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Tod eines Aktivisten: Bassel Khartabil

Bassel Khartabil 2009 (c) Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Bassel Khartabil 2009 (c) Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Nicht immer ist das, was gesagt wird, auch das, was beim anderen ankommt. So ist es auf dem Flipchart, das der Blogger Bassel Khartabil hier in die Kamera hält, dargestellt. Entstanden ist die Aufnahme bei einem Blogger-Workshop von Global Voices und dem Beirut-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung 2009.

Das Piktogramm ist geradezu emblematisch für  Situationen geworden, in denen sich zivile Aktivisten und humanitäre Helfer Syriens in westlichen Ländern oft wiederfinden dürften: Gerade diejenigen, die sich dem gewaltfreien Widerstand in Syrien verschrieben haben, werden in Syrien am erbittertsten verfolgt – durch Daesh, durch andere Extremisten, durch die PYD aber insbesondere von Anfang an durch das Regime. Doch während sie dort ihr Leben riskieren, bekommen sie in Deutschland und an anderen Orten oft genug zu hören, es gäbe sie gar nicht mehr.

Genau das ist der Eindruck, den das syrische Regime vermitteln möchte: Nur, wenn der Westen die „Guten“ nicht als relevant wahrnimmt, kann Assad darauf bauen, als „einzige Option“ und mutmaßlich „kleineres Übel“ vis-a-vis Daesh akzeptiert zu werden. Deswegen sind dem Regime kluge, bekannte Köpfe ein Dorn im Auge.

Der syrisch-palästinensische Aktivist Bassel Khartabil gilt einigen als derjenige, der das Internet für Syrien geöffnet hat. Als Blogger und Techie hat er lange vor 2011 Innovation in Syrien inspiriert und unter anderem an einem 3-D-Modell von Palmyra gearbeitet. Er begann 2011 als Bürgerjournalist zu arbeiten. Am ersten Jahrestag der syrischen Revolution, am 15. März 2012, wurde Bassel Khartabil an einem Checkpoint in Damaskus verhaftet. Die niederländische Journalistin Monique Doppert hat ihm ein Buch gewidmet. Unzählige Organisationen, darunter Amnesty International, Human Rights Watch, Global Voices, Creative Commons, haben sich für seine Freilassung eingesetzt, vergebens.

Trotz finsterer Haftbedingungen und Folter verlor Bassel Khartabil nicht seine Zuversicht, wie aus der Haft geschmuggelte Briefe zeigen. Im Oktober 2015 wurde er aus dem Gefängnis an einen unbekannten Ort verbracht. Heute schreibt Bassels Frau, Noura Ghazi Khartabil:

„Es ist schwierig, Worte zu finden, um im Namen von Bassels und meiner Familie mitzuteilen, dass mein Mann Bassel Khartabil Safadi hingerichtet wurde. Er wrude wenige Tage nachdem er im Oktober 2015 aus dem Adra-Gefängnis abgeholt wurde, hingerichtet. Das ist für einen Helden wie ihn ein würdiges Ende. Ich war die „Braut der Revolution“ und Deinetwegen bin ich zur Witwe geworden. Das ist ein großer Verlust für Syrien. Das ist ein großer Verlust für Palästina. Das ist ein großer Verlust für mich.“

Nominiert: Syrische Kandidaten für die Goldene Himbeere!

Das syrische Staatsfernsehen gibt auch weniger talentierten Schauspielern eine Chance.

Das syrische Staatsfernsehen gibt auch weniger talentierten Schauspielern eine Chance.

„Sagen Sie, wie viele Unterstützter hat denn Assad eigentlich noch?“ werde ich oft bei Vorträgen gefragt. Die Frage ist meist rhetorisch gemeint und dient den Fragenden, um ihre eigenen Theorien oder Verschwörungstheorien über die Entwicklungen in Syrien zum Besten zu geben. Oft hängen sie dem vorrevolutionären Syrien nach, allerdings einer romantisierten Version, bei der sie – aus Unkenntnis, Ignoranz oder bewusst – ausblenden, dass es auch damals schon ein Unrechtsstaat war, in dem willkürliche Verhaftungen, Folter, Unterdrückung und Diskriminierung an der Tagesordnung waren.

Die schlimmste Begegnung war die mit einer selbsterklärten Pazifistin in Berlin, die darauf beharrte, Assad sei doch gar nicht so schlecht. Sie stellte die Zehntausenden Foltertoten der letzten Jahre, im heute veröffentlichten Bericht von Amnesty International auf 18.000 geschätzt, nicht in Frage, sondern sah sich durch diese bestätigt: Irgendjemand „müsse das ja schließlich machen“, viele Opfer hieße auch viele Folterknechte, ergo: so unpopulär sei das Regime gar nicht.

Was soll ich sagen? „Auch, wenn es in Deutschland sogar bis heute Neonazis gibt, bin ich froh, dass das Hitler-Regime 1945 gestürzt wurde“? Oder: „Unter den Kriegsgewinnlern sind seine Anhänger sogar immer zahlreicher geworden“? Jeder Despot hat eine Gefolgschaft. Es gibt auch diejenigen, die keine glühenden Anhänger sind, aber keinen anderen Ausweg sehen, weil sie vor den Rebellen oder Daesh mehr Angst haben; es gibt die, denen jahrelang eingeredet worden ist „die anderen“ seien lediglich darauf aus, sie zu töten. Aber das kann kein Argument sein, dem Massenmord und der Vertreibung von Millionen zuzusehen, oder schlimmer noch: diese zu verteidigen. Angesichts der beleidigten und beleidigenden Ausdrücke, die in dieser Diskussion auftauchen, habe ich manchmal den Eindruck, Assad habe unter den Linken und den Rechten in Europa vielleicht sogar mehr Anhänger als im eigenen Lande.

Da es selbst wenn man nur den offiziellen Verlautbarungen des Regimes folgt, schwierig geworden ist, etwas Positives an seinem Vorgehen zu finden, waren im Zuge der Belagerung Ost-Aleppos die „Fluchtkorridore“ ein großes Thema. Das Regime und seine Verbündeten behaupteten, mittels dieser Zivilisten und Rebellen freies Geleit aus der belagerten Stadthälfte zu gewähren. Tatsächlich erhielten die Bewohner an keiner Stelle die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. Die Korridore und mithin die Flüchtenden gab es lediglich im syrischen und russischen Fernsehen.

Unkritisch übernahmen deutsche Fernsehsendern die Bilder und verbreiteten den Mythos der Fluchtmöglichkeiten, während Nutzer sozialer Medien bei der fadenscheinigen Inszenierung längst genauer hingesehen hatten: Ein Mann, der in einem russischen Video lediglich herumsteht und ganz offensichtlich weder Flüchtling noch Aufständischer ist, tritt im syrischen Fernsehen als „Rebell“ auf, der sich unterwürfigst ergibt und sich freut, dass er nicht nur seine Waffen niederlegen und „in den Schoß der syrischen Nation“ zurückkehren dürfe, sondern auch gleich Teil der Armee werden.

Den würde ich als ganz heißen Kandidaten für die Goldene Himbeere nominieren. Gleich danach vielleicht die „Gefangenen“, die in einem Video mitspielen, das das Regime im Mai 2016 veröffentlichte, als es die Kontrolle über das Gefängnis in Hama  nach einem Gefangenenaufstand wiedererlangt hatte. Während angebliche Gefängnisinsassen, so wohlgenährt und sauber, wie man sie von anderen Bildern aus syrischen Haftanstalten nicht kennt, im Hof Assad lobpreisen, hört man im Hintergrund die echten Gefangenen „Freiheit, Freiheit, Bashar raus“ skandieren, so laut, dass der Moderator die Bande im Hof noch mal auffordert, lauter zu brüllen, um die Sprechchöre der echten Gefangenen zu übertönen. Auf den dritten Platz könnte es vielleicht „Syriens empörtester Passant“ schaffen, der „zufällig“ immer wieder Zeuge von Anschlägen wurde und auch in verschiedenen anderen Rollen, mal in Uniform, mal in zivil auftauchte.

Wenn mich das nächste Mal jemand fragt, wie viele Anhänger Assad noch hat, werde ich einfach auf das Video verweisen: offensichtlich nicht mal genug, um zwei kurze Fernsehclips mit unterschiedlichen Statisten zu besetzen.

Lacht kaputt, was euch kaputt macht

Screen shot 2016-05-13 at 21.28.05Es scheint, als hätte Putin jetzt auch Harry Potter gelesen und analog zu der dort im 4. Stock des Zauberei-Ministeriums beheimateten „Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe“ in der russischen Botschaft in London eine „Abteilung zur Instrumentalisierung fiktiver Apparaturen und Kreaturen“ geschaffen. Fantasievoll bebildert die Botschaft ihre Tweets zu echten oder behaupteten politischen Ereignissen mit Bildern aus Zombie-Filmen und Videospielen. Am 12. Mai dekorierte die Londoner Vertretung Moskaus ihren Tweet über angebliche Lieferungen von Chemiewaffen an Rebellen nahe Aleppo mit einem Bild, das drei LKWs aus dem Videospiel: „Command and Conquer“, zeigt.

Dass ist besonders hübsch, weil das russische Außenministerium zu anderen Gelegenheiten behauptete, Satellitenbilder von seinen Aktivitäten in der Ukraine seien einem Videospiel entnommen.

Für Scharen von Twitterern war das ein gefundenes Fressen. „Und hier die Extremisten!“ schrieb einer von ihnen und fügte das Bild einer fusselbärtigen Legomännchen-Armee mit einem Lego-Huhn an. „Oh je, wen haben sie nur gefunden, um mutig genug zu sein, diese Bilder hinter den Frontlinien aufzunehmen?“ fragt ein anderer, der eine Bild aus einem Commodore-64-verdächtigen Computerspiel postet, auf dem eckigen Gestalten Pfeile auf ihre Gegner abschießen

Screen shot 2016-05-13 at 21.16.34Selbst Twittererin „Partisangirl“, die sonst weder Zeit noch Mühe scheut, absurde Verschwörungstheorien des Regimes ein paar Windungen weiterzudrehen, fiel dazu nur die lahme Bemerkung ein, auf dem Bild stehe, dass es lediglich „zur Bebilderung“ diene, auf Gutdeutsch also einer Art Serviervorschlag gleichkomme.

Als ob es nicht genügend Bilder aus Syrien und dem Irak gäbe verbreiten sich fiktive Bilder zur Illustration des Unfassbaren oft wie ein Lauffeuer, im Gutgemeinten wie im Schlechten. Die iranische Künstlerin Bharesh Bisheh reagierte erstaunt darauf, dass sich ihr Foto von einem Mädchen, das sich auf dem Asphalt innerhalb mit Kreide gezeichneten Frauenfigur zusammengerollt hat, plötzlich selbständig machte. Die Legende, die dem Bild zum Erfolg verhalf: „Herzzerreißendes Foto einer irakischen Künstlerin aus einem Waisenhaus. Das Mädchen hat seine Mutter nie gesehen, daher hat es eine Mutter gemalt und sich zum Schlafen bei ihr eingekuschelt.“ Das Bild ging um die Welt, auch wenn die Zeichnung offensichtlich nicht von einem Kind stammt und die ganze Szene nicht recht schlüssig erscheint. Bharesh Bisheh schrieb daraufhin einen Hinweis auf Flickr: „Dieses Mädchen ist meine Cousine, die auf dem Asphalt vor meinem Haus eingeschlafen war. Sie muss ein Weilchen gespielt haben und sich dann hingelegt haben und eingeschlafen sein. Ich habe mich auf einen Stuhl gestellt, um dieses Bild zu machen. Das hat nichts mit einem Waisenhaus zu tun, und es steht keine tragische Geschichte dahinter. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, um kreativ zu arbeiten. Es ist ein Fotografie-Stil. Ihr könnt mein Bild benutzen, wenn ihr auf mich als Fotografin verweist. Danke für euer Verständnis.“

Ähnlich erging es Abdel Aziz al-Atibi, der künstlerisch seinen kleinen Neffen in eine rote Decke gehüllt zwischen zwei Steinhaufen liegend fotografierte – ein Bild, das mit der Überschrift „Syrischer Junge liegt zwischen den Gräbern seiner Eltern“ bekannt wurde. Atibi bemühte sich um eine Richtigstellung, stellte weitere, diesmal fröhliche Bilder des kleinen Jungen ins Netz.

Weniger harmlos sind Bilder aus Spiel- oder Horrorfilmen, die als Bilder realer Barbareien präsentiert werden. CNN verbreitete ein Bild, das als „Steinigung eines Mädchens in Syrien durch ISIS, weil es auf Facebook war“ verkauft wurde – zwar mit der Einschränkung „angeblich“, was der Verbreitung aber keinen Abbruch tat. Das Bild entstammt einem dem  amerikanischen Film „Die Steinigung der Soraya M.“, der im Iran spielen soll. Auch „Frauen in Käfigen auf einem Pick-Up „, die laut Beschreibung auf dem Weg zu einem „Sklaven-Markt von ISIS“ seien, bekam gehörigen Auftrieb. Das Original: eine Performance von einer ägyptischen Demonstration. Ebenso werden online gerne Bilder von schwarz verhüllten Frauen, die aneinandergekettet sind, als Illustrationen der sexuellen Sklaverei von ISIS geteilt – Bilder, die den schiitischen Ashura-Prozessionen entstammen, bei denen sich die Betreffenden im Gedenken an das Martyrium Husseins als seine vor 1300 Jahren in Ketten gelegten Schwestern inszenieren. Nicht zu vergessen auch das Bild einer „Christin die von ISIS mit einem Pfahl“ im Bett getötet worden sei – in Wirklichkeit entnommen einem westlichen Horrorfilm.

Ich habe in den letzten Jahren Hunderte von Aufnahmen der Grausamkeiten in Syrien angeschaut, profesionell gefilmtes oder mit verwackelten Handykameras dokumentiertes Foltern und Morden. Ob ISIS‘ Schergen oder die des Regimes: Sie dokumentieren sich gerne bei ihren unvorstellbaren Taten. Die einen, um einzuschüchtern, die anderen, weil sie sich in Sicherheit vor der Strafverfolgung wähnen. Dritte, wie der unter dem Pseudonym Cesar bekannt gewordene Fotograf, waren angestellt vom syrischen Regime, um als Buchhalter des Grauens zu dokumentierten, dass die Geheimdienste ihr tägliches Soll todbringender Taten erfüllen. Diese Dokumente der absoluten Abgründe der Menschlichkeit sind Mahnmale der Schande für die Täter und all diejenigen, die sie haben gewähren lassen.

Umso wichtiger, den lächerlichen Manipulationen  der russischen Botschaft in London gewitzt zu begegnen, um ihr albernes, aber gefährliches Spiel mit den Bildern offenzulegen. Statt auf die täglichen Kriegsverbrechen hinzuweisen, befördert dies den Konflikt und die bequeme westliche Wahrnehmung, man „könne es nicht so genau wissen.“ Angesichts dessen, dass jetzt schon Videospielaufnahmen bemüht werden, fehlt nur noch, dass alsbald die Personalausweise von Harry Potters schaurigem Gegenspieler Lord Voldemort oder dem Inbegriff des Grauens aus „Herr der Ringe“, Sauron, als „Ausweispapiere getöteter syrischer Rebellen“ präsentiert werden.

Above Zero – Spiel um die Macht

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Der Bär frisst den Wolf, der Wolf frisst die Hyäne, die Hyäne frisst den Hund, der Hund frisst die Katze, die Katze frisst die Maus“.

Erschrockene Menschen kauern unter einem Bettgestell aus Metall. Sie pfeifen, schauen zum Himmel, verfolgen einen Punkt mit ihren Augen und zittern dann. Ein Luftangriff womöglich. Ihre Körper rollen über den Boden, übereinander, gegeneinander. Ein Mann scheint die Kontrolle über sich verloren zu haben. Seine Beine bewegen sich wild in alle Richtungen, und jede Anstrengung sie zu lenken, scheitert. Dann beginnt er, sich am ganzen Körper zu kratzen, lacht plötzlich laut auf und bricht in Tränen aus.

Die Bühne, sie ist ein Gefängnis, eine Folterkammer, deren Opfer langsam durchdrehen.

Ein Mann in Basketballklamotten betritt die Bühne. Er dribbelt seinen Ball auf den Verrückten zu. Bei jedem Aufprall geht ein Zucken durch den leblosen Körper am Boden. Als der Ball dem Spieler entgleitet, nimmt er kurzerhand den Kopf des Gefangenen als Ball. Den Körper zwischen die Beine geklemmt, dribbelt er den Kopf von rechts nach links, von links nach rechts. Der Ball wird zum Machtobjekt und wer ihn hat, hat das Kommando. „Wenn er geschlagen wurde, fiel er, und stand wieder auf“, wiederholt die Gruppe unter dem Bett immer wieder. Gewalt produziert Angst, und Angst produziert Gewalt. Und die Insassen, voller Angst, hängen den Körper ihres Kammeradens auf und lassen ihn schwingen. Nun sind sie es, die die Macht haben. Rhythmisch prallen ihre Basketbälle auf den Boden der Bühne.“Er starb, er starb, er starb“, rufen sie im Takt.

Der Theaterregisseur Ossama Halal ist ein Talent. Er hat Dramaturgie in Damaskus studiert und die Koon Theatre Group ins Leben gerufen, ein Kollektiv an Tänzern und Musikern, die gemeinsam Tanztheater auf hohem Niveau machen. Nach seiner Erfolgsperformance Cellophane von 2012, war sie im vergangenen Jahr mit Above Zero bei dem Festival für Performancekunst aus der MENA Region Dancing on the edge in den Niederlanden zu Gast. Im Rahmen des Festivals Focus Syria, das von der Kultureinrichtung Ettijahat organisiert wird, hat sie nun erneut ihre Performance im Shams-Theater in Beirut gezeigt.

„Wer ist im Exil und wer wurde exiliert? Wer vergisst und wer wurde vergessen?“ Eines der Bettgestelle wird aufrecht aufgestellt. Es wird kurzerhand zu der Gefängnistür, vor der eine Frau wimmert. Leise erklingen Klaviermelodien, mit dumpfem Bass. Eine Stimme fragt: “Habt ihr heute Strom? Wartest du noch immer? Oder siehst du jemand anderen …?“ Die Fragen erinnern an Briefe der Insassen, an ihre Gedanken an Zuhause. Von der anderen Seite kleben zwei Tänzer Papierzettel mit Namen an die Stangen der Tür. Auf einem steht „Syrisches Pfund“- die Währung Syriens. Es erinnert an die Todesanzeigen, die in der Region üblicherweise an Wände und Häuser geklebt werden.

Außerhalb der Halle, vor der Aufführung von Above Zero, treffen ganz unterschiedliche Besucher aufeinander. „Siehst du den Mann da vorne? In dem gelben T-Shirt? Und die Frau daneben?“ fragt mich mein Freund. – „Ja, was ist mit denen?“

„Die sind Schauspieler und man sieht sie in allen syrischen Serien“. Er beugt sich zu mir runter und flüstert verschwörerisch: “Die sind super pro-Regime. Und der Typ, der da sitzt ist Regisseur – auch pro- Assad.“

Es mag paradox erscheinen, Regimegegner und Regimebefürworter bei einem Stück wie Above Zero anzutreffen – doch letztendlich vereint sie etwas so Groteskes, wie es auch das Ende des Stückes selbst auf den Punkt bringt: „Dieser Krieg ist unser Blut, in Angebot und Nachfrage.“

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.