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Palästina im Arab Idol Fieber

Jeden Freitag Abend gibt es derzeit in der gesamten arabischen Welt nur ein Thema. Es ist nicht der grausame Krieg in Syrien. Nicht die Proteste in Ägypten, oder aktuell in der Türkei. Es handelt sich vielmehr um die arabische Version von „Deutschland sucht den Superstar“ – Arab Idol. Dabei treten Kandidatinnen und Kandidaten aus der ganzen Region gegeneinander an; und ein bisschen so wie beim „Eurovision“ Wettbewerb ist das Ganze nicht nur interessant wegen der eigentlichen Gesangsbeiträge, sondern auch wegen der Herkunft der Teilnehmer und ihrer Geschichten. Jeden Freitag abend wird die Show auf dem libanesischen Sender MBC aus Beirut ausgestrahlt. Langsam aber sicher geht die Show auf die Zielgrade, von den vorausgewählten 13 Kanidaten sind nur noch vier übrig. Unangefochtener Superstar ist Muhammed Assaf aus Gaza.

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Seine Herkunft aus dem isolierten, belagerten Gazastreifen weckt alleine schon Sympathien, um so mehr aber sein abenteuerlicher, beschwerlicher Weg zu den Vorausscheidungen in Ägypten. Assaf hatte sich in Gaza einen Namen als Sänger gemacht, der dort in erster Linie auf Hochzeiten auftrat. Jetzt fiebern nicht nur die 1,7 Millionen Menschen im Gazastreifen, sondern auch Fans in Jerusalem und in der Westbank mit ihrem Hoffnungsträger – genauso wie in vielen anderen Ländern der gesamten Region.

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Ramallah: Bereit für’s Public Viewing.
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

In der Stadtmitte Ramallahs findet jeden Freitag abend ein Public Viewing statt (was hier sonst nur beim Classico, der Begegnung zwischen Real Madrid und FC Barcelona denkbar war). Auch in Gaza gibt es Public Viewing, und in einem größeren Hotel in Gaza singt jede Woche Muhammads Bruder, der in seine Fußstapfen treten will. Überall in Palästina hängen Plakate mit dem Konterfei Assafs und der Nummer 3 – die müssen Zuschauer in einer sms senden, wenn sie Assaf unterstützen wollen. Palästinensische Banken werben mit Assaf und bieten an für jede sms, die die Palästinenser zugunsten Assafs abgeben, nochmal eine weitere sms-Stimme zu finanzieren.

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Werbung mit Superstar Assaf
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Muhammad Assaf ist wirklich ein grandioser Sänger und er dürfte gute Aussichten auf den Gesamtsieg haben; auch, aber nicht nur wegen seiner Herkunft und Geschichte. Am gestrigen Abend wurde er von der Jury wieder euphorisch gelobt. Eines der Jurymitglieder machte mit zwei Anekdoten deutlich, wie groß der Kult um Assaf ist: Erstens habe er einen Brief von einem palästinensischen Gefangenen in Israel bekommen, der sich im Hungerstreik befinde – auch um Medien nutzen zu können, und insbesondere damit er auch MBC und Arab Idol verfolgen könnne. Zweitens habe ihn auf der Fahrt zur Sendung jemand angerufen, um auszudrücken wie sehr er Muhammad Assaf die Daumen drücke – kein geringerer als Präsident Mahmoud Abbas. Samstag abend wird auf MBC mitgeteilt, wer ausscheiden muss, die endgültige Entscheidung fällt am 22. Juni. Die Konkurrenz für Assaf ist groß, und mit der Syrerin Farah Youssef gibt es noch eine weitere Kandidatin, der viele den Sieg auch aufgrund der tragischen Entwicklung in ihrem Heimatland wünschen. Aber für die Palästinenser ist die Sache längst klar: Superstar ist nur einer, Muhammed Assaf.

 

Deutsches Classico in Ramallah

Für die Fans in Ramallah war die Paarung des gestrigen Abends die Höchststrafe. Denn Palästinenserinnen und Palästinenser teilen sich in der Regel in zwei Gruppen (nein, nicht Hamas und Fatah, die haben beide schon längst die Zustimmung der meisten verloren): In Gaza, Ostjerusalem und Westbank ist man entweder Barcelona- oder Real Madrid-Fan. Vor dem Classico, das jeweils Tausende in die Kaffehäuser lockt, werden in Ramallah in der Stadtmitte Clubfahnen und Trikots verkauft. Für beide Sympathien haben, das geht nicht. Im Winter, als in Ramallah Schnee lag, habe ich Kinder gehört: „Ihr seid Real, wir sind Barca“, so die Einteilung vor einer Schneeballschlacht.IMG_2828

Auch Fußball ist in Palästina natürlich politisch. Seit 1998 ist Palästina FIFA Mitglied und derzeit auf Platz 153 der Weltrangliste. Eine Steigerung ist schwer, so lange die Westbank besetzt bleibt und aufgrund der Teilung zwischen Gaza und Westbank kein regulärer Spielbetrieb möglich ist. 2012 erreichte der palästinensische Nationalspieler Mahmud Sarsak erst durch einen Hungerstreik, nach dessen Ende er nur noch 30 Kilo wog, die Freilassung aus einer dreijährigen Haft, zu der er nie verurteilt worden war. Auch die Treue zu den beiden spanischen Lieblingsvereien wird bisweilen politischen Proben ausgesetzt: Wenn Barcelona den israelischen Soldaten und Ex-Geisel Gilad Shalit einlädt oder Ronaldo Millionen für Kinder in Gaza spendet.

Neben dem spanischen Fußball kommt lange Zeit für die palästinensischen Fans erstmal nichts. Das liegt an der Dominanz, am erfolgreichen „Tiki-Taka“ der vergangenen Jahre. Deshalb löste das „deutsche Classico“ hier wenig Begeisterung aus: Erst schmiss Dortmund Real raus, dann setzte es auch noch eine derbe Klatsche für Barcelona. Ausgerechnet die beiden verehrten Vereine schmissen die Deutschen raus. Nur eine Handvoll-Bayernfans gibt es schon: in der „Snowbar“, einem Biergarten in Ramallah, wurde ausgelassen gefeiert. Vielleicht der Beginn einer neuen Ära?