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Die Armee der Zerstrittenheit

armeederzerstrittenheitAls 2003 die iranische Anwältin Shirin Ebadi mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, trank ich gerade Tee mit einem älteren syrischen Menschenrechtsanwalt in Damaskus, der das sich gar nicht darüber freuen konnte: „Ich habe jahrelang im Gefängnis verbracht, und sie kriegt den Friedensnobelpreis?“ empörte er sich. Deutlicher hätte man nicht machen können, unter welchen Bedingungen die syrische Opposition seit Hafez al-Assads Putsch 1970 lebte und arbeitete: Unter Hafez al-Assad und Bashar wurden Zehntausende für ihre Geisteshaltung und politischen Aktivitäten zu Verbrechern erklärt,  verschleppt, verhaftet, gefoltert und ermordet. Weit über zwanzig Jahre verbrachte der Kommunist Riad Turk unter verschiedenen Regimen Syriens in Haft und verbrachte sein Leben danach weitgehend im Untergrund; andere erholten sich nie von den im Gefängnis erlittenen Misshandlungen und die meisten von ihnen bekamen keinen Pass und keine Ausreiseerlaubnis.

Doch das Regime verfügte noch über andere Mittel: Mindestens ebenso wichtig wie die physische Einschüchterung der Untertanen war es, Misstrauen zu säen – zu kooptieren, Privilegien ohne Erklärung zu geben und wieder zu entziehen und Gerüchte zu streuen. Daraus entstand der „Wettbewerb des Leidens“, wie er sich in des Anwalts Missgunst gegenüber Shirin Ebadi niederschlug: Nicht selten wurden Oppositionelle, die weniger Zeit hinter Gittern verbracht hatten, von anderen kritisch beäugt: „All seine Brüder waren in Haft, aber er ist immer noch auf freiem Fuß?“ – Rasch wurde argwöhnt, die Betreffenden seien gar keine „echten“ Oppositionellen sondern Spitzel für das Regime.

So, wie das Regime sich in den eigenen Reihen absicherte, in dem die Wichtigkeit einer Person sich nicht allein aus einem bestimmten Amt ableitete, sondern auch oder sogar mehr aus ihrer Loyalität gegenüber dem Präsidenten, trieb es erfolgreich Keile zwischen seine echten und vermeintlichen Gegner.

Aus diesem historischen Erbe erklärt sich, warum nicht aus dem brutal und absichtlich geschaffenen Nichts plötzlich eine geeinte Opposition hervorgeht – kompatibel mit westlichen Erwartungen, anerkannt im eigenen Land und mit einem klaren Programm.

Hinzu kommen fünf Jahre, in denen europäische Staaten, die USA, die Golfstaaten, die Türkei und einige andere selbst sich keinesfalls einig waren: was sie von der syrischen Opposition wollen, wie viel sie bereit sind, dafür selbst zu leisten und auf welchem Wege.

Einigkeit wäre immer notwendiger gewesen, je weiter der Konflikt fortschritt, denn die Gegner der Opposition mehrten sich: Sowohl ISIS als auch das Regime sahen in der Opposition ihren Hauptfeind, so dass diese zwischen den beiden Fronten aufgerieben wurde, um nur einige zu nennen.

Je grausamer das Regime den Widerstand niederschlug, desto weitere Abgründe klafften jedoch auch zwischen politischen und militärischen Akteuren der Opposition, zwischen Vertretern eines gewaltfreien (und vom Regime besonders unerbittlich verfolgten) Widerstands und bewaffneten Gruppen. So verständlich es ist, dass viele in Sysrien wie im Westen sich gewünscht hätten, dass die friedlich begonnene Revolution auch so bleibt: Wie, angesichts der brutalen Niederschlagung? Für viele derjenigen, die in den letzten Jahren zu Waffen gegriffen haben, war es buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Oder, wie der Zahnarzt und Schriftsteller Assaf Alassaf es in seinem Roman „Abu Jürgen“ seinem fiktiven Ich in den Mund legt: „Von Jesus und Deir ez-Zor (habe ich gelernt), dass ich, wenn ich dem, der mich geschlagen hat, meine linke Wange hinhalte, ihm gleichzei­tig einen Kopfstoß geben muss, von dem er sich nicht wie­der aufrappeln kann, … sonst drischt er einfach unendlich weiter auf mich ein.“

Viele Aktivistinnen wissen um die Schwäche, die aus der Uneinigkeit resultiert, und sehen sich doch nicht in der Lage etwas dagegen zu tun. Das nutzen das Regime und seine Unterstützer weidlich aus. Schon lange fordern sie, dass sich moderate von extremistischen Rebellengruppen nicht nur distanzieren, sondern auch im physischen Sinne Abstand nehmen, was an vielen Orten schlicht nicht machbar ist.

Nachbarorte werden gezielt gegeneinander aufgewiegelt, in dem nach Jahren der Belagerung punktuell an einem mehr Schmuggel toleriert oder doch ein Hilfskonvoi  zugelassen wird – oder in dem mit den derzeitigen ethnischen Säuberungen um Damaskus herum Tausende Kämpfer und Zivilisten nach Idlib gezwungen werden – wo sie nicht unbedingt als Unterstützung sondern auch als zusätzliche Last angesehen werden.

Angesichts der hoffnungslosen Lage hat sich eine Gruppe nun satirisch geäußert und im Stile der Myriaden bewaffneter Gruppen mit bedrohlich schillernden Namen eine weitere ins Leben gerufen: „Die Armee der Zerstrittenheit“. „Spaltet euch!“ fordert sie, „denkt lokal!“ – „Desertiert und gründet neue Formationen, selbst wenn ihr nur ein oder zwei Kämpfer seid!“ – „Wir fordern all unsere Konkurrenten auf, jegliche Einigungsbemühungen einzustellen und gefälligst Hass zu säen, damit wir gemeinsam die vollständige Zerstörung von Ghouta erleben können“, ätzt die Gruppe und droht, alle militärischen Avancen mit Waffengewalt niederzuschlagen. Im Gegenzug bietet sie an, allen neuentstehenden Splittergruppen ein eigenes Statement zu schreiben.

Verschwörung wittern, feiern, spotten – Brexit in der Levante

Facebook-Meme "Lebxit"

Facebook-Meme „Lebxit“

ISIS feiert, Muqtada Sadr wittert eine amerikanisch-israelische Verschwörung und der Libanon reißt Witze: Das britische Referendum für einen Austritt aus der EU ist kaum ein (ernstes) Thema unter arabischen Kommentatoren der Levante. Die Europäische Union, komplex wie sie ist, ist schon den eigenen BürgerInnen stets ein wenig abstrakt geblieben. So ist es kein Wunder, wenn sie in der Nachbarschaft auch eher mit einer Mischung aus Staunen und Unverständnis wahrgenommen wird, und dementsprechend auch ein so folgenreicher Schritt wie die Abkehr eines wichtigen Mitgliedsstaates nicht als das politische Erdbeben erfasst wird, das es in Europa selbst ausgelöst hat.

Zudem verblassen angesichts des Kriegs in Syrien und Irak und der akuten Bedrohung, die davon für die Region ausgeht, politische Fragen, die an anderen Orten der Welt gerade relevant sein mögen.

Den meisten libanesischen Medien ist das Thema keinen eigenen Kommentar wert. Sie haben im Wesentlichen Agenturmeldungen übernommen. Die Daily Star-Autorin Dana Halawi befasst sich mit den Auswirkungen des Brexit auf den Libanon. Kurzfristig vorteilhaft, aber langfristig negativ lautet ihre Einschätzung. Das libanesische Pfund ist an den Dollar gebunden. Wenn der Brexit also den Euro schwäche, würden die Importe aus Europa – rund 30% der libanesischen Importe – günstiger. Langfristig jedoch würden all die libanesischen Investoren in Großbritannien am Wertverfall ihrer Objekte leiden, schließt Halawi aus ihren Gesprächen mit einer Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern.

Rubina Abu Zeinab-Chahine, Geschäftsführerein der Hariri-Stiftung für nachhaltige menschliche Entwicklung, beschreibt den Austritt als tragisch, legt die Vorteile und die Schwächen der EU über ihre Geschichte hin da und wendet sich dann den europäischen Mittelmeer-Partnerschaften zu: „Die Europäische Mittelmeer-Partnerschaft, vor 21 Jahren aus der Taufe gehoben, war der erste Ansatz der EU zu einer umfassenden gemeinsamen Politik für den nahen Osten, die die Grundlage für neue regionale Beziehungen werden sollte, und darauf ausgerichtet war, Frieden zu stiften, Sicherheit, nachhaltige Entwicklung und besondere Beziehungen zwischen der EU und dem Libanon zu etablieren. In einem so komplizierten Kontext voller Herausforderungen wie heute: Was bedeutet es für den Mittelmeerraum und den Libanon, wenn sich ihre Nachbarschaft ändert?“ Leider erörtert sie diese Frage nicht weiter.

Weniger akademisch und mehr verschwörungstheoretisch geht der hochrangige irakische schiitische Geistliche Muqtada al-Sadr das Thema an. Er warnt vor einer fragmentierten EU als Folge des Brexit und beschuldigte die USA und Israel, dahinter zu stecken. Ihm zufolge stellte die „mächtige EU“ eine Bedrohung der Vormachtstellung der USA „und ihres Stiefsohns Israel“ dar. Der Brexit sei ein erster Schritt, mit denen diese die EU zu schwächen versuchten.

Dass das britische Referendum die EU schwächt, veranlasst auch ISIS, sich die Hände zu reiben. Die Terrororganisation forderte ihre Anhänger zu Anschlägen in Europa auf, um es vollends lahmzulegen.

Gänzlich unernst verläuft die Debatte auf Libanons sozialen Medien. Schon gleich nach dem Referendum machte ein Plakat die Runde, auf dem stand, „Können wir, als Libanesen, dafür stimmen, den Nahen Osten zu verlassen?“ Manche LibanesInnen sehen sich eher Europa als dem Nahen Osten zugehörig. Insbesondere in einigen christlichen Kreisen betrachtet man Europa augenscheinlich als eine Art erweitertes Wohnzimmer des Libanons. Hatte ich erwartet, dass die meisten Libanesen die Resettlement-Politik Europas wenn dann als unzureichend kritisieren, bekam ich von Angehörigen der libanesischen Rechten neulich gesagt, Deutschland sollte doch auf sie hören und bloß keine Syrer mehr reinlassen. Sie fühlten sich als Teil des „christlichen Abendlandes“, das sie durch die Zuwanderung von, wie sie sagten „Arabern“, gefährdet sahen, sicherlich die Sicht einer kleinen Gruppe, aber dennoch präsent.

Doch es ist ein weitverbreitetes Gefühl, dass der Libanon durch seine als unwirtlich bis feinselig empfundene Nachbarschaft daran gehindert wird, sein volles Potential zu entfalten. Dass wiederum veranlasste einen Aktivisten der libanesischen Zivilgesellschaft zu einem öffentlichen Aufstöhnen auf Facebook:  “Können alle bitte aufhören, den “Kann Libanon darüber abstimmen, ob es aus dem Nahen Osten austreten will“-Witz weiterzuverbreiten?“ schrieb Georges Azzi, Direktor der Arab Foundation for Equality, „Erstens gibt es keine Institution namens „Naher Osten“, weder politisch noch wirtschaftlich noch als irgendeine Art von Abkommen. Es gibt keinen „Austritt“. Zweitens, wenn das Ziel ist, physisch aus dem Nahen Osten herauszukommen, könnt ihr anfangen zu graben. Aber wann immer ihr fertig wäret:  Nabhi Berri [Parlamentspräsident seit 1992] wäre noch immer Parlamentspräsident, Michel Aoun und sein Günstling Bassil würden noch immer alles daran setzen, das Präsidentenamt an sich zu reißen, und [der Geschäftsmann] Hariri würde an der damit neu entstandenen Küste in der Bekaa-Ebene Lizenzen an private Firmen verkaufen, damit diese dort neue schicke Strandressorts bauen können. Drittens werden sich die einzelnen Konfessionen des Libanons spinnefeind sein, wo auch immer in der Welt sie sich befinden. Viertens hat Korruption nichts mit unseren Nachbarländern  zu tun. Also hört auf, andere für eure Probleme verantwortlich zu machen.“

Lacht kaputt, was euch kaputt macht

Screen shot 2016-05-13 at 21.28.05Es scheint, als hätte Putin jetzt auch Harry Potter gelesen und analog zu der dort im 4. Stock des Zauberei-Ministeriums beheimateten „Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe“ in der russischen Botschaft in London eine „Abteilung zur Instrumentalisierung fiktiver Apparaturen und Kreaturen“ geschaffen. Fantasievoll bebildert die Botschaft ihre Tweets zu echten oder behaupteten politischen Ereignissen mit Bildern aus Zombie-Filmen und Videospielen. Am 12. Mai dekorierte die Londoner Vertretung Moskaus ihren Tweet über angebliche Lieferungen von Chemiewaffen an Rebellen nahe Aleppo mit einem Bild, das drei LKWs aus dem Videospiel: „Command and Conquer“, zeigt.

Dass ist besonders hübsch, weil das russische Außenministerium zu anderen Gelegenheiten behauptete, Satellitenbilder von seinen Aktivitäten in der Ukraine seien einem Videospiel entnommen.

Für Scharen von Twitterern war das ein gefundenes Fressen. „Und hier die Extremisten!“ schrieb einer von ihnen und fügte das Bild einer fusselbärtigen Legomännchen-Armee mit einem Lego-Huhn an. „Oh je, wen haben sie nur gefunden, um mutig genug zu sein, diese Bilder hinter den Frontlinien aufzunehmen?“ fragt ein anderer, der eine Bild aus einem Commodore-64-verdächtigen Computerspiel postet, auf dem eckigen Gestalten Pfeile auf ihre Gegner abschießen

Screen shot 2016-05-13 at 21.16.34Selbst Twittererin „Partisangirl“, die sonst weder Zeit noch Mühe scheut, absurde Verschwörungstheorien des Regimes ein paar Windungen weiterzudrehen, fiel dazu nur die lahme Bemerkung ein, auf dem Bild stehe, dass es lediglich „zur Bebilderung“ diene, auf Gutdeutsch also einer Art Serviervorschlag gleichkomme.

Als ob es nicht genügend Bilder aus Syrien und dem Irak gäbe verbreiten sich fiktive Bilder zur Illustration des Unfassbaren oft wie ein Lauffeuer, im Gutgemeinten wie im Schlechten. Die iranische Künstlerin Bharesh Bisheh reagierte erstaunt darauf, dass sich ihr Foto von einem Mädchen, das sich auf dem Asphalt innerhalb mit Kreide gezeichneten Frauenfigur zusammengerollt hat, plötzlich selbständig machte. Die Legende, die dem Bild zum Erfolg verhalf: „Herzzerreißendes Foto einer irakischen Künstlerin aus einem Waisenhaus. Das Mädchen hat seine Mutter nie gesehen, daher hat es eine Mutter gemalt und sich zum Schlafen bei ihr eingekuschelt.“ Das Bild ging um die Welt, auch wenn die Zeichnung offensichtlich nicht von einem Kind stammt und die ganze Szene nicht recht schlüssig erscheint. Bharesh Bisheh schrieb daraufhin einen Hinweis auf Flickr: „Dieses Mädchen ist meine Cousine, die auf dem Asphalt vor meinem Haus eingeschlafen war. Sie muss ein Weilchen gespielt haben und sich dann hingelegt haben und eingeschlafen sein. Ich habe mich auf einen Stuhl gestellt, um dieses Bild zu machen. Das hat nichts mit einem Waisenhaus zu tun, und es steht keine tragische Geschichte dahinter. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, um kreativ zu arbeiten. Es ist ein Fotografie-Stil. Ihr könnt mein Bild benutzen, wenn ihr auf mich als Fotografin verweist. Danke für euer Verständnis.“

Ähnlich erging es Abdel Aziz al-Atibi, der künstlerisch seinen kleinen Neffen in eine rote Decke gehüllt zwischen zwei Steinhaufen liegend fotografierte – ein Bild, das mit der Überschrift „Syrischer Junge liegt zwischen den Gräbern seiner Eltern“ bekannt wurde. Atibi bemühte sich um eine Richtigstellung, stellte weitere, diesmal fröhliche Bilder des kleinen Jungen ins Netz.

Weniger harmlos sind Bilder aus Spiel- oder Horrorfilmen, die als Bilder realer Barbareien präsentiert werden. CNN verbreitete ein Bild, das als „Steinigung eines Mädchens in Syrien durch ISIS, weil es auf Facebook war“ verkauft wurde – zwar mit der Einschränkung „angeblich“, was der Verbreitung aber keinen Abbruch tat. Das Bild entstammt einem dem  amerikanischen Film „Die Steinigung der Soraya M.“, der im Iran spielen soll. Auch „Frauen in Käfigen auf einem Pick-Up „, die laut Beschreibung auf dem Weg zu einem „Sklaven-Markt von ISIS“ seien, bekam gehörigen Auftrieb. Das Original: eine Performance von einer ägyptischen Demonstration. Ebenso werden online gerne Bilder von schwarz verhüllten Frauen, die aneinandergekettet sind, als Illustrationen der sexuellen Sklaverei von ISIS geteilt – Bilder, die den schiitischen Ashura-Prozessionen entstammen, bei denen sich die Betreffenden im Gedenken an das Martyrium Husseins als seine vor 1300 Jahren in Ketten gelegten Schwestern inszenieren. Nicht zu vergessen auch das Bild einer „Christin die von ISIS mit einem Pfahl“ im Bett getötet worden sei – in Wirklichkeit entnommen einem westlichen Horrorfilm.

Ich habe in den letzten Jahren Hunderte von Aufnahmen der Grausamkeiten in Syrien angeschaut, profesionell gefilmtes oder mit verwackelten Handykameras dokumentiertes Foltern und Morden. Ob ISIS‘ Schergen oder die des Regimes: Sie dokumentieren sich gerne bei ihren unvorstellbaren Taten. Die einen, um einzuschüchtern, die anderen, weil sie sich in Sicherheit vor der Strafverfolgung wähnen. Dritte, wie der unter dem Pseudonym Cesar bekannt gewordene Fotograf, waren angestellt vom syrischen Regime, um als Buchhalter des Grauens zu dokumentierten, dass die Geheimdienste ihr tägliches Soll todbringender Taten erfüllen. Diese Dokumente der absoluten Abgründe der Menschlichkeit sind Mahnmale der Schande für die Täter und all diejenigen, die sie haben gewähren lassen.

Umso wichtiger, den lächerlichen Manipulationen  der russischen Botschaft in London gewitzt zu begegnen, um ihr albernes, aber gefährliches Spiel mit den Bildern offenzulegen. Statt auf die täglichen Kriegsverbrechen hinzuweisen, befördert dies den Konflikt und die bequeme westliche Wahrnehmung, man „könne es nicht so genau wissen.“ Angesichts dessen, dass jetzt schon Videospielaufnahmen bemüht werden, fehlt nur noch, dass alsbald die Personalausweise von Harry Potters schaurigem Gegenspieler Lord Voldemort oder dem Inbegriff des Grauens aus „Herr der Ringe“, Sauron, als „Ausweispapiere getöteter syrischer Rebellen“ präsentiert werden.

Staatsapparat an Rasierapparat, jemand zu Hause?

Mit freundlicher Genehmigung von Hassan Hassan

Mit freundlicher Genehmigung von Hassan Hassan

Vor den Hipstern war der Bart in Deutschland bekannt als Merkmal zu oft gerissener Witze.

Nun hat der syrische UN-Vertreter in Genf, Bashar al-Jaafari, einen neuen Bart-Witz in die Welt gesetzt. Mit einem Seitenhieb auf die kontroverse Oppositionsgruppe Jaish al-Islam sagt er: „Wir werden uns nicht in direkte Gespräche mit diesen Terroristen begeben, also wird es keine direkten Gespräche geben, bevor diese Terroristen sich entschuldigen und auch ihre Bärte abrasieren.“

Schaut man sich die Bilder der verschiedenen bewaffneten Akteure in Syrien an, ist das verwirrend, denn Gesichtsbehaarung ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal echter und Möchtegern-Islamisten auf Oppositionsseite. Die Shabiha, Assads irreguläre Milizen, zeichnen sich nicht nur durch von Anabolika ins Lächerliche torpedierte Muskeln aus, sondern plustern gerne ihre Bärte, und bei einem der Hauptverbündeten des syrischen Regimes, Iran, besteht die gesamte Führungsrige aus außerordentlich bärtigen Männern.

Seit es den sogenannten „Islamischen Staat“ gibt, nennt die libanesische Tageszeitung Daily Star Iran nicht mehr nur „Iran“ sondern spricht stets  analog von der „Islamischen Republik.“ Im Internet wird gerne eine Auflistung geteilt, inwieweit Saudi Arabien und ISIS sich ähnlich seien, aber man könnte dem genauso gut Iran hinzufügen. Man müsste sehr genau hingucken, um zwischen den durch den regionalen Konflikt eng miteinander verzahnten Dreien positive Unterschiede zu erkennen. Gerade, was die Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten im Nahen Osten und die Missachtung der Menscnenrechte betrifft, nehmen sie sich nicht viel – und darin, dass nicht wenige ihrer Vertreter mehr Wert auf Symbole wie eben den Bart denn auf moralisch einwandfreies Verhalten legen.

Dass Bashar Jaafari also ausgerechnet den Bart als zentrales Hindernis der Verhandlungen ausmachen will, ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eine haarige Angelegenheit. „Auf den Punkt gebracht: So ist das syrische Regime,“ schreibt der syrische ISIS-Experte Hassan Hassan auf Facebook.

Syrien: Hoffen auf Widerhall im All

Planet Syrien

Planet Syrien

„Planet Syrien“ heißt die Kampagne, die syrische AktivistInnen diese Woche gestartet haben, um für internationale Solidarität zu werben. Die wichtigsten Anligen der Unterzeichner aus dem gewaltfreien syrischen Widerstand: dass die internationale Gemeinschaft endlich den Fassbomben-Abwürfen en Ende bereitet, und dass es ernsthafte Friedensverhandlungen geben soll.

Der Name der Kampagne rührt daher, dass viele SyrerInnen – insbesondere aus den Kreisen des gewaltfreien Widerstandes – sich mit ihren Anliegen alleingelassen fühlen. „Wir werden behandelt, als ob wir Außerirdische seien, als ob wir irgendetwas ganz Undekbares fordern,“ heißt es, „dabei wollen wir etwas völlig normales: in Frieden leben.“

Je mehr die Situation in Syrien eskaliert ist, desto mehr ist in den Hintergrund getreten, dass die syrische Revolution monatelang in friedfertigen Demonstrationen bestand, ja, das eingangs noch nicht eimal der Sturz des Regimes gefordert wurde. Würde, Gerechtigkeit, ein Ende der Korruption und poltische Reformen waren es, wofür Menschen in ganz Syrien 2011 auf die Straße gingen, und worauf das Regime keine andere Antwort als die Gewalt fand. Insbesondere, seit ISIS im Sommer letzten Jahres Mossul überrant und einen eigenen „Staat“ ausgerufen hat, geht es in der Berichterstattung zu Syrien im Wesentlichen um die Grausamkeiten von ISIS, und gelegentlich um das Leid der Flüchtlinge. Dass nach wie vor die stärkste Bedrohung für Zivilisten in Syrien vom Assad-Regime ausgeht, gerät ebenso ins Hintertreffen. Gerade hat The Syria Campaign es in eindrucksvollen Grafiken festgehalten, die auf Daten des Violations Documentation Center beruhen:

The Syria Campaign: Wer tötet Zivilisten in Syrien?

Noch ungleicher fällt die Balance bei der Frage aus, wer hauptverantwortlich für den Tod meidizinischen Personals ist. Ärzte, Krankenschwestern und medizinische Einrichtungen sind in den letzten Jahren gezielt ins Visier genommen worden. Über 60% der syrischen Krankenhäuser gelten als zerstört, die übrigen als begrenzt funktionsfähig. 97,4% der Toten aus dem Gesundheitssektor hat das Regime auf dem Gewissen. 

Leicht könnte man den Eindruck gewinnen, dass es in Syrien keine demokratischen Kräfte mehr gibt. Das Regime hat sein Möglichsts getan, um eine solche Situation heraufzubeschwören. Von Anfang an hat es die Demontranten als „Terroristen“ bezeichnet und verfolgt. Hunderttausende sind mit ungeklärtem Schicksal in Regeimegefängnissen verschwunden, und die Fotos von über 10.000 zu Tode Gefolterten, die zwecks Identifikation der Opfer nun ins Internet gestellt werden, lassen für viele von ihnen Schlimmes vermuten. Über die Hälfte des Bevölkerung ist auf der Flucht. Auf dem Friedhof, im Gefängnis, im Exil – so wurde die syrische Opposition nach dem Massaker von Hama 1982 verortet, und so könnte man es auch heute für viele AktivistInnen zynisch umschreiben.

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Umso bewundernswerter, dass es, trotz vier Jahren des erbarmungslosen Krieges und obwohl durch die Terrormiliz ISIS und andere extrmistische Gruppen die Bedrohungen für gewaltfreie AktivistInnen vielfältiger geworden sind, weiterhin eine so starke Bürgerbewegung in Syrien gibt. 85 syrische Organisationen haben sich für „Planet Syrien“ zusammengefunden. Ein Ende der Fassbomben erscheint ihnen eine besondere Dringlichkeit, weil Fassbomben wahllos töten: es handelt sich um improvisierte Bomben, die nicht gezielt abgeworfen werden können, und die das Regime im Wesentlichen eingesetzt hat, um ganze Stadteile und Ortschaften außerhalb seiner Kontrolle in Schutt und Asche zu legen. Die meisten Opfer von Fassbomben sind Zivilisten, und die meisten Zivilisten, die in diesem Krieg einer Regierung gegen ihr eigenes Volk sterben, sterben durch Fassbomben.

Auch Chlorgas ist mit syrischen Fassbomben abgeworfen worden. Chlorgas selbst fällt nicht unter die Chemiewaffenkonvention fällt, der Syrien 2013 beitrag, als es nach einem Chemiewaffeneinsatz erstmals zugab, über nicht-konventionelle Waffen zu verfügen. Wohl aber dessen Einsatz als Waffe.

Es ist über ein Jahr her, dass der UN-Sicherheitsrat und damit auch Russland die Resolution 2139 verabschiedete, in der ein Ende der Fassbombenabwürfe gefordert wird. Es ist wenige Wochen her, dass mit UN-Resolutin 2209 nicht nur ein Ende des Chemiewaffeneinsatzes in Syrien gefordert wurde, sondern auch erwähnt wurde, dass zur Umsetzung der Resolution Gewalt angewendet werden kann. Das syrische Regime schert sich um keine der Resolutionen, und die internationale Gemeinschaft zeigt keinerlei Anzeichen, dass sie die Umseztung dieser Resolutionen einfordern wird.

Daher wenden sich die Organisatoren der Kampagne an die breite Öffentlichkeit: „Lasst uns hören, dass wir wenigstens eure moralische Unterstützung haben, so das Motto. Für den 7. April hat „Planet Syrien“ all diejenigen aufgefordert, die ein Ende der Gewalt in Syrien unterstützen, eigene Aktionen an ihren jeweiligen Orten zu starten, um ein Ende der Fassbomben und ernsthafte Verhandlungen einzufordern. Sie hoffen, dass zumindest dieser Aufruf nicht ungehört im All verhallt.

 

ISIS, IS oder Daesh? Ein Sturm im Buchstabensuppenteller

ISIS-Spott: "Baghdadis Wahl: Omega erhältlich in allen ISIS-Läden in Syrien und Irak" (c) @Al_Khateeb

ISIS-Spott: „Baghdadis Wahl: Omega erhältlich in allen ISIS-Läden in Syrien und Irak“ (c) @Al_Khateeb

„Daesh – möge ihrer ‚Herrlichkeit’ ein kurzes Dasein beschieden sein,“ ruft der syrische Intellektuelle Yassin Al Haj Saleh im Dokumentarfilm „Our Terrible Country“ in einer höhnischen Imitation des pompös-bedrohlichen Tons von ISIS‘ eigenen Äußerungen. „Daesh,“ sagt er an anderer Stelle und rollt das Wort im Mund, „das klingt, wie eines der Monster aus den Märchen, die man uns als Kinder erzählt hat.“

Die Monstrosität von ISIS übersteigt in vielerlei Hinsicht jedes Fabelwesen. Materiell labt sich ISIS an vielen Quellen – an Financiers gebrach es nicht, auch wenn die Golfstaaten jede Verantwortung von sich weisen; erpresste Schutzgelder von Geschäftsleuten, Lösegeld für Geiseln, die Beute, die sie bei ihren Eroberungen gemacht haben, von Geld und Waffen zu Öl – bevorzugt verkauft an das syrische Regime sichern ihren Fortbestand.

Ideell lebt ISIS von blanker Bestialität. Sie erlaubt ihnen, unter denjenigen zu rekrutieren, die sich entrechtet fühlen und als ISIS-Kämpfer erstmals meinen, über anderen zu stehen und Macht ohne Verantwortung, ohne an Regeln gebunden zu sein, ausüben zu können. Das versetzt ihre Gegner in der Region in Schreckensstarre oder treibt sie in die Flucht: „Ich habe vieles Schlimme erlebt, aber meine Angst war nie größer als in dem Moment, in dem ich gesehen habe, wie ISIS in einen Ort eingefallen ist. Maskierte Bewaffnete, die ohne lange zu fackeln kurz und brutal ihre Macht demonstrieren – das hat ein größeres Grauen ausgelöst, als alles zuvor,“ sagt eine Aktivistin.

Hier versuchen arabische Aktivisten und Medienschaffende, sie zu packen: Trotz oder gerade wegen der ernsthaften Bedrohung durch ISIS laufen die Satiriker zur Hochform auf. So spottet Anthony al Ghosseini, ISIS hätte den Libanon nicht als Eroberungsziel ins Auge gefasst, weil sie schlicht nicht wüssten, wen sie hier stürzen sollten. Auch die Verkehrsprobleme im Land seien einem Vormarsch nach Beirut extrem hinderlich. Dass „der Kalif“ mit einer teuren westlichen Uhr gesichtet wurde, veranlasste unter anderem Spott auf Twitter: „Baghdadis Wahl von #Omega nun verfügbar in allen #ISIS Läden in #Syrien und #Irak twitterte @Al_Khateeb. Die Prominenz kam der, des zuvor durch sein pinkfarbenes „Hello Kitty“-Notizbuch berühmt gewordenen Extremistenführers Zahran Alloush, gleich.

ISIS weiß um den Wert der öffentlichen Inszenierung von Brutalität. Anders als viele andere Barbaren, die das Bestreben haben sich als die „eigentlich Guten“ zu vermarkten, die nur, weil sie dazu gezwungen seien, Gewalt ausübten, legt ISIS größten Wert darauf, sich so schrecklich wie möglich in Szene zu setzen.

Das macht sie zum Feind, auf den man sich leicht einigen kann. Gegen ISIS zu sein, ist eine Selbstverständlichkeit, bei der sich keine Regierung leisten kann, zu schweigen. Dass dem nicht unbedingt Taten folgen müssen, zeigt am besten das syrische Regime, das sich von Anfang an und weiterhin in vornehmer Zurückhaltung übt, wenn es darum geht, sie anzugreifen. Die Terrormiliz ist Assads Gelegenheit, sich als das ‚kleinere Übel’ zu inszenieren. Innenpolitisch war es stets ein Herzstück der Assad-Propaganda, sich nicht als normale Herrscherfamilie darzustellen, sondern sich mit gottgleichen Attributen zu versehen: „Assad bis in die Ewigkeit“ und „Assad, der ewige Führer“ waren nur einige der Slogans, die 40 Jahre lang beharrlich auf Stadtmauern und Plakate gepinselt wurden. Die Poster mit den Konferfeis von Hafez al-Assad, Bashar und seinem verstorbenen Bruder Basel zusammen wurden halbernst als Anklang an die Darstellung der Dreifaltigkeit „Vater, Sohn und der heilige Geist“ betrachtet.

Die Dreifaltigkeit: Bassel, Hafez und Bashar al-Assad {c} qifanabki.com

Die „Dreifaltigkeit“: Bassel, Hafez und Bashar al-Assad {c} qifanabki.com

Von einem in die himmlischen Sphären getriebenen Personenkult in Syrien selbst und einer hoffnungsvollen Schönschreibung des Diktators als Beschützer der Minderheiten und säkularem Bollwerk gegen den Extremismus ist es ein weiter Weg, die eigentliche Höllendimension des Regimes zu ermessen. Auf Youtube mangelt es nicht an Videos, in denen Schergen des Regimes sich dabei filmen, Gefangene zu Tode zu quälen. Die 55.000 aus dem Land geschmuggelten Bilder von 11.000 in Assads Gefängnissen totgefolterten, auch noch im Auftrag des Regimes fotografiert, lassen sich augenscheinlich leichter beiseite schieben. Es stand, anders als bei ISIS’ Enthauptungsvideos nicht drauf, dass das eine Botschaft an Amerika oder den Westen sei, warum also sollte man sie verstehen? War was?

Auf internationaler Ebene ruft ISIS blinden Aktionismus hervor, der sich bislang auf unausgegorene Militärstrategien ohne eine entsprechend starke politische Untermauerung erstreckt. Luftschläge gegen ISIS sind zwar ein Anfang, aber dass nicht gleichzeitig ein vehementeres Vorgehen gegen Assad debattiert wird, er in manchen Kreisen sogar als potentieller Partner gesehen wird, führt zu Unmut. Das wiederum stößt im Westen auf Unverständnis. „Jetzt tun wir mal etwas, da ist es auch wieder nicht recht, das ist eine Wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-naß-Haltung,“ lautet oftmals die Argumentation. Dabei sehen viele Syrerinnen und Syrer Assad und ISIS als zwei Formen ein und desselben tyrannischen, menschenverachtenden Geistes, ja, dass sie sich in manchen Dingen im wahrsten Sinne bis aufs i-Tüpfelchen gleichen: „Weißt du, als ich nach Raqqa kam und die von ISIS neu angebrachten Ruhmesparolen sah, habe ich mir die Augen gerieben,“ sagt ein Künstler. „Die Schriftzüge zeigten, dass der gleiche Kalligraph am Werk gewesen war.“

Während ISIS’ Attitüde international von Größenwahn zeugt, regiert bei ihrer eigenen Benennung eben die Kleinlichkeit. Sie wollen nicht nur als ‚Islamischer Staat in Irak und Syrien’ (oder der Levante) gesehen werden, da offenbart, dass es keine vorkoloniale einheitlich benannte Entität gibt, auf deren Wiederherstellung sie sich gerne berufen würden. Sie wollen als der islamische Staat schlechthin auftreten. Ihre Grandezza soll nicht durch Abkürzungen geschmälert werden, sie nicht zu einem beliebigen Teil der Buchstabensuppe machen. Deswegen hört bei der Verwendung ihres arabischen Akronyms „Daesh“ („al-Dawla al-Islamiya fi al-Iraq wa al-Sham“) der ohnehin nicht vorhandene Spaß auf. Sie ahnden die weltliche Abkürzungsfreude mit drakonischen Strafen. Dass auch „Dawla“ (Staat) ein moderner Begriff ist, der mit einem historischen Kalifat wenig zu tun hat, ist Nebensache.

In der allgemeinen Ratlosigkeit, wie ISIS beizukommen sei – ganz zu schweigen von einer politischen Lösung, die die Region befrieden könnte-, greift man auch zu rhetorischen Strohhalmen. So gibt es derzeit in Frankreich ein Bestreben, ISIS weder ISIS noch IS zu nennen, sondern stattdessen den unter Extremisten verhassten Begriff „Daesh“ zu verwenden. Wie der französische Außenminister Laurent Fabius sagte: „Es handelt sich hier um eine terroristische Gruppe, nicht um einen Staat. Ich empfehle, nicht den Terminus ‚Islamischer Staat zu verwenden, denn damit verwischt man die Trennlinien zwischen Islam, Muslimen und Islamisten. Die Araber nennen sie ‚Daesh’, und ich nenne sie die ‚kehlenaufschlitzenden Daesh‘.“