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Hungerstreik

Ein Gastbeitrag von S., Praktikantin im hbs-Büro Ramallah

Während der Mittagspause spaziere ich heute zur Abwechslung einmal in Richtung Arafat-Platz. Aus den Lautsprechern dröhnen dort seit Tagen arabische Lieder und eifriges Männergeschrei. Auch ein Zelt wurde aufgestellt, das mit Postern und Fahnen behängt ist und unter dem sich zu jeder Uhrzeit Menschen mit resignierten Gesichtern zu schweigendem Beisammensein versammeln.

Dass vor fast zwei Wochen ein Hungerstreik von palästinensischen Gefangenen in israelischer Haft ausgerufen wurde ist mir bekannt, dass dieses Zelt etwas damit zu tun hat wusste ich allerdings nicht. Jeden Tag werden hier Solidaritäts-Versammlungen und Demonstrationen abgehalten, um jenen Palästinensern, die unerreichbar weit weg, hinter den Gittern israelischer Gefängnisse einen stillen Kampf um ihre Rechte führen, eine Stimme zu verleihen.

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Zum Anlass des “Gedenktages für Palästinensische Gefangene” am 17. April haben geschätzte 1500 Palästinenser in israelischer Gefangenschaft einen kollektiven Hungerstreik mit offenem Ende ausgerufen. Anführer dieser Initiative ist der prominente Gefangene Marwan Barghouti, 57. Der Fatah-Politiker wurde im Jahr 2004, während der Zweiten Intifada von einem israelischen Militärgericht wegen Mordes und Terrorismus zu fünf lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Er selbst hat sich gegen diese Vorwürfe nicht verteidigt, weil er die Rechtmäßigkeit des Gerichts und des Prozesses nicht anerkannt hat. In der palästinensischen Gesellschaft genießt Barghouthi hohes Ansehen und wir von vielen als möglicher Nachfolger von Mahmoud Abbas gesehen.

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Unter dem Slogan „Freiheit und Würde“ prangern die Hungerstreikenden unter seiner Führung die israelischen Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Häftlinge an. Sie beklagen Folter, Isolations- und Adminstrationshaft, sowie mangelnde medizinische Versorgung, die Inhaftierung von Kindern und das Verbot von Familienbesuchen und sie verlangen substanzielle Verbesserungen der Haftbedingungen.

Zu den Forderungen der Gefangenen gehören öffentliche Telefone im Gefängnis, um die Kommunikation mit den Familien zu ermöglichen, regelmäßige Besuche (alle zwei Wochen) und eine Verlängerung der Besuchsdauer (auf 45 Minuten), angemessene medizinische Versorgung, ein menschlicherer Umgang mit den Gefangenen, die Erlaubnis, persönliche Gegenstände besitzen zu dürfen (etwa Bücher, Zeitungen oder Kleidung) und das Recht auf Bildung.

Aber wieso greifen die Häftlinge zu solch lebensbedrohlichen Mitteln, um ihre Ansprüche durchzusetzen? Die Antwort auf meine Frage bekomme ich eine Woche später bei einer großen Demonstration zur Unterstützung der Hungerstreikenden in Ramallah. Der Treffpunkt könnte nicht geeigneter sein: unter der Statue von Nelson Mandela, dem südafrikanischen Anti-Apartheidskämpfer und ersten Präsidenten des demokratischen Südafrika, sammeln sich Männer, Frauen und Jugendliche und verlangen nach seinem Beispiel Gerechtigkeit und Freiheit.

Die Demonstranten, denen ich meine Fragen stelle, erklären mir, dass dieser „rechtmäßige Ungehorsam“ ein Mittel sei, um sich gegen ein strukturiertes System der Einschränkung und Repression zu wehren und die Autorität über den eigenen Körper wiederzugewinnen. All ihrer Freiheiten beraubt bleibe ihnen nichts anderes übrig, als dazu den eigenen Körper und die eigene Gesundheit einzusetzen. Hungerstreik sei ein legitimes Widerstandsmittel, das von der World Medical Association (WMA) in ihrer Deklaration von Malta anerkannt worden sei als „Form des Protestes jener, ,, die keine andere Möglichkeit haben, ihre Forderungen bekannt zu machen“.

Der Hilferuf der Hungerstreikenden ertönt heute auf dem Nelson Mandela Platz aus den Mündern ihrer Mütter und Väter, Frauen, Männer und Kinder. Die ganze Welt soll ihn hören. Man singt, schwenkt Fahnen, eine Musikkapelle trommelt, von der Bühne aus ertönen Parolen; selbst der aus dem Gazastreifen stammende „Arab-Idol“ Star Mohammad Assaf ist hier, um Solidarität mit den Gefangenen zu demonstrieren und der Kampagne mehr mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen.

 

Foto: S. (c) hbs Ramallah

Auf vielen T-Shirts prangt zudem der Hashtag #SaltWaterChallenge, eine Initiative von Aarab Marwan Barghouti, dem Sohn des Streik-Anführers. Er ruft damit dazu auf, es den Hungerstreikenden gleich zu tun und ein Glas Wasser mit Salz zu trinken. Diese Geste der Solidarität sollte, nach dem Vorbild der soegannten „Ice Bucket Challenge“, gefilmt und auf YouTube gepostet werden. Viele Prominente und weniger Bekannte sind dem Aufruf bereits gefolgt, darunter auch Mitglieder der Jewish Voice for Peace in den USA. Darüber hinaus gibt es in vielen Städten Europas und der USA Solidaritätsbekundungen, Sit-Ins und Demonstrationen. Die israelische Gefängnisverwaltung dagegen hat bislang keine Anzeichen gegeben, dass sie den Forderungen der Gefangenen nachgeben will.

 

Tatort Ramallah: Arafat-Krimi fällt aus

Nachdem gestern der Bericht zur Untersuchung der Todesursache Yassir Arafats veröffentlicht wurde, ist nach Ansicht der Gutachter zumindest wahrscheinlicher, dass Arafat 2004 tatsächlich mit Polonium umgebracht wurde. Wer hinter der Tat stand und wie sie ausgeführt wurde, bleibt dagegen unklar. Während das Thema heute weltweit in den Nachrichten war, spielte es hier vor Ort nicht so eine zentrale Rolle. Denn für die Palästinenser ist sowieso klar, wer dahinter steht – der damalige Regierungschef Ariel Sharon, Erzfeind Yassir Arafats.

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Großes Arafat-Portarit an einer Hauswand in Ramallah 2012. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Das ist zumindest mehr als eine abstruse anti-israelische Verschwörungstheorie, denn viele erinnern sich hier natürlich daran, dass der israelische Geheimdienst mehr als einmal palästinensische Führer ins Fadenkreuz genommen hat, zum Beispiel 1987 bei der Ermordung des PLO-Führers „Abu Jihad“ oder dem 1997 gescheiterten Attentat auf Hamas-Führer Khalid Masch’al. Und schließlich hatte Sharon sogar 2004 offiziell im Gespräch mit US-Präsident Bush die Garantie, dass er Arafat nicht antasten werde, aufgekündigt.

Bemerkenswert ist jetzt vielmehr, dass sich die PLO offiziell mit Schuldzuweisungen zurückhält – klug, denn Beweise gibt es nun mal keine. Eine internationale Untersuchung wird in Erwägung gezogen, aber auf eine Propagandaschlacht mit Israel will man sich nicht einlassen. Dass würde nur von Themen ablenken, die sowohl die Palästinenser bewegen als auch die derzeitigen Gespräche mit der israelischen Regierung schwer belasten: Zum Beispiel der ständige Ausbau von israelischen Siedlungen und die angekündigte Zerstörung von 15.000 Häusern in Ost-Jerusalem,

Während in den Medien zu den letztgenannten Themen wenig Informationsbedarf zu bestehen scheint – nichts scheint gestriger als die Meldungen aus dem nur noch in Anführungszeichen so zu nennenden „Friedensprozess“ und seinen wiederkehrenden Misserfolgen – stand heute mein Telefon nicht mehr still. Sechs Interviews, u.a. Deutschlandfunk, info Radio Berlin und Schweizer Rundfunk zum leidigen Thema: Wurde Arafat ermordet und wenn ja, von wem? Aber was international Schlagzeilen macht, ist noch lange nicht ausschlaggebend vor Ort. Quintessenz: Die Palästinenser haben wirklich andere Probleme als sich mit dem Schweizer Untersuchungbericht und den damit zsammenhängenden Spekulationen zu beschäftigen. Die Auflösung des Arafat-Krimis fällt aus.

(Nachtrag: Was die im Deutschlandfunk geäußerte Frage zu den Texten palästinensischer Geschichtsbücher über Yassir Arafat betrifft, werde ich die Antwort hier nachholen).

Wir sind Arab Idol!

Ungefähr so fühlte es sich gestern abend an. Da war das eingetreten, worauf Millionen Palästinenser in der Westbank und Gaza, aber auch in der ganzen Welt hingefiebert hatten. Muhammad Assaf hat die seit Monaten alle Einschaltquoten in der arabischen Welt beherrschende Sendung „Arab Idol“ gewonnen. Als die Entscheidung verkündet wurde, sank Muhammed Assaf auf die Knie, und in Ramallah die Menschen in einen Freundentaumel.

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Mittendrin die beiden Büroleiter aus Israel und Palästina, Marc Berthold und ich. Schließlich ist Assaf auch in Israel ein Superstar, die Palästinenser in Nazareth und vielen anderen Städten (immerhin 20% der Einwohner Israels) waren genauso begeistert mit dabei. Ramallah platzte aus allen Nähten, selbst auf den Dächern wurde der Platz knapp. Zehntausende feierten in die Nacht – so wie man es in Deutschland nur von Fußballwelt- und Europameisterschaften kennt.

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Menschenmassen in Ramallah beim Arab Idol Finale.
Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Muhammad Assaf hat Sympathien — und Stimmen, gewählt wurde per sms — aus der gesamten Region bekommen, und die Palästinenser haben endlich etwas, das sie stolz macht, feiern und die täglichen Demütigungen mal vergessen lässt. Das zeitgleich zum Beispiel der gerade erst ernannte palästinensische Ministerpräsident zurückgetreten ist, interessiert keinen. Die Menschen sind so müde, so erschöpft von den Jahrzehnten der Besatzung, aber ein Sänger aus Gaza hat es geschafft sie in einen Freudentaumel zu versetzen. Assaf wird nun nach Gaza zurückkehren; obwohl die Hamas die „westliche“ Show lange ablehnte, dauerte es nicht lange, bis sie Assaf auf schräge Weise zu vereinahmen suchte. Doch der größte Hit, den Assaf darbot, ist ein Lied, das eindeutig der PLO (der die Hamas nicht angehört) zugerechnet wird.  Kein Wunder, dass sich nun viele in seinem Ruhm sonnen wollen; den 1,7 Millionen Menschen im engen und belagerten Gazastreifen dürfte das egal sein, sie werden Muhammad Assaf als Volkshelden empfangen wenn er zurückkommt. Er hat auch in Kürze Konzerte in der Westbank angekündigt – dafür wird er allerdings die Erlaubnis Israels brauchen, denn die Einwohner Gazas können seit der Zementierung der Teilung 2007 in der Regel nicht mehr in die Westbank reisen. Dann dürfte es für Assaf auf eine noch größere Tournee gehen. In die arabische Welt, aber vielleicht sogar darüber hinaus. Denn Assaf ist ein grandioser Sänger mit echter Starqualität und viel Charisma. Hier noch ein Beweis: Wer es schafft ein Lied der Backstreet Boys zu singen, ohne dass es peinlich wirkt, ist wirklich ein Superstar.

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