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„Ihr stinkt!“- Lautstarke Proteste, schweigende Politiker

"Ihr stinkt!" - Proteste gegen die Müllpolitik (c) Alisha Molter

„Ihr stinkt!“ – Proteste gegen die Müllpolitik (c) Alisha Molter

Wie Beiruts Müllproblem die Nation eint. Ein Gastbeitrag von Alisha Molter.

Totenstille herrscht an diesem Samstagabend in Beiruts Partyviertel Mar Mikhail, in dem ich seit Mai lebe. Ungewohnt schnell erreicht mein Sammeltaxi, den Pub „Radio Beirut“, der mich sonst um so manche erholsame Nacht bringt. Ein-, zweimal drücke ich mir auf die Ohren, aber es sind nicht meine Trommelfelle. Es ist fast so, als sei Beirut in einen Dornröschenschlaf verfallen. An den Stromausfällen kann es nicht liegen, denn die halten keinen Beiruter vom Party machen ab.

Kaum in der Wohnung, weiß ich was los ist: Ganz Beirut sitzt vor dem Fernseher! Aber es ist nicht etwa die Fußball- WM, die die Menschen ihr kaltes Bier in den Bars vergessen lässt. Es ist der Müll. Seinetwegen haben sich mehrere tausend Menschen in Beiruts Stadtzentrum zusammengefunden. Sie protestieren gegen den Abfall, der seit Wochen in den Straßen vor sich hingammelt und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Wer es nicht vor dem Fernseher mit verfolgt, geht selbst hin.

Am nächsten Tag gehe auch ich „gucken“. Gemeinsam mit meiner libanesisch-armenischen Freundin Elza, Unterstützerin der YouReek („Ihr stinkt“) Bewegung, mache ich mich auf den Weg ins Zentrum. „Nimm Zwiebeln mit und Cola“ rät mir mein syrischer Mitbewohner. Der muss sich ja auskennen mit Revolutionen und Tränengas, denke ich, und packe etwas verunsichert auch meine Taucherbrille ein. Man weiß ja nie.

Unweit Beiruts größter Moschee ist es vorbei mit der Stille. Menschenmassen rufen aufgebracht „Verbrecher“ und „haut ab“. Ein junger Mann rennt die Straße herunter. Er trommelt wie wild auf einen Kochtopf ein. „Wir, das Volk, wollen das Regime stürzen“, brüllt die Menge in Anlehnung an die Proteste des Arabischen Frühlings. Sie alle wollen in den Innenstadtbereich „Downtown“, in dem auch das Parlament liegt. Bereits an normalen Tagen abgeriegelt und bewacht, ist er heute verbarrikadiert und für die Öffentlichkeit gesperrt. Hinter den meterhohen Stacheldrahtzäunen stehen Polizisten mit ihren Schusswaffen. Nach den Ausschreitungen am Vorabend haben sie die Sicherheitsvorkehrungen noch erhöht. Heute ist hier kein Durchkommen.

Ich mische mich unter die Demonstranten. Zelte stehen am Rande, denn einige haben die Nacht hier verbracht. Laut schallt Fairouz’ Stimme aus den Lautsprechern. Als Sangesikone weit über den Libanon hinaus bekannt, ist sie auch ein Symbol der nationalen Einheit, für die sich konfessionsübergreifend die Fans begeistern. Menschen diskutieren und rufen Parolen gegen die Polizisten. Einige Demonstranten werfen Flaschen und Stöcke auf die Beamten. Ein Aktivist stimmt über das Mikrofon die Nationalhymne an. Die Menschen schwenken Libanon-Flaggen. „Eh yalla, hukume tlaai barra !“, rufen sie, „Los, Regierung raus!“. Ähnliche Worte fanden die Beiruter das letzte Mal während der „Zedernrevolution“ 2005, als die Demonstranten die syrischen Besatzer aufforderten, das Land zu verlassen.

Der Müll ist nur Auslöser eines längst überfälligen Aufbegehrens. Die Menschen demonstrieren gegen eine Regierung, die illegitim und korrumpiert ist, gegen Wasserknappheit und tägliche Stromausfälle, gegen die Generatorenmafia und die seit einem Jahr scheiternden Präsidentschaftswahlen. Den Gestank der Müllhaufen kennt hier im Libanon jeder. Der Gestank setzt sich über konfessionelle Strukturen hinweg. Er macht weder vor Schiiten, Sunniten, Drusen, Christlich-orthodoxen, Maroniten noch einer der anderen Konfessionen Halt. Er breitet sich über alle aus. Und ist für alle nur eins: unerträglich.

Neben jungen Männern mit viel Muskelmasse schmücken sich ein paar Botoxgesichter aus der Beiruter Oberschicht mit Libanons Farben. Eine Frau, in schwarzen Schleier gehüllt, fotografiert ihre Tochter auf einem Motorrad. Ein paar junge Aktivisten springen auf einem Polizeiauto herum, das nicht rechtzeitig abgeholt wurde. Die Polizisten hinter den Stachelzäunen werfen Blendgranaten. Der Knall ist enorm. Zum ersten Mal bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Auch Elza traut den Polizisten nicht. Gestern sind mehrere Menschen verletzt worden, als die Sicherheitskräfte mit scharfer Munition in die Luft gefeuert haben.

Ein paar junge Mädchen machen unbeirrt Revolutions-Selfies. Neben mir steht eine ältere Dame aus Ashrafiehs christlicher Oberschicht. Sie spricht konsequent nur Französisch. Sie trägt rosafarbene Lackpumps und ein passendes Kleid. „Thaura, Thaura!“ ruft sie. Revolution! Beiruts Revolution mag auf den ersten Blick eigenartig erscheinen, doch für das sonst in religiöse Lager gespaltene Land ist der heutige Tag tatsächlich etwas Besonderes. „Wir wollen kein konfessionelles System mehr“ proklamiert ein selbst gemaltes Plakat in Französisch, Arabisch und Englisch. Überall wehen libanesische Flaggen. Ein 100 Meter langes rot-weißes Band wird von einem Ende zum anderen durchgereicht. Es schwebt über der Menge.

So unterschiedlich die Menschen sein mögen, sie alle scheinen die Nase voll zu haben von Tatenlosigkeit und Bereicherung der Politiker. Beirut fühlt sich gut an und erinnert an ein Volksfest: Musik, und Trommeln, jung und alt, mit Kopftuch oder ohne, alles ist bunt gemischt. „Schawarma?“ fragt uns ein Mann. Er streckt uns ein Tablett mit Hühnchensandwiches entgegen. Wir lehnen dankend ab.

Julia Boutros‘ Stimme erklingt über der Menge. „Ich atme Freiheit. Schneide mir nicht die Luft ab“, singt der libanesische Star. Ihre Worte scheinen heute fast wie ein Plädoyer gegen den Gestank. Die kommenden Tage werden zeigen, ob sie Widerhall finden, oder ob die Proteste wie so oft im Libanon sang- und klanglos verebben.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.