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Über den rattengiftbeschneiten Gipfeln der Müllberge

Müllberg bei Nacht (c) Bastian Neuhauser

Müllberg bei Nacht (c) Bastian Neuhauser

Impressionen vom 24. August 2015.  Ein Gastbeitrag von Bastian Neuhauser.

Die Straßen von Beirut können ziemlich dunkel sein. Heute Abend stinken sie noch dazu.

„Schau dir das an, du kommst doch aus Europa, sieht es da so aus?“ Ein wütender Mann mittleren Alters stiert mich aufgebracht an. Ich zucke mit den Achseln. Manchmal, denke ich mir, und Bilder von Neuköllner Altbaustraßen steigen in mir hoch.

Meine Begleitung zieht mich weiter, in eine Bar links von uns. Eine Bekannte stellt aus, Künstlerin, Armenierin, begabt. Man wirft kurz interessierte Blicke zu den bunt bestickten Bildern, die über den Tischen streitender Pärchen hängen, dann setzen wir uns in die Runde. Man stellt sich ungelenk vor.

Das Zentrum der Konversation, mit Lidschatten im Blau der Müllsäcke vor der Tür und einem Ensemble von Korallen um den Hals, dreht sich zu mir um. „Hast du gesehen, was hier draußen passiert? Wie lange soll das so weitergehen?“ Es scheint als käme ihr in diesem Moment selbst die Antwort auf diese Frage. „Khalas! Was sollen wir noch alles ertragen? Man gewöhnt sich an alles hier in diesem Land, wir haben uns daran gewöhnt nicht arbeiten zu können weil wir keinen Strom haben! Aber das?“ Sie zeigt durch die Fensterscheibe auf das rattengiftbeschneite Mittelgebirge aus Abfall. „Los! Was sitzen wir hier? Wir sollten den Müll denen vor die Haustür werfen, die dafür verantwortlich sind!“, „… Du meinst, um abgeknallt zu werden?“ lacht jemand. „Dann auf zum Parlament, jetzt gleich los, die sollen den Gestank genauso ertragen wie wir!“ Es herrscht kurz Stille, man blickt betreten auf die von einer monumentalen Käseplatte eingenommen Tischplatte, aber das Mädchen gibt nicht auf. „Dann wird es wie 2005, als jeder auf der Straße war! Das war wie der arabische Frühling vor dem arabischen Frühling. Erinnert ihr euch?“ Mittlerweile glänzen ihre Augen, einige nicken, ich habe davon nichts mitbekommen. „Was ist daraus geworden?“, frage ich unsicher. Die falsche Frage. „Nichts, es ging weiter, wie immer“, das Mädchen setzt sich.

Der Beifahrer der Begleitung will nach Hause, ich auch. Auf meinem Handy werde ich per Facebook eingeladen, das Vorhaben des Mädchens in die Tat umzusetzen. Sie war wohl nicht die erste. 2500 Zusagen, „haha, es werden sowieso wieder nur 50 kommen“, der erste Kommentar darunter. In Gemmayze kommen wir kaum vorwärts, die Straßen sind voller Menschen. „Trinken wir jetzt einfach neben den Müllsäcken weiter? Macht man das so?“ fragt der Fahrer entgeistert ins Leere. Sein Sitznachbar lacht, natürlich, so macht man wenigstens zuhause keinen Müll.

Er steigt aus, der Fahrer und ich sind allein im Auto. „Weißt du, für dich ist das bestimmt das aufregendste, was dir seit Ewigkeiten passiert ist. Aber für uns ist das immer so, ich habe die Schnauze voll.“ Ich weiß nicht was ich sagen soll. „Stell dir mal vor, wir würden selbst entscheiden, wie es läuft. Stell dir das mal vor, jede Woche würde man uns fragen: das Gesetz hier? Ja oder Nein? Wie krass das wär.“ Ja, denke ich mir, wie krass das wär.

Bastian Neuhaser

Bastian Neuhaser

Bastian Neuhauser studiert Politik und Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er verbrachte den Sommer 2015 als Praktikant im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung  und verfolgte dort ein Forschungsprojekt zu den Grenzen von Gender-Equality-NGOs im Libanon.