Schlagwort-Archive: Libanon

Park vs. Parkplatz

IMG_0435Land ist in Beirut ein rares Gut. Viele einst städtische Flächen sind privatisiert, andere in schleichenden Prozessen von Konsortien oder mächtigen Individuen vereinnahmt worden. Auch manch private Grundstücksgrenze ist vor den Nachbarn nicht sicher. Lama, mit der wir heute unterwegs sind, erzählt: „Als meine Cousine nach dem Krieg wiedergekommen ist, hat sie immer gesagt: ‚Komisch, ich hatte den Eingangsbereich unseres Grundstücks viel größer in Erinnerung.’ Dann hat sie gemerkt, dass die Bäume, die sie damals gepflanzt hatten, im Garten ihres Nachbarn stehen. Er hat einfach die Mauer versetzt. Oder mein Onkel. Neulich hat ihn jemand angerufen, er solle unbedingt zu seinem Grundstück kommen. Da war gerade jemand dabei, dort etwas zu bauen. Wenn sich auf deinem Grundstück erstmal jemand breit macht, zahlst du dich dumm und dämlich, nur um es wiederzubekommen.“

Die Bewohner der Stadt sind jedoch immer weniger bereit, hinzunehmen, wenn wieder ein Stück des knappen öffentlichen Raumes Baumaßnahmen zum Opfer fällt. Im Beiruter Stadtteil Ashrafiye wird gerade gegen ein Bauvorhaben protestiert, das den Bezirk Rmeil seinen einzigen Park kosten würde. Einge prächtige uralte Bäume müssten dafür weichen, ein Spielplatz, eine Bibliothek und die Überreste einer byzantinischen Kirche.IMG_0434

Warum? „Weil die Müllwagen nicht mehr durchpassen,“ erklärt ein Sprecher der Stadtverwaltung. Die Leute parkten auf beiden Straßenseiten, so dass die großen Müllwagen nicht mehr durchkämen. Daher würden alle in dieser Gegend doppelt Müllabfuhr zahlen, weil man nur die kleinen Laster einsetzen könne.

Die Idee, einfach ein Parkverbot für eine Straßenseite zu erlassen haben die Stadtväter verworfen, weil die Leute dann nicht mehr wüssten, wo sie parken sollen. Zugegeben, in dieser Stadt ohne öffentlichen Nahverkehr überlegt man sich dreimal, ob man einen Parkplatz freiwillig aufgibt oder doch lieber Taxi fährt. Aber es ist schon eine etwas eigene Logik, lieber einen ganzen Park einzuebnen, als die Müllabholung anders zu organisieren.

IMG_0437Aber ums Einebnen geht es laut Stadtverwaltung auch nicht. Der Park solle lediglich abgetragen und nach dem Bau einer unterirdischen Garage über dieser wieder aufgebaut werden, natürlich noch viel schöner. Wie ein Vertreter der Stadtverwaltung es in der Tageszeitung L’Orient le Jour ausdrückt: „Die Mosaiken und Säulen der byzantinischen Kirche … werden danach wieder am selben Ort stehen – aber auf eine moderne Art und Weise.“ Ich kann mir das illustriert vorstellen. Im Stadtzentrum gibt es schon ein paar Ruinen, die aussehen wie aufgeräumte Kunst, oder als ob der historischen Größe mit Beton nachgeholfen worden wäre.

Die Anwohner des Parks in Ashrafiye schenken den offiziellen Beteuerungen wenig Glauben. In der Bibliothek liegt eine Petition aus, die bereits von rund 800 Leuten unterschrieben worden ist – für Beiruter Verhältnisse, in denen solche Initiativen nicht an der Tagesordnung sind, erklecklich. Von vielen Balkonen rund um den Park weht eine grüne Flagge mit durchgestrichenem P. Das ist das Wappen der Parkplatzgegner.

IMG_0432

Wir sind Arab Idol!

Ungefähr so fühlte es sich gestern abend an. Da war das eingetreten, worauf Millionen Palästinenser in der Westbank und Gaza, aber auch in der ganzen Welt hingefiebert hatten. Muhammad Assaf hat die seit Monaten alle Einschaltquoten in der arabischen Welt beherrschende Sendung „Arab Idol“ gewonnen. Als die Entscheidung verkündet wurde, sank Muhammed Assaf auf die Knie, und in Ramallah die Menschen in einen Freundentaumel.

YouTube Preview Image

Mittendrin die beiden Büroleiter aus Israel und Palästina, Marc Berthold und ich. Schließlich ist Assaf auch in Israel ein Superstar, die Palästinenser in Nazareth und vielen anderen Städten (immerhin 20% der Einwohner Israels) waren genauso begeistert mit dabei. Ramallah platzte aus allen Nähten, selbst auf den Dächern wurde der Platz knapp. Zehntausende feierten in die Nacht – so wie man es in Deutschland nur von Fußballwelt- und Europameisterschaften kennt.

IMG_2944

Menschenmassen in Ramallah beim Arab Idol Finale.
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Muhammad Assaf hat Sympathien — und Stimmen, gewählt wurde per sms — aus der gesamten Region bekommen, und die Palästinenser haben endlich etwas, das sie stolz macht, feiern und die täglichen Demütigungen mal vergessen lässt. Das zeitgleich zum Beispiel der gerade erst ernannte palästinensische Ministerpräsident zurückgetreten ist, interessiert keinen. Die Menschen sind so müde, so erschöpft von den Jahrzehnten der Besatzung, aber ein Sänger aus Gaza hat es geschafft sie in einen Freudentaumel zu versetzen. Assaf wird nun nach Gaza zurückkehren; obwohl die Hamas die „westliche“ Show lange ablehnte, dauerte es nicht lange, bis sie Assaf auf schräge Weise zu vereinahmen suchte. Doch der größte Hit, den Assaf darbot, ist ein Lied, das eindeutig der PLO (der die Hamas nicht angehört) zugerechnet wird.  Kein Wunder, dass sich nun viele in seinem Ruhm sonnen wollen; den 1,7 Millionen Menschen im engen und belagerten Gazastreifen dürfte das egal sein, sie werden Muhammad Assaf als Volkshelden empfangen wenn er zurückkommt. Er hat auch in Kürze Konzerte in der Westbank angekündigt – dafür wird er allerdings die Erlaubnis Israels brauchen, denn die Einwohner Gazas können seit der Zementierung der Teilung 2007 in der Regel nicht mehr in die Westbank reisen. Dann dürfte es für Assaf auf eine noch größere Tournee gehen. In die arabische Welt, aber vielleicht sogar darüber hinaus. Denn Assaf ist ein grandioser Sänger mit echter Starqualität und viel Charisma. Hier noch ein Beweis: Wer es schafft ein Lied der Backstreet Boys zu singen, ohne dass es peinlich wirkt, ist wirklich ein Superstar.

YouTube Preview Image

Der Himmel über dem Libanon

Einen Beschwerdebrief soll der libanesische Außenminister schreiben. Adressat: Syrien. Nachdem die syrische Regierung gedroht hatte, libanesische Ziele anzugreifen, wenn das Land weiterhin syrischen Rebellen Unterschlupf gewähren und sie von seinem Territorium aus agieren lassen würde, bombardierte die syrische Luftwaffe Montag Nachmittag erstmals grenznahe Ortschaften im Libanon. Präsident Michel Sleiman verurteilte den Angriff als eine inakzeptable Verletzung der libanesischen Souveränität.

Byblos, 14.03.2013

Kondensstreifen zweier israelischer Kampfjets, Byblos, 14.03.2013

Doch damit nicht genug: Nachts erhellte israelische Leuchtmunition die Küste im Süden des Landes. „Das passiert nicht oft. Mag sein, dass irgendetwas Verdächtiges vor sich geht. Genauso gut kann es sich aber auch nur um eine Botschaft handeln: an Hisbollah. Oder an die UN, die dort stationiert ist, um UNIFIL zu signalisieren, dass ihnen etwas entgeht und Israel sozusagen deren Arbeit macht,“ sagt eine Beobachterin aus dem Südlibanon. Was immer Israel sehen wolle, könne es auch tagsüber, aber selbst wahrgenommen werde man besser mit solchen Aktionen während der Nacht.

Dieser Tage sieht man jedoch am blauen Himmel oft die markanten Kondensstreifen der israelischen Kampfjets. Parallel ziehen sie die Küste herauf, und sorgen dafür, dass man im Libanon nicht vergisst, in was für einer Nachbarschaft man sich befindet.