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Shabbat in Israel – Die Ruhe vor dem Sturm?

Ruhige Stimmung am Strand von Tel Aviv. Foto: Marc Berthold

Ruhige Stimmung am Strand von Tel Aviv. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Strahlend blauer Himmel, leichter Wind, vollkommende Ruhe in Tel Aviv. Nur das Surren der Klimaanlagen und Stimmen spielender Kinder sind zu hören. Ein ganz normaler Shabbat. – Wirklich?

Einerseits klangen die Berichte über lange Schlangen vor den Gasmasken-Stationen in „Tagesschau“ und „Heute“ in dieser Woche deutlich dramatischer als das normale Leben, das in Tel Aviv und andernorts einfach weitergegangen ist, andererseits spricht das Land in der Tat von nichts anderem als den möglichen Angriffen auf Israel infolge einer internationalen Intervention in Syrien. Die Drohungen aus Syrien und dem Iran, Israel werde daraufhin angegriffen, haben ja auch nicht gefehlt.

Aber so ist es eben in Israel. Man ist es gewohnt. Ob es Krieg gibt, oder nicht, ist sowieso nicht zu ändern. Warum also nicht an den Strand gehen, Eis essen, oder Kaffee trinken? Die Bunker sind ja offen. Wenn die Sirenen gehen, weiß jeder wo er hin muss. Selbst als „Expat“ gewöhnt man sich schnell daran. Nur der erste Raketenalarm während des Beschusses von Tel Aviv aus dem Gaza-Streifen im letzten November war enervierend. Danach wurde sich, wenn die Sirenen gingen, kurz untergestellt, dann weitergearbeitet oder ausgegangen.

Die Nachricht, die UN-Delegation zur Untersuchung des Chemiewaffenangriffs in Syrien vom 21. August, hätten heute Morgen das Land verlassen, lässt die Befürchtungen dennoch steigen, der Zeitpunkt der US-Intervention rücke nun wirklich näher. Was passiert in der kommenden Nacht? In Syrien? In Israel?

Während das Militär und die Sicherheitsdienste davon ausgehen, dass das Risiko einer Vergeltung in Richtung Israel gering ist, wurden im Norden und um Tel Aviv die Raketenabschusssysteme „Iron Dome“ positioniert, eine begrenzte Anzahl von Reservisten eingezogen und das Wochenende für die stationierten Soldaten auf dem Golan gestrichen. Tausende Israelis haben sich mit Gasmasken versorgt.

Die israelische Regierung sieht sich nicht als Partei in diesem Krieg, hat aber angedroht massiv zu reagieren, sollte es zu einem Angriff kommen. Bis vor Kurzem hat sich Israel stets zurückhaltend über die Zukunft Assads geäußert. Schließlich war es unter Assad an der israelisch-syrischen Grenze ruhig geblieben. Mit der zunehmenden Gewalt und spätestens seit dem letzten Giftgas-Angriff vom 21. August scheint sich die Stimmung in Israel jedoch zu ändern. Assad dürfe nicht als Gewinner vom Platz gehen, heißt es unter Sicherheitsexperten.

Doch wer ihm folgt, löst in Israel ebenso Unbehagen aus. Ebenso auch das Lavieren Barack Obamas und die Ablehnung einer Intervention im britischen Unterhaus. Trotz aller Unsicherheit über die Strategie und Konsequenzen eines Angriffs, verstärkt sich in Israel mal wieder der Eindruck, auf die Partner ist im Notfall kein Verlass. Auch der Iran werde genau verfolgen, wie sich die USA und die Europäer gerade verhalten. Dies bedeute für Israel nichts Gutes.

Trotz allem: Es ist eben Shabbat, die Sonne scheint, die Luftfeuchtigkeit der letzten Tage ist etwas abgezogen, also gehen wir an den Strand.

Israels Sommerhit 2013 – Jüdisch, arabisch, schwul

Foto: Arisa

Foto: CD Cover – Omer Adam „Tel Aviv“

Die jüdischen Einwander/innen aus arabischen Ländern, Iran und Nordafrika – Mizrahim – haben einen langen Weg an die Spitze der israelischen Gesellschaft hinter sich. Und sie sind noch nicht ganz am Ziel. In Führungspositionen in Politik und Wirtschaft sind sie weiterhin unterrepräsentiert. Die gesellschaftliche Elite ist noch eher europäisch – aschkenasisch – geprägt, obgleich Juden aus dem Mittleren Osten mittlerweile einen leichten Vorsprung in der Gesamtbevölkerung haben.

Im kulturellen und kulinarischen Alltag ist Israel längst ein Schmelztiegel. Das tunesische Shakshuka ist zum geliebten, klassischen Frühstück der Israelis geworden. Um Humus gibt es den berühmten Streit, ob er nun libanesisch oder israelisch ist. Die iranisch-stämmige Sängerin Rita gehört seit Jahrzehnten zu den Größten im Land. Ihr letztes Album – ihr erstes mit persischen Liedern -, wurde hier zum Riesenerfolg (und zu heiß gehandelter Untergrundware im Iran).

Das Genre von Mizrahi-Popmusik hat erst in den letzten zwanzig Jahren seinen Durchbruch auf Israels Radiowellen erlebt. Zuvor galt diese, von arabischen Klängen geprägte, Musik als eher primitiv. Sänger/innen wie Sarit Hadad oder Eyal Golan gehören heute zu den erfolgreichsten Stars des Landes. Eyal Golan hat mittlerweile die zweite Staffel seiner Version von „Israel sucht den Superstar“ für junge Mizrahi Talente erfolgreich zu Ende gebracht. Das Finale von „Eyal Golan is Calling You“ wurde erstmals im führenden Sender Channel 2 ausgestrahlt. – Eine neue Hürde von Mizrahi-Kultur im israelischen Fernsehen erfolgreich genommen.

Seit gut einem Jahr erobert Mizrahi-Pop auch die Tel Aviver Schwulenszene. Die monatliche Arisa-Party gehört zu den erfolgreichsten Parties der Stadt. Zahlreiche Pop-Größen lassen es sich nicht nehmen, dort aufzutreten. Die Stimmung ist groß. Die kreativen Werbe-Videos mit Model Eliad Cohen und Tänzer Uriel Yekutiel sind Kult (hier, hier und hier) – mittlerweile auch in der internationalen Gay Community.

In diesem Sommer setzt die Schwulenszene nun dazu an, die Welt der Mizrahim zu erobern. Und sie haben niemand Geringeren gefunden als den Mizrahi-Superstar Omer Adam. Ursprünglich als Werbevideo für den Tel Aviver Gay Pride gedacht, entwickelt sich der Song „Tel Aviv“ zum ersten Sommerhit des Jahres. Er läuft auf allen Kanälen rauf und runter. Es vergeht derzeit kein Tag, an dem einem „Tel Aviv, Ya Habibi, Tel Aviv“ nicht mindestens drei Mal aus einem Café, Laden oder Auto irgendwo im Land entgegen schallt.

Und das zugehörige Video dürfte nicht die Standardware auf heimischen Bildschirmen sein:

YouTube Preview Image

Innerhalb eines Monats hat der Youtube-Clip rund 500.000 Zuschauer/innen gefunden. Und der Sommer geht gerade erst los.

Der Pioneer des Schwulseins in der israelischen Popkultur ist zweifelsohne der Liedermacher Ivri Lider. Auch er gehört zur obersten Pop-Riege Israels. Mit seinem Coming-Out und seinen Liebesliedern hat er viel für Sichtbarkeit und Toleranz für Lesben und Schwule erreicht. Das interessante an Omer Adam ist: er ist gar nicht schwul. Und womöglich hat er auch gar nicht vor, zum Botschafter von Lesben- und Schwulenrechten zu werden. Doch dass er mit diesem Song und Video „Queerness“ auf leichte, mit Geschlechterrollen spielende und humorvolle Weise über Tel Aviv hinaus ins ganze Land und in den Schmelztiegel trägt, ist nicht zu unterschätzen.

Auf jeden Fall ist ihm gelungen den ersten Sommerhit des Jahres zu kreieren, und Tel Aviv eine Hymne zu geben.

Ein “grüner” Bürgermeister für Tel Aviv?

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Nitzan Horowitz will Bürgermeister von Tel Aviv werden. Foto: Team Nitzan Horowitz

Am 22. Oktober sind Kommunalwahlen in Israel. Nitzan Horowitz, Knesset-Abgeordneter der grün-nahen Partei Meretz hat diese Woche seinen Hut in den Ring geworfen. Er will Bürgermeister von Tel Aviv werden. Er hat durchaus Chancen.

Nitzan Horowitz ist einer der führenden Umweltpolitiker Israels. Seine Steckenpferde in der Knesset sind, neben einer starken Klima- und Nachhaltigkeitspolitik, aber auch Bürger/innen-Rechte und das Verhältnis von Staat und Religion. Seit Jahren setzt sich Horowitz für die Einrichtung der Zivilehe in Israel ein. Er kämpft für die Rechte von Flüchtlingen, von Lesben, Schwulen und Transsexuellen sowie gegen soziale Benachteiligung. Horowitz wäre zudem der erste offen schwule Bürgermeister Israels und wohl im gesamten Nahen und Mittleren Osten.

Volker Beck und Nitzan Horowitz. Vorkämpfer für LGBTI-Rechte in Deutschland und Israel. Foto: Marc Berthold

Volker Beck und Nitzan Horowitz. Vorkämpfer für LGBTI-Rechte in Deutschland und Israel. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Ersten Umfragen zufolge liegt er mit rund 30 Prozent noch hinter dem derzeitigen Bürgermeister Ron Huldai (Arbeitspartei), der Tel Aviv seit mehr als einem Jahrzehnt regiert. Das Rennen wird nicht einfach. Huldai ist beliebt und hat in seiner Amtszeit in der Stadt einiges bewegt: Er hat Tel Aviv zum UNESCO-Weltkulturerbe für seine Bauhaus-Architektur geführt (zur grünen und sozialen Entwicklung des Bauhauserbes haben wir kürzlich eine Konferenz durchgeführt). Viele Gebäude wurden seither renoviert; zumeist in der Luxusvariante. Die zahlreichen Wolkenkratzer am Rande des Rothschild-Boulevards zeugen von der guten wirtschaftlichen Entwicklung Tel Avivs. Fahrradwege wurden flächendeckend ausgebaut, und seit knapp zwei Jahren verfügt Tel Aviv auch über ein öffentliches Fahrrad-Verleihsystem, ähnlich dem in Berlin.

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„Nitzan – Unser Bürgermeister“ – Erste Transparente in den Straßen von Tel Aviv. Foto: Team Nitzan Horowitz

Die Schattenseiten dieser Entwicklung sind enorm steigende Mietpreise, die Verdrängung der weniger begüterten Stadtbevölkerung und eine Vernachlässigung ärmerer Stadtviertel, wie die Gegend um den zentralen Busbahnhof, wo afrikanische Flüchtlinge unter schlimmsten Bedingungen leben, aber auch in Jaffa, wo der Bau von Luxuswohnungen am Meer die arabische Bevölkerung verdrängt und die dortigen historischen Sozialstrukturen bedroht.

“Tel-Aviv hat eine komplexe Vielfalt. Es gibt Religiöse und Säkulare, Alte und Junge, Araber und Juden. Ich möchte alle stärken. Die arabischen Bewohner/innen, von denen die meisten in Jaffa leben, sind eine wichtige Gemeinschaft, die Investitionen, Aufmerksamkeit und Respekt verdienen,” sagt Nitzan Horowitz dazu in einem Interview.

Unerwarteten Rückenwind könnte Nitzan Horowitz ausgerechnet von der neuen Netanjahu-Regierung bekommen. Finanzminister Yair Lapid hat soeben flächendeckend für alle die Einkommenssteuer um 1,5 Prozent erhöht. Zudem steigt die Mehrwertsteuer um ein Prozent. Hinzukommen Budgetkürzungen im Sozialbereich (Übrigens sollen auch der Haushalt für Israels Klimaplan und die Förderung von energetischer Bausanierung gestrichen werden). Von sozialer Abfederung keine Spur. Ungeschoren bleiben lediglich reiche Unternehmer und der Verteidigungshaushalt. Wenig ist zu erkennen von den Forderungen der Sozialprotestbewegung aus dem Jahr 2011, auf deren Welle Yair Lapid mit seiner Zukunftspartei (Yesh Atid) im Januar in die Knesset eingezogen ist.

“Wir müssen uns um Tel Avivs Anwohner/innen kümmern, um ihre Bedürfnisse für Dienstleistungen, Gesundheit, Bildung, Nahverkehr und Wohnungen. All dies wurde vernachlässigt und braucht Lösungen. Wir müssen uns um die Menschen, nicht das “große Geld” kümmern,” so Horowitz zu seinem Programm für Tel Aviv.

Großdemonstration für Sozialegerechtigkeit, Tel Aviv, September 2011.

Großdemonstration für Soziale Gerechtigkeit, Tel Aviv, September 2011. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Damit trifft er den Nerv der Bevölkerung. Bereits für Samstagabend sind, erstmals seit gut einem Jahr, wieder Sozialproteste gegen die Politik von Yair Lapid angekündigt. Aufrufe zur Demonstration verbreiten sich in Windeseile auf Facebook und Twitter. Sie sind noch wütender als in 2011.

Es deutet sich an, dass Nitzan Horowitz von einer Koalition von Parteien und Initiativen unterstützt wird. Sowohl die Überraschungspartei der letzen Wahlen „Eine Stadt für alle (Ir Lekulanu)“ als auch die Partei „The Green Movement“ werden hinter ihm stehen. Auch von der lesbischen und schwulen Bevölkerung, die bis zu 30 Prozent der Tel Aviver Innenstadt ausmachen soll, wird breite Unterstützung für Horowitz erwartet. Und seitdem Nitzan Hororowitz seine Kampagne offiziell verkündet hat, wird er von einer Welle der Unterstützung und einem Strom von Freiwilligen erfasst.

Am 22. Oktober wird es also spannend.

 

UPDATE, 11. Mai 2013: Mehr als 10.000 Menschen demonstrierten am Samstagabend in Tel Aviv gegen die Haushaltskürzungen im Sozialbereich und die Steuererhöhungen der neuen Regierung von Benjamin Netanjahu. Zu Demonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmer/innen kam es auch in Jerusalem, Haifa, Ashdod und Modiin.

Auf zahlreichen Transparenten wurde der damalige Wahlkampfslogan des jetzigen Finanzministers Yair Lapid aufgegriffen: „Wo ist das Geld?“ Zur Antwort gaben die Schilder: „Bei den Tycoonen!“ oder „In den Siedlungen!“

Die andere Seite der Boom-Town Tel Aviv

Tel Aviv heißt auch die „weiße Stadt“. Sie ist UNESCO-Weltkulturerbe für ihre Bauhaus-Architektur und das Herz der „Start-Up-Nation“, wie Israelis ihr Land auch gerne nennen. Dass die Stadt boomt, beweisen die zahlreichen Wolkenkratzer, die am Rande des Rothschild-Boulevards in den Himmel wachsen. Auch viele historische Bauhaus-Gebäude im Stadtzentrum werden renoviert und aufgestockt, mit Luxus-Apartments und Dachterrassen.

Was schön aussieht, hat seinen Preis. Seit 2008 sind die Mietpreise in Tel Aviv um mehr als 50 Prozent gestiegen. Ein Grund, warum tausende, junge Tel Avivis im Sommer 2011 unter den schillernden Hochhäusern am Rothschild-Boulevard ihre Zelte aufgeschlagen hatten und zu hunderttausenden auf die Straßen gingen.

Eingestürztes Haus an der Nahalat Binyamin, Tel Aviv. Foto: CC-BY-SA Marc Berthold

Wer günstig wohnen will (oder muss), hat die Wahl aus der Stadt herauszuziehen oder mit alten, runtergekommenen Wohnungen vorlieb zu nehmen, die bislang von Investoren noch nicht grundsaniert haben und damit unerschwinglich werden. Dass auch das teuer werden kann, konnten wir heute mit eigenen Ohren und Augen erfahren: Um die Mittagszeit ist das Nachbarhaus hinter unserem Büro aus heiteren Himmel zum Teil in sich zusammengestürzt. Das Gerücht, eine Gasexplosion habe zum Einsturz geführt, bewahrheitete sich nicht. Die hätten wir in 20 Meter Entfernung auch zu spüren bekommen. Das Haus war einfach alt und verwahrlost. Gottseidank ist keiner der Bewohner/innen zu körperlichem Schaden gekommen. Verloren haben sie alles: Das Haus wird abgerissen. Schade auch um den kleinen pan-asiatischen Imbiss, der gerade erst im Erdgeschoss eröffnet hat.