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Es geschah am Heiligen Abend

Aufgang zur Kirche von Ikrit. Foto: Marc Berthold

Aufgang zur Kirche von Ikrit. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Zu sehen sind von Ikrit nur noch die Kirche und der Friedhof. Ein Mal im Monat findet noch Gottesdienst statt. Die ehemaligen Bewohner/innen werden hier begraben.

Ikrit war ein christliches Dorf im Norden Galiläas, nahe der libanesischen Grenze. Während des israelischen Unabhängigkeitskriegs von 1948 wurden die Einwohner/innen evakuiert. Gesagt wurde ihnen, sie müssten den Ort aus Sicherheitsgründen nur für zwei Wochen verlassen. Die meisten flohen in das weiter im Land liegende Rama, andere nach Haifa und Nazareth. Aus den zwei Wochen wurden drei Jahre. Die Menschen von Ikrit klagten vor dem Obersten Gerichtshof Israels und bekamen Recht. Das Gericht wies den Staat an, die Rückkehr nach Ikrit einzuleiten.

Doch ausgerechnet am 24. Dezember 1951 zerstörte das israelische Militär das gesamte Dorf, bis auf die heiligen Stätten. Eine Rückkehr wurde unmöglich.

Damit ist Ikrit, wie auch das nahegelegene Bir’em, ein Sonderfall. Während das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge höchst umstritten ist, und mit keiner israelischen Regierung zu machen sein wird, liegen in den Fällen von Ikrit und Bir’am Gerichtsurteile vor, die nie umgesetzt wurden. Zudem handelt es sich bei den Bewohner/innen überwiegend um Vertriebene, die weiterhin in Israel leben.

Reste eines Hauses in Ikrit. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Reste eines Hauses in Ikrit. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Jahrzehntelang war das Thema Tabu. Selbst die ehemaligen Menschen von Ikrit gaben die Hoffnung auf, dass das Urteil des Obersten Gerichtshofs jemals umgesetzt werden würde. Sie bauten ihr Leben an ihren neuen Orten auf, wo sie selbst unter ihresgleichen immer Flüchtlinge blieben. So manche Eheschließung scheiterte, da Väter ihre Töchter nicht an diese Flüchtlinge vergeben wollten.

Seit 1995 gab es in Ikrit jährliche Sommerlager für Jugendliche. Normalerweise dauerten diese nur einige Wochen, doch im letzten Sommer entschied sich eine Gruppe von 15 bis 20 jungen Menschen zu bleiben; inspiriert von den gewaltfreien Protesten im Westjordanland, in arabischen Nachbarländern, und vielleicht auch von den israelischen Sozialprotesten im Sommer 2011.

Seither campen sie in einem Anbau der Kirche. Manche schlafen im Innern des Gotteshauses. Draußen gibt es zwei Toiletten-Häuschen. Jegliche weiteren Bauten werden von den Behörden umgehend zerstört. Auch eine Recycling-Anlage, die die Aktivist/innen errichtet hatten. Aber bislang dürfen sie bleiben. Damit haben sie ein anderes Schicksal als diejenigen in der Zeltstadt Bab Al-Shams in der E1-Zone zwischen Jerusalem und der Siedlung Maale Adumim.

Nach und nach werden auch die Medien auf den Protest aufmerksam. Haggai Matar schrieb einen ausführlichen Bericht für Haaretz (hier eine englische Version auf +972 Magazine), der ARD-Korrespondent Torsten Teichmann schaute für seine Reportage zu den israelischen Wahlen vorbei, und der prominente Fernsehsender „Kanal 2“ widmete Ikrit vor zwei Wochen einen ausführlichen Fernsehbeitrag.

Die Umgebung von Ikrit.

Die Umgebung von Ikrit. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Letztes Wochenende brachte mich ein Freund in dieses Heimatdorf seiner Familie. Er zeigte mir den Standort des Hauses seiner Großeltern und die Gräber von Verwandten. Auf den Steinen der ehemaligen Häuser stehend umriss er das Land, welches mal zu Ikrit gehört hatte. Weite Wiesen und Wälder strahlen im saftigen Frühlingsgrün. Heute weiden Kühe eines nahegelegenen Kibbutz auf den Wiesen zwischen Kirche und Friedhof. Was die Bewohner/innen des Kibbutz gegen den Wiederaufbau von Ikrit hätten, fragte „Kanal 2“. Die Antwort: „Dann haben wir nicht mehr genug Platz für unsere Kühe.“

Der Aktivist Samer bei unserem Gespräch. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Der Aktivist Samer bei unserem Gespräch. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Während wir mit Samer, einem der Aktivisten, Tee trinken und plaudern, kommt eine Gruppe von jungen Israelis aus Haifa vorbei. Sie hatten den Fernsehbericht gesehen und waren neugierig. Sie seien Geographie-Student/innen. Sie würden gerne helfen, wenn es darum gehe, alte Karten und Akten zu besorgen.

Der Traum dieser jungen Generation mag nie in Erfüllung gehen. Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Aber diesen Teil der Geschichte zu negieren, wird das Problem kaum lösen.

Am 5. Mai feiern die ehemaligen Bewohner/innen von Ikrit das orthodoxe Ostern in ihrer Kirche. Die Familie meines Freundes hat mich eingeladen. Ich habe noch nie orthodoxes Ostern gefeiert. Auch ich bin neugierig.

We have a dream too!

Der Countdown läuft, aber in der Westbank gibt es sicher keine Spur von „Obamania“ – dafür gibt es auch wenig Grund, denn während der US-Präsident in Israel ein umfangreiches Programm absolviert, wird auf der palästinensischen Seite nicht viel Zeit bleiben – schon gar nicht um das zu sehen, was die Palästinenser bewegt: Checkpoint, Siedlungen, die Mauer. Der Sitz des Präsidenten war bereits heute abgeriegelt, als ungefähr 300 Demonstranten durch Ramallah zogen, um deutlich zu machen dass der Präsident nicht willkommen ist.

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Organisiert wurde die Demo von der Jugendgruppe „Filastiniyun min ajl al-karameh“ („Palästinenser um der Würde Willen“), in die Höhe gereckte Schuhe und zahlreiche Schilder hatten eine eindeutige Botschaft: Obama ist unerwünscht in Palästina, hier repräsentiert er nicht „hope“, sondern „no hope“. „We have a dream too“, sagte ein anderes Schild. Dafür dass die Demonstranten gar nicht erst den Präsidentenpalast erreichten sorgte ein riesiges Polizeiaufgebot. Neben Sprechchören gegen Obama wurde auch der restiktive Umgang der palästinensischen Autorität mit der Demonstration lautstark kritisiert. Auch der aus Ägypten bekannte Ruf „yaskut yaskut al-nizam“ (das Regime muss stürzen) war zu hören.

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Obama wird davon bei seinem Blitzbesuch in Palästina wohl nicht viel mitbekommen. Vielleicht sollte er so wie in diesem Video über Qalandiya fahren anstatt direkt per Helikopter in die Mukataa, den Präsidentenpalast in Ramallah, zu fliegen:

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