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Gute Beine, schlechte Beine? Burkini vs. Speedos

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

© Marwan Aoun (Instagram: sinfulmale)

 

 

Ein Gastbeitrag von Brandie Podlech

Libanons Strände sind bekanntermaßen nicht nur Orte der Erholung, des Exzesses und der Balz, sondern auch Austragungsorte von Deutungskämpfen. Schlagzeilen machen dabei vor allem rassistische Zutrittsverbote für Hausangestellte und „people of colour.“ Offenbar herrschen derzeit an den Küsten Frankreichs Strandprobleme anderer Natur und auch fernab des Ozeans schlägt das Thema hohe Wellen: die richtige Bademode für die Frau.

Wie überall in der Welt ist es im Libanon als Frau nicht leicht, sich für das passende Strandoutfit zu entscheiden – einerseits will man möglichst wenigen Balzversuchen ausgesetzt sein, andererseits aber auch modisch auf dem aktuellen Stand bleiben. Momentan ist der Trend hier eher „weniger ist mehr“.

Eines ruhigen Sonntags im Monat Ramadan war ich mit Freunden, darunter Marwan, dessen Bild diesen Artikel ziert, an einem recht menschenleeren Strand. Wir hatten uns bereits ins Wasser gestürzt – drei Männer und eine Frau –, da musste der Strandaufseher aufgebracht rufend und winkend für Ordnung sorgen. Doch nicht mein Bikini war das Problem. Er hatte ausgemacht, worin die tatsächliche Bedrohung bestand: in Marwans Körper, genauer gesagt, seiner Badehose (siehe Foto). „Das Tragen von Speedos ist hier verboten.“ Glücklicherweise mussten wir bloß 20 Minuten im Wasser warten bis ein Freund mit langen extra-Badeshorts kam und für Marwans Rettung sowie die Sicherheit der anderen Badegäste sorgte.

Daran, eine logische Erklärung zu finden, sind wir an jenem Tag gescheitert. Heute möchte ich daher einmal versuchen, eine willkürliche Sammlung von Argumenten für die jüngsten Verbote umstrittener Bademoden in Frankreich auf ein Speedos-Verbot im Libanon anzuwenden:

Leider habe ich es versäumt, den Strandaufseher dazu zu befragen. Sein Kommentar hätte wohl in etwa so gelautet: „Es geht nicht darum, das Tragen modischer Statements am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu sexuellen Orientierungen hinweist, die gegen uns Krieg führen.

Was in Europa nach „höchster Verblödungsbereitschaft mit einem zutiefst rassistischen Kern“ klingt, war am Strand von Jiyeh wohl Homophobie – und damit eine Waffe des Sexismus.


Brandie Podlech

Brandie Podlech

Brandie Podlech studierte Politikwissenschaft, Arabistik und Iranistik in München. Im Sommer 2016 forscht sie im Rahmen eines Praktikums bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut zu „Masculinities“ in libanesischen TV- und Webserien.

Bassekou Kouyate, der König der Ngoni

Bassekou Kouyate (c) Marwan Tahtah, mit freundlicher Genehmigung

Bassekou Kouyate (c) Marwan Tahtah, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Schwarze sieht man im Libanon nicht oft. Und wenn, dann sind es die Hausangestellten der Nachbarn, die, die den Balkon putzen, den Hund ausführen oder ein kleines weißes Kind an der Hand halten. Insofern ist das Konzert des international renommierten Musikers Bassekou Kouyate aus Mali etwas ganz besonderes. „Wir hoffen, dass das für den Libanon Außergewöhnliche zur Normalität wird!“ leitet die Direktorin des Springfestivals Hanane Hajj Ali, einen Turban aus afrikanischen Tüchern auf dem Kopf, das Konzert ein und fragt sogleich nach den Nationalitäten des Publikums. Libanesen, Spanier, Italiener, Ägypter, Senegalesen, Syrer, Franzosen und Briten sitzen im Saal und waren auf den Auftritt des Musikers und seiner Band Garana Roots.

Dann erklingen die ersten Töne Westafrikas in Beirut und bringen den Saal zum schwingen. Kaum einen hält es an diesem Abend auf seinem Platz, wenn der charmante „King of Ngoni“ Bassekou Kouyate das dreisaitige Instrument spielt, als sei es eine E-Gitarre.

Seine Worte sind oft politisch und enthalten eine Botschaft an die westlichen Kolonialmächte: „Wir weigern uns mit westlichen Instrumenten zu spielen. Wir spielen immer noch mit unseren traditionellen Instrumenten.“ Und schon beweist Bassekou, dass man auch mit einer Ngoni, Westafrikas ältestem Instrument, Blues spielen kann- Beirut tobt! Besonders ein paar Frauen aus Senegal, die für den heutigen Abend ihre schönsten traditionellen westafrikanischen Kleider tragen, können sich nicht länger zurückhalten und laufen vor die Bühne, in eine senegalesische Flagge eingewickelt – und tanzen sich die Füße wund.

Die Band Garana Roots hat heute ihre Weltpremiere und besteht ausschließlich aus Familienmitgliedern Bassekous: Dar wäre der Bruder, der die Percussions spielt, Bassekous Sohn an einem westafrikanischen Bassinstrument, seine Tochter, die mit ihrer Stimme heute Bassekous Frau ersetzt. Und zu guter Letzt ist da noch Bassekous Vater, sicher schon an die 90 Jahre alt, der mit solch einer Intensität singt, dass manch einer im Publikum neidisch wird, wie er ganz ohne Fitnessstudio und Botox so eine Vitalität ausstrahlen kann.

Für ein paar Stunden vergessen wir, dass wir in Beirut sind, wo Menschen mit anderer Hautfarbe oft Diskriminierungen ausgesetzt sind. Die Zuschauer tanzen miteinander und lauschen dem französischen Dialekt Malis. Doch Bassekou Kouyates Mali ist auch ein Land, das in den vergangenen Jahren große Unruhen durchlebt hat. In einem Song erzählt Bassekou, wie das traditionelle Festival du D’esert zur einzigen Bühne in Mali wurde, auf der sie spielen konnten und wie das Festival mehrmals den Veranstaltungsort ändern musste und 2014 sogar im Exil in Berlin stattfand, wegen der Bedrohung durch Rebellengruppen. Die Geschichten aus Mali erinnern an Libanons Nachbarland Syrien. „Wir hatten Leute in unserem Land, wir wussten nicht woher sie kamen. Sie waren plötzlich da. Aber jetzt sind sie zum Glück wieder weg!“ beschwört Bassekou Kouyate und lädt nach Mali ein.

Den Abschluss krönt eine afrikanische Version des kubanischen Songs „Guantanamera“, bei dem die Frauen aus Senegal sich nicht mehr zurückhaltend können und kurzerhand die Bühne stürmen. Während sie noch wild ihre Hüften schwingen, stehlen sich die Musiker schelmisch von der Bühne – nicht ohne ein letztes Augenzwinkern 😉


Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.