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Tiere auf Beton

Tiere auf Beton – das ist das unwürdige Image, das viele Zoos in den 1970ern in Deutschland prägte und was bis heute an vielen Orten die traurige Realität ist.

Ein berühmtes Beispiel einer tragischen Zoo-Existenz ist Marjon, der Löwe, der 2002 im Zoo Kabul sein Leben beendete. Er war 1978 ein Geschenk des Kölner Zoos an den Hindukusch. 17 Jahre später begab sich ein Afghane ins Löwengehege,  um dort in Siegerpose fotografiert zu werden und wurde von Marjon zerfleischt. Der Bruder des Verstorbenen rächte ihn wenige Tage später, indem er eine Handgranate in den Käfig warf.

Der Löwe überlebte, verlor bei dem Anschlag jedoch ein Auge. Geehrt wurde er nach seinem Tod mit einem Grabstein  mit der Inschrift: „Hier ruht Marjon, der ungefähr 23 wurde. Er war der berühmteste Löwe der Welt.“

Was die Zoos betrifft, bildet Beirut vielleicht eine löbliche Ausnahme. Es hat nämlich keinen. Doch an Tieren auf Beton gebricht es der libanesischen Hauptstadt nicht.

Neulich saß ich abends in einem Straßencafé, in dem – wie üblich – alle paar Minuten eine riesige Kakerlake vorbei huschte. Die Leute, die sich am Nebentisch direkt neben dem Kakerlakentrampelpfad niederließen, hatten mit der Omnipräsenz von Periplaneta Americana offensichtlich noch nicht ihren Frieden gemacht, denn sie sprangen bei der nächsten panisch auf. Die Schabe floh unter den Nachbartisch zur Linken, die Gäste von gegenüber verschanzten sich hinter mir, und Sekunden später stand das halbe Restaurant quiekend auf den Zehenspitzen und lugte unter das Mobiliar.

„Es handelt sich schon noch um eine Kakerlake, die wir hier suchen?“ vergewisserte sich mein Gesprächspartner. In diesem Moment sah ich sie, stand auf und begrub sie unter meinem Fuß. „Gefahr gebannt“, verkündete ich. Der Kellner umarmte mich, und ich wurde gefeiert, als hätte ich gerade das Monster von Loch Ness mit bloßen Händen erwürgt. Ich sollte darüber nicht lästern, denn wäre das eine Spinne gewesen, wäre ich nie so beherzt gegen sie vorgegangen.

Der nächste Ort animalischer Ansichten in meiner Nachbarschaft war die örtliche Polizeiwache. Vor ihren ohnehin unappetitlichen Mülltonnen lag spektakulär eine fette tote Ratte. Die Diensthabenden beobachteten regungslos, wie ein Passant nach dem anderen angeekelt die Straßenseite wechselten und starrten die Ratte an, ohne jegliche Regung, sie wegzuräumen. Vielleicht war die Ratte auch nicht tot, sondern starte die Polizisten an, ohne sie wegzuräumen. Ganz sicher bin ich mir im Nachhinein nicht.

Beirut: wo die wilden Motten hotten

Delineating nature - Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 - Borders

Delineating nature – Illustration von Nadine Bekdache aus Perspectives #10 – Borders

2006, infolge der Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah, bombardierte Israel den Libanon. Innerhalb eines Monats wurde die zivile Infrastruktur des Landes schwer beschädigt. Neben 165 Israelis starben in diesem Krieg 1300 Libanesinnen und Libanesen – überwiegend Zivilisten. Als Nothilfe sagte Ägypten dem Libanon damals den Bau eines Feldlazaretts zu.

Der Krieg war nach 34 Tagen beendet. Das Feldlazarett ließ über 10 Jahre auf sich warten. Erst jetzt, im Frühjahr 2017 wurde es errichtet. Das sind die Momente, in denen man eine Städtepartnerschaft zwischen Beirut und Schilda vermuten könnte.

Dass der Bau des Krankenhauses 10 Jahre lang vertagt wurde, liegt daran, dass die Stadt Beirut zuvor keinen Ort identifiziert hatte, der in Frage käme. Öffentlich sollte er sein, damit keine zusätzlichen Kosten entstünden. Im Zuge der ausufernden Privatisierungen ist öffentlicher Raum jedoch knapp geworden. Nach langem Hin und Her wollte man zunächst eine der raren öffentlichen Bibliotheken, unterhalten durch den privaten Verein „Assabil“, dafür nutzen. Nach Protesten wich man aus – auf den Parkplatz des Stadtparks von Beirut, dem erst 2016 der Öfffentlichkeit zugänglich gemachten Horsh.

Illustrationen wie die obige der libanesischen Künstlerin Nadine Bekdache zeigen, wie dieser Park über die Jahre schrumpfte, wie öffentlicher Grünraum dem Wohnungsbau weichen musste. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass die jetzige angeblich temporäre Nutzung des Parkplatzes – nach zwei Jahren soll das Krankenhaus wieder abgerissen werden – der erste Schritt zu einer weiteren Verkleinerung der Grünfläche ist. Gleichzeitig mit dem ersten Spatenstich auf dem Parkplatz wurden die Tore des  Horsh nämlich wieder geschlossen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund: ein Schädling verwüste den Pinienbestand des Parkes, heißt es. Experten der Beiruter Universitäten sind dabei, das Insekt zu bestimmen und geeignete Gegenmaßnahmen zu treffen.

Folgt man der spärlichen Berichterstattung in den Medien, ist man allerdings geneigt, eine kafkaeske Verschwörung zu wittern. Vier Zeitungen benennen jeweils eine andere Art Käfer oder Motte, alle  gleichzeitig auf dem Weg, die letzten Pininen dieser Stadt zu vernichten. Dabei steht nicht jeder Baum gleichermaßen im Visier. Der überwiegende Baumbestand sieht (noch) überraschend grün aus. Das liege daran, heißt es, dass die verdorrten Bäume sofort abgeholzt würden. So genau lässt sich das nicht überprüfen, da man nicht mehr an die Bäume drankommt. Schuld an der Plage seien nämlich die Besucher, die sie unter ihren Schuhsohlen eingeschleppt hätten – augenscheinlich sind die Schädlinge also nicht nur gefräßig sondern auch faul, denn all die Arten, über die spekuliert wird, könenn auch fliegen. Wahrscheinlich haben sie vor der Öffnung des Parkes brav an desen Zaun gewartet.

Nicht 20 Jahre Vernachlässigung und Missmanagement der Grünfläche sind es also, die den Stadtpark ruinieren, sondern dass er endlich genutzt wird.