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Spiel und tödlicher Ernst: Schach oder Poker in Syrien?

Die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbasi, ihr Ehemann und beider Kinder: Dima, Intisar, Alaa, Najah, Ahmed, auch verhaftet: Layan (nicht im Bild)

Die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbassi, ihr Ehemann und beider Kinder: Dima, Intisar, Alaa, Najah, Ahmed, auch verhaftet: Layan (nicht im Bild)

Schach gilt gemeinhin als „Spiel der Könige.“ Bashar al-Assad, der das Präsidentenamt von seinem Vater ererbt hat, mag sich wohl als ein solcher wahrnehmen: als ein Herrscher, der das Volk nicht als Souverän sondern als eine Ansammlng unliebsamer Untertanen erachtet, die seiner Willkür ausgeliefert ist – und deren Aufbegeheren er als sträflichen Undank betrachtet.

Auch wäre es dem syrischen Regime hochwillkommen, wenn es gelänge, das komplexe syrische Konfliktgeschehen in ein Schachbrett zu verwandeln und auf Parteien zu reduzieren: schwarz – weiß, Assad oder ISIS. Genau daran arbeiten Assad und Putin im Moment, in dem sie ihre Angriffe auf die nicht-extremistischen Rebellen konzentrieren.

Im Jahr 2012, während Assad politisch nicht etwa damit befasst war, seiner Verpflichtung zum Schutz syrischer Zivilisten nachzukommen, sondern diese zu töten, zu knechten und zu vertreiben, fand er privat die Muße, eine Partie mit dem Vorsitzenden des Weltschachverbandes, dem Russen Kirsan Ilyumzhinov, zu spielen, der ihn in Damaskus besuchte. Zwei Menschen begegneten sich in einem Paralleluniversum, in dem es keine Verhandlungen sondern nur Sieg und Niederlage gibt.

Ilyumzhinov, der Schach als ein „kosmisches“ Spiel sieht und mehrfach beschrieb, wie er von Außerirdischen in gelben Raumanzügen von seinem Balkon in Moskau entführt worden sei, hat jetzt vorübergehend sein Amt als Vorsitzender des Weltschachverbandes FIDE (Leitspruch: We are one people!) ruhen lassen. Der Grund: Die nächste Weltmeisterschaft soll in den USA ausgetragen werden, die ihn soeben wegen enger Verbindungen zum Assad-Regime auf die Sanktionsliste gesetzt haben. Ilyumzhinov fühlt sich zu Unrecht beschuldigt. Obwohl sich die Sanktionen auf sein Engagement im Bankensektor Syriens bezogen, verteidigte er sichin einem russischen Fernsehinterview damit, er „verkaufe kein Öl von ISIS an das Regime.“ Er habe lediglich ein paar Tausend Schachspiele und dreitausend Schachbücher für Kinder geliefert. Der russischen Nachrichtenagentur LifeNews erklärte er überdies, dass er die US-Justiz „auf mindestens 50 Milliarden Dollar“ verklagen werde.

Schachlegende Garry Kasparov weist die gängigen Beschreibungen von Assad und Putin als meisterhafte Schachspieler auf der Weltbühne von sich. Poker treffe es eher: „Beim Poker, anders als im Schach, ist die Stärke der jeweiligen Position wichtig, aber nicht alles. Man kann eine schwache Hand dadurch wettmachen, dass man blufft. Putin ist überaus gerissen darin, die seit 25 Jahren herrschende Schwäche des Westens auszunutzen: Der Westen, seine politische Führung und deren Wähler, sind nicht zu einer ernsthaften Konfrontation bereit. Folglich blufft Putin nur auf haarsträubende Weise,“ sagte er.

Der Ausgang der Partie Assad-Ilyumzhinov ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat Ilyumzhinov Bashar gewinnen lassen, denn dass mit Tyrannen nicht zu spaßen ist, dürfte er auch in seinen Partien mit Saddam Hussein und Muammar Gaddhafi gelernt haben.

Was es speziell in Syrien heißt, sich mit mäßig begabten Vertretern des Hauses Assad anzulegen, erfuhr 1993 der syrische Reiter Adnan Qassar. Weil sich Hafez al-Assads Lieblingssohn Basel nicht mit ihm messen konnte, wurde Qassar vom Pferd weg verhaftet. Als ein Jahr später Basel al-Assad bei einem Autounfall starb, wurde Qassar aus seiner Zelle auf einen öffentlichen Platz gebracht und dort zusammengeschlagen. Das syrische Regime, lange vor 2011 bekannt dafür, sich weder an eigene Gesetze noch an internationale Normen zu halten, hätte nicht deutlicher zeigen können, dass es selbst auf dem Spielfeld danach trachtet, sportlichen Wettbewerb mit tödlichem Ernst auszulöschen. Erst 20 Jahre später wurde Adnan Qassar im Rahmen einer fadenscheinigen Amnestie aus der Haft entlassen.

Die syrische Opposition überlässt das Feld dennoch nicht dem Regime. Im Dezember 2014 veranstaltete die „Public Authority for Youth and Sports“ in Aleppo ein dreitägiges Schachturnier zum Gedenken an die syrische Schachmeisterin Dr. Rania Abbasi, damals seit anderthalb Jahren verschwunden.

Sie wurde im März 2013 zusammen mit ihrem Ehemann und den sechs Kindernverhaftet. Die letzte Nachricht von ihnen erreichte die übrigen Familienmitglieder im Dezember 2013, als es hieß, sie seien an die berüchtigte Abteilung 215 des Militärgeheimdienstes überstellt worden. Trotz eines damaligen Ersuchens an die UN-Arbeitsgruppe zu den vom Regime Verschleppten, sich um Dr. Abbassis Fall zu kümmern, fehlt von der Familie jegliches Lebenszeichen. Das jüngste Kind war bei seiner Verhaftung gerademal zwei Jahre alt.

Gegen den Strom

YouTube Preview ImageDüster sieht es aus um Aleppo. Die Stadt ist seit Monaten belagert. Während die Kameras sich auf Kobane richteten, gelang es dem Regime, den Zugang zur Altstadt, die von Rebellen gehalten wird, auf einen schmalen Korridor zu begrenzen.Was, wenn dieser sich auch noch schließt? „Wenn das Regime die Altstadt wieder einnimmt, sind Zivilisten Geschichte,“ sagte die Aktivistin Marcell Shehwaro Anfang November bei einer Veranstaltung in Berlin. Shehwaro ist Mitgründerin der Organisation Kesh Malek („Schachmatt“), die seit einigen Wochen eine Kampagne durchführt, um die Weltöffentlichkeit von ihrer ausschließlichen Konzentration auf die Terrormiliz ISIS abzubringen. Während ISIS im Westen als größte Bedrohung gesehen wird, leiden viele SyrerInnen mindestens ebenso unter den fortgesetzten, jetzt aber weniger beachteten Gewalt des Regimes. Daher kleben AktivistInnen wo immer sie hinkommen Piktogramme von Assad auf Toiletten, eines bärtig, eines mit Sonnenbrille. „Same Shit“: Assad und ISIS seien letztlich das Gleiche in grün.

Marcell Shehwaro und ihre MitstreiterInnen arbeiten gleichzeitig daran, die Lebensbedingungen in Aleppo zu verbessern. Sie unterhalten mittlerweile zehn Schulen in der Stadt. Schulen, ebenso wie Krankenhäuser, zählen zu den vom Regime am stärksten ins Visier genommenen öffentlichen Einrichtungen, Lehrer werden nicht mehr bezahlt. Das öffnet gerade reichen konservativen oder islamistischen Organisationen Tür und Tor. Für ihre Unterstützung von Schulen fordern sie, die Lehrpläne entsprechend umzugestalten. Kesh Malek arbeitet diesem Trend der schleichenden religiös-ideologischen Beeinflussung entgegen.

Als Marcell 2012 von islamistischen Milizen festgesetzt wurde, weil sie sich weigerte, ein Kopftuch zu tragen, sorgte dies für eine Protestwelle. Marcell wurde wenig später nicht nur freigelassen, sondern erhielt von der Miliz eine schriftliche Entschuldigung. Der Zwischenfall steigerte ihr Ansehen, denn sie hatte bei ihrer Verweigerung das Kopftuch zu tragen, nicht darauf verwiesen, Christin zu sein, sondern es als Recht aller SyrerInnen eingefordert, sich so zu kleiden, wie sie es für richtig hielten.

Als größte Stadt Syriens galt die Metropole Aleppo einst. Heute ist ein Großteil der Industrie zerstört, und Hunderttausende haben die Stadt verlassen. Vor fast zwei Jahren, zwischen Januar und März 2013, spülte der Queik-Fluss in Aleppo jeden Tag eine schaurige Fracht in dem von der Freien Syrischen Armee gehaltenen Stadteil an. Über 200 Leichen von Jungen und Männern fischten die Bewohner aus dem Fluss. Die meisten von ihnen hatten hinter dem Rücken verbundene Hände und waren durch einen Kopfschuss getötet worden. Viele von ihnen zählten sich selbst nicht zu Oppositionellen. Sie waren für ihren Lebensunterhalt in Regime-Territorien unterwegs, verschwanden an Checkpoints und wurden im Regimegefängnis oberhalb am Flusslauf ermordet.

Um ihrer zu erinnern, veranstalteten dieser Tage Aktivisten in Aleppo einen Lauf – keinen Marathon, einen Wettlauf. Mehr als 60 der in der Altstadt Aleppos verbliebenen hüllten sich in die Farben der Revolution und wurden bei einer durch ihre Einfachheit bestechenden Siegerehrung gepriesen. Sie stellen sich gegen den Strom, gegen das Vergessen des gewaltsamen Todes. Der Queik-Fluss firmiert unter Oppositionellen als „Fluss der Märtyrer.