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Staatsapparat an Rasierapparat, jemand zu Hause?

Mit freundlicher Genehmigung von Hassan Hassan

Mit freundlicher Genehmigung von Hassan Hassan

Vor den Hipstern war der Bart in Deutschland bekannt als Merkmal zu oft gerissener Witze.

Nun hat der syrische UN-Vertreter in Genf, Bashar al-Jaafari, einen neuen Bart-Witz in die Welt gesetzt. Mit einem Seitenhieb auf die kontroverse Oppositionsgruppe Jaish al-Islam sagt er: „Wir werden uns nicht in direkte Gespräche mit diesen Terroristen begeben, also wird es keine direkten Gespräche geben, bevor diese Terroristen sich entschuldigen und auch ihre Bärte abrasieren.“

Schaut man sich die Bilder der verschiedenen bewaffneten Akteure in Syrien an, ist das verwirrend, denn Gesichtsbehaarung ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal echter und Möchtegern-Islamisten auf Oppositionsseite. Die Shabiha, Assads irreguläre Milizen, zeichnen sich nicht nur durch von Anabolika ins Lächerliche torpedierte Muskeln aus, sondern plustern gerne ihre Bärte, und bei einem der Hauptverbündeten des syrischen Regimes, Iran, besteht die gesamte Führungsrige aus außerordentlich bärtigen Männern.

Seit es den sogenannten „Islamischen Staat“ gibt, nennt die libanesische Tageszeitung Daily Star Iran nicht mehr nur „Iran“ sondern spricht stets  analog von der „Islamischen Republik.“ Im Internet wird gerne eine Auflistung geteilt, inwieweit Saudi Arabien und ISIS sich ähnlich seien, aber man könnte dem genauso gut Iran hinzufügen. Man müsste sehr genau hingucken, um zwischen den durch den regionalen Konflikt eng miteinander verzahnten Dreien positive Unterschiede zu erkennen. Gerade, was die Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten im Nahen Osten und die Missachtung der Menscnenrechte betrifft, nehmen sie sich nicht viel – und darin, dass nicht wenige ihrer Vertreter mehr Wert auf Symbole wie eben den Bart denn auf moralisch einwandfreies Verhalten legen.

Dass Bashar Jaafari also ausgerechnet den Bart als zentrales Hindernis der Verhandlungen ausmachen will, ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eine haarige Angelegenheit. „Auf den Punkt gebracht: So ist das syrische Regime,“ schreibt der syrische ISIS-Experte Hassan Hassan auf Facebook.

Auf der Champs-Elysée der Flüchtlinge

Auf der Hauptstraße des Flüchtlingslagers Al-Zaatari, 70km nördlich von Amman, haben entlang der Hauptstraße in Containern dutzende Shops geöffnet, in denen fast alles zu haben ist: Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Werkzeug, Haushaltswaren, Elektrogeräte, Fernseher. Es gibt Bäckereien, Friseursalons, Moscheen und Cafés. So groß ist die Vielfalt, dass die neue Hauptstraße von den syrischen Flüchtlingen schon informell mit einem guten Schuss Zynismus umbenannt wurde: In „Champs-Elysée.“ Ansonsten erinnern nur die überteuerten Preise an die französische Hauptstadt. Eines der Cafés hier heißt „Coffee Freedom “ – Freiheit, das ist das eine Gut, das weder in Syrien noch für die syrischen Flüchtlinge in Al-Zaatari zu erwerben ist.

Staubige Hauptstraße „Champs-Elysée“ in Zaatari. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Freedom Café im Wohncontainer in Zaatari. Foto: CC-BY-SA René Wildangel

Der zweite Besuch im Flüchtlingslager Al-Zaatari in Jordanien zeigt, dass ich viel verändert hat. Wo vor über einem Jahr nur endlose Zeltreihen und improvisierte Feld-Krankenhäuser standen, entsteht nun eine kleine Stadt. Hier leben Flüchtlinge aus Syrien, die den schweren Kämpfen aus der Region Der’a in Südsyrien entkommen sind. Hier fing 2011 alles an mit dem Aufstand gegen Bashar al-Assad. Wer hier angekommt, ist schwer traumatisiert vom Krieg. Viele Männer haben für die Freie Syrische Armee gekämpft, manche gehen auch wieder zurück ins Kriegsgebiet. Vor einem Jahr waren die Zustände im Lager noch so schlimm, das auch ganze Familien statt der harschen Bedingungen in Zaatari die Rückkehr nach Syrien unter Lebensgefahr erwogen. Jetzt bleiben die meisten, der Süden Syriens wird weiter heftig vom Regime Bashar al-Assad’s bombardiert. Der Leiter des UNHCR vor Ort, ein Deutscher, will das Flüchtlingslager Zaatari in eine kleine Stadt verwandeln. Mit Gemeineräten, Gericht und erhöhter Eigenverantwortung der Flüchtlinge; nicht um einen permanenten Wohnort zu kreieren (Zaatari zählt mit um die 100.000 Bewohnern bereits zu den größten Siedlungen in Jordanien), sondern um bis zur Rückkehr ihre Situation zu weit wie möglich zu verbessern und ihnen ein bisschen Würde zurückzugeben.

Internationale Hilfe wird zwar viel zugesagt in diesen Tagen, aber noch nicht einmal die mindeste humanitäre Grundversorgung  erreicht alle Flüchtlinge. Besonders dramatisch ist die Lage der hundertausenden Flüchtlinge außerhalb  der Lager: In Jordanien sind das über 400.000 (Hier ein Überblick über die deprimierenden Zahlen der Flüchtlingswelle nach Jordanien). Der Großteil ist arbeitslos und in Jordanien nur geduldet; Kinderarbeit, Verheiratung von minderjährigen Mädchen und Missbrauch sind wachsende Probleme der schutzlosen Flüchtlingsgemeinden, darunter viele Familien mit bis zu zehn Kindern, die völlig mittellos nach Jordanien  geflohen sind, sind keine Seltenheit.

Unter den Jordaniern wachsen derweil Vorurteile und Feindseligkeit. Zwar stimmt, dass Jordanien lange die Grenzen für die Flüchtlingsströme geöffnet hatte. Aber uneingeschränkt offen ist die Grenze nicht mehr, Berichten zufolge dürfen unter anderem Flüchtlinge palästinensischer Herkunft und junge alleinstehende Männer die Grenze nicht mehr überqueren – das jordanische Königreich befürchtet Auswirkungen auf die innere Sicherheit. Wenn man bedenkt, dass die 80-Millionen-Nation Deutschland gerade einmal bereit ist 5000 Syrerinnen und Syrern Schutz zu bieten, erscheinen 500.000 Menschen für das kleine Nachbarland Syriens mit nur ca. 6 Millionen Einwohnern in einem anderen Licht.

Shabbat in Israel – Die Ruhe vor dem Sturm?

Ruhige Stimmung am Strand von Tel Aviv. Foto: Marc Berthold

Ruhige Stimmung am Strand von Tel Aviv. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Strahlend blauer Himmel, leichter Wind, vollkommende Ruhe in Tel Aviv. Nur das Surren der Klimaanlagen und Stimmen spielender Kinder sind zu hören. Ein ganz normaler Shabbat. – Wirklich?

Einerseits klangen die Berichte über lange Schlangen vor den Gasmasken-Stationen in „Tagesschau“ und „Heute“ in dieser Woche deutlich dramatischer als das normale Leben, das in Tel Aviv und andernorts einfach weitergegangen ist, andererseits spricht das Land in der Tat von nichts anderem als den möglichen Angriffen auf Israel infolge einer internationalen Intervention in Syrien. Die Drohungen aus Syrien und dem Iran, Israel werde daraufhin angegriffen, haben ja auch nicht gefehlt.

Aber so ist es eben in Israel. Man ist es gewohnt. Ob es Krieg gibt, oder nicht, ist sowieso nicht zu ändern. Warum also nicht an den Strand gehen, Eis essen, oder Kaffee trinken? Die Bunker sind ja offen. Wenn die Sirenen gehen, weiß jeder wo er hin muss. Selbst als „Expat“ gewöhnt man sich schnell daran. Nur der erste Raketenalarm während des Beschusses von Tel Aviv aus dem Gaza-Streifen im letzten November war enervierend. Danach wurde sich, wenn die Sirenen gingen, kurz untergestellt, dann weitergearbeitet oder ausgegangen.

Die Nachricht, die UN-Delegation zur Untersuchung des Chemiewaffenangriffs in Syrien vom 21. August, hätten heute Morgen das Land verlassen, lässt die Befürchtungen dennoch steigen, der Zeitpunkt der US-Intervention rücke nun wirklich näher. Was passiert in der kommenden Nacht? In Syrien? In Israel?

Während das Militär und die Sicherheitsdienste davon ausgehen, dass das Risiko einer Vergeltung in Richtung Israel gering ist, wurden im Norden und um Tel Aviv die Raketenabschusssysteme „Iron Dome“ positioniert, eine begrenzte Anzahl von Reservisten eingezogen und das Wochenende für die stationierten Soldaten auf dem Golan gestrichen. Tausende Israelis haben sich mit Gasmasken versorgt.

Die israelische Regierung sieht sich nicht als Partei in diesem Krieg, hat aber angedroht massiv zu reagieren, sollte es zu einem Angriff kommen. Bis vor Kurzem hat sich Israel stets zurückhaltend über die Zukunft Assads geäußert. Schließlich war es unter Assad an der israelisch-syrischen Grenze ruhig geblieben. Mit der zunehmenden Gewalt und spätestens seit dem letzten Giftgas-Angriff vom 21. August scheint sich die Stimmung in Israel jedoch zu ändern. Assad dürfe nicht als Gewinner vom Platz gehen, heißt es unter Sicherheitsexperten.

Doch wer ihm folgt, löst in Israel ebenso Unbehagen aus. Ebenso auch das Lavieren Barack Obamas und die Ablehnung einer Intervention im britischen Unterhaus. Trotz aller Unsicherheit über die Strategie und Konsequenzen eines Angriffs, verstärkt sich in Israel mal wieder der Eindruck, auf die Partner ist im Notfall kein Verlass. Auch der Iran werde genau verfolgen, wie sich die USA und die Europäer gerade verhalten. Dies bedeute für Israel nichts Gutes.

Trotz allem: Es ist eben Shabbat, die Sonne scheint, die Luftfeuchtigkeit der letzten Tage ist etwas abgezogen, also gehen wir an den Strand.

Israels banger Blick nach Syrien

Warnung vor Tretminen auf den Golanhöhen. Foto: CC-SA-BY Marc Berthold

Warnung vor Tretminen auf den Golanhöhen. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Von Beginn des Aufstandes gegen Präsident Assad an war Israels oberste Devise: Wir werden uns nicht einmischen. Auch wenn es unter Bashar Assads Zeit auf dem Golan weitgehend ruhig war, wollte sich Israel nicht eindeutig auf die Seite Assads und gegen die Bestrebungen der Opposition stellen. Israel kam auch zum dem Schluss, dass jegliche Parteinahme für die syrischen Aufständischen genau diesen schaden würde.

Diese Devise gilt auch weiterhin. Israel hat kein Interesse, eine Partei im Krieg in Syrien zu werden. Das Leid der Zivilbevölkerung, einschließlich der Flüchtlinge in- und außerhalb Syriens, lässt Israel nicht kalt und die Bürde der Nachbarländer sind seinen Politiker/innen bewusst. Seine Hände sind jedoch politisch gebunden. Allerdings hilft Israel verwundeten Flüchtlingen, die in Krankenhäusern im Norden des Landes versorgt werden, falls sie den Golan erreichen.

Doch Israels eigene Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Wochen dramatisch verändert: Hisbollah kämpft nun offen an der Seite Assads gegen die Aufständischen und hat somit seinen Aktionsradius auf Syrien ausgedehnt. Dies erleichtert den Hisbollah-Milizen auch den Zugang zu fortgeschrittenen Waffensystemen aus dem Iran, wie die Fateh-110-Raketen. Mit ihrer Reichweite von 300 Kilometern können sie weite Teile Israels treffen. Zudem legt Russland seine schützende Hand über Bashar Assad: Trotz Netanjahus diplomatischer Intervention in Moskau, kündigte die Putin-Regierung eine Lieferung vom Raketenabehrsystem S-300 nach Syrien an. Und mehr noch: Die russische Schiffsflotte wurde vor die syrische Küste verlegt. Das Signal ist eindeutig: Syrien bleibt in der russischen Einflusssphäre. Erinnerungen an den kalten Krieg werden wach. Die Hilflosigkeit der USA und Europas gegenüber dem Krieg in Syrien verstärkt den israelischen Eindruck, im Notfall auf sich alleine gestellt zu sein. Israel verliert dabei auch nie die ungelöste Krise um das iranische Atomprogramm aus dem Blick.

Seit Ende des letzten Libanon-Krieges im Jahr 2006 hat Israels Abschreckung gegenüber Hisbollah funktioniert. Es blieb ruhig an der Grenze im Norden. Die Wiederaufrüstung der Hisbollah auf über 60.000 Raketen wurde genau beobachtet, jedoch nicht als akute Bedrohung gesehen. Denn bisher galt: Auch Hisbollah hat kein Interesse an einer weiteren Konfrontation.

Mit den Zerfallserscheinungen Syriens und der Gefahr, dass neue Waffenklassen, inklusive Massenvernichtungswaffen, in die Hände der Hisbollah geraten könnten, hat sich die Einschätzung eklatant verändert. Zog Israel die rote Linie zunächst bei chemischen Waffen, so wurde die Liste nun um die strategischen Waffensysteme SA-17-Boden-Luftraketen, P-800-Jachont-Anti-Schiff-Raketen und S-300-Luftabwehrraketen erweitert. Diese Systeme würden den israelischen Selbstverteidigungsspielraum in der Luft und über dem Wasser gravierend einschränken. Die S-300-Luftabwehrraketen würden de facto zu einer Flugverbotszone über ganz Israel führen, so hochrangige Verteidigungsexperten. Die Jachont-Raketen könnten zudem die Erdgasförderanlagen vor der israelischen Küste treffen.

Angesichts der Bedrohung durch das iranische Atomprogramm, der latenten Bedrohung durch Hisbollah als iranischer Proxi und der unkalkulierbaren Folgen durch einen möglichen Zusammenbruch Syriens sind diese Einschränkungen der Selbstverteidigungskapazitäten für Israel inakzeptabel. Daher will Israel unter allen Umständen verhindern, dass diese Waffensysteme in die Hände von Hisbollah geraten.

Der Berg Hermon im Norden des Golan. Foto: CC-SA-BY Marc Berthold

Der Berg Hermon im Norden des Golan. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Dass Assad bisher auf die dreimaligen Angriffe auf Raketen-Konvoys und Waffenlager, die Israel zugeschrieben werden, nicht mit Waffengewalt reagiert hat, ist trügerisch. Es kam seither zu einem gezielten Raketenbeschuss nahe des Berg Hermon und zu einem Maschinengewehrangriff auf ein israelisches Militärfahrzeug.  Am Montag berichteten libanesische Medien, dass es zu einem Raketenbeschuss auf Israel aus dem Süden Libanons gekommen ist. Es wurde auch berichtet, dass Assad Raketen gegen Israel in Stellung gebracht, und dass Hisbollah sowohl von Iran als auch von Assad grünes Licht bekommen habe, auf dem Golan eine neue Front gegen Israel zu eröffnen. Für weitere Angriffe hat Assad massive Vergeltung angedroht.

Israel wiederum hat Syrien eindeutig vor Vergeltung gewarnt und für diesen Fall den Sturz des Assad-Regimes angekündigt. Dieser Krieg der Worte dient der Abschreckung. Ob diese Abschreckung wirklich funktioniert, werden die kommenden Wochen zeigen.

Israel wird genau beobachten, ob Hisbollah weiterhin Zugang zu diesen strategischen Waffen erhält. Da Hisbollah nun in Syrien operiert, müssen diese Waffen nicht libanesisches Territorium erreichen, um für Hisbollah verfügbar zu sein. Zeigen muss sich auch, ob Russland noch zu überzeugen ist, die S-300-Raketen vorerst nicht nach Syrien zu liefern, um die brenzlige Situation nicht zusätzlich zu verschärfen. Hier kommt auch Europa eine wichtige Rolle zu, das seinerseits alles daran setzen sollte, Russland von seinem Plan abzubringen.

Die akute Kriegsgefahr ist hoch. Auch wenn beide Seiten kein Interesse an einer Eskalation haben, die auf beiden Seiten zu weitreichender Zerstörung und zivilen Opfern führen könnte, so ist die Lage derzeit so gespannt, dass ein kleiner Funken einen Flächenbrand auslösen könnte.

Israel ergreift derweil Vorsorgemaßnahmen: Mindestens zwei Einheiten des Raketenabwehrsystems “Iron Dome” sind seit einigen Wochen im Norden stationiert und in dieser Woche wird eine umfassende, landesweite Zivilschutzübung stattfinden, im Rahmen derer die Notfallsysteme getestet und die Zivilbevölkerung auf Angriffe aus dem Libanon oder Syrien vorbereitet werden sollen.

Auch wenn es für Deutschland und Europa schwierig ist, auf das fortschreitende Drama in Syrien und die Nachbarstaaten Einfluss zu nehmen, so werden beide gut daran tun, sich diese neuen strategischen Risiken für die Sicherheit Israels zu vergegenwärtigen, und alles zu unternehmen, dass es zu keiner weiteren, regionalen Eskalation kommt. Russland von seinem gefährlichen Spiel in der Region abzubringen wäre ein wichtiger Schritt.

Weit, weit hinter Haifa

Qusair, in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai

Qusair, in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai

Seit zwei Jahren widersetzen sich der Großteil der libansischen Bevölkerung und der politischen Elite dem, sich in den syrischen Konflikt hineinziehenzulassen. Zwar haben sich einzelne Gruppen wortgewaltig positioniert, aber nicht ohne dafür zu sorgen, dass die Wellen öffentlichen Unmuts mit dieser oder jener Politik nicht zu hoch schlugen. Im Juni 2012 vereinbarten die entgegengesetzten politischen Lager des 8. und 14. März in der „Erklärung von Baabda“, dass sie alles daran setzen würden, den Libanon aus regionalen und internationalen Krisen herauszuhalten. Doch je aussichtsloser die Situation in Syrien wird, desto mehr bröckelt – zumindest von politischer Seite – dieser Konsens.

Vorwiegend sunnitische Netzwerke versorgen im Norden syrische Rebellen; die Hisbollah unterstützt immer unverhohlener die syrische Regierung. Dabei ist klar, dass letzteres die schiitische Organisation viele Sympathien gekostet hat: man schätzt sie wegen ihrer Haltung und Stärke gegenüber Israel, während die Niederschlagung eines Volksaufstandes im Nachbarland ähnlich unpopulär ist, wie Hisbollahs bewaffneter Aufstand gegen die eigene,libanesische Regierung 2008.

Zunächst agierte die Hisbollah daher eher verborgen. Noch im Sommer 2012 hatte sie erklärt, „einige Dörfer mit großer libanesisch-schiitischen Bevölkerungsanteilen“ auf der syrischen Seite der gemeinsamen Grenze würden „sich lediglich selbst verteidigen“, und hierbei nicht auf Weisung der Hisbollah handeln. Mit vereinzelten Nachrichten über getötete Hisbollah-Kämpfer in Syrien wurde langsam die direkte Beteiligung der Partei salonfähig gemacht.

Das war der syrischen Führung jedoch nicht genug. Als kleinen Seitenhieb gegen die Schiiten, von denen viele während des libanesischen Bürgerkriegs nach Afrika ausgewandert waren, stichelte Bashar al-Assad am 21. März 2013: „Ich verstehe nicht, was genau mit dieser Politik (der Distanziertheit) gemeint ist. Ist die Idee, dass der Libanon sich zusammenraffen und nach Afrika zurückziehen wird, dort das Ende der syrischen Krise abwarten und danach an seinen angestammten Ort zurückkehren wird?“

In einer Rede am 30. April 2013 erklärte der Generalsekretär, Hassan Nasrallah offiziell, dass die Hisbollah ín Qusair eingreifen werde. Die Ortschaft, im Umland von Homs und in direkter Grenznähe zum Libanon gelegen, ist seit gestern einer militärischen Großoffensive der syrischen Armee unterworfen. Schon vor 14 Tagen war die Stadt weitgehend abgeriegelt worden; sinnigerweise wurden die Bewohner erst danach mittels Flugblättern aufgefordert, sie zu verlassen. „Wenn man genau weiß, dass die Stadt abgeriegelt ist, dann ist es eine furchterregende Perspektive zu gehen,“ sagt ein syrischer Aktivist. In der Tat: an jedem Checkpoint kann der Tod lauern, und über ein Jahr lang haben die Bewohner von Qusair die Erfahrung gemacht, dass Heckenschützen des Regimes überall auf der Lauer liegen.

Wissam al-Jazair - Qusair

Wissam al-Jazair – Qusair

Nun also schickt die Hisbollah große Kontingente ihrer Kämpfer, um den geschwächten syrischen Streitkräften unter die Arme zu greifen. Angeblich wurden bereits am ersten Tag der Kämpfe Dutzende von Hisbollah-Kämpfern in Qusair getötet, darunter ein Familienangehöriger von Hassan Nasrallah.

Die spöttische syrische Revolutionskunst hat in diesem Zuge Nasrallahs berühmte Äußerung aus dem israelisch-libanesischen Krieg 2006 aufgenommen. Damals ließ er verlauten, die Hisbollah könne Ziele „baad baad Haifa“ – also „noch weit über Haifa hinaus“ treffen. Der junge syrische Designer Wissam al-Jazairi stellte zum Angriff auf Qusair eine Landkarte ins Netz, bei der die syrische Ortschaft genau dort eingetragen ist: viele Kilometer südlich der israelischen Küstenstadt.

Im Zuge der antirevolutionären Propaganda strahlte das syrische Staatsfernsehen Bilder aus, auf denen ein israelischer Militärgeländewagen zu sehen ist – angeblich habe die syrische Armee diesen den Rebellen in Qusair abgenommen. Die Vorstellung, dass Rebellen allen Ernstes ein solches Fahrtzeug vom Golan nach Homs gefahren haben könnten, zieht Spott auf Twitter auf sich („Per Esel oder wie?“), und verlangt einer Betrachterin im Libanon nur ein müdes Lächeln ab: „Die Hisbollah hat reihenweise israelische Ausstattung eingesammelt, vor 2000 und nach dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon. Sie hat ein ganzes Disneyland davon in ihrem Freiluft-Museum in Mlita.“

Time Magazine sucht den Superstar

“Wählt die politischen Entscheidungsträger, Künstler, Innovatoren, Ikonen und Helden, die ihr für die einflussreichsten Menschen der Welt haltet,” fordert das Time-Magazine die Leser seiner Online-Ausgabe auf. Unter den 153 Nominierten: Bashar al-Assad. Kurzbeschreibung:

Graffiti in Beirut: "Das Volk stürzt das Regime"

Graffiti in Beirut: „Das Volk stürzt das Regime“

„Syrischer Machthaber, der versucht, die Kontrolle über eine vom Bürgerkrieg gespaltene  Nation zu behalten“. Kein Wort von über 70.000 Menschen, die überwiegend auf Befehl des Regimes getötet wurden, kein Wort davon, dass die gewaltsame Niederschlagung der friedlichen Proteste erst eine bürgerkriegsartige Situation heraufbeschworen hat.

Prominente Syrerinnen und Syrer haben im Zuge der Revolution viel Aufmerksamkeit in internationalen Medien erhalten – im positiven Sinne allerdings eher diejenigen, die für politische Veränderungen eintreten. Einige haben es unter die „100 weltweit interessantesten Denker“ des Magazins „Foreign Policy“ geschafft. Im Jahr 2012 wurde die Aktivistin Rima Dali für ihr Engagement – unter anderem die Gründung der Kampagne: „Stoppt das Töten – wir wollen ein Syrien für alle schaffen“  – gemeinsam mit Bassel Khartabil auf Platz 19 der Liste gewählt. Im Jahr zuvor hatte der Karikaturist Ali Farzat, dem Schergen des Regimes die Hände gebrochen hatten, es auf Platz 1 gebracht, gemeinsam mit der Menschenrechtsanwältin und politischen Aktivisitin Razan Zeitouneh. 

Erstaunlicher noch als Assads Nominierung durch das TIME Magazine ist die hohe Wahlbeteiligung. Ein Mann, der im eigenen Land nie freie Wahlen zugelassen hat, hält sich der Stimmanzahl nach konstant zwischen dem zweiten und dritten Rang – und Zustimmung („absolut!“) und Ablehnung („auf keinen Fall!“) halten sich die Waage. Ein Erfolg der syrischen Propaganda? Oder der Syrischen Elektronischen Armee, die im Auftrag des Regimes beständig unterwegs ist, um unliebsame Webseiten zu hacken? Viele Syrerinnnen und Syrer sehen Assad eher so, wie ihn die syrische Künstlergruppe Masasit Mati schon 2011 satirisch in Szene setzte: Als aufstrebenden Star der Sendung „Wer wird millionenfacher Mörder?“

Der Himmel über dem Libanon

Einen Beschwerdebrief soll der libanesische Außenminister schreiben. Adressat: Syrien. Nachdem die syrische Regierung gedroht hatte, libanesische Ziele anzugreifen, wenn das Land weiterhin syrischen Rebellen Unterschlupf gewähren und sie von seinem Territorium aus agieren lassen würde, bombardierte die syrische Luftwaffe Montag Nachmittag erstmals grenznahe Ortschaften im Libanon. Präsident Michel Sleiman verurteilte den Angriff als eine inakzeptable Verletzung der libanesischen Souveränität.

Byblos, 14.03.2013

Kondensstreifen zweier israelischer Kampfjets, Byblos, 14.03.2013

Doch damit nicht genug: Nachts erhellte israelische Leuchtmunition die Küste im Süden des Landes. „Das passiert nicht oft. Mag sein, dass irgendetwas Verdächtiges vor sich geht. Genauso gut kann es sich aber auch nur um eine Botschaft handeln: an Hisbollah. Oder an die UN, die dort stationiert ist, um UNIFIL zu signalisieren, dass ihnen etwas entgeht und Israel sozusagen deren Arbeit macht,“ sagt eine Beobachterin aus dem Südlibanon. Was immer Israel sehen wolle, könne es auch tagsüber, aber selbst wahrgenommen werde man besser mit solchen Aktionen während der Nacht.

Dieser Tage sieht man jedoch am blauen Himmel oft die markanten Kondensstreifen der israelischen Kampfjets. Parallel ziehen sie die Küste herauf, und sorgen dafür, dass man im Libanon nicht vergisst, in was für einer Nachbarschaft man sich befindet.