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Der Vogel stinkt immer vom Kopf

"Bald am Beiruter Flughafen" - AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

„Bald am Beiruter Flughafen“ – AktivistInnen bestücken den Flughafen zumindest auf Bildern schon mal mit Vogelscheuchen

Massentötungen von Seevögeln, die Müllkrise, und wie all das mit der bewegten Geschichte Libanons zu tun hat

Ein Gastbeitrag von Mohamad Hassan Mansouri

Der Himmel über den Stränden Beiruts ist seit Mitte Januar überraschend leer. Wo sich sonst besonders Seevögel tummelten, herrscht Mitte Januar gähnende Leere. Besonders fällt das den Fischern auf. : „Natürlich vermisse ich sie. Sie waren unterhaltsam,“ zitiert die New York Times Mohammad Jradi, der seit 20 Jahren fischt Wie für ihn waren die Seevögel für viele andere Fischer stete Begleiter. Heute ist es einsam um sie geworden, nachdem innerhalb von drei Tagen im Januar angeblich 10.000 Vögel abgeschossen wurden.

Angelockt hatte die Vögel die „Costa Brava“, ein Küstenabschnitt wenige Kilometer südlich des einzigen internationalen Flughafens des Libanons. Hier lieh sich in hoffnungsvolleren Zeiten ein Strandressort den Namen des populären europäischen Touristenstrandes. Wo sich einst ausländische Tourist/innen und Libanes/innen am Strand erholten, türmt sich heute  provisorisch in Säcke gepresster Müll. Weil hier im letzten Jahr viel mehr abgeladen wurde, als die Deponie eigentlich verkraften kann, ist Costa Brava, wie der libanesische Blogger Claude el Khal schrieb, zu einem „riesigen kostenlosen libanesischen Restaurant“ für Vögel geworden.

In ihrer Masse begannen sie schließlich Starts und Landungen auf Beiruts Flughafen zu gefährden. Internationale Fluggesellschaften drohten, ihre Flüge in den Libanon einzustellen, weil Vogelschwärme in die Triebwerke geraten und die Maschinen zum Absturz bringen könnten. Umweltorganisationen hatten schon lange davor gewarnt und eine dauerhafte Lösung des Müllproblems gefordert.

Zunächst signalisierte das Umweltministerium, über eine Lösung nachzudenken – allerdings nicht die Schließung der Deponie, sondern lediglich Abschreckungsmaßnahmen für die Vögel. Am 14. Januar dieses Jahres nahm sich eine Gruppe von Jägern des Problems an – angeblich bezahlt durch die Regierung in einem  von Middle East Airlines gesponserten Bus kamen sie zur Küste und schossen Tausende Vögel vom Himmel.

Dieser Zwischenfall erzürnte libanesische Umweltaktivisten und lenkte den Fokus zurück auf die weiterhin ungelöste Müllkrise von 2015. Um die Proteste einzudämmen, hatte die Regierung gegen den Widerstand der Anwohner die Wiedereröffnung einiger längst überfüllter Mülldeponien beschlossen. Das ermöglichte den Abtransport des Abfalls aus Beirut und Mount Lebanon, und nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ legten sich die Proteste, an denen Tausende teilgenommen hatten.

Umweltaktivist/innen warfen der Regierung u.a. einen Bruch der Konvention von Barcelona vor, welche das Errichten von Mülldeponien an der Mittelmeerküste untersagt.

Jedoch war es vorauszusehen, dass die neuen Deponien und der neue Plan vom damaligen Agrarminister Chehayeb die Abfallproblematik nicht auf Dauer lösen können. Um zu verstehen, warum sich die Lösungsansätze ständig zwischen der Schließung alter und der Eröffnung neuer Deponien bewegen, lohnt sich ein Blick in die Nachkriegsgeschichte des Libanon.

Am 13. Oktober 1990 marschierten libanesische und syrische Streitkräfte im Präsidientenpalast ein und General Michel Aoun gab seine Kapitulation bekannt. Damit endete nach 15 Jahren ein Krieg, der das Land beinahe vollständig zerstört hatte. Dabei wurde auch vieles der Vorkriegsordnung zerstört und neue Machtverhältnisse ersetzten alte. Das 1977 gegründete Council for Development and Reconstruction (CDR) wurde 1992 wiederbelebt und wurde zum wichtigsten Instrument für den Wiederaufbau der Infrastruktur des Landes.

Gleichzeitig waren die Arbeiten und Vorgehensweisen des CDR immer begleitet von Korruptions- und Parteilichkeitsvorwürfen. Hauptakteur in der Abfallwirtschaft des Landes ist die private Firma Sukleen, welche auf die Abfallentsorgung spezialisiert ist, allerdings wenig im Bereich Mülltrennung und –beseitigung unternimmt. Ihr wird aufgrund ihrer Näher zur Familie Hariri vorgeworfen, Ausschreibungen trotz wettbewerbsunfähiger Preise für sich zu entscheiden. So kam es, dass Sukleen 1994 in einer Ausschreibung für 3,6 Millionen US Dollar zum beinahe alleinigen Abfalldienst  im gesamten Land wurde. Schon damals stand die skandalöse Schätzung im Raum, dass eine dezentralisierte Abfallbeseitigung in den Kommunen nur die Hälfte dieser Summe gekostet hätte und Korruptionsvorwürfe wurden laut. Dennoch ist Sukleen bis heute stets alleinige Bewerberin um die Vergabe der Beiruter Müllentsorgung. Pro Tonne erhält Sukleen den Spitzenpreis von USD 150, ist jedoch gleichzeitig nur für den Abtransport, nicht für die Bereitstellung von Deponiefläche zuständig.

Schon 1997 hatte die Vetternwirtschaft im Müllsektor zu einer Krise geführt. Damals war die Mülldeponie in Bourj Hammoud nach massiver Übernutzung geschlossen worden, ohne dass die Regierung eine Alternativlösung parat hatte. Das Resultat war eine Müllkrise in den südlichen Vororten Beiruts und in der Matn-Region, bei der die Regierung mehr oder weniger offen zugab, dass sie nicht in der Lage ist, etwas anderes als neue Mülldeponien anzubieten, geschweige denn eine längerfristige Vision für das Abfallmanagement hätte.

Heute, 20 Jahre später, scheint sich ihre Geschichte des Versagens zu wiederholen. Die Costa Brava ist lediglich ein weiteres Symptom einer verfehlten Politik, welche an der Grundsituation nichts ändert: der Libanon produziert zu viel Müll, ist nicht in der Lage ihn alleine zu bearbeiten und Recycling wird so gut wie nicht betrieben. Ohne, dass die Regierung bereit ist, das Problem nachhaltig anzugehen und solange die Gesellschaft nicht sensibler mit dem Thema Abfall umgeht, wird das Land auch in Zukunft dazu verdammt sein, seine Geschichte zu wiederholen – auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.

Mohamad Hassan Mansouri

Mohamad Hassan Mansouri studierte Betriebswirtschaft und Interkulturelle Studien in Heilbronn und Kairo, sowie Volkswirtschaft und Politikwissenschaften in Marburg und Beirut.
Derzeit unterstützte er das hbs-Büro in Beirut in Wirtschaftsfragen und beschäftigte sich vorwiegend mit den wirtschaftlichen Folgen des seit 2011 anhaltenden Syrienkrieges.

Kunst aus der Flasche

Wissam Muases' Glaskunst

Wissam Muases‘ Glaskunst

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

Genüsslich nippe ich an meinem Almaza-Bier. Das Etikett weicht langsam auf, die grüne Glasflasche in meinen Händen entblößt sich vor mir. In ihrer Nacktheit entfaltet sie all ihre Schönheit. Ich stelle sie mir vor, wie sie zwischen Plastikstücken, Essensresten, Papierfetzen, Kaugummiklebe, Zigarettenstummeln ihr Dasein fristen wird. Ich bekomme Mitleid. Was passiert nur mit dir, frage ich sie. Die meisten landen auf der Deponie. Rund 71 Millionen.

Eine schönere Antwort findet der syrische Künstler Wissam Muases für mich und alle anderen Flaschenliebhaber. In seinem Design-, Architektur- und Illustrationsprojekt Artatif in Beirut recycled er meine Almazaflasche, poliert und reinigt, schleift und verziert sie mit Arabischen Schriftzügen und Ornamenten. Die schlichten Glasflaschen werden so zu wahren Kunstwerken. Die Trinkgläser, Lampen und Aufbewahrungsglaeser die daraus entstehen sind dabei noch extrem umweltfreundlich. Die Organisation Gyalpa, die durch den Weiterverkauf ohne Zwischenhändler besonders syrischen Frauen in Syrien, Libanon und Jordanien zu mehr Unabhängigkeit verhilft, bietet die Produkte zur Freude aller in Deutschland Lebenden auch dort an. Na dann: Prost!

Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Muenster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.

Über den rattengiftbeschneiten Gipfeln der Müllberge

Müllberg bei Nacht (c) Bastian Neuhauser

Müllberg bei Nacht (c) Bastian Neuhauser

Impressionen vom 24. August 2015.  Ein Gastbeitrag von Bastian Neuhauser.

Die Straßen von Beirut können ziemlich dunkel sein. Heute Abend stinken sie noch dazu.

„Schau dir das an, du kommst doch aus Europa, sieht es da so aus?“ Ein wütender Mann mittleren Alters stiert mich aufgebracht an. Ich zucke mit den Achseln. Manchmal, denke ich mir, und Bilder von Neuköllner Altbaustraßen steigen in mir hoch.

Meine Begleitung zieht mich weiter, in eine Bar links von uns. Eine Bekannte stellt aus, Künstlerin, Armenierin, begabt. Man wirft kurz interessierte Blicke zu den bunt bestickten Bildern, die über den Tischen streitender Pärchen hängen, dann setzen wir uns in die Runde. Man stellt sich ungelenk vor.

Das Zentrum der Konversation, mit Lidschatten im Blau der Müllsäcke vor der Tür und einem Ensemble von Korallen um den Hals, dreht sich zu mir um. „Hast du gesehen, was hier draußen passiert? Wie lange soll das so weitergehen?“ Es scheint als käme ihr in diesem Moment selbst die Antwort auf diese Frage. „Khalas! Was sollen wir noch alles ertragen? Man gewöhnt sich an alles hier in diesem Land, wir haben uns daran gewöhnt nicht arbeiten zu können weil wir keinen Strom haben! Aber das?“ Sie zeigt durch die Fensterscheibe auf das rattengiftbeschneite Mittelgebirge aus Abfall. „Los! Was sitzen wir hier? Wir sollten den Müll denen vor die Haustür werfen, die dafür verantwortlich sind!“, „… Du meinst, um abgeknallt zu werden?“ lacht jemand. „Dann auf zum Parlament, jetzt gleich los, die sollen den Gestank genauso ertragen wie wir!“ Es herrscht kurz Stille, man blickt betreten auf die von einer monumentalen Käseplatte eingenommen Tischplatte, aber das Mädchen gibt nicht auf. „Dann wird es wie 2005, als jeder auf der Straße war! Das war wie der arabische Frühling vor dem arabischen Frühling. Erinnert ihr euch?“ Mittlerweile glänzen ihre Augen, einige nicken, ich habe davon nichts mitbekommen. „Was ist daraus geworden?“, frage ich unsicher. Die falsche Frage. „Nichts, es ging weiter, wie immer“, das Mädchen setzt sich.

Der Beifahrer der Begleitung will nach Hause, ich auch. Auf meinem Handy werde ich per Facebook eingeladen, das Vorhaben des Mädchens in die Tat umzusetzen. Sie war wohl nicht die erste. 2500 Zusagen, „haha, es werden sowieso wieder nur 50 kommen“, der erste Kommentar darunter. In Gemmayze kommen wir kaum vorwärts, die Straßen sind voller Menschen. „Trinken wir jetzt einfach neben den Müllsäcken weiter? Macht man das so?“ fragt der Fahrer entgeistert ins Leere. Sein Sitznachbar lacht, natürlich, so macht man wenigstens zuhause keinen Müll.

Er steigt aus, der Fahrer und ich sind allein im Auto. „Weißt du, für dich ist das bestimmt das aufregendste, was dir seit Ewigkeiten passiert ist. Aber für uns ist das immer so, ich habe die Schnauze voll.“ Ich weiß nicht was ich sagen soll. „Stell dir mal vor, wir würden selbst entscheiden, wie es läuft. Stell dir das mal vor, jede Woche würde man uns fragen: das Gesetz hier? Ja oder Nein? Wie krass das wär.“ Ja, denke ich mir, wie krass das wär.

Bastian Neuhaser

Bastian Neuhaser

Bastian Neuhauser studiert Politik und Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er verbrachte den Sommer 2015 als Praktikant im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung  und verfolgte dort ein Forschungsprojekt zu den Grenzen von Gender-Equality-NGOs im Libanon.