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Der Klang der Revolution – Samir-Kassir-Preis für „Street Music“

Orwa al-Meqdad in the Award Ceremony (c) Bente Scheller

Orwa al-Meqdad in the Award Ceremony (c) Bente Scheller

Jedes Jahr am 2. Juni wird in Beirut der Samir-Kassir-Preis für Medienfreieheit verliehen. Unterstützt von der Europäischen Union sichtet die Samir-Kassir-Stiftung hunderte von Beiträgen aus der gesamten arabischen Welt und lässt eine wechselnde Jury in drei Kategorien den besten Beitrag.

In der Rubrik „investigativer Journalismus“ gewann dies Jahr Hanene Zbiss aus Tunesien mit einem Beitrag über Koran-Kindergärten in Tunesien. Der ägyptische Journalist Mohammad Aboul Ghit wurde für seinen Kommentar: „Saison der lebenden Toten“ ausgezeichnet, in dem er die Wandlung der Mubarak-Gegner in Sisi-Befürworter beschreibt.

In der audiovisuellen Komponente setzte sich der syrische Regisseur Orwa al-Meqdad durch. Während die Region von Krieg und Anspannung geprägt ist, wird hier ein Beitrag über syrische Straßenmusik im Libanon ausgezeichnet: „Street Music”.

Aus "Steet Music". (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audiovisual Arts

Aus „Steet Music“. (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audiovisual Arts

Mit diesem Kurzfilm wirft der syrische Regisseur Orwa
al-Meqdad einen eindrucksvollen Blick auf das Medium Musik als Waffe
des friedlichen Widerstands und als gleichzeitige Ausdrucksform von
Heimat und Geborgenheit. Diese scheinbar widersprüchliche Perspektive
spiegelt wider, wie syrische Exilanten trotz ihres nicht selten
„schizophrenen“ Alltags den Herzschlag Beiruts mitgestalten.
Die Dokumentation stellt drei Musiker und eine Sängerin vor, die sich
in Beirut kennengelernt haben und in der Wohnung eines gemeinsamen
Freundes proben. Sie zeigt, wie ihre unterschiedlichen Charaktere den
Sound der Stadt um eine weitere Facette bereichern. Passend dazu ist es
die pulsierende und lebhafte Hamra Street, die sich in eine
vorübergehende Bühne für die vier Musiker verwandelt. Mit ihrer Musik
drücken sie ihre ganz eigene Erinnerung an Syrien aus, und finden
mitunter zu einem vollkommen neuen Verständnis ihrer Heimat.

Szene aus "Street Music" (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audivisual Arts

Szene aus „Street Music“ (c) Orwa al-Meqdad/Bidayyat for Audivisual Arts

Wenn auch Musik nicht den Lärm von Gewehrfeuer übertönen mag, wie sich einer der portraitierten Künstler ausdrückt, wird sie zur Ausdrucksform der kleinen Gruppe, und damit sowohl zum Produkt verschiedener
Lebensgeschichten wie auch selbst zum identitätsbestimmenden Medium.
Letztlich beleuchtet Orwa al-Meqdad mit seiner Hommage an das
Potential der syrischen Revolution den Versuch vier junger Menschen,
einen vorübergehenden Platz in einer ihnen fremden Gesellschaft zu
finden. Er zeigt, wie Musik zugleich symbolische Waffe sein und zu
einem Ort der Geborgenheit werden kann, und mit den Instrumenten in
den Händen scheint es, als würden Musiker die
Kontrolle nicht nur über ihr eigenes Schicksal, sondern über die
gesamte syrische Revolution zurückzuerringen versuchen. „Street Music“ ist eine Produktion der syrischen Organisation Bidayyat for Audivisual Arts, deren Kurzfilme auf einem eigenen Youtube-Kanal abrufbar sind.

Der Preis, der nach dem im Jahr 2005 ermordeten
libanesischen Journalisten Samir Kassir benannt ist, ist offen für
Einsendungen aus der gesamten arabischen Welt und wird von der
Europäischen Union gefördert.

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Dieser Beitrag stammt von Sarah Schwahn, derzeit Praktikantin im Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung, und Bente Scheller.

Time Magazine sucht den Superstar

“Wählt die politischen Entscheidungsträger, Künstler, Innovatoren, Ikonen und Helden, die ihr für die einflussreichsten Menschen der Welt haltet,” fordert das Time-Magazine die Leser seiner Online-Ausgabe auf. Unter den 153 Nominierten: Bashar al-Assad. Kurzbeschreibung:

Graffiti in Beirut: "Das Volk stürzt das Regime"

Graffiti in Beirut: „Das Volk stürzt das Regime“

„Syrischer Machthaber, der versucht, die Kontrolle über eine vom Bürgerkrieg gespaltene  Nation zu behalten“. Kein Wort von über 70.000 Menschen, die überwiegend auf Befehl des Regimes getötet wurden, kein Wort davon, dass die gewaltsame Niederschlagung der friedlichen Proteste erst eine bürgerkriegsartige Situation heraufbeschworen hat.

Prominente Syrerinnen und Syrer haben im Zuge der Revolution viel Aufmerksamkeit in internationalen Medien erhalten – im positiven Sinne allerdings eher diejenigen, die für politische Veränderungen eintreten. Einige haben es unter die „100 weltweit interessantesten Denker“ des Magazins „Foreign Policy“ geschafft. Im Jahr 2012 wurde die Aktivistin Rima Dali für ihr Engagement – unter anderem die Gründung der Kampagne: „Stoppt das Töten – wir wollen ein Syrien für alle schaffen“  – gemeinsam mit Bassel Khartabil auf Platz 19 der Liste gewählt. Im Jahr zuvor hatte der Karikaturist Ali Farzat, dem Schergen des Regimes die Hände gebrochen hatten, es auf Platz 1 gebracht, gemeinsam mit der Menschenrechtsanwältin und politischen Aktivisitin Razan Zeitouneh. 

Erstaunlicher noch als Assads Nominierung durch das TIME Magazine ist die hohe Wahlbeteiligung. Ein Mann, der im eigenen Land nie freie Wahlen zugelassen hat, hält sich der Stimmanzahl nach konstant zwischen dem zweiten und dritten Rang – und Zustimmung („absolut!“) und Ablehnung („auf keinen Fall!“) halten sich die Waage. Ein Erfolg der syrischen Propaganda? Oder der Syrischen Elektronischen Armee, die im Auftrag des Regimes beständig unterwegs ist, um unliebsame Webseiten zu hacken? Viele Syrerinnnen und Syrer sehen Assad eher so, wie ihn die syrische Künstlergruppe Masasit Mati schon 2011 satirisch in Szene setzte: Als aufstrebenden Star der Sendung „Wer wird millionenfacher Mörder?“