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Der gefürchtete Himmel – #ClearTheSky

Weather in Syria by Noura Aljawzi on Twitter

Weather in Syria by Noura Aljawzi on Twitter

Ein trauriges Muster prägt die Kriegsdynamik in Syrien: Wann immer die internationale Gemeinschaft bestimmte Formen der Gewalt verurteilt hat, hat dies nicht zu Deeskalation sondern zur Eskalation beigetragen. Diplomatisch war es kein gelungener Schachzug, früh zu erklären, man werde in Syrien nicht intervenieren, denn das Regime interpretierte dies als Erlaubmis, den Aufstand mit allen Mitteln niederzuschlagen, lange, bevor aus den Reihen der friedlich Protestierenden ernstzunehmende bewaffnete Gruppen hervorgingen. Wie es der syrische Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni unlängst noch einmal auf den Punkt brachte: „Ich habe Anders F. Rasmussen immer wieder gewarnt: Seid doch einfach still, selbst wenn ihr nicht intervenieren wollt, sagt es einfach nicht. Aber sie konnten die Klappe nicht halten.“

Die Warnung des US-Präsidenten Barack Obama vor dem Einsatz von Chemiewaffen im August 2012 bescherte den Zivilisten in Syrien einen blutigen Herbst: in den Monaten nach der Ankündigung dieser roten Linie war es, dass Human Rights Watch und Amensty international verheerende Häufungen der Angriffe der syrischen Luftwaffe auf die Warteschlangen vor den Bäckereien dokumentierten. Die harmloseste aller Tätigkeiten, Brot holen für die Familie, mit der in Syrien oft Kinder betraut waren, wurde plötzlich zu einer der riskantesten. Gleichzeitig wurden auch deutlich mehr der international geächteten Streubomben und Brandbomben eingesetzt.

Während die Welt im September 2013 gebannt verfolgte, wie durch Verhandlungen eine  unausweichlich scheinende militärische Intervention abgewendet wurde, bedeutete dies für SyrerInnnen keine Erleichterung sondern lediglich eine weitere Verschärfung ihrer Situation. Statt das Regime für seine undeklarierten Bestände – weltweit zu den größten gehörend – zur Rechenschaft zu ziehen und damit ein starkes Signal für internationales Recht zu setzen, war die Botschaft: es zahlt sich aus, internationales Recht zu brechen. Je schärfer die Verletzung, desto mehr Profit kann man als autoritäres Regime daraus schlagen, wenn man sich danach kooperativ gibt. Ein Beispiel, das in jedem Handbuch für das Überleben von Diktatoren Furore machen dürfte.

Mit seiner Verpflichtung, Chemiewaffen zu übergebenging einher, dass das Regime seine Angriffe mit den weitaus tödlicheren Fassbomben intensivierte. Selbst nach der UN-Sicherheitsresolution 2139 (2014), die explizit ein Ende der improvisierten, tödlichen Frachten forderte, warf das Regime mehr, nicht weniger Fassbomben ab, jetzt sogar teileweise mit Chlorgas gepaart.

AktivistInnen haben daher zum zweiten Gedenktag des Chemiewaffen-Massakers in Ghouta nicht nur an die damaligen Opfer erinnert, sondern eine Kampagne gestartet, in der sie ein Ende des Tods aus dem Himmel fordern: #ClearTheSky ist der Hastag, unter dem Planet Syria daran erinnert, dass Fassbomben die Hauptursache von Tod und Vertreibung in Syrien sind. In fünf knappen Punkten umreißen die AktivistInnen die Hauptpunkte, warum ein Ende der Luftangriffe der wichtigste Schritt  zu einer Befridung wäre. „Für die Kämpfe in Syrien kann es keine militärische Lösung geben. Aber wie damals in Bosnien kann eine Flugverbotszone zum Schutz der Zivilbevölkerung beitragen und helfen, die kämpfenden Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen. Zu viele Syrer_innen verbringen ihre Tage damit, in den Himmel hochzuschauen und sich zu fragen, wann die nächste Fassbombe fallen und was sie treffen wird,“ heißt es im letzten Absatz der Forderungen.

Heute finden in Aachen und Köln Demonstrationen dazu statt. Aber auch zu Hause kann jederR seine Solidarität zum Ausdruck bringen, in dem er/sie ein Foto von sich macht, den Blick zum Himmel gerichtet, und es unter #ClearTheSky weiterverbreitet.

Syrien: Hoffen auf Widerhall im All

Planet Syrien

Planet Syrien

„Planet Syrien“ heißt die Kampagne, die syrische AktivistInnen diese Woche gestartet haben, um für internationale Solidarität zu werben. Die wichtigsten Anligen der Unterzeichner aus dem gewaltfreien syrischen Widerstand: dass die internationale Gemeinschaft endlich den Fassbomben-Abwürfen en Ende bereitet, und dass es ernsthafte Friedensverhandlungen geben soll.

Der Name der Kampagne rührt daher, dass viele SyrerInnen – insbesondere aus den Kreisen des gewaltfreien Widerstandes – sich mit ihren Anliegen alleingelassen fühlen. „Wir werden behandelt, als ob wir Außerirdische seien, als ob wir irgendetwas ganz Undekbares fordern,“ heißt es, „dabei wollen wir etwas völlig normales: in Frieden leben.“

Je mehr die Situation in Syrien eskaliert ist, desto mehr ist in den Hintergrund getreten, dass die syrische Revolution monatelang in friedfertigen Demonstrationen bestand, ja, das eingangs noch nicht eimal der Sturz des Regimes gefordert wurde. Würde, Gerechtigkeit, ein Ende der Korruption und poltische Reformen waren es, wofür Menschen in ganz Syrien 2011 auf die Straße gingen, und worauf das Regime keine andere Antwort als die Gewalt fand. Insbesondere, seit ISIS im Sommer letzten Jahres Mossul überrant und einen eigenen „Staat“ ausgerufen hat, geht es in der Berichterstattung zu Syrien im Wesentlichen um die Grausamkeiten von ISIS, und gelegentlich um das Leid der Flüchtlinge. Dass nach wie vor die stärkste Bedrohung für Zivilisten in Syrien vom Assad-Regime ausgeht, gerät ebenso ins Hintertreffen. Gerade hat The Syria Campaign es in eindrucksvollen Grafiken festgehalten, die auf Daten des Violations Documentation Center beruhen:

The Syria Campaign: Wer tötet Zivilisten in Syrien?

Noch ungleicher fällt die Balance bei der Frage aus, wer hauptverantwortlich für den Tod meidizinischen Personals ist. Ärzte, Krankenschwestern und medizinische Einrichtungen sind in den letzten Jahren gezielt ins Visier genommen worden. Über 60% der syrischen Krankenhäuser gelten als zerstört, die übrigen als begrenzt funktionsfähig. 97,4% der Toten aus dem Gesundheitssektor hat das Regime auf dem Gewissen. 

Leicht könnte man den Eindruck gewinnen, dass es in Syrien keine demokratischen Kräfte mehr gibt. Das Regime hat sein Möglichsts getan, um eine solche Situation heraufzubeschwören. Von Anfang an hat es die Demontranten als „Terroristen“ bezeichnet und verfolgt. Hunderttausende sind mit ungeklärtem Schicksal in Regeimegefängnissen verschwunden, und die Fotos von über 10.000 zu Tode Gefolterten, die zwecks Identifikation der Opfer nun ins Internet gestellt werden, lassen für viele von ihnen Schlimmes vermuten. Über die Hälfte des Bevölkerung ist auf der Flucht. Auf dem Friedhof, im Gefängnis, im Exil – so wurde die syrische Opposition nach dem Massaker von Hama 1982 verortet, und so könnte man es auch heute für viele AktivistInnen zynisch umschreiben.

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Umso bewundernswerter, dass es, trotz vier Jahren des erbarmungslosen Krieges und obwohl durch die Terrormiliz ISIS und andere extrmistische Gruppen die Bedrohungen für gewaltfreie AktivistInnen vielfältiger geworden sind, weiterhin eine so starke Bürgerbewegung in Syrien gibt. 85 syrische Organisationen haben sich für „Planet Syrien“ zusammengefunden. Ein Ende der Fassbomben erscheint ihnen eine besondere Dringlichkeit, weil Fassbomben wahllos töten: es handelt sich um improvisierte Bomben, die nicht gezielt abgeworfen werden können, und die das Regime im Wesentlichen eingesetzt hat, um ganze Stadteile und Ortschaften außerhalb seiner Kontrolle in Schutt und Asche zu legen. Die meisten Opfer von Fassbomben sind Zivilisten, und die meisten Zivilisten, die in diesem Krieg einer Regierung gegen ihr eigenes Volk sterben, sterben durch Fassbomben.

Auch Chlorgas ist mit syrischen Fassbomben abgeworfen worden. Chlorgas selbst fällt nicht unter die Chemiewaffenkonvention fällt, der Syrien 2013 beitrag, als es nach einem Chemiewaffeneinsatz erstmals zugab, über nicht-konventionelle Waffen zu verfügen. Wohl aber dessen Einsatz als Waffe.

Es ist über ein Jahr her, dass der UN-Sicherheitsrat und damit auch Russland die Resolution 2139 verabschiedete, in der ein Ende der Fassbombenabwürfe gefordert wird. Es ist wenige Wochen her, dass mit UN-Resolutin 2209 nicht nur ein Ende des Chemiewaffeneinsatzes in Syrien gefordert wurde, sondern auch erwähnt wurde, dass zur Umsetzung der Resolution Gewalt angewendet werden kann. Das syrische Regime schert sich um keine der Resolutionen, und die internationale Gemeinschaft zeigt keinerlei Anzeichen, dass sie die Umseztung dieser Resolutionen einfordern wird.

Daher wenden sich die Organisatoren der Kampagne an die breite Öffentlichkeit: „Lasst uns hören, dass wir wenigstens eure moralische Unterstützung haben, so das Motto. Für den 7. April hat „Planet Syrien“ all diejenigen aufgefordert, die ein Ende der Gewalt in Syrien unterstützen, eigene Aktionen an ihren jeweiligen Orten zu starten, um ein Ende der Fassbomben und ernsthafte Verhandlungen einzufordern. Sie hoffen, dass zumindest dieser Aufruf nicht ungehört im All verhallt.

 

Im Nebel der Selbstbeweihräucherung

Prima, UN-Chemiewaffeninspektoren (c) Coordination Committee Kafranbel

Prima, UN-Chemiewaffeninspektoren
(c) Coordination Committee Kafranbel

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Entscheidungen des Nobelpreiskommittees für Erstaunen sorgen. Die Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises an die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) gehört sicherlich dazu. Nicht nur, weil es prominente und aussichtsreiche Mitbewerberinnen gab, sondern auch, weil diese Organisation erst in Folge des Einsatzes von Chemiewaffen in Syrien ins Rampenlicht geriet. Die OVCW hat keine Rolle bei den Verhandlungen mit dem Regime gespielt, und das Kommittee betont, dass sie die OVCW generell, nicht speziell für ihre Rolle in Syrien auszeichnet, aber es fällt schwer, beides getrennt voneineander zu betrachten.

So schreibt der syrische Journalist Massoud Akko: „Ich denke, der Preis sollte halbe-halbe mit den Opfern in Ghouta geteilt werden, denn ohne sie hätte die OVCW ihn nie gewonnen.“ Er betont, dass er persönlich nichts dagegen habe, dass die OVCW ausgezeichnet worden sei, aber dass er das Nobelpreiskommitte gerne fragen würde, warum sie sich über Chemiewaffen in der Welt, nicht aber ihre Opfer sorgen würden. Noch zynischer sieht es die Aktivistin Lama Janoudia: „Es wäre gerecht gewesen, den Preis zwischen der OVCW und dem Sohn von Anisa (Bashar Assads Mutter) zu teilen.“ Der Aktivist Ghafan Shiply spottet: „Wir können froh sein, dass nicht Putin den Preis gewonnen hat.“

Zwar wird erhofft, dass sie bezüglich der syrischen Chemiewaffen Großes leisten wird, aber es ist kein Geheimnis, dass die Zeichen hierfür nicht gut stehen. Insofern ist verständlich, warum Aktivisten verbittert auf die Preisverleihung reagieren.

Der libanesische Politikwissenschaftler Ziad Majed schreibt hierzu: „Nicht nur, dass es ein politischer und ethischer Skandal ist, dass der Nobelpreis an eine Organsiation geht, die nur aktiv zu werden schien, als ein Krimineller namens Assad innerhalb weniger Stunden 1400 Zivilisten mit chemischen Waffen tötete und dann (theoretisch) zustimmte, sein Chemiewaffenarsenal zu zerstören, um jegliche Form der „Gerechtigkeit“  zu vermeiden, sehen wir uns dieses Jahr mit einem Preis konfrontiert, der einer Organisation für eine Mission verliehen würde, die sie erst noch in Angriff nehmen muss, und deren Erfolg sie nicht garantieren kann. Eine Schande.“

Es ist zweierlei, was die Gemüter in der Region erhitzt: Einerseits die Frage der Gerechtigkeit. Die Diskussion über den Chemiewaffeneinsatz in Syrien ist weitgehend so geführt worden, als ginge es nur um die Waffen selbst – nicht um die Opfer oder und nicht darum, wer sie einsetzt. Eine juristische Aufarbeitung steht nicht auf der Tagesordnung, und natürlich stellt sich bei der Übereinkunft zu deren Vernichtung die Frage: Seit wann ist es ausreichend, dass ein Mörder seine Waffe aufgibt, damit er nicht vor Gericht gestellt wird?

Zu keinem Zeitpunkt hat Assad den Opfern in Ghouta sein Beileid ausgesprochen und bekam schnell wieder Oberwasser, als klar war, dass es keine militärische Intervention gegen ihn geben würde. Sein PR-Team zusammen mit Russland versuchte, die Schuld den Rebellen zuzuweisen. Erst unlängst behauptete Assad in einem Interview, Sarin sei ein „Küchengas“, dass die Aufständischen selbst hätten produzieren können, was der Experte Dan Kaszenta angesichts der eingesetzten Mengen und basierend auf eigenen Versuchen ad absurdum führt. 

Der Einsatz von Chemiewaffen sicherlich einen Zivilisationsbruch dar – doch das ist bei dem Einsatz von Brandbomben oder Streumunition, der in Syrien an der Tagesordnung nicht anders, ganz zu schweigen von den gezielten und massiven Angriffen mit anderen konventionellen Waffen, denen Zivilisten während des gesamten Konfliktes ausgesezt sind.

Save Syria (c) Fadi Zyada

Save Syria (c) Fadi Zyada

Während ausgehandelt wurde, den Chemiewaffeninspektoren Zugang zu gewähren, gibt es kein vergleichbares Insistieren, wenn es um den Zugang humanitärer Organisationen geht. Dabei mehren sich Berichte, wie die immer karger werdende medizinische Versorgung und Nahrungsmittelblockaden zum Tode vieler Zivilisten führen. „Vergesst die Chemiewaffen, Assad benutzt das Aushungern als Waffe gegen Zivilisten,“ schrieb Journalistin Aryn Baker jüngst im TIME Magazine. Mitte September hatten Ärzte Alarm geschlagen, dass das Gesundheitssystem in Syrien vor dem Zusammenbruch steht, und seit Beginn des Konfliktes sind Krankenhäuser und Ärzte gezielt angegriffen und in ihrer Arbeit behindert worden.

In Syrien und der Region verfestigt sich der Eindruck, dass internationale Mächte über ihre Köpfe hinweg verhandeln und entscheiden und dabei einen Großteil der Bedenken und Bedürfnisse der regionalen Staaten ausblenden. SyrerInnen sind nicht gefragt worden, was sie von den Verhandlungen um die Chemiewaffen halten, doch das verschwand im Nebel der Selbstbeweihräucherung über den „Durchbruch“. Nichts würde man sich im Libanon dringender wünschen, als ernsthafte Versuche, eine politische Lösung in Syrien herbeizuführen, aber um einen Termin für „Genf II“ und tatsächliche Vorbereitungen ist es still geworden.

Auch gibt es wenige erkennbare Versuche, die Nachbarstaaten bei der Lösung der immer drängenderen Probleme, die durch den Konflikt entstehen, zu unterstützen. Mit Bedauern erkennt man an, dass zum Beispiel der Libanon unter enormem politischen und humanitären Druck steht, aber politische Initativen lassen auf sich warten. Der Libanon ist das einzige Nachbarland, das seine Grenze weiterhin offen hält und in dem kein Pass sondern nur ein Personalausweis zur Einreise erforderlich ist. Bereits jetzt hat es von allen Nachbarstaaten die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Die ESCWA schätzt, dass die Zahl der syrischen Flüchtlinge im Libanon nächstes Jahr 2,3 Millionen erreichen wird. Die meisten europäischen Staaten haben keine Zusagen gemacht, Flüchtlinge aufzunehmen. Hier ist Deutschland mit 5000 Flüchtlingen Vorreiter. 5000 ist in etwa die Zahl der Flüchtlinge, die innerhalb von ein, zwei Tagen die Grenze in den Libanon überqueren.

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Mitarbeit: Haid Haid

Von Rissen und Sprüngen

Vieles ist in Bewegung dieser Tage: Irans Präsident Hassan Rouhani twitterte, die internationale Gemeinschaft solle „alles in ihrer Macht stehende“ tun, um weltweit und insbesondere in Syrien den Einsatz von Chemiewaffen zu verhindern. Der iranische Expräsident Akbar Hashemi Rafsanjani wies am heutigen Sonntag der syrischen Regierung die Schuld an dem Angriff zu: „Die Menschen wurden Ziel eines Chemiewaffenangriffs ihrer eigenen Regierung und müssen sich nun auf einen Angriff von außen einstellen,“ sagte er. Die halbstaatliche iranische Nachrichtenagentur stellte wenig später eine neutralisierte Fassung dessen ins Netz.

Auch zwischen Moskau und Damaskus scheint nicht alles eitel Sonnenschein. Russland hat erklärt, einstweilen von der eigentlich angekündigten Lieferung eines elaborierten Luftabwehrsystems abzusehen und beruft sich dabei auf ausstehende Zahlungen aus Damaskus.

Die berühmten Plakatemaler aus Kafranbel zeichnen, was sie sich von Obama bezüglich Bashar al-Assads erhoffen

Die berühmten Plakatemaler aus Kafranbel zeichnen, was sie sich von Obama bezüglich Bashar al-Assads erhoffen (c): Kafranbel Coordination Committee 2013

Während das syrische Regime zunächst so tat, als habe sich in Ghouta nichts besonderes abgespielt, sprach Russland von Anfang an von einem Einsatz von Chemiewaffen, den es allerdings den Rebellen anlastete. Eine so geringe Koordination zwischen der Politik der russischen und der syrischen Regierung erweckt den Eindruck, als knirsche es vielleicht auch im Bündnis dieser beiden.

Diesen Rissen steht eine sprunghaft wirkende Politik der erklärten Gegner des Assad-Regimes gegenüber. In den ersten Tagen nach dem Chemiewaffenangriff drängten die USA und Großbritannien mit einer Eile auf einen Militärschlag, dass es schien, als wollten sie die Untersuchungsergebnisse der UN-Inspektoren gar nicht erst abwarten. Kaum hatten diese Syrien jedoch verlassen, drehte sich der Wind. Der britische Premierminister David Cameron erreichte im Parlament keine Mehrheit für einen Militärschlag. US-Präsident Obama sagte, er wolle nun doch den Kongress darüber entscheiden lassen. Und dieser tritt nicht vor dem 9. September zusammen. Wenig später bekundete Außenminister Kerry, den USA lägen neue Beweise für den Einsatz von Sarin vor, und ein Militäreinsatz könne eventuell doch vor dem 9. September statfinden. Diese Volten sind nicht gut nachzuvollziehen. Es wirkt hemdsärmlig, sich erst weit aus dem Fenster zu lehnen und dann einen Rückzieher zu machen.

Was von außen, negativ gesehen, wie politische Ungeschicklichkeit oder, positiv gesehen, wie ein späteres Besinnen auf demokratische Legitimation wirken mag, hat in der Region massive Auswirkungen: Gegner und Befürworter eines Luftschlages sind in ihrer Angst vor den Angriffen und den damit verbundenen Unwägbarkeiten geeint. Eine massive Fluchtwelle aus Syrien in den Libanon verfielfachte über Nacht die Flüchtlingszahlen. Der Flughafen Beirut war überfüllt von denjenigen, die wiederum den Libanon aufgrund der hier zu erwartenden Auswirkungen verließen. Das syrische Regime beeilte sich, Militärbasen und potentielle Angriffsziele zu räumen, verteilte seine Soldaten in Wohnviertel und zivile Einrichtungen, während es – so viele Berichte – gleichzeitig weitere Gefangene an die Militärflughäfen verbrachte. Eine kurze Atempause von Luftangriffen entstand; syrische Oppositionelle schöpften Hoffnung. Sobald sich abzeichnete, dass akut nichts geschen würde, ging das Regime wieder zu unverminderten Angriffen über. Der syrische Sender al-Douniya verkündete lautstark, zwei amerikanische Kriegsschiffe und drei britische Kampffugzeuge seien aus Angst vor den syrischen Streitkräften desertiert.

Foto: ad-Dunya TV Syrien

Foto: ad-Dunya TV Syrien

Unter syrischen Oppositionellen dämpfte die Ankündigung die Hoffnungen auf Hilfe von außen. Viele gehen davon aus, dass aufgeschoben in diesem Fall aufgehoben bedeutet, und dass sich ihre Befürchtung, das syrische Regime werde letztlich mit allem davonkommen, bewarheitet.

Doch auch über die Bedenken was die Folgen einer Intervention – und die einer Nicht-Intervention – bedeuten, ist im Libanon die Stimmung gedrückt. In den letzten Wochen haben mehrere Anschläge das Land erschüttert. Anders als bei vorherigen Anschlägen, die jeweils konkret einer Person galten, waren bei den vergangenen Anschlägen möglichst hohe Opferzahlen augenscheinlich das Ziel – einer in einem vorwiegend schiitischen Stadtteil Beiruts, zwei vor sunnitischen Moscheen in Tripoli. Bei letzteren hat man Drahtzieher festgesetzt – und eine Spur, die augenscheinlich zum syrischen Regime führt. 

Der Sargnagel der Menschlichkeit

Mahnwache in Beirut, bei der der UN eine Petition für die Untersuchung der Vorfälle überreicht wurde, 21.08. (Foto: Bente Scheller)

Mahnwache in Beirut, bei der der UN eine Petition für die Untersuchung der Vorfälle überreicht wurde, 21.08. (Foto: Bente Scheller)

Worte des Bedauerns für die vielen Toten in Syrien findet der syrische Präsident schon lange nicht mehr. So wenig das syrische Regime das Leben seiner Bürger schützt, so wenig Respekt zollt es ihnen auch im Tod. Während seit gestern weltweit Schweigeminuten für die Hunderte von Opfern eines Chemiewaffenangriffs in Damaskus‘ Vororten abgehalten werden, gibt es von offizieller Seite nur Statements, die den Sachverhalt an sich oder zumindest die Verantwortung dafür von sich weisen. Kondoliert wird nicht, und auch keine Trauer geflaggt, auch wenn es wohl kaum schwerer zu ertragende Bilder gibt, als die schier endlosen Reihen der Leichen kleiner Kinder.

"Papa, hilf mir schnell mich anzuziehen, sonst komme ich noch zu spät zur Schule." (Künstlergruppe "Das syrische Volk kennt seinen Weg")

„Papa, hilf mir schnell mich anzuziehen, sonst komme ich noch zu spät zur Schule.“ (Künstlergruppe „Das syrische Volk kennt seinen Weg“)

Die Menschen in Zamalka, Douma, Moadamiye, Jobar, Erbin und mehreren anderen Orten wurden gestern in den frühen Morgenstunden von heftigen Angriffen überrascht. Von über 1200 Toten spricht die Opposition. Gezählt sind bislang nur die Toten in den Krankenhäusern. Aktivisten vor Ort vermuten, dass viele noch in ihren Häusern liegen – über der Dringlichkeit, den vielleicht noch zu rettenden zu helfen, ist man bislang nicht dazu gekommen, viele der Häuser überhaupt zu betreten.Viele der Orte gelten als Hochburgen des Widerstands gegen die Regierung und waren seit langem umkämpft. Daher gab es in den meisten Krankenhäusern auch schon lange keine Ausstattung mehr, um überhaupt helfen zu können.

Die offizielle syrische Nachrichtenagentur spricht von „Gerüchten“, dass Chemiewaffen eingesetzt worden seien und zitiert Moskau, das hinter den, ein „Ablenkungsmanöver“ für die soeben eingetroffenen UN-Inspektoren, die den vorherigen Gebrauch von chemischen Kampfstoffen untersuchen sollen. Es mag absurd wirken, dass das syrische Regime ausgerechnet wenige Tage nachdem die Untersuchungskommission das Land betreten hat, in ihrer Nähe einen Giftgasangriff startet.

Anwar Al Eissa

Anwar Al Eissa

Allerdings war schon beim Besuch der UN-Beobachter 2012 klar, dass die Regierung ihre Angriffe ungerührt fortsetzte. Die jetzige Mission ist das Ergebnis monatelangen zähen Verhandelns, denn obwohl Damaskus die Beobachter zunächst angefordert hatte, weigerte es sich dann, sie einreisen zu lassen und will auch jetzt noch bestimmen, welche Orte sich Ake Sellström und sein Team ansehen können. Wenngleich zwischen Stadtzentrum und den betreffenden Vororten nur wenige Kilometer liegen – eine Entfernung wie zwischen dem Reichstag und Steglitz oder Pankow – kann es sehr gut sein, dass die Inspektoren sich nur mit den kleineren Vorfällen im März, nicht aber mit dem größten und akuten befassen dürfen.

Dass es das syrische Regime bestreitet, Chemiewaffen eingesetzt zu haben, hält Assad-Loyalisten nicht davon ab, das zu konterkarieren: im Damaszener Viertel Jisr al-Rais stellten feiernde Shabiha – Milizen des Regimes – Lautsprecher auf und fuhren johlend in Autos durch die Stadt.

Anwar Al Eissa: Der Sargnagel der Menschlichkeit

Anwar Al Eissa: Der Sargnagel der Menschlichkeit

Im Stadtteil Mezzeh verteilten pro-Regime-Kräfte Süßigkeiten, und zahlreiche staatliche Milizen bejubelten auf ihren Facebook-Seiten, dass das Regime „endlich“ den Einsatz von Chemiewaffen angeordnet habe, um die Region zu „säubern“.

Das Massaker und der Umgang damit ist, wie der syrische Künstler Anwar al-Eissa es in seiner Version des Symbols für chemische Waffen darstellt, der „Sargnagel der Menschlichkeit“.