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Beirut: wo die wilden Motten hotten

Delineating nature - Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 - Borders

Delineating nature – Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 – Borders

2006, infolge der Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah, bombardierte Israel den Libanon. Innerhalb eines Monats wurde die zivile Infrastruktur des Landes schwer beschädigt. Neben 165 Israelis starben in diesem Krieg 1300 Libanesinnen und Libanesen – überwiegend Zivilisten. Als Nothilfe sagte Ägypten dem Libanon damals den Bau eines Feldlazaretts zu.

Der Krieg war nach 34 Tagen beendet. Das Feldlazarett ließ über 10 Jahre auf sich warten. Erst jetzt, im Frühjahr 2017 wurde es errichtet. Das sind die Momente, in denen man eine Städtepartnerschaft zwischen Beirut und Schilda vermuten könnte.

Dass der Bau des Krankenhauses 10 Jahre lang vertagt wurde, liegt daran, dass die Stadt Beirut zuvor keinen Ort identifiziert hatte, der in Frage käme. Öffentlich sollte er sein, damit keine zusätzlichen Kosten entstünden. Im Zuge der ausufernden Privatisierungen ist öffentlicher Raum jedoch knapp geworden. Nach langem Hin und Her wollte man zunächst eine der raren öffentlichen Bibliotheken, unterhalten durch den privaten Verein „Assabil“, dafür nutzen. Nach Protesten wich man aus – auf den Parkplatz des Stadtparks von Beirut, dem erst 2016 der Öfffentlichkeit zugänglich gemachten Horsh.

Illustrationen wie die obige der libanesischen Künstlerin Nadine Bekdache zeigen, wie dieser Park über die Jahre schrumpfte, wie öffentlicher Grünraum dem Wohnungsbau weichen musste. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass die jetzige angeblich temporäre Nutzung des Parkplatzes – nach zwei Jahren soll das Krankenhaus wieder abgerissen werden – der erste Schritt zu einer weiteren Verkleinerung der Grünfläche ist. Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich auf dem Parkplatz wurden die Tore des  Horsh nämlich wieder geschlossen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund: ein Schädling verwüste den Pinienbestand des Parkes, heißt es. Experten der Beiruter Universitäten sind dabei, das Insekt zu bestimmen und geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen.

Folgt man der spärlichen Berichterstattung in den Medien, ist man allerdings geneigt, eine kafkaeske Verschwörung zu wittern. Vier Zeitungen benennen jeweils eine andere Art Käfer oder Motte, alle  gleichzeitig auf dem Weg, die letzten Pininen dieser Stadt zu vernichten. Dabei steht nicht jeder Baum gleichermaßen im Visier. Der überwiegende Baumbestand sieht (noch) überraschend grün aus. Das liege daran, heißt es, dass die verdorrten Bäume sofort abgeholzt würden. So genau lässt sich das nicht überprüfen, da man nicht mehr an die Bäume drankommt. Schuld an der Plage seien nämlich die Besucher, die sie unter ihren Schuhsohlen eingeschleppt hätten – augenscheinlich sind die Schädlinge also nicht nur gefräßig sondern auch faul, denn all die Arten, über die spekuliert wird, könenn auch fliegen. Wahrscheinlich haben sie vor der Öffnung des Parkes brav an desen Zaun gewartet.

Nicht 20 Jahre Vernachlässigung und Missmanagement der Grünfläche sind es also, die den Stadtpark ruinieren, sondern dass er endlich genutzt wird.

Park vs. Parkplatz

IMG_0435Land ist in Beirut ein rares Gut. Viele einst städtische Flächen sind privatisiert, andere in schleichenden Prozessen von Konsortien oder mächtigen Individuen vereinnahmt worden. Auch manch private Grundstücksgrenze ist vor den Nachbarn nicht sicher. Lama, mit der wir heute unterwegs sind, erzählt: „Als meine Cousine nach dem Krieg wiedergekommen ist, hat sie immer gesagt: ‚Komisch, ich hatte den Eingangsbereich unseres Grundstücks viel größer in Erinnerung.’ Dann hat sie gemerkt, dass die Bäume, die sie damals gepflanzt hatten, im Garten ihres Nachbarn stehen. Er hat einfach die Mauer versetzt. Oder mein Onkel. Neulich hat ihn jemand angerufen, er solle unbedingt zu seinem Grundstück kommen. Da war gerade jemand dabei, dort etwas zu bauen. Wenn sich auf deinem Grundstück erstmal jemand breit macht, zahlst du dich dumm und dämlich, nur um es wiederzubekommen.“

Die Bewohner der Stadt sind jedoch immer weniger bereit, hinzunehmen, wenn wieder ein Stück des knappen öffentlichen Raumes Baumaßnahmen zum Opfer fällt. Im Beiruter Stadtteil Ashrafiye wird gerade gegen ein Bauvorhaben protestiert, das den Bezirk Rmeil seinen einzigen Park kosten würde. Einge prächtige uralte Bäume müssten dafür weichen, ein Spielplatz, eine Bibliothek und die Überreste einer byzantinischen Kirche.IMG_0434

Warum? „Weil die Müllwagen nicht mehr durchpassen,“ erklärt ein Sprecher der Stadtverwaltung. Die Leute parkten auf beiden Straßenseiten, so dass die großen Müllwagen nicht mehr durchkämen. Daher würden alle in dieser Gegend doppelt Müllabfuhr zahlen, weil man nur die kleinen Laster einsetzen könne.

Die Idee, einfach ein Parkverbot für eine Straßenseite zu erlassen haben die Stadtväter verworfen, weil die Leute dann nicht mehr wüssten, wo sie parken sollen. Zugegeben, in dieser Stadt ohne öffentlichen Nahverkehr überlegt man sich dreimal, ob man einen Parkplatz freiwillig aufgibt oder doch lieber Taxi fährt. Aber es ist schon eine etwas eigene Logik, lieber einen ganzen Park einzuebnen, als die Müllabholung anders zu organisieren.

IMG_0437Aber ums Einebnen geht es laut Stadtverwaltung auch nicht. Der Park solle lediglich abgetragen und nach dem Bau einer unterirdischen Garage über dieser wieder aufgebaut werden, natürlich noch viel schöner. Wie ein Vertreter der Stadtverwaltung es in der Tageszeitung L’Orient le Jour ausdrückt: „Die Mosaiken und Säulen der byzantinischen Kirche … werden danach wieder am selben Ort stehen – aber auf eine moderne Art und Weise.“ Ich kann mir das illustriert vorstellen. Im Stadtzentrum gibt es schon ein paar Ruinen, die aussehen wie aufgeräumte Kunst, oder als ob der historischen Größe mit Beton nachgeholfen worden wäre.

Die Anwohner des Parks in Ashrafiye schenken den offiziellen Beteuerungen wenig Glauben. In der Bibliothek liegt eine Petition aus, die bereits von rund 800 Leuten unterschrieben worden ist – für Beiruter Verhältnisse, in denen solche Initiativen nicht an der Tagesordnung sind, erklecklich. Von vielen Balkonen rund um den Park weht eine grüne Flagge mit durchgestrichenem P. Das ist das Wappen der Parkplatzgegner.

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