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Above Zero – Spiel um die Macht

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Above Zero (c) Mouhamad Khayata, Koon Theatre Group, mit freundlicher Genehmigung

Ein Gastbeitrag von Alisha Molter

„Der Bär frisst den Wolf, der Wolf frisst die Hyäne, die Hyäne frisst den Hund, der Hund frisst die Katze, die Katze frisst die Maus“.

Erschrockene Menschen kauern unter einem Bettgestell aus Metall. Sie pfeifen, schauen zum Himmel, verfolgen einen Punkt mit ihren Augen und zittern dann. Ein Luftangriff womöglich. Ihre Körper rollen über den Boden, übereinander, gegeneinander. Ein Mann scheint die Kontrolle über sich verloren zu haben. Seine Beine bewegen sich wild in alle Richtungen, und jede Anstrengung sie zu lenken, scheitert. Dann beginnt er, sich am ganzen Körper zu kratzen, lacht plötzlich laut auf und bricht in Tränen aus.

Die Bühne, sie ist ein Gefängnis, eine Folterkammer, deren Opfer langsam durchdrehen.

Ein Mann in Basketballklamotten betritt die Bühne. Er dribbelt seinen Ball auf den Verrückten zu. Bei jedem Aufprall geht ein Zucken durch den leblosen Körper am Boden. Als der Ball dem Spieler entgleitet, nimmt er kurzerhand den Kopf des Gefangenen als Ball. Den Körper zwischen die Beine geklemmt, dribbelt er den Kopf von rechts nach links, von links nach rechts. Der Ball wird zum Machtobjekt und wer ihn hat, hat das Kommando. „Wenn er geschlagen wurde, fiel er, und stand wieder auf“, wiederholt die Gruppe unter dem Bett immer wieder. Gewalt produziert Angst, und Angst produziert Gewalt. Und die Insassen, voller Angst, hängen den Körper ihres Kammeradens auf und lassen ihn schwingen. Nun sind sie es, die die Macht haben. Rhythmisch prallen ihre Basketbälle auf den Boden der Bühne.“Er starb, er starb, er starb“, rufen sie im Takt.

Der Theaterregisseur Ossama Halal ist ein Talent. Er hat Dramaturgie in Damaskus studiert und die Koon Theatre Group ins Leben gerufen, ein Kollektiv an Tänzern und Musikern, die gemeinsam Tanztheater auf hohem Niveau machen. Nach seiner Erfolgsperformance Cellophane von 2012, war sie im vergangenen Jahr mit Above Zero bei dem Festival für Performancekunst aus der MENA Region Dancing on the edge in den Niederlanden zu Gast. Im Rahmen des Festivals Focus Syria, das von der Kultureinrichtung Ettijahat organisiert wird, hat sie nun erneut ihre Performance im Shams-Theater in Beirut gezeigt.

„Wer ist im Exil und wer wurde exiliert? Wer vergisst und wer wurde vergessen?“ Eines der Bettgestelle wird aufrecht aufgestellt. Es wird kurzerhand zu der Gefängnistür, vor der eine Frau wimmert. Leise erklingen Klaviermelodien, mit dumpfem Bass. Eine Stimme fragt: “Habt ihr heute Strom? Wartest du noch immer? Oder siehst du jemand anderen …?“ Die Fragen erinnern an Briefe der Insassen, an ihre Gedanken an Zuhause. Von der anderen Seite kleben zwei Tänzer Papierzettel mit Namen an die Stangen der Tür. Auf einem steht „Syrisches Pfund“- die Währung Syriens. Es erinnert an die Todesanzeigen, die in der Region üblicherweise an Wände und Häuser geklebt werden.

Außerhalb der Halle, vor der Aufführung von Above Zero, treffen ganz unterschiedliche Besucher aufeinander. „Siehst du den Mann da vorne? In dem gelben T-Shirt? Und die Frau daneben?“ fragt mich mein Freund. – „Ja, was ist mit denen?“

„Die sind Schauspieler und man sieht sie in allen syrischen Serien“. Er beugt sich zu mir runter und flüstert verschwörerisch: “Die sind super pro-Regime. Und der Typ, der da sitzt ist Regisseur – auch pro- Assad.“

Es mag paradox erscheinen, Regimegegner und Regimebefürworter bei einem Stück wie Above Zero anzutreffen – doch letztendlich vereint sie etwas so Groteskes, wie es auch das Ende des Stückes selbst auf den Punkt bringt: „Dieser Krieg ist unser Blut, in Angebot und Nachfrage.“

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Alisha Molter

Alisha Molter

Alisha Molter hat einen Master in „International and European Governance“ (WWU Münster) und „Management des institutions culturelles“ (Sciences Po Lille). Nach einem Praktikum im Nahost-Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt sie seit Mai 2015 das Büro Beirut als Beraterin.