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Der Vogel stinkt immer vom Kopf

"Bald am Beiruter Flughafen" - AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

„Bald am Beiruter Flughafen“ – AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

Massentötungen von Seevögeln, die Müllkrise, und wie all das mit der bewegten Geschichte Libanons zu tun hat

Ein Gastbeitrag von Mohamad Hassan Mansouri

Der Himmel über den Stränden Beiruts ist seit Mitte Januar überraschend leer. Wo sich sonst besonders Seevögel tummelten, herrscht Mitte Januar gähnende Leere. Besonders fällt das den Fischern auf. : „Natürlich vermisse ich sie. Sie waren unterhaltsam,“ zitiert die New York Times Mohammad Jradi, der seit 20 Jahren fischt Wie für ihn waren die Seevögel für viele andere Fischer stete Begleiter. Heute ist es einsam um sie geworden, nachdem innerhalb von drei Tagen im Januar angeblich 10.000 Vögel abgeschossen wurden.

Angelockt hatte die Vögel die „Costa Brava“, ein Küstenabschnitt wenige Kilometer südlich des einzigen internationalen Flughafens des Libanons. Hier lieh sich in hoffnungsvolleren Zeiten ein Strandressort den Namen des populären europäischen Touristenstrandes. Wo sich einst ausländische Tourist/innen und Libanes/innen am Strand erholten, türmt sich heute  provisorisch in Säcke gepresster Müll. Weil hier im letzten Jahr viel mehr abgeladen wurde, als die Deponie eigentlich verkraften kann, ist Costa Brava, wie der libanesische Blogger Claude el Khal schrieb, zu einem „riesigen kostenlosen libanesischen Restaurant“ für Vögel geworden.

In ihrer Masse begannen sie schließlich Starts und Landungen auf Beiruts Flughafen zu gefährden. Internationale Fluggesellschaften drohten, ihre Flüge in den Libanon einzustellen, weil Vogelschwärme in die Triebwerke geraten und die Maschinen zum Absturz bringen könnten. Umweltorganisationen hatten schon lange davor gewarnt und eine dauerhafte Lösung des Müllproblems gefordert.

Zunächst signalisierte das Umweltministerium, über eine Lösung nachzudenken – allerdings nicht die Schließung der Deponie, sondern lediglich Abschreckungsmaßnahmen für die Vögel. Am 14. Januar dieses Jahres nahm sich eine Gruppe von Jägern des Problems an – angeblich bezahlt durch die Regierung in einem  von Middle East Airlines gesponserten Bus kamen sie zur Küste und schossen Tausende Vögel vom Himmel.

Dieser Zwischenfall erzürnte libanesische Umweltaktivisten und lenkte den Fokus zurück auf die weiterhin ungelöste Müllkrise von 2015. Um die Proteste einzudämmen, hatte die Regierung gegen den Widerstand der Anwohner die Wiedereröffnung einiger längst überfüllter Mülldeponien beschlossen. Das ermöglichte den Abtransport des Abfalls aus Beirut und Mount Lebanon, und nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ legten sich die Proteste, an denen Tausende teilgenommen hatten.

Umweltaktivist/innen warfen der Regierung u.a. einen Bruch der Konvention von Barcelona vor, welche das Errichten von Mülldeponien an der Mittelmeerküste untersagt.

Jedoch war es vorauszusehen, dass die neuen Deponien und der neue Plan vom damaligen Agrarminister Chehayeb die Abfallproblematik nicht auf Dauer lösen können. Um zu verstehen, warum sich die Lösungsansätze ständig zwischen der Schließung alter und der Eröffnung neuer Deponien bewegen, lohnt sich ein Blick in die Nachkriegsgeschichte des Libanon.

Am 13. Oktober 1990 marschierten libanesische und syrische Streitkräfte im Präsidientenpalast ein und General Michel Aoun gab seine Kapitulation bekannt. Damit endete nach 15 Jahren ein Krieg, der das Land beinahe vollständig zerstört hatte. Dabei wurde auch vieles der Vorkriegsordnung zerstört und neue Machtverhältnisse ersetzten alte. Das 1977 gegründete Council for Development and Reconstruction (CDR) wurde 1992 wiederbelebt und wurde zum wichtigsten Instrument für den Wiederaufbau der Infrastruktur des Landes.

Gleichzeitig waren die Arbeiten und Vorgehensweisen des CDR immer begleitet von Korruptions- und Parteilichkeitsvorwürfen. Hauptakteur in der Abfallwirtschaft des Landes ist die private Firma Sukleen, welche auf die Abfallentsorgung spezialisiert ist, allerdings wenig im Bereich Mülltrennung und –beseitigung unternimmt. Ihr wird aufgrund ihrer Näher zur Familie Hariri vorgeworfen, Ausschreibungen trotz wettbewerbsunfähiger Preise für sich zu entscheiden. So kam es, dass Sukleen 1994 in einer Ausschreibung für 3,6 Millionen US Dollar zum beinahe alleinigen Abfalldienst  im gesamten Land wurde. Schon damals stand die skandalöse Schätzung im Raum, dass eine dezentralisierte Abfallbeseitigung in den Kommunen nur die Hälfte dieser Summe gekostet hätte und Korruptionsvorwürfe wurden laut. Dennoch ist Sukleen bis heute stets alleinige Bewerberin um die Vergabe der Beiruter Müllentsorgung. Pro Tonne erhält Sukleen den Spitzenpreis von USD 150, ist jedoch gleichzeitig nur für den Abtransport, nicht für die Bereitstellung von Deponiefläche zuständig.

Schon 1997 hatte die Vetternwirtschaft im Müllsektor zu einer Krise geführt. Damals war die Mülldeponie in Bourj Hammoud nach massiver Übernutzung geschlossen worden, ohne dass die Regierung eine Alternativlösung parat hatte. Das Resultat war eine Müllkrise in den südlichen Vororten Beiruts und in der Matn-Region, bei der die Regierung mehr oder weniger offen zugab, dass sie nicht in der Lage ist, etwas anderes als neue Mülldeponien anzubieten, geschweige denn eine längerfristige Vision für das Abfallmanagement hätte.

Heute, 20 Jahre später, scheint sich ihre Geschichte des Versagens zu wiederholen. Die Costa Brava ist lediglich ein weiteres Symptom einer verfehlten Politik, welche an der Grundsituation nichts ändert: der Libanon produziert zu viel Müll, ist nicht in der Lage ihn alleine zu bearbeiten und Recycling wird so gut wie nicht betrieben. Ohne, dass die Regierung bereit ist, das Problem nachhaltig anzugehen und solange die Gesellschaft nicht sensibler mit dem Thema Abfall umgeht, wird das Land auch in Zukunft dazu verdammt sein, seine Geschichte zu wiederholen – auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.

Mohamad Hassan Mansouri

Mohamad Hassan Mansouri studierte Betriebswirtschaft und Interkulturelle Studien in Heilbronn und Kairo, sowie Volkswirtschaft und Politikwissenschaften in Marburg und Beirut.
Derzeit unterstützte er das hbs-Büro in Beirut in Wirtschaftsfragen und beschäftigte sich vorwiegend mit den wirtschaftlichen Folgen des seit 2011 anhaltenden Syrienkrieges.

Kunst aus der Flasche

Wissam Muases' Glaskunst

Wissam Muases‘ Glaskunst

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Genüsslich nippe ich an meinem Almaza-Bier. Das Etikett weicht langsam auf, die grüne Glasflasche in meinen Händen entblößt sich vor mir. In ihrer Nacktheit entfaltet sie all ihre Schönheit. Ich stelle sie mir vor, wie sie zwischen Plastikstücken, Essensresten, Papierfetzen, Kaugummiklebe, Zigarettenstummeln ihr Dasein fristen wird. Ich bekomme Mitleid. Was passiert nur mit dir, frage ich sie. Die meisten landen auf der Deponie. Rund 71 Millionen.

Eine schönere Antwort findet der syrische Künstler Wissam Muases für mich und alle anderen Flaschenliebhaber. In seinem Design-, Architektur- und Illustrationsprojekt Artatif in Beirut recycled er meine Almazaflasche, poliert und reinigt, schleift und verziert sie mit Arabischen Schriftzügen und Ornamenten. Die schlichten Glasflaschen werden so zu wahren Kunstwerken. Die Trinkgläser, Lampen und Aufbewahrungsglaeser die daraus entstehen sind dabei noch extrem umweltfreundlich. Die Organisation Gyalpa, die durch den Weiterverkauf ohne Zwischenhändler besonders syrischen Frauen in Syrien, Libanon und Jordanien zu mehr Unabhängigkeit verhilft, bietet die Produkte zur Freude aller in Deutschland Lebenden auch dort an. Na dann: Prost!

Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

„Ihr stinkt!“- Lautstarke Proteste, schweigende Politiker

"Ihr stinkt!" - Proteste gegen die Müllpolitik (c) Alisha Molter

„Ihr stinkt!“ – Proteste gegen die Müllpolitik (c) Alisha Molter

Wie Beiruts Müllproblem die Nation eint. Ein Gastbeitrag von Alisha Molter.

Totenstille herrscht an diesem Samstagabend in Beiruts Partyviertel Mar Mikhail, in dem ich seit Mai lebe. Ungewohnt schnell erreicht mein Sammeltaxi, den Pub „Radio Beirut“, der mich sonst um so manche erholsame Nacht bringt. Ein-, zweimal drücke ich mir auf die Ohren, aber es sind nicht meine Trommelfelle. Es ist fast so, als sei Beirut in einen Dornröschenschlaf verfallen. An den Stromausfällen kann es nicht liegen, denn die halten keinen Beiruter vom Party machen ab.

Kaum in der Wohnung, weiß ich was los ist: Ganz Beirut sitzt vor dem Fernseher! Aber es ist nicht etwa die Fußball- WM, die die Menschen ihr kaltes Bier in den Bars vergessen lässt. Es ist der Müll. Seinetwegen haben sich mehrere tausend Menschen in Beiruts Stadtzentrum zusammengefunden. Sie protestieren gegen den Abfall, der seit Wochen in den Straßen vor sich hingammelt und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Wer es nicht vor dem Fernseher mit verfolgt, geht selbst hin.

Am nächsten Tag gehe auch ich „gucken“. Gemeinsam mit meiner libanesisch-armenischen Freundin Elza, Unterstützerin der YouReek („Ihr stinkt“) Bewegung, mache ich mich auf den Weg ins Zentrum. „Nimm Zwiebeln mit und Cola“ rät mir mein syrischer Mitbewohner. Der muss sich ja auskennen mit Revolutionen und Tränengas, denke ich, und packe etwas verunsichert auch meine Taucherbrille ein. Man weiß ja nie.

Unweit Beiruts größter Moschee ist es vorbei mit der Stille. Menschenmassen rufen aufgebracht „Verbrecher“ und „haut ab“. Ein junger Mann rennt die Straße herunter. Er trommelt wie wild auf einen Kochtopf ein. „Wir, das Volk, wollen das Regime stürzen“, brüllt die Menge in Anlehnung an die Proteste des Arabischen Frühlings. Sie alle wollen in den Innenstadtbereich „Downtown“, in dem auch das Parlament liegt. Bereits an normalen Tagen abgeriegelt und bewacht, ist er heute verbarrikadiert und für die Öffentlichkeit gesperrt. Hinter den meterhohen Stacheldrahtzäunen stehen Polizisten mit ihren Schusswaffen. Nach den Ausschreitungen am Vorabend haben sie die Sicherheitsvorkehrungen noch erhöht. Heute ist hier kein Durchkommen.

Ich mische mich unter die Demonstranten. Zelte stehen am Rande, denn einige haben die Nacht hier verbracht. Laut schallt Fairouz’ Stimme aus den Lautsprechern. Als Sangesikone weit über den Libanon hinaus bekannt, ist sie auch ein Symbol der nationalen Einheit, für die sich konfessionsübergreifend die Fans begeistern. Menschen diskutieren und rufen Parolen gegen die Polizisten. Einige Demonstranten werfen Flaschen und Stöcke auf die Beamten. Ein Aktivist stimmt über das Mikrofon die Nationalhymne an. Die Menschen schwenken Libanon-Flaggen. „Eh yalla, hukume tlaai barra !“, rufen sie, „Los, Regierung raus!“. Ähnliche Worte fanden die Beiruter das letzte Mal während der „Zedernrevolution“ 2005, als die Demonstranten die syrischen Besatzer aufforderten, das Land zu verlassen.

Der Müll ist nur Auslöser eines längst überfälligen Aufbegehrens. Die Menschen demonstrieren gegen eine Regierung, die illegitim und korrumpiert ist, gegen Wasserknappheit und tägliche Stromausfälle, gegen die Generatorenmafia und die seit einem Jahr scheiternden Präsidentschaftswahlen. Den Gestank der Müllhaufen kennt hier im Libanon jeder. Der Gestank setzt sich über konfessionelle Strukturen hinweg. Er macht weder vor Schiiten, Sunniten, Drusen, Christlich-orthodoxen, Maroniten noch einer der anderen Konfessionen Halt. Er breitet sich über alle aus. Und ist für alle nur eins: unerträglich.

Neben jungen Männern mit viel Muskelmasse schmücken sich ein paar Botoxgesichter aus der Beiruter Oberschicht mit Libanons Farben. Eine Frau, in schwarzen Schleier gehüllt, fotografiert ihre Tochter auf einem Motorrad. Ein paar junge Aktivisten springen auf einem Polizeiauto herum, das nicht rechtzeitig abgeholt wurde. Die Polizisten hinter den Stachelzäunen werfen Blendgranaten. Der Knall ist enorm. Zum ersten Mal bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Auch Elza traut den Polizisten nicht. Gestern sind mehrere Menschen verletzt worden, als die Sicherheitskräfte mit scharfer Munition in die Luft gefeuert haben.

Ein paar junge Mädchen machen unbeirrt Revolutions-Selfies. Neben mir steht eine ältere Dame aus Ashrafiehs christlicher Oberschicht. Sie spricht konsequent nur Französisch. Sie trägt rosafarbene Lackpumps und ein passendes Kleid. „Thaura, Thaura!“ ruft sie. Revolution! Beiruts Revolution mag auf den ersten Blick eigenartig erscheinen, doch für das sonst in religiöse Lager gespaltene Land ist der heutige Tag tatsächlich etwas Besonderes. „Wir wollen kein konfessionelles System mehr“ proklamiert ein selbst gemaltes Plakat in Französisch, Arabisch und Englisch. Überall wehen libanesische Flaggen. Ein 100 Meter langes rot-weißes Band wird von einem Ende zum anderen durchgereicht. Es schwebt über der Menge.

So unterschiedlich die Menschen sein mögen, sie alle scheinen die Nase voll zu haben von Tatenlosigkeit und Bereicherung der Politiker. Beirut fühlt sich gut an und erinnert an ein Volksfest: Musik, und Trommeln, jung und alt, mit Kopftuch oder ohne, alles ist bunt gemischt. „Schawarma?“ fragt uns ein Mann. Er streckt uns ein Tablett mit Hühnchensandwiches entgegen. Wir lehnen dankend ab.

Julia Boutros‘ Stimme erklingt über der Menge. „Ich atme Freiheit. Schneide mir nicht die Luft ab“, singt der libanesische Star. Ihre Worte scheinen heute fast wie ein Plädoyer gegen den Gestank. Die kommenden Tage werden zeigen, ob sie Widerhall finden, oder ob die Proteste wie so oft im Libanon sang- und klanglos verebben.

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Über den rattengiftbeschneiten Gipfeln der Müllberge

Müllberg bei Nacht (c) Bastian Neuhauser

Müllberg bei Nacht (c) Bastian Neuhauser

Impressionen vom 24. August 2015.  Ein Gastbeitrag von Bastian Neuhauser.

Die Straßen von Beirut können ziemlich dunkel sein. Heute Abend stinken sie noch dazu.

„Schau dir das an, du kommst doch aus Europa, sieht es da so aus?“ Ein wütender Mann mittleren Alters stiert mich aufgebracht an. Ich zucke mit den Achseln. Manchmal, denke ich mir, und Bilder von Neuköllner Altbaustraßen steigen in mir hoch.

Meine Begleitung zieht mich weiter, in eine Bar links von uns. Eine Bekannte stellt aus, Künstlerin, Armenierin, begabt. Man wirft kurz interessierte Blicke zu den bunt bestickten Bildern, die über den Tischen streitender Pärchen hängen, dann setzen wir uns in die Runde. Man stellt sich ungelenk vor.

Das Zentrum der Konversation, mit Lidschatten im Blau der Müllsäcke vor der Tür und einem Ensemble von Korallen um den Hals, dreht sich zu mir um. „Hast du gesehen, was hier draußen passiert? Wie lange soll das so weitergehen?“ Es scheint als käme ihr in diesem Moment selbst die Antwort auf diese Frage. „Khalas! Was sollen wir noch alles ertragen? Man gewöhnt sich an alles hier in diesem Land, wir haben uns daran gewöhnt nicht arbeiten zu können weil wir keinen Strom haben! Aber das?“ Sie zeigt durch die Fensterscheibe auf das rattengiftbeschneite Mittelgebirge aus Abfall. „Los! Was sitzen wir hier? Wir sollten den Müll denen vor die Haustür werfen, die dafür verantwortlich sind!“, „… Du meinst, um abgeknallt zu werden?“ lacht jemand. „Dann auf zum Parlament, jetzt gleich los, die sollen den Gestank genauso ertragen wie wir!“ Es herrscht kurz Stille, man blickt betreten auf die von einer monumentalen Käseplatte eingenommen Tischplatte, aber das Mädchen gibt nicht auf. „Dann wird es wie 2005, als jeder auf der Straße war! Das war wie der arabische Frühling vor dem arabischen Frühling. Erinnert ihr euch?“ Mittlerweile glänzen ihre Augen, einige nicken, ich habe davon nichts mitbekommen. „Was ist daraus geworden?“, frage ich unsicher. Die falsche Frage. „Nichts, es ging weiter, wie immer“, das Mädchen setzt sich.

Der Beifahrer der Begleitung will nach Hause, ich auch. Auf meinem Handy werde ich per Facebook eingeladen, das Vorhaben des Mädchens in die Tat umzusetzen. Sie war wohl nicht die erste. 2500 Zusagen, „haha, es werden sowieso wieder nur 50 kommen“, der erste Kommentar darunter. In Gemmayze kommen wir kaum vorwärts, die Straßen sind voller Menschen. „Trinken wir jetzt einfach neben den Müllsäcken weiter? Macht man das so?“ fragt der Fahrer entgeistert ins Leere. Sein Sitznachbar lacht, natürlich, so macht man wenigstens zuhause keinen Müll.

Er steigt aus, der Fahrer und ich sind allein im Auto. „Weißt du, für dich ist das bestimmt das aufregendste, was dir seit Ewigkeiten passiert ist. Aber für uns ist das immer so, ich habe die Schnauze voll.“ Ich weiß nicht was ich sagen soll. „Stell dir mal vor, wir würden selbst entscheiden, wie es läuft. Stell dir das mal vor, jede Woche würde man uns fragen: das Gesetz hier? Ja oder Nein? Wie krass das wär.“ Ja, denke ich mir, wie krass das wär.

Bastian Neuhaser

Bastian Neuhaser

Bastian Neuhauser studiert Politik und Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er verbrachte den Sommer 2015 als Praktikant im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung  und verfolgte dort ein Forschungsprojekt zu den Grenzen von Gender-Equality-NGOs im Libanon.

Eine Müllmänner-Rechnung

Baal-Bag statt Baalbek, in den Farben der Müllsäcke. (c) Nader Dagher

Baal-Bag statt Baalbek, in den Farben der Müllsäcke. (c) Nader Dagher

Jedes Jahr im Juli kann man in Beirut einen besonderen Akt der Annäherung Libanons an Europa beobachten – speziell an Neapel: Plötzlich türmen sich die Müllberge in den Straßen. Bei knapp 40°C beginnt die ganze Stadt wie eine einzige Deponie zu riechen.

Das ist auf zweierlei zurückzuführen: Alljährlich läuft im Juli der Vertrag des Staates mit der Mülldeponie Naame ab, die den Müll Beiruts aufnimmt. Seit dem 17. Juli ist sie daher geschlossen. Der Vertrag mit der Entsorgungsfirma – der auch jährlich nur in einem zähen Ringen verlängert wird – ist getrennt davon: Er deckt den Abtransport des Mülls ab, aber die Firma sieht die Regierung in der Pflicht, die entsprechende Halde zur Verfügung  zu stellen.

Ab in den Papierkorb? (c) RalphNader

Ab in den Papierkorb? (c) RalphNader

Entsorgung ist im Libanon ein lukratives Geschäft: 160 USD/Tonne stellt der Müllbetrieb dem Staat in Rechnung. Das ist das Doppelte und Dreifache desssen, was in anderen Staaten für die Entsorgung gezahlt wird. Die Müllentsorgungsfirma Sukleen verdient sich eine goldene Nase, alle andren halten sich die ihre zu – insbesondere die Bewohner der Küstenstadt Saida. Hier nämlich befindet sich eine der großen Mülldeponien des Landes. Mittlerweile wurden hier vier Mal so viele Abfälle abgeladen, wie ursprünglich geplant. Dass immer noch etwas zu passen scheint, liegt daran, dass die Deponie direkt an der Küste liegt und gerade im letzten Jahr durch Wind und Erosion die Hälfte der dort gelagerten Abfälle ins Meer gestürzt ist.

Obwohl klar ist, dass der omnipräsente Müll Libanon nicht attraktiver macht, geht niemand das Problem grundsätzlich an. Es wird vielmehr immer wieder nur vertagt – und das, obwohl verschiedene Organisationen über die Jahre immer wieder gute Vorstöße unternommen haben, eine Lösung zu finden. Dass es auch anders geht, zeigt zum Beispiel die Stadt Byblos, die in Eigeninitiative den anfallenden Müll drastisch reduziert hat. 

Die Anwohner finden das gar nicht gut, aber wissen, dass sie normalerweise kein Gehör finden. Daher nutzen sie die heißeste Zeit des Jahres, um die Straße zur Deponie zu blockieren, um das Müllproblem auf die Spitze zu treiben. In der Tat gelingt es ihnen, damit landesweite Aufmerksamkeit für das Problem zu generieren. „Ein Jahr und ein paar Monate ohne Präsidenten macht dem Libanon gar nichts aus, aber zwei Tage ohne die Müllabfuhr stürzen das Land ins Chaos“, kommentiert Twitterer Ali Hashem trocken.

Imad Matar: "Der Moment, in dem man erkennt ... dass diese Männer wichtiger als jene sind" (c) Imad Matar

Imad Matar: „Der Moment, in dem man erkennt … dass diese Männer wichtiger als jene sind“ (c) Imad Matar

„Das ist der Moment … in dem man erkennt das diese Männner wichtiger sind als jene,“ betitelt ein anderer eine Gegenüberstellung von Fotos von Müllmännern und Politikern.

Die Libanesen sind hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und Humor. „Heute morgen haben sie den Müll unter der Salim-Salam-Brücke angezündet – sieben oder acht Container, um die auch der ganze Müll herumlag“, erzählt meine Kollegin, „die Feuerwehr war schon dabei zu löschen, aber der Asphalt auf der Brücke hat Blasen geworfen, weil es so heiß war.“ Ganz praktische Vorschläge, wie man selbst zur Linderung des Müllproblems beitragen kann, machen Karim Chehayeb und Sarah Shmaitilly auf ihrem Blog „Beirut Syndrom.“ Recycling steckt im Libanon noch in den Kinderschuhen, aber es gibt Stellen, an denen man Altglas, Altpapier oder Altmetall loswerden kann. 

Das zerstrittene Kabinett hat es in seiner heutigen Sitzung nicht geschafft sich auf eine Lösung  zu einigen und sich auf Dienstag nächster Woche vertagt. Noch mindestens weitere fünf Tage also stinkt die politische Krise des Libanons zum Himmel.