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„Tu es nicht“ – Kinderehen im Libanon

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Ein Mann gesetzten Alters steht an der belebten Uferpromenade in Beirut, neben ihm ganz in weiß und mit Brautstrauß seine Angetraute. Die beiden sind beim Fotoshooting ihrer Hochzeit. Eine ganz normale Szene, die sich hier im Sonnenschein und unter Palmen abspielt – wäre da nicht das Alter der Braut, die noch ein Kind ist. Die libanesischen Gesetze erlauben es. 12 ist das Mindesalter für eine Eheschließung.

Kinder, die verheiratet werden sind ein trauriges Thema, das mit der Flüchtlingskrise erst Aufmerksamkeit erhalten hat. Über eine Million syrischer Flüchtlinge befinden sich im Libanon, darunter viele Familien, in der die Mütter alleine für die Kinder sorgen müssen. Die Ehemänner und Väter: im Krieg, in Gefangenschaft, auf dem Weg nach Europa, um eine bessere Zukunft zu suchen; im Libanon und zu beschämt darüber, dass sie nicht mehr der Ernährer der Familie sein können – oder überzeugt, dass sie sich alleine besser durchschlagen können.

Das hat verheerende Auswirkungen für die Frauen, die auf sich selbst gestellt sind. Sie haben wenig Wahl, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten und die Kinder durchbringen sollen. Ausbeutung und Prostitution („Survival Sex“) sind die Folge – und dass Mädchen bereits als Kinder und Teenager verheiratet werden, damit die Mütter die Verantwortung für sie abgeben können, wie bei einer der Protagonistinnen von Carol Mansours Dokumentarfilm „Not Who We Are.“

Doch Kinderehen sind beileibe nicht nur ein Phänomen unter Flüchtlingen. Es gibt sie auch im Libanon, in dem ein Viertel der Bevölkerung bereits vor 2011 unter der Armutsgrenze gelebt hat. Genau dieser Bevölkerungsanteil ist durch die ökonomischen Auswirkungen der zahlreichen Flüchtlinge noch tiefer in die Armut gedrängt worden.

Die oben beschriebene Szene stammt aus einer Performance, mit der die libanesische Frauenrechtsorganisation KAFA Kinderehen bekämpfen will: der ältere Herr, das Mädchen, der Fotograf: alles Schauspieler, die die Reaktion der Passantinnen und Passanten auf die Probe stellen. Obschon legal, sind sie gesellschaftlich, wie hier zu sehen ist, höchst umstritten. Viele schauen sich das an, gehen vorüber, aber einige mischen sich ein. „Und, gefällt es dir, das zu filmen?“ fragt einer den Fotografen, „Und dir, bist du zufrieden?“ richtet er sich an den Bräutigam. „Misch dich nicht in meine Angelegenheiten, ich habe die Erlaubnis ihrer Eltern“, erwidert diser. „Ein Wort noch, und ich werfe dich ins Meer,“ herrscht ihn ein anderer an.

Ein Mann tritt von hinten an die „Braut“ heran, es ist nicht zu hören, was er sagt, aber er gestikuliert eindeutig: ‚Tu es nicht, tu es nicht!‘

„Wo ist Deine Mutter?“ fragt eine Passantin. Die Schauspieler wiegeln ab: „Ich habe das Einverständnis ihrer Eltern. Das geht dich nichts an.“ – „Das ist sehr wohl meine Angelegenheit“, insistiert die Passantin, „ich war hier joggen, aber als ich das gesehen habe, sind meine Füße zu Eis geworden! Ich nehme sie jetzt mit! Das könnte meine Tochter sein.“

Syriens Zukunft träumt von einer besseren Gegenwart

YouTube Preview ImageÖffentlicher Raum und Spielplätze sind in Beirut rar. Deswegen gehe ich jeden Nachmittag auf den Hof der Kirche nebenan – einer der wenigen Orte, an denen man mit Kindern Ballspielen oder Rollerfahren kann. Dort treffen wir regelmäßig vier syrische Geschwister, die aus dem südsyrischen Daraa nach Beirut gekommen sind. Sie haben hier keine Freunde.

Die älteste Schwester, Lama, selbst gerade 12, muss auf die jüngeren Geschwister, 1, 3 und 7 Jahre alt, aufpassen. Seit zwei Jahren sind sie hier, seit zwei Jahren gehen sie nicht mehr zur Schule, weil ihre Eltern sich die hohen Schulgebühren nicht leisten können. „Was war dein Lieblingsfach in der Schule?“ frage ich Lama. Sie bekommt feuchte Augen und haucht: „Ich habe ALLES geliebt. ALLES in der Schule.“

Wie ihnen geht es vielen. Einige Organisationen betreiben syrische Schulen im Libanon, mit einem syrischen Lehrplan, bei dem der Unterschied im wesentlichen darin liegt, dass alle Fächer außer Sprachunterricht auf Arabisch gelehrt werden – anders als im Libanon, in dem unter anderem Naturwissenschaften immer entweder französisch oder englisch sind.

Manche libanesische Schulen haben eine „zweite Schicht“ am Nachmittag für syrische Kinder eingerichtet. Aber die allermeisten syrischen Kinder fallen wegen der Gebühren aus dem Bildungssystem heraus. Viele müssen sich in der Landwirtschaft verdingen. „Wir haben den Platz für ein Zelt gemietet“, sagt eine syrische Mutter in der Bekaa-Ebene. „Aber wie sollen wir das bezahlen?  Es kostet 100 Dollar im Monat – nur dafür, dass wir uns hier eine Notunterkunft bauen können. ‚Wenn ihr es euch nicht leisten könnt, könnt ihr mit euren Kindern auf den umliegenden Feldern arbeiten‘, haben sie uns gesagt. Was sollen wir anderes machen?“

In der Stadt sieht man viele Kinder, die Schuhe putzen, Kaugummis, Blumen oder Taschentücher verkaufen. Die Organisation Bidayyat for Audiovisual Arts hat nun einen künstlerischen Film veröffentlicht, der auf ihre Situation aufmerksam macht. Yaman, ein junger Erfinder, träumt darin von einer besseren Gegenwart.