr mit euren Kindern auf den umliegenden Feldern arbeiten‘, haben sie uns gesagt. Was sollen wir anderes machen?“

In der Stadt sieht man viele Kinder, die Schuhe putzen, Kaugummis, Blumen oder Taschentücher verkaufen. Die Organisation Bidayyat for Audiovisual Arts hat nun einen künstlerischen Film veröffentlicht, der auf ihre Situation aufmerksam macht. Yaman, ein junger Erfinder, träumt darin von einer besseren Gegenwart.

Spiel und tödlicher Ernst: Schach oder Poker in Syrien?

Die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbasi, ihr Ehemann und beider Kinder: Dima, Intisar, Alaa, Najah, Ahmed, auch verhaftet: Layan (nicht im Bild)

Die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbassi, ihr Ehemann und beider Kinder: Dima, Intisar, Alaa, Najah, Ahmed, auch verhaftet: Layan (nicht im Bild)

Schach gilt gemeinhin als „Spiel der Könige.“ Bashar al-Assad, der das Präsidentenamt von seinem Vater ererbt hat, mag sich wohl als ein solcher wahrnehmen: als ein Herrscher, der das Volk nicht als Souverän sondern als eine Ansammlng unliebsamer Untertanen erachtet, die seiner Willkür ausgeliefert ist – und deren Aufbegeheren er als sträflichen Undank betrachtet.

Auch wäre es dem syrischen Regime hochwillkommen, wenn es gelänge, das komplexe syrische Konfliktgeschehen in ein Schachbrett zu verwandeln und auf Parteien zu reduzieren: schwarz – weiß, Assad oder ISIS. Genau daran arbeiten Assad und Putin im Moment, in dem sie ihre Angriffe auf die nicht-extremistischen Rebellen konzentrieren.

Im Jahr 2012, während Assad politisch nicht etwa damit befasst war, seiner Verpflichtung zum Schutz syrischer Zivilisten nachzukommen, sondern diese zu töten, zu knechten und zu vertreiben, fand er privat die Muße, eine Partie mit dem Vorsitzenden des Weltschachverbandes, dem Russen Kirsan Ilyumzhinov, zu spielen, der ihn in Damaskus besuchte. Zwei Menschen begegneten sich in einem Paralleluniversum, in dem es keine Verhandlungen sondern nur Sieg und Niederlage gibt.

Ilyumzhinov, der Schach als ein „kosmisches“ Spiel sieht und mehrfach beschrieb, wie er von Außerirdischen in gelben Raumanzügen von seinem Balkon in Moskau entführt worden sei, hat jetzt vorübergehend sein Amt als Vorsitzender des Weltschachverbandes FIDE (Leitspruch: We are one people!) ruhen lassen. Der Grund: Die nächste Weltmeisterschaft soll in den USA ausgetragen werden, die ihn soeben wegen enger Verbindungen zum Assad-Regime auf die Sanktionsliste gesetzt haben. Ilyumzhinov fühlt sich zu Unrecht beschuldigt. Obwohl sich die Sanktionen auf sein Engagement im Bankensektor Syriens bezogen, verteidigte er sichin einem russischen Fernsehinterview damit, er „verkaufe kein Öl von ISIS an das Regime.“ Er habe lediglich ein paar Tausend Schachspiele und dreitausend Schachbücher für Kinder geliefert. Der russischen Nachrichtenagentur LifeNews erklärte er überdies, dass er die US-Justiz „auf mindestens 50 Milliarden Dollar“ verklagen werde.

Schachlegende Garry Kasparov weist die gängigen Beschreibungen von Assad und Putin als meisterhafte Schachspieler auf der Weltbühne von sich. Poker treffe es eher: „Beim Poker, anders als im Schach, ist die Stärke der jeweiligen Position wichtig, aber nicht alles. Man kann eine schwache Hand dadurch wettmachen, dass man blufft. Putin ist überaus gerissen darin, die seit 25 Jahren herrschende Schwäche des Westens auszunutzen: Der Westen, seine politische Führung und deren Wähler, sind nicht zu einer ernsthaften Konfrontation bereit. Folglich blufft Putin nur auf haarsträubende Weise,“ sagte er.

Der Ausgang der Partie Assad-Ilyumzhinov ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat Ilyumzhinov Bashar gewinnen lassen, denn dass mit Tyrannen nicht zu spaßen ist, dürfte er auch in seinen Partien mit Saddam Hussein und Muammar Gaddhafi gelernt haben.

Was es speziell in Syrien heißt, sich mit mäßig begabten Vertretern des Hauses Assad anzulegen, erfuhr 1993 der syrische Reiter Adnan Qassar. Weil sich Hafez al-Assads Lieblingssohn Basel nicht mit ihm messen konnte, wurde Qassar vom Pferd weg verhaftet. Als ein Jahr später Basel al-Assad bei einem Autounfall starb, wurde Qassar aus seiner Zelle auf einen öffentlichen Platz gebracht und dort zusammengeschlagen. Das syrische Regime, lange vor 2011 bekannt dafür, sich weder an eigene Gesetze noch an internationale Normen zu halten, hätte nicht deutlicher zeigen können, dass es selbst auf dem Spielfeld danach trachtet, sportlichen Wettbewerb mit tödlichem Ernst auszulöschen. Erst 20 Jahre später wurde Adnan Qassar im Rahmen einer fadenscheinigen Amnestie aus der Haft entlassen.

Die syrische Opposition überlässt das Feld dennoch nicht dem Regime. Im Dezember 2014 veranstaltete die „Public Authority for Youth and Sports“ in Aleppo ein dreitägiges Schachturnier zum Gedenken an die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbasi, damals seit anderthalb Jahren verschwunden.

Sie wurde im März 2013 zusammen mit ihrem Ehemann und den sechs Kindernverhaftet. Die letzte Nachricht von ihnen erreichte die übrigen Familienmitglieder im Dezember 2013, als es hieß, sie seien an die berüchtigte Abteilung 215 des Militärgeheimdienstes überstellt worden. Trotz eines damaligen Ersuchens an die UN-Arbeitsgruppe zu den vom Regime Verschleppten, sich um Dr. Abbassis Fall zu kümmern, fehlt von der Familie jegliches Lebenszeichen. Das jüngste Kind war bei seiner Verhaftung gerademal zwei Jahre alt.

Von der Unschuld des Radfahrens

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Yusef al-Ahmad: yusefalahmad.com / und Instagram : @yusefalahmad ( https://www.instagram.com/yusefalahmad/)

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Yusef al-Ahmad: yusefalahmad.com / und Instagram : @yusefalahmad ( https://www.instagram.com/yusefalahmad/)

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Ich bin mit 5 Jahren das letzte Mal Rad gefahren“, erzählt mir eine Freundin aus Beirut. Hier ist es besonders der starke Verkehr, der es kaum möglich macht zu radeln, und meine Freundin von der einen oder anderen Tour abhält. Dicht an dicht drängeln sich Autos, hupen wie wild, Taxifahrer schimpfen. Bürgersteige gibt es oft nicht, und Verkehrsregeln sind Auslegungssache. Rechts, links, wieder rechts. Dennoch gibt es in Beirut ein paar Verrückte.  Die Fahrradkuriere von Deghri Bike Messenger zum Beispiel, die mit ihrem Zweirad durch die Autoschlangen brettern, um ihre Sendungen in Rekordzeit auszuliefern.

Für arabische Frauen gibt es jedoch oft einen ganz anderen  Grund, nicht Rad zufahren, als Verkehr. Oder anders gesagt, einen anderen Verkehr, der Vorfahrt hat. Männliche Freunde aus Syrien erzählen von den mir skurril anmutenden Entjungferungen durch Fahrräder, weswegen Frauen in manchen Teilen Syriens lieber keine Räder bestiegen. Zwar wollen sich meine Freunde eher emanzipiert geben, aber „passieren kann es theoretisch ja schon, oder?“

Wie diese Gerüchte entstehen und sich selbst bestätigen wird mir dann auch klar. Es folgt die Geschichte einer Freundin aus Damaskus, die im zarten Alter von 16 ihre Jungfräulichkeit verlor. Eingriffe zur Wiederherstellung des Jungfernhäutchens sind in Syrien allerdings nur mit der Einwilligung der Eltern möglich. Aus Angst vor ihren konservativen Eltern und den möglichen Folgen behauptete sie daher weinend, heimlich Rad gefahren zu sein.

Das Fahrrad – benutzt zur Unterdrückung der Frau, dient es ihnen selbst auch als Mittel der Befreiung und Selbstbestimmung. Nicht nur in Rafik Schamis neustem Roman „Sophia“ offenbart die in die Jahre gekommene Aida ihrer großen Liebe Karim gleich zu Anfang ihren sehnlichsten Traum: einmal vor den gaffenden Augen und tratschenden Mäulern der Frauen in ihrer Damaszener Nachbarschaft auf und ab zu radeln.

Diesen Traum erfüllte sich auch die Freundin einer Bekannten. Mit Kopftuch und langer Kleidung fuhr sie regelmäßig in ihrer syrischen Heimatsstadt Damaskus Fahrrad. Als sie von einem Polizisten wegen „sittenwidrigen Verhaltens“ ermahnt wurde, fauchte sie ihn nur an: „Zeig mir, wo das Fahrrad im Koran steht!“ und fuhr weiter.

Frech und mutig ist auch die Hauptfigur in Haifaa Al Mansour‘s Saudi-Arabischem Spielfilm „Das Mädchen Wadjda.“ Auch für sie ist das Fahrradfahren ein emanzipatorischer Schritt, eine Revolution. Wadjda‘s größter Wunsch ist es, einmal gegen den Nachbarsjungen Abdullah ein Wettrennen zu fahren. Als dieser anmerkt, dass sie das als Mädchen gar nicht dürfe, erwidert Wadjda nur: „Umso peinlicher für dich, wenn du verlierst!“

Kurz nach der Veröffentlichung des Films im Jahr 2013 wurde das Radfahren in Saudi Arabien für Frauen erlaubt – aber nur, wenn sie in Begleitung eines Mannes im Park im Kreis rumeiern und nun ja nicht, um irgendwo anzukommen. Diese saudische Lesart steht im Kontrast zu den Interpretationen anderer Religionsgelehrter, die, in Anlehnung an kamelreitende Frauen zu Zeiten des Propheten Mohameds argumentieren, dass man ausdrücklich nicht zum Vergnügen Fahrrad fahren dürfe, sondern lediglich, um in den Jihad zu radeln oder einer vergleichbar wichtigen göttlichen oder weltlichen Aufgabe nachzukommen. In Saudi-Arabien bleibt Fahrradfahren als Fortbewegungsmittel jedoch ganz klar Männersache.

Irgendwo, zwischen Jungfernhaut und Selbstbestimmung, Sitte, Tradition und Emanzipierung bahnen sich einige arabische Frauen dennoch ihren Weg.

Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

#Russia_kills_the_rest_of_us

Protest vor der russischen Botschaft in Beirut (c) Alisha Molter

Protest vor der russischen Botschaft in Beirut (c) Alisha Molter

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Nimm sie lieber nicht mit“, bittet mein Freund unseren Mitbewohner. Ich gehe trotzdem hin.

Es ist Dienstagabend in Beirut, die Sonne verschwindet langsam hinter den Häusern. Nach der Arbeit eile ich nach Hause, schnappe mir meinen syrischen Mitbewohner und mache mich auf den Weg zur russischen Botschaft. Dort soll heute eine Demo gegen die am 30. September begonnene russische Militärintervention in Syrien stattfinden.

Unter dem Hashtag #Russia_kills_the_rest_of_us haben verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen und Unterstützer der syrischen Revolution zu einem Protest vor der russischen Vertretung aufgerufen. In der Ankündigung steht “everyone has the same boring excuse: fighting terrorism.“ Das sehe ich ähnlich. Und mache mich auf den Weg.

Die Botschaft liegt in Mar Elias, nicht weit von unserer Wohnung. Wir laufen. Auf dem Weg frage ich mich, wie viele wohl kommen werden, um mit uns zu demonstrieren. Im Libanon leben mittlerweile rund 2 Millionen Syrer, viele von ihnen sind Gegner des Assadregimes. Auf der Facebookseite des Events haben rund 330 Menschen zugesagt, fast 60 haben mit „vielleicht“ auf die Einladung geantwortet.

Doch die Realität ist ernüchternd. Auf dem Bürgersteig vor der Botschaft stehen knapp 20 Menschen mit Transparenten. Der Anblick ist fast surreal. Es ist kaum Platz auf dem schmalen Bürgersteig vor der Botschaft, die gleich an einer vierspurigen und vielbefahrenen Straße liegt. Mehr Demonstranten würden gar nicht hinpassen.

Die Menschen stehen in zwei Reihen hinter einer langen grün-weiß-schwarzen Flagge- den Farben der Nation vor der Machtergreifung der Baathpartei und dem Symbol der Revolution von 2011. Zunächst zögere ich, dann gesellen wir uns zu der kleinen Gruppe. Auffällig viele der Demonstranten sind weiblich. Neben mir steht eine zierliche junge Frau, mit weiß-rosafarbenen Kopftuch und buntem T-shirt. Ihr Gesicht ist freundlich, sie lächelt mich an. Wir kommen ins Gespräch.

„Was denkst du, wieso sind nicht mehr Syrer hier?“ frage ich meine Nachbarin. „Die Menschen haben Angst“, antwortet sie. „Viele haben noch Familie in Syrien und sie wollen sich nicht öffentlich äußern, weil sie befürchten, dass ihre Familien bedroht werden könnten.“ Ich verstehe sie. Denn selbst ich als Europaerin habe ein mulmiges Gefühl, wenn sich die Fernsehkameras auf mich richten, und die Fotoapparate klicken. Ich fühle mich wie bei einem Shooting für ein Klassenfoto- oder besser wie ein Fußballteam nach einem Spiel. Die Reihe wird abgeblitzt und abgefilmt – oder man kriegt gleich ein Mikrofon vor die Nase gehalten.

Eine Frau, ebenfalls in meinem Alter, schaltet sich ein und bestätigt meine Bedenken: „Die haben ihre Spitzel hier und merken sich wer da ist.“ Mit ‚die‘ meint sie das Regime in Damaskus und seine Verbündeten, wie etwa die libanesische Hisbollah, die das Assadregime aktiv mit Kämpfern und Waffen unterstützt. Ihre Leute sitzen auch in offiziellen Staatsorganen wie etwa der Polizei, die uns hier vor der Botschaft gerade schützt – oder umlagert?

In jedem Fall sind weitaus mehr Polizisten anwesend als Demonstranten. Ich gucke sie mir genauer an, die Sicherheitskräfte, die Kameramänner, und jene die einfach nur „gucken kommen“. Von weitem. Ein Polizeibeamter macht Fotos mit dem Handy. Aus Sensationslust oder doch mit einem anderen Anliegen? Die junge Aktivistin neben mir drückt mir ein Plakat in die Hand: „Tschetschenien, Georgien, Ukraine, Syrien – Russlands Verbrechen hören nicht auf“, steht da auf Englisch, Arabisch und Russisch. Ich halte es vor mich, wie ein Schutzschild gegen die Kameras. Dann rückt sie ihr blaues Kopftuch zurecht, setzt ihre coole Sonnenbrille auf und geht unerschrocken nach vorne, in die erste Reihe.

„We want to leave, Putin must leave“, ruft ein junger bärtiger Mann vor mir immer wieder durch ein Mikrofon. „Du musst ihm erklären, dass es ‚we want to live‘ heißt“, sage ich meinem Mitbewohner. Mit der syrischen Flagge vor Nase und Mund gebunden, könnte er optisch in Konkurrenz zu einem Western-Helden treten. Er leitet es an den Bärtigen weiter. „Kannst du es sagen?“ fragt mich der Typ mit dem Bart und dem Mikro verunsichert. Ich schüttele den Kopf. Das geht nun wirklich nicht, finde ich. „Das musst du machen, von mir wirkt das komisch. Es ist doch dein Land.“ Dann ergreift die Frau mit dem weiß-rosafarbenen Kopftuch das Mikro. Auf Arabisch ruft sie: „Kein Assad, kein Daesh, wir wollen Freiheit“. Der Sprechchor antwortet ihr dröhnend und wütend.

Die meisten hier haben Angehörige verloren. Einige davon sind in Assads Gefängnissen ermordet worden. So auch der Ehemann einer Bekannten, oder der Vater des jungen Mannes mit dem Bart. „Vielen Dank, dass du gekommen bist“, sagt er immer wieder. Ich bin die einzige Europaerin hier. Alle anderen sind Exilanten. Sie mussten ihre Heimat verlassen. Es eint sie die Wut gegen das Regime – und das Heimweh. Als sie alle zusammen die Revolutionsversion von „Sourriya ya habibati“ (Syrien, meine Geliebte) anstimmen, spüre ich die Traurigkeit in den Worten und der Stimme meines Mitbewohners.

Nach einer Stunde löst sich die Veranstaltung auf, aber das mulmige Gefühl bleibt. Einige Kinder falten DinA4 Transparente zu Papierfliegern und lassen sie über den Stacheldrahtzaun der Botschaft fliegen. Wir werden von Sicherheitskräften zum Auto begleitet.

Neben uns betritt ein Hisbollah-Anhänger einen Kiosk, das Gewehr geschultert. Sein grünes Halstuch, in der Symbolfarbe der Schiiten, weht im Wind. Mir ist das alles nicht ganz geheuer. Tief in mir merke ich, dass es das Letzte ist, was wir tun sollten und dennoch drehe ich mich zu meinem Mitbewohner und frage: „Sollen wir rennen?“

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Der gefürchtete Himmel – #ClearTheSky

Weather in Syria by Noura Aljawzi on Twitter

Weather in Syria by Noura Aljawzi on Twitter

Ein trauriges Muster prägt die Kriegsdynamik in Syrien: Wann immer die internationale Gemeinschaft bestimmte Formen der Gewalt verurteilt hat, hat dies nicht zu Deeskalation sondern zur Eskalation beigetragen. Diplomatisch war es kein gelungener Schachzug, früh zu erklären, man werde in Syrien nicht intervenieren, denn das Regime interpretierte dies als Erlaubmis, den Aufstand mit allen Mitteln niederzuschlagen, lange, bevor aus den Reihen der friedlich Protestierenden ernstzunehmende bewaffnete Gruppen hervorgingen. Wie es der syrische Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni unlängst noch einmal auf den Punkt brachte: „Ich habe Anders F. Rasmussen immer wieder gewarnt: Seid doch einfach still, selbst wenn ihr nicht intervenieren wollt, sagt es einfach nicht. Aber sie konnten die Klappe nicht halten.“

Die Warnung des US-Präsidenten Barack Obama vor dem Einsatz von Chemiewaffen im August 2012 bescherte den Zivilisten in Syrien einen blutigen Herbst: in den Monaten nach der Ankündigung dieser roten Linie war es, dass Human Rights Watch und Amensty international verheerende Häufungen der Angriffe der syrischen Luftwaffe auf die Warteschlangen vor den Bäckereien dokumentierten. Die harmloseste aller Tätigkeiten, Brot holen für die Familie, mit der in Syrien oft Kinder betraut waren, wurde plötzlich zu einer der riskantesten. Gleichzeitig wurden auch deutlich mehr der international geächteten Streubomben und Brandbomben eingesetzt.

Während die Welt im September 2013 gebannt verfolgte, wie durch Verhandlungen eine  unausweichlich scheinende militärische Intervention abgewendet wurde, bedeutete dies für SyrerInnnen keine Erleichterung sondern lediglich eine weitere Verschärfung ihrer Situation. Statt das Regime für seine undeklarierten Bestände – weltweit zu den größten gehörend – zur Rechenschaft zu ziehen und damit ein starkes Signal für internationales Recht zu setzen, war die Botschaft: es zahlt sich aus, internationales Recht zu brechen. Je schärfer die Verletzung, desto mehr Profit kann man als autoritäres Regime daraus schlagen, wenn man sich danach kooperativ gibt. Ein Beispiel, das in jedem Handbuch für das Überleben von Diktatoren Furore machen dürfte.

Mit seiner Verpflichtung, Chemiewaffen zu übergebenging einher, dass das Regime seine Angriffe mit den weitaus tödlicheren Fassbomben intensivierte. Selbst nach der UN-Sicherheitsresolution 2139 (2014), die explizit ein Ende der improvisierten, tödlichen Frachten forderte, warf das Regime mehr, nicht weniger Fassbomben ab, jetzt sogar teileweise mit Chlorgas gepaart.

AktivistInnen haben daher zum zweiten Gedenktag des Chemiewaffen-Massakers in Ghouta nicht nur an die damaligen Opfer erinnert, sondern eine Kampagne gestartet, in der sie ein Ende des Tods aus dem Himmel fordern: #ClearTheSky ist der Hastag, unter dem Planet Syria daran erinnert, dass Fassbomben die Hauptursache von Tod und Vertreibung in Syrien sind. In fünf knappen Punkten umreißen die AktivistInnen die Hauptpunkte, warum ein Ende der Luftangriffe der wichtigste Schritt  zu einer Befridung wäre. „Für die Kämpfe in Syrien kann es keine militärische Lösung geben. Aber wie damals in Bosnien kann eine Flugverbotszone zum Schutz der Zivilbevölkerung beitragen und helfen, die kämpfenden Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen. Zu viele Syrer_innen verbringen ihre Tage damit, in den Himmel hochzuschauen und sich zu fragen, wann die nächste Fassbombe fallen und was sie treffen wird,“ heißt es im letzten Absatz der Forderungen.

Heute finden in Aachen und Köln Demonstrationen dazu statt. Aber auch zu Hause kann jederR seine Solidarität zum Ausdruck bringen, in dem er/sie ein Foto von sich macht, den Blick zum Himmel gerichtet, und es unter #ClearTheSky weiterverbreitet.