Schlagwort-Archive: Frauenrechte

Von der Unschuld des Radfahrens

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Yusef al-Ahmad: yusefalahmad.com / und Instagram : @yusefalahmad ( https://www.instagram.com/yusefalahmad/)

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Yusef al-Ahmad: yusefalahmad.com / und Instagram : @yusefalahmad ( https://www.instagram.com/yusefalahmad/)

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Ich bin mit 5 Jahren das letzte Mal Rad gefahren“, erzählt mir eine Freundin aus Beirut. Hier ist es besonders der starke Verkehr, der es kaum möglich macht zu radeln, und meine Freundin von der einen oder anderen Tour abhält. Dicht an dicht drängeln sich Autos, hupen wie wild, Taxifahrer schimpfen. Bürgersteige gibt es oft nicht, und Verkehrsregeln sind Auslegungssache. Rechts, links, wieder rechts. Dennoch gibt es in Beirut ein paar Verrückte.  Die Fahrradkuriere von Deghri Bike Messenger zum Beispiel, die mit ihrem Zweirad durch die Autoschlangen brettern, um ihre Sendungen in Rekordzeit auszuliefern.

Für arabische Frauen gibt es jedoch oft einen ganz anderen  Grund, nicht Rad zufahren, als Verkehr. Oder anders gesagt, einen anderen Verkehr, der Vorfahrt hat. Männliche Freunde aus Syrien erzählen von den mir skurril anmutenden Entjungferungen durch Fahrräder, weswegen Frauen in manchen Teilen Syriens lieber keine Räder bestiegen. Zwar wollen sich meine Freunde eher emanzipiert geben, aber „passieren kann es theoretisch ja schon, oder?“

Wie diese Gerüchte entstehen und sich selbst bestätigen wird mir dann auch klar. Es folgt die Geschichte einer Freundin aus Damaskus, die im zarten Alter von 16 ihre Jungfräulichkeit verlor. Eingriffe zur Wiederherstellung des Jungfernhäutchens sind in Syrien allerdings nur mit der Einwilligung der Eltern möglich. Aus Angst vor ihren konservativen Eltern und den möglichen Folgen behauptete sie daher weinend, heimlich Rad gefahren zu sein.

Das Fahrrad – benutzt zur Unterdrückung der Frau, dient es ihnen selbst auch als Mittel der Befreiung und Selbstbestimmung. Nicht nur in Rafik Schamis neustem Roman „Sophia“ offenbart die in die Jahre gekommene Aida ihrer großen Liebe Karim gleich zu Anfang ihren sehnlichsten Traum: einmal vor den gaffenden Augen und tratschenden Mäulern der Frauen in ihrer Damaszener Nachbarschaft auf und ab zu radeln.

Diesen Traum erfüllte sich auch die Freundin einer Bekannten. Mit Kopftuch und langer Kleidung fuhr sie regelmäßig in ihrer syrischen Heimatsstadt Damaskus Fahrrad. Als sie von einem Polizisten wegen „sittenwidrigen Verhaltens“ ermahnt wurde, fauchte sie ihn nur an: „Zeig mir, wo das Fahrrad im Koran steht!“ und fuhr weiter.

Frech und mutig ist auch die Hauptfigur in Haifaa Al Mansour‘s Saudi-Arabischem Spielfilm „Das Mädchen Wadjda.“ Auch für sie ist das Fahrradfahren ein emanzipatorischer Schritt, eine Revolution. Wadjda‘s größter Wunsch ist es, einmal gegen den Nachbarsjungen Abdullah ein Wettrennen zu fahren. Als dieser anmerkt, dass sie das als Mädchen gar nicht dürfe, erwidert Wadjda nur: „Umso peinlicher für dich, wenn du verlierst!“

Kurz nach der Veröffentlichung des Films im Jahr 2013 wurde das Radfahren in Saudi Arabien für Frauen erlaubt – aber nur, wenn sie in Begleitung eines Mannes im Park im Kreis rumeiern und nun ja nicht, um irgendwo anzukommen. Diese saudische Lesart steht im Kontrast zu den Interpretationen anderer Religionsgelehrter, die, in Anlehnung an kamelreitende Frauen zu Zeiten des Propheten Mohameds argumentieren, dass man ausdrücklich nicht zum Vergnügen Fahrrad fahren dürfe, sondern lediglich, um in den Jihad zu radeln oder einer vergleichbar wichtigen göttlichen oder weltlichen Aufgabe nachzukommen. In Saudi-Arabien bleibt Fahrradfahren als Fortbewegungsmittel jedoch ganz klar Männersache.

Irgendwo, zwischen Jungfernhaut und Selbstbestimmung, Sitte, Tradition und Emanzipierung bahnen sich einige arabische Frauen dennoch ihren Weg.

Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Der gute Ruf des Libanon

 

Graffiti in Gemmayzeh, Beirut (c) Bente Scheller

Graffiti in Gemmayzeh, Beirut (c) Bente Scheller

Seit Jahresbeginn sind im Libanon jede Woche Menschen bei Autobomben- oder Selbstmordattentaten gestorben. Die politische Führung setzt sich zu weiten Teilen dynastisch zusammen, und die Miliz-Strukturen des Bürgerkriegs spiegeln sich getreulich in den heutigen politischen Strukturen wieder – inklusive Personal. Selbst Optimisten sprechen über eine baldige Regierungsbildung und die für November geplanten Parlamentswahlen nur im Konjunktiv. Die Grenzen scheinen poröser denn je. Der Strom der Flüchtlinge aus dem Nachbarland reißt nicht ab. Die Wasserknappheit sorgt selbst in unserem privilegierten Stadteil dafür, dass wir alle paar Tage ohne dastehen, und die Stromausfälle (im besten Fall drei Stunden, doch gerade außerhalb Beiruts gerne auch weite Teile des Tages) sind ein Dauerzustand.

Obwohl der Libanon eines der arabischen Länder ist, in denen Frauen mit den wenigsten öffentlich-moralischen Restriktionen zu kämpfen haben, ist es um ihre politische Repräsentation schlecht bestellt. In der Geschichte des Libanons seit der Unabhängigkeit gab es gerade mal zwei Ministerinnen, und lediglich 17 Parlamentarierinnen. Die Frauenquote im Parlament ist eine der niedrigsten weltweit – Libanon rangiert hier gerade so eben for Saudi Arabien und Kuwait.

Aber nun geht es um den guten Rufe des Libanon, sagt Faisal Karami, Minister für Jugend und Sport. Nicht etwa durch die oben beschriebenen Zustände sei dieser gefährdet, sondern ausgerechnet durch eine der Personen, auf die der Libanon stolz sein sollte: Jackie Chamoun, Apin-Skifahrerin, derzeit eine der beiden Vertreterinnen des Landes bei den olympischen Spielen. Nur zwei arabische Staaten haben übehaupt TeilnehmerInnen zu den Winterspielen geschickt: Marokko und Libanon. Natürlich hat die Untersuchung, die Karami zum Fall Jackie Chamoun fordert, nichts mit ihren sportlichen Leistungen zu tun. Es geht allein um eine Serie mutmaßlicher Oben-ohne-Fotos der Athletin.

Viel sichtbare Haut ist im Libanon nichts besonderes. Bikinis sind im Libanon nur deswegen geringfügig breiter als Zwirnsfäden, damit das Push-Up-Konzept noch funktioniert. Weiterhin gibt es die jährliche Modenschau im libanesischen Skigebiet Faraya – für Damenunterwäsche. Einige Initiativen wie Kherr Berr engagieren sich seit Jahren dafür, Anzeigen, die Frauen zu Sexobjekten herunterstufen, zu brandmarken und auf eine Veränderung in der hiesigen Werbeindustrie hinzuwirken. An den Stränden sieht man, anders als in den meisten anderen arabischen Ländern, vollverschleierte Frauen und Männer in Jallabiya neben äußerst freizügig gekleideten. Nur knappe Badehosen für Männer sind verpönt: im Libanon trägt man eindeutig Shorts.

Am Strand (c) Bente Scheller

Am Strand (c) Bente Scheller

Es wäre aber nicht der Libanon, wenn nicht sofort Twitter heißlaufen würde. Sofort hat sich die Solidaritätskampagne „#Strip For Jackie“ gegründet. Unter „#NotAScandal“ formiert sich gegenwehr, und „#BoobsNotBombs“  hinterfragt die libanesischen Prioritäten.

Die künstliche Aufregung über Jackie Chamouns Fotos steht in besonders starkem Kontrast zu der hohen politischen Toleranz für Gewalt gegen Frauen. Das Familienrecht, im libanesischen Kontext konfessionellen Gerichten unterstellt, passt in seiner konservativen Auslegung und Praxis nicht zu dem modernen Bild, dass der Libanon ansonsten zu vermitteln versucht. Organisationen wie Kafa setzen sich dafür ein, insbesondere der häuslichen Gewalt etwas entgegenzusetzen, haben dafür politisch jedoch bislang wenig Unterstützung gefunden. Insofern wirkt die derzeitige Empörung besonders grotesk. Wie es die Menschenrechtsorganisation Avaaz in einer Petition formuliert: „Unsere Regierung hält Frauenkörper für öffentliches Eigentum – obwohl es nichts dafür tut, sie zu schützen. … Es ist unglaublich, dass ein Minister, der in der Lage war, Resourcen zu mobilisieren und noch am gleichen Tag auf diese Nichtigkeit zu antworten, während tausende libanesischer Frauen in Gefahr sind, weil das Gesetz zur Gewalt gegen Frauen nicht vorankommt.“