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Auf der Champs-Elysée der Flüchtlinge

Auf der Hauptstraße des Flüchtlingslagers Al-Zaatari, 70km nördlich von Amman, haben entlang der Hauptstraße in Containern dutzende Shops geöffnet, in denen fast alles zu haben ist: Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Werkzeug, Haushaltswaren, Elektrogeräte, Fernseher. Es gibt Bäckereien, Friseursalons, Moscheen und Cafés. So groß ist die Vielfalt, dass die neue Hauptstraße von den syrischen Flüchtlingen schon informell mit einem guten Schuss Zynismus umbenannt wurde: In „Champs-Elysée.“ Ansonsten erinnern nur die überteuerten Preise an die französische Hauptstadt. Eines der Cafés hier heißt „Coffee Freedom “ – Freiheit, das ist das eine Gut, das weder in Syrien noch für die syrischen Flüchtlinge in Al-Zaatari zu erwerben ist.

Staubige Hauptstraße „Champs-Elysée“ in Zaatari. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Freedom Café im Wohncontainer in Zaatari. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Der zweite Besuch im Flüchtlingslager Al-Zaatari in Jordanien zeigt, dass ich viel verändert hat. Wo vor über einem Jahr nur endlose Zeltreihen und improvisierte Feld-Krankenhäuser standen, entsteht nun eine kleine Stadt. Hier leben Flüchtlinge aus Syrien, die den schweren Kämpfen aus der Region Der’a in Südsyrien entkommen sind. Hier fing 2011 alles an mit dem Aufstand gegen Bashar al-Assad. Wer hier angekommt, ist schwer traumatisiert vom Krieg. Viele Männer haben für die Freie Syrische Armee gekämpft, manche gehen auch wieder zurück ins Kriegsgebiet. Vor einem Jahr waren die Zustände im Lager noch so schlimm, das auch ganze Familien statt der harschen Bedingungen in Zaatari die Rückkehr nach Syrien unter Lebensgefahr erwogen. Jetzt bleiben die meisten, der Süden Syriens wird weiter heftig vom Regime Bashar al-Assad’s bombardiert. Der Leiter des UNHCR vor Ort, ein Deutscher, will das Flüchtlingslager Zaatari in eine kleine Stadt verwandeln. Mit Gemeineräten, Gericht und erhöhter Eigenverantwortung der Flüchtlinge; nicht um einen permanenten Wohnort zu kreieren (Zaatari zählt mit um die 100.000 Bewohnern bereits zu den größten Siedlungen in Jordanien), sondern um bis zur Rückkehr ihre Situation zu weit wie möglich zu verbessern und ihnen ein bisschen Würde zurückzugeben.

Internationale Hilfe wird zwar viel zugesagt in diesen Tagen, aber noch nicht einmal die mindeste humanitäre Grundversorgung  erreicht alle Flüchtlinge. Besonders dramatisch ist die Lage der hundertausenden Flüchtlinge außerhalb  der Lager: In Jordanien sind das über 400.000 (Hier ein Überblick über die deprimierenden Zahlen der Flüchtlingswelle nach Jordanien). Der Großteil ist arbeitslos und in Jordanien nur geduldet; Kinderarbeit, Verheiratung von minderjährigen Mädchen und Missbrauch sind wachsende Probleme der schutzlosen Flüchtlingsgemeinden, darunter viele Familien mit bis zu zehn Kindern, die völlig mittellos nach Jordanien  geflohen sind, sind keine Seltenheit.

Unter den Jordaniern wachsen derweil Vorurteile und Feindseligkeit. Zwar stimmt, dass Jordanien lange die Grenzen für die Flüchtlingsströme geöffnet hatte. Aber uneingeschränkt offen ist die Grenze nicht mehr, Berichten zufolge dürfen unter anderem Flüchtlinge palästinensischer Herkunft und junge alleinstehende Männer die Grenze nicht mehr überqueren – das jordanische Königreich befürchtet Auswirkungen auf die innere Sicherheit. Wenn man bedenkt, dass die 80-Millionen-Nation Deutschland gerade einmal bereit ist 5000 Syrerinnen und Syrern Schutz zu bieten, erscheinen 500.000 Menschen für das kleine Nachbarland Syriens mit nur ca. 6 Millionen Einwohnern in einem anderen Licht.

Im Nebel der Selbstbeweihräucherung

Prima, UN-Chemiewaffeninspektoren (c) Coordination Committee Kafranbel

Prima, UN-Chemiewaffeninspektoren
(c) Coordination Committee Kafranbel

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Entscheidungen des Nobelpreiskommittees für Erstaunen sorgen. Die Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises an die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) gehört sicherlich dazu. Nicht nur, weil es prominente und aussichtsreiche Mitbewerberinnen gab, sondern auch, weil diese Organisation erst in Folge des Einsatzes von Chemiewaffen in Syrien ins Rampenlicht geriet. Die OVCW hat keine Rolle bei den Verhandlungen mit dem Regime gespielt, und das Kommittee betont, dass sie die OVCW generell, nicht speziell für ihre Rolle in Syrien auszeichnet, aber es fällt schwer, beides getrennt voneineander zu betrachten.

So schreibt der syrische Journalist Massoud Akko: „Ich denke, der Preis sollte halbe-halbe mit den Opfern in Ghouta geteilt werden, denn ohne sie hätte die OVCW ihn nie gewonnen.“ Er betont, dass er persönlich nichts dagegen habe, dass die OVCW ausgezeichnet worden sei, aber dass er das Nobelpreiskommitte gerne fragen würde, warum sie sich über Chemiewaffen in der Welt, nicht aber ihre Opfer sorgen würden. Noch zynischer sieht es die Aktivistin Lama Janoudia: „Es wäre gerecht gewesen, den Preis zwischen der OVCW und dem Sohn von Anisa (Bashar Assads Mutter) zu teilen.“ Der Aktivist Ghafan Shiply spottet: „Wir können froh sein, dass nicht Putin den Preis gewonnen hat.“

Zwar wird erhofft, dass sie bezüglich der syrischen Chemiewaffen Großes leisten wird, aber es ist kein Geheimnis, dass die Zeichen hierfür nicht gut stehen. Insofern ist verständlich, warum Aktivisten verbittert auf die Preisverleihung reagieren.

Der libanesische Politikwissenschaftler Ziad Majed schreibt hierzu: „Nicht nur, dass es ein politischer und ethischer Skandal ist, dass der Nobelpreis an eine Organsiation geht, die nur aktiv zu werden schien, als ein Krimineller namens Assad innerhalb weniger Stunden 1400 Zivilisten mit chemischen Waffen tötete und dann (theoretisch) zustimmte, sein Chemiewaffenarsenal zu zerstören, um jegliche Form der „Gerechtigkeit“  zu vermeiden, sehen wir uns dieses Jahr mit einem Preis konfrontiert, der einer Organisation für eine Mission verliehen würde, die sie erst noch in Angriff nehmen muss, und deren Erfolg sie nicht garantieren kann. Eine Schande.“

Es ist zweierlei, was die Gemüter in der Region erhitzt: Einerseits die Frage der Gerechtigkeit. Die Diskussion über den Chemiewaffeneinsatz in Syrien ist weitgehend so geführt worden, als ginge es nur um die Waffen selbst – nicht um die Opfer oder und nicht darum, wer sie einsetzt. Eine juristische Aufarbeitung steht nicht auf der Tagesordnung, und natürlich stellt sich bei der Übereinkunft zu deren Vernichtung die Frage: Seit wann ist es ausreichend, dass ein Mörder seine Waffe aufgibt, damit er nicht vor Gericht gestellt wird?

Zu keinem Zeitpunkt hat Assad den Opfern in Ghouta sein Beileid ausgesprochen und bekam schnell wieder Oberwasser, als klar war, dass es keine militärische Intervention gegen ihn geben würde. Sein PR-Team zusammen mit Russland versuchte, die Schuld den Rebellen zuzuweisen. Erst unlängst behauptete Assad in einem Interview, Sarin sei ein „Küchengas“, dass die Aufständischen selbst hätten produzieren können, was der Experte Dan Kaszenta angesichts der eingesetzten Mengen und basierend auf eigenen Versuchen ad absurdum führt. 

Der Einsatz von Chemiewaffen sicherlich einen Zivilisationsbruch dar – doch das ist bei dem Einsatz von Brandbomben oder Streumunition, der in Syrien an der Tagesordnung nicht anders, ganz zu schweigen von den gezielten und massiven Angriffen mit anderen konventionellen Waffen, denen Zivilisten während des gesamten Konfliktes ausgesezt sind.

Save Syria (c) Fadi Zyada

Save Syria (c) Fadi Zyada

Während ausgehandelt wurde, den Chemiewaffeninspektoren Zugang zu gewähren, gibt es kein vergleichbares Insistieren, wenn es um den Zugang humanitärer Organisationen geht. Dabei mehren sich Berichte, wie die immer karger werdende medizinische Versorgung und Nahrungsmittelblockaden zum Tode vieler Zivilisten führen. „Vergesst die Chemiewaffen, Assad benutzt das Aushungern als Waffe gegen Zivilisten,“ schrieb Journalistin Aryn Baker jüngst im TIME Magazine. Mitte September hatten Ärzte Alarm geschlagen, dass das Gesundheitssystem in Syrien vor dem Zusammenbruch steht, und seit Beginn des Konfliktes sind Krankenhäuser und Ärzte gezielt angegriffen und in ihrer Arbeit behindert worden.

In Syrien und der Region verfestigt sich der Eindruck, dass internationale Mächte über ihre Köpfe hinweg verhandeln und entscheiden und dabei einen Großteil der Bedenken und Bedürfnisse der regionalen Staaten ausblenden. SyrerInnen sind nicht gefragt worden, was sie von den Verhandlungen um die Chemiewaffen halten, doch das verschwand im Nebel der Selbstbeweihräucherung über den „Durchbruch“. Nichts würde man sich im Libanon dringender wünschen, als ernsthafte Versuche, eine politische Lösung in Syrien herbeizuführen, aber um einen Termin für „Genf II“ und tatsächliche Vorbereitungen ist es still geworden.

Auch gibt es wenige erkennbare Versuche, die Nachbarstaaten bei der Lösung der immer drängenderen Probleme, die durch den Konflikt entstehen, zu unterstützen. Mit Bedauern erkennt man an, dass zum Beispiel der Libanon unter enormem politischen und humanitären Druck steht, aber politische Initativen lassen auf sich warten. Der Libanon ist das einzige Nachbarland, das seine Grenze weiterhin offen hält und in dem kein Pass sondern nur ein Personalausweis zur Einreise erforderlich ist. Bereits jetzt hat es von allen Nachbarstaaten die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Die ESCWA schätzt, dass die Zahl der syrischen Flüchtlinge im Libanon nächstes Jahr 2,3 Millionen erreichen wird. Die meisten europäischen Staaten haben keine Zusagen gemacht, Flüchtlinge aufzunehmen. Hier ist Deutschland mit 5000 Flüchtlingen Vorreiter. 5000 ist in etwa die Zahl der Flüchtlinge, die innerhalb von ein, zwei Tagen die Grenze in den Libanon überqueren.

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Mitarbeit: Haid Haid

Wir sind Arab Idol!

Ungefähr so fühlte es sich gestern abend an. Da war das eingetreten, worauf Millionen Palästinenser in der Westbank und Gaza, aber auch in der ganzen Welt hingefiebert hatten. Muhammad Assaf hat die seit Monaten alle Einschaltquoten in der arabischen Welt beherrschende Sendung „Arab Idol“ gewonnen. Als die Entscheidung verkündet wurde, sank Muhammed Assaf auf die Knie, und in Ramallah die Menschen in einen Freundentaumel.

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Mittendrin die beiden Büroleiter aus Israel und Palästina, Marc Berthold und ich. Schließlich ist Assaf auch in Israel ein Superstar, die Palästinenser in Nazareth und vielen anderen Städten (immerhin 20% der Einwohner Israels) waren genauso begeistert mit dabei. Ramallah platzte aus allen Nähten, selbst auf den Dächern wurde der Platz knapp. Zehntausende feierten in die Nacht – so wie man es in Deutschland nur von Fußballwelt- und Europameisterschaften kennt.

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Menschenmassen in Ramallah beim Arab Idol Finale.
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Muhammad Assaf hat Sympathien — und Stimmen, gewählt wurde per sms — aus der gesamten Region bekommen, und die Palästinenser haben endlich etwas, das sie stolz macht, feiern und die täglichen Demütigungen mal vergessen lässt. Das zeitgleich zum Beispiel der gerade erst ernannte palästinensische Ministerpräsident zurückgetreten ist, interessiert keinen. Die Menschen sind so müde, so erschöpft von den Jahrzehnten der Besatzung, aber ein Sänger aus Gaza hat es geschafft sie in einen Freudentaumel zu versetzen. Assaf wird nun nach Gaza zurückkehren; obwohl die Hamas die „westliche“ Show lange ablehnte, dauerte es nicht lange, bis sie Assaf auf schräge Weise zu vereinahmen suchte. Doch der größte Hit, den Assaf darbot, ist ein Lied, das eindeutig der PLO (der die Hamas nicht angehört) zugerechnet wird.  Kein Wunder, dass sich nun viele in seinem Ruhm sonnen wollen; den 1,7 Millionen Menschen im engen und belagerten Gazastreifen dürfte das egal sein, sie werden Muhammad Assaf als Volkshelden empfangen wenn er zurückkommt. Er hat auch in Kürze Konzerte in der Westbank angekündigt – dafür wird er allerdings die Erlaubnis Israels brauchen, denn die Einwohner Gazas können seit der Zementierung der Teilung 2007 in der Regel nicht mehr in die Westbank reisen. Dann dürfte es für Assaf auf eine noch größere Tournee gehen. In die arabische Welt, aber vielleicht sogar darüber hinaus. Denn Assaf ist ein grandioser Sänger mit echter Starqualität und viel Charisma. Hier noch ein Beweis: Wer es schafft ein Lied der Backstreet Boys zu singen, ohne dass es peinlich wirkt, ist wirklich ein Superstar.

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In Sicherheit aber prekären Verhältnissen

In vielerlei Hinsicht könnte Deutschland sich eine Scheibe davon abschneiden, wieviele Flüchtlinge der Libanon aus Syrien aufnimmt.  Über 500.000 Männer, Frauen und Kinder sind registriert, die wirkliche Zahl liegt aber schätzungsweise bei etwa dem Doppelten. Damit machen Syrerinnen und Syrer mittlerweile fast ein Fünftel der Menschen im Libanon aus, und die syrisch-libanesische Grenze bleibt weiterhin offen. Vor diesem Hintergrund wirkt es beschämend, dass Deutschland sich – nach über zwei Jahren des Konfliktes wohlgemerkt – zur Aufnahme von gerademal 5000 Flüchtlingen durchgerungen hat, die jetzt beginnen soll.IMG_1371

Zwar gibt es im Libanon nicht die dramatischen Zustände, die aus dem jordanischen Lager Zaatari gemeldet wurden, in dem im Winter mehrere Kinder erfroren, und das von Überflutung heimgesucht war. Rosig sieht es jedoch auch hier nicht aus: Die meisten Flüchtlinge suchen sich eine Unterkunft dort, wo sie einen Anknüpfungspunkt haben. Viele

kommen erstmal nach Beirut. Die Ärmsten der Armen campieren auf Verkehrsinseln unter den Hochstraßen. Ihre Habe in wenigen Plastiktüten verbringen sie dort den Tag, einige von ihnen stehen bettelnd mitten im dichten Straßenverkehr. Wer noch Erspartes hat, drängt zum Beispiel in die ohnehin überfüllten Palästinenserlager Sabra und Shatila – auf

traurige Weise berühmt geworden durch das Massaker 1982. „Viele palästinensische Bewohner quartieren sich bei Familien und Freunden ein, um mit dem Vermieten an Syrer ein wenig Geld zu machen,“ erklärt mein Kollege, als wir die Lager besuchen. Ein karger Raum, ohne Teppich, ohne alles, kostet 300 Dollar im Monat – das billigste, was man in der teuren Hauptstadt bekommen kann. Mittlerweile sind hier fast 2000 syrische Familien, oft mit bis zu zehn Familienangehörigen, haben sich alleine hier registriert. „Auch hier ist das nicht ohne Folgen geblieben,“ erzählt mein Kollege. „Die Preise für alles sind gestiegen. Eine gute Initiative war, ein Komitee zu gründen, an das man sich wenden kann, wenn man den Eindruck hat, die Forderungen sind überzogen. Vertreter des Komitees gehen dann zu den Vermietern oder Händlern und vermitteln.“

IMG_1367Doch gestiegene Lebenshaltungskosten sind nicht das einzige Problem. „In unserem Dorf, das christlich-muslimisch gemischt ist, sind viele Syrer aus ländlichen Gebieten gelandet,“ erzählt eine Freundin. „Für viele war es das erste Mal, dass sie Frauen in kurzen Röcken gesehen  haben. Sie hatten ja auch nichts zu tun und besonders die jungen Männer haben auf dem Dorfplatz abgehangen und uns belästigt. Daraufhin hat der Bürgermeister eine Ausgangssperre für männliche Syrer nach 19 Uhr verhängt. Gut ist das nicht, aber es geht auch nicht an, dass wir uns dort nicht mehr sicher fühlen.“ Derlei nächtliche Ausgangssperren sind mittlerweile an vielen Orten normal geworden.

Der Libanon hat bislang keine Camps eingerichtet und bekommt wenig Flüchtlingshilfe. Wer hier ankommt, ist auf sich selbst gestellt. „Wir haben von Privatleuten ein Stück Land in der Bekaa-Ebene zur Verfügung gestellt bekommen und geplant, wie man dort ein Flüchtlingslager einrichten könnte,“ sagt ein Vertreter der Hilfsorganisation Najda Now. „Wir haben sogar die Zustimmung der örtlichen Verwaltung bekommen, aber natürlich ist wichtig, von Anfang an Wasser- und Abwasserversorgung zu regeln und Infrastruktur zu schaffen. Dafür bräuchten wir 30.000 Dollar, aber niemand will sie uns geben, solange es kein Abkommen auf Regierungsebene gibt.“IMG_1341

Viele der Ankommenden können eigentlich nur von Erspartem leben, denn Syrerinnen und Syrer bekommen keine Arbeitsgenehmigungen. Viele arbeiten schwarz und nehmen in ihrer Not in Kauf, deutlich unter Tarif bezahlt zu werden. Das wiederum hat viele Libanesen ihre Jobs gekostet und erhöht die sozialen Spannungen. „Syrer dienen auch als Sündenböcke. Es gibt viel mehr Armut, seit die Krise ihren Lauf genommen hat, und daher auch viel mehr Straßenkriminalität. Das wird alles auf die Syrer geschoben.

„Du merkst, wie die Feindseligkeit steigt,“ erzählt eine syrische Freundin. „Optisch unterscheiden wir uns nicht von Libanesinnen, deswegen ist es vielleicht keine so offensichtliche Diskriminierung, aber du kriegst immer wieder mit, wie über uns hergezogen wird.“ Ich bekomme davon einen Eindruck, als ich am Nachmittag durch die Stadt fahre. Jemand will  zusteigen, der zur syrischen Botschaft will. „Liegt nicht auf meinem Weg,“ blökt der Fahrer durchs Fenster und gibt Gas weiter: „Guck, die Syrer sind sogar zu blöd zu wissen, wo ihre eigene Botschaft ist, sagt er zu mir. Ich: „Aber die Botschaft ist umgezogen.“ Der Fahrer: „Mir doch egal, soll er sehen, wie er hinkommt.“ Als ich einer Kollegin davon erzähle, nickt sie. „Vor uns hat heute ein Auto einen Unfall gebaut. Sofort hat der Fahrer gesagt, das war garantiert ein Syrer, die fahren wie die Bekloppten.“ – was angesichts libanesischer Fahrgewohnheiten schon wirklich eine Kunst wäre.

„Wo lassen sich denn die meisten Flüchtlinge nieder?“ frage ich. „Sie gehen zum Teil in die besonders konservativen Gegenden, weil die Menschen sich dort eher verpflichtet fühlen, anderen zu helfen,“ sagt meine Kollegin. „Aber wo immer es möglich ist. Einige haben sich zum Beispiel in einem ausgedienten Gefängnis in der Bekaa-Ebene eingerichtet.“ Bei einem Besuch im März in Saida weist uns eine islamische Hilfsorganisation in ein Viertel am Rande der Stadt. Hunderte Flüchtlinge wohnen hier in Betonrohbauten, die nur aus den Zwischendecken und Stützpfeilern bestehen. Der eiskalte Wind, der durch das Gebäude pfeift, wird nur von dünnen Spanplatten und Planen gebremst, mit denen sich einzelne Familien kleine Bereiche abgetrennt haben. Matten, Kleidung, Decken liegen herum, aber nichts zum Heizen. Zwischen den Pfeilern flattert auf Wäscheleinen überwiegend winzige Kinderkleidung. Vor dem Haus steht ein Stahlfass, aus dem sich der beißende Gestank verbrannten Mülls erhebt. Das ist die einzige Kochgelegenheit.

IMG_1347„Habt ihr von irgendjemandem Hilfe bekommen?“ fragen wir. „Eine Organisation war so freundlich, uns die Planen zu geben. Und dort drüben dürfen wir uns Wasser holen.“ Eine Frau mit einem Baby auf dem Arm deutet auf einen anderen Rohbau hundert Meter entfernt, von dem gerade ein paar Jungs Eimer herantragen. „Woher kommt ihr? Und wie habt ihr dort gelebt?“ Der Älteste des Lagers zuckt die Schultern: „Wir kommen aus dem Umland von Homs. Dort ist die Situation Anfang des Jahres so schlimm geworden, dass es einfach nicht mehr ging. Ein paar Männer aus unserer Gegend waren hier auf dem Bau beschäftigt, deshalb sind wir hierher genommen. Wir wollen uns nicht beschweren, wir hatten auch zu Hause nicht viel. Hauptsache, wir sind in Sicherheit.“ – „Was machen die Kinder? Gehen sie zur Schule?“ – „Nein, dafür gibt es keinen Platz in den Schulen.“ „Kommt, trinkt Kaffee mit uns“, laden sie uns ein. Die Situation hat ihre Gastfreundschaft nicht geschmälert. Wir lehnen höflich ab. „Dann, wenn wir wieder in Syrien sind!“ Die Frau strahlt.

In Beirut treffe ich eine Journalistin, die gerade aus Kairo gekommen ist. „Syrische Frauen sind in Ägypten geradezu zum Mythos geworden. Selbst unser Hausmeister träumt davon, sich eine zu nehmen, dabei hat er schon zwei Frauen.“ Immer wieder ginge das Gerücht um, dass in dieser oder jener Moschee Syrerinnen vermittelt würden, und wer sich dafür interessiere, habe nicht das Gefühl, etwas Falsches zu machen. Das einzige, was man mutmaßlich bieten können müsse, sei ein Zimmer für die Heirat, es sei spottbillig – während sich viele Ägypter eine Heirat mit einer Ägypterin nicht leisten könnten – und man tue ja auch noch etwas Gutes, in dem man den Frauen aus dem Land helfe. Sie zitiert einen Herrn, der gepriesen habe „Bashar, danke, dass du uns so viele Syrerinnen schickst“ Ganz so offensichtlich ist der Frauenhandel im Libanon nicht. Aber auch hier kursieren viele Geschichten über Eheschließungen aus Not und Familien, die ihre Töchter verkaufen. „Sexuelle Nötigung ist mit diesem Konzept salonfähig gemacht worden,“ sagt mein Kollege Haid Haid. „ Das ist für mich ein neues Phänomen. Ich habe viele Jahre für das UNHCR in Syrien mit irakischen Flüchtlingen gearbeitet. Da gab es auch sexuelle Ausbeutung, aber Prostitution ist verpönt, und in dem man es hier anders bezeichnet, hat man diesen fürchterlichen Umständen zu sozialer Akzeptanz verholfen.“

Die Fotos stammen aus dem Besuch von Flüchtlingen in Saida, 6. März 2013 (Bente Scheller)

Libanesische Milchproduzentenrechnung

Zitronen im Jeita-Tal

Zitronen im Jeita-Tal, Libanon

Mit den dramatischen Entwicklungen in Syrien ist auch der Libanon stärker in die internationale Medienaufmerksamkeit geraten. Die hauptsächliche Sorge gilt dem, was die syrischen Flüchtlinge für den Libanon bedeuten – sowohl als politscher Spannungsfaktor als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Das ist bei mittlerweile knapp 430.000 registrierten und mindestens ebenso vielen nicht-registrierten Flüchtlingen verständlich, nicht zuletzt, da sich hinter diesen Zahlen eine humanitäre Katastrophe verbirgt.

Für die libanesische Wirtschaft gravierender noch als diese Frage sind jedoch viele andere Probleme, für die dem kleinen Land niemand einen Ausgleich bieten kann. Syrien war vor der Revolution der Hauptexport- und –importpartner des Libanon. Obst und Gemüse aus dem Libanon wurden in Syrien verpackt und über Syrien exportiert. Aufgrund der Sicherheitslage ist vieles davon nicht mehr möglich. Darüber hinaus hat Syrien den Import libanesischer Zitrusfrüchte untersagt, nachdem einige syrische Tanklastzüge an der Grenze in Flammen aufgingen.  Für viele Libanes/innen war Syrien ein Einkaufsparadies für preiswerte Kleidung und Textilien, Haushaltsgeräte und erschwingliche, hochwertige Medikamente.

Zahlreiche zahlungskräftigen Golf-Araber, die sich jedes Jahr zur Sommerfrische in den Libanon zu begeben pflegten, kommen nicht mehr, da sie die Situation als unsicher wahrnehmen – spätestens, seit es im vergangenen Herbst Entführungsdrohungen gegen ausländische Staatsangehörige gab, deren Heimatstaaten die syrische Revolution unterstützen. Soeben hat der Internationale Währungsfond – in der Region oft eher kritisch beäugt und gelegentlich besungen –  seine Prognose für die libanesische Wirtschaftsentwicklung nach unten hin korrigiert.

Doch in jeder Krise gibt es auch frohgemute Stimmen. Der Konsum der Milchprodukte sei massiv gestiegen, verkündet die Tageszeitung „Daily Star“ und zitiert den Vertreter einer Firma: „In Zeiten der Anspannung leiden (unsere) Verkaufszahlen weniger als die anderer, weil es sich um Grundnahrungsmittel handelt. Und überhaupt: Wenn was Schlimmes passiert, bleiben die Leute zu Hause, und was machen sie? Essen.“