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Am ersten Sonntag im Juli: Vertikale Perspektiven

Himmelsbank © Francois Chahine

Himmelsbank © Francois Chahine

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Der klassische Katersonntag in Beirut bedeutet in der Regel: verschwitzt und dehydriert aufwachen, mit Glitzer im Haar, optional auch im Bart. Wenn die körperliche Verfassung es zulässt, Frühstück, daraufhin geschwind Handtuch und Badeanzug einpacken und dann bloß raus aus der stickigen Hauptstadt, direkt und ohne Umwege ans Meer.

Alternativ kann man sich den Wecker auf 6.30h stellen, um für den anstehenden Kletterausflug zahlreiche Brote zu schmieren, während die Mitbewohnerin glitzernd durch die Haustür Richtung Schlafzimmer stolpert. Relativ frisch und definitiv munter findet man Sonntag morgens auf einem Sammelparklatz diverse Grüppchen wanderlustiger Individuen auf dem Weg ins Zedernreservat Tannourine. Hier, etwa 80km nördlich von Beirut befindet sich einer der sechs bisher entdeckten Kletterhotspots, die das Land zu bieten hat. Wer über die erforderliche Ausstattung verfügt oder einfach die richtigen Leute kennt, kann eintauchen in das libanesische Kletterparadies, das nur wenigen bekannt ist. Wir sind heute wieder mit Lama und Edwin unterwegs, den Gründern der Kletter- und Wandergruppe Moon Monkey.

Unterwegs erklärt uns Edwin, dass die Klettergemeinde Libanons  gerademal 150 Sportlerinnen und Sportler umfasst, einschließlich Amateuren und Hobby-Kraxlern. Doch es ist ein wachsender Trend, und das ist gut so. Denn wer klettern geht, verinnerlicht ein gewisses Umweltbewusstsein und verhält sich entsprechend ökologisch nachhaltiger. Die Lebanese Climbing Association arbeitet seit einigen Jahren daran, neue Routen im gesamten libanesischen Hinterland zu entdecken und zu präparieren, sodass Klettermöglichkeiten für jeden zugänglich werden, im Norden wie im Süden.

Wer als lokaler Kletterer durchgehen will, muss auf jeden Fall mindestens zwei Thunfischdosen als Snack einpacken, auf allzu funktionale Sportkleidung sowie Sonnencreme verzichten und bloß keinen Helm mitnehmen. Das ist wie im Straßenverkehr: Nur nicht-libanesische Radfahrer*innen tragen einen Fahrradhelm. Die Logik dahinter erläuterte mir letztens ein Freund, der als Fahrrad-Bote in Beirut seit zwei Jahren tätig ist: „Wenn du einen Helm trägst, fühlst du dich sicher, aber das ist trügerisch. Dann fährst du wie ein Idiot.“ Dasselbe gilt hier also auch für den Kletterspaß. Ich verdränge also schnell das unnütz gewordene Wissen, das ich mir aus einer Studie zu dem Thema „Helme: Schwächen, Stärken, Unterschiede“ vom Deutschen Alpinverein angeeignet hatte.

Kollege Bastian und ich tun unser Bestes, um den Sonnenschutz unbemerkt auf die roten Nasen zu schmieren. Da wir die einzigen nicht-Libanesen in der Gruppe sind, erweitern wir eben unser Arabisch-Vokabular um zahlreiche neue Worte rund ums Klettern. Hängengeblieben ist das unabdingbare Wort für „Seil“: Habbl. Wenn ein Stein fällt, ruft man „CAJUUUUU“ (oder so ähnlich). Zur Steinlawine kommt es zum Glück nicht, wir überwinden und bezwingen jede Kletterroute und stauben dabei sogar ein paar Kratzer und Schrammen ab, sexy.

Kletterrouten entstehen, wenn leidenschaftliche Amateure wie Edwin und Lama, die Kalksteinfelsen begutachten und mit dem einzig wahren Bohrer auf das Gestein losgehen. Dabei seilt sich Lama von oben ab, gesichert durch einen doppelten Achterknoten, und klopft die Felswand auf dichte Stellen ab. Klingen die Klopfzeichen zufriedenstellend, wird drauflos gebohrt. Je nach Felswandhöhe dauert der Prozess fünf bis sechs Stunden, während derer Edwin in regelmäßigen Abständen von oben Wasser, Nüsse und Zigaretten abseilt. In den Löcher werden Haken verankert und mit Epoxidharz festgeklebt.

Die Genehmigungen für Kletterrouten stellen die entsprechenden Kommunen aus. Laut Edwin sind diese leicht zu erhalten, da es den Behörden relativ schleierhaft ist, wer wann wo Löcher in welche Felswand haut. Somit sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Wer zuerst kommt, darf sogar den Namen der Felswand festlegen.

Was die Schwierigkeitsgrade der Routen angeht, so wird im Libanon das französische Bewertungssystem angewendet. Alles zwischen 1a und 4c fällt in die Kategorie „Wandern“ bis „Bergsteigen“. Ab 5a ist es offiziell „Klettern“, bis 5b+ kann jeder relativ sportliche Anfänger bis nach oben kraxeln. Das erklärt dann wohl auch unseren unerwarteten Klettererfolg, aber auf den Fotos sieht man hinterher zum Glück sehr todesmutig aus.

Was das Abseilen angeht, so lautet die internationale Kletterweisheit: runter kommt man immer. So oder so. Die Kletterrouten im Zedernreservat reichen bis maximal 6a. Dort befindet sich ein Felsvorsprung namens König der Löwen. Diese Route bietet den Adrenalinkick für Anfänger, weil sie ein Rückwärts-in-den-Abgrund-Abseilen voraussetzt. Wer sich an den Film erinnert, hat eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Ausmaß an Entschlossenheit, welches es für solch eine Aktion bedarf.

Die Felswand Gottlieb schräg gegenüber von König der Löwen wurde hingegen von Edwin und Lama so mit Haken versehen, dass sie dort ihre „Himmelsbank“ anbringen können. Dabei handelt es sich um eine mobile Aussichtsplattform, auf der zwei Menschen, eine Flasche Wein und eine Ukulele Platz haben. Wem das hawaiianische Zupfinstrument zu heikel ist, darf alternativ auf die gute alte Blockflöte zurückgreifen. Die Bank hängt an der glatten Felswand, gerne auch mal mehrere hundert Meter über dem Abgrund. Ein Ort für romantische Extremisten und extreme Romantiker ohne Höhenangst, garantiert die einzige Himmelsbank im gesamten Nahen Osten die Möglichkeit für außerordentliche Selfies, die man so auf keiner herkömmlichen Glitzer-Party in Beirut bekommt. Vorausgesetzt, man lässt das Handy nicht fallen.


Alice Brandt

Alice Brandt

Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

An einem Sonntag im Juni: Libanesische Wanderlust

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Es ist der letzte Sonntag des islamischen Fastenmonats Ramadan, und Hisham befindet sich in einem Dilemma: Der junge libanesische Filmemacher wird von seiner Familie zum Mittagessen zuhause erwartet. Sonntag ist für Hisham jedoch der Heilige Tag des ‚Hike and Seek‘: erstrebenswertes umweltbewusstes action-Wandern durch die herrlich mediterrane Flora des Libanon, organisiert von der Gruppe „Moon Monkey Libanon“. Eine Runde Brainstorming um Hisham von seinen familiären Feiertags-Pflichten zu befreien und das Resultat lautet: „Vogelbeobachtung! Jeder braucht ein Hobby, nicht wahr? Ich sag meiner Familie, dass ich ornithologisches Bildmaterial für das nächste Filmfestival benötige.“ Damit ist das Thema erledigt, und Hisham ist mit an Bord.

Wir treffen die Gruppe um 8:30 in außerhalb der stickigen Hauptstadt auf einem Parkplatz. ‚Guten Morgen‘ hier, ‚Hi, kifak (wie geht’s)?‘ dort, und anschließend düsen vier Fahrgemeinschaften Richtung Nordost, wo sich das Jabal Moussa Reservoir an den westlichen Hängen der Berg Libanon Gebirgskette befindet. Heute sind wir 15 Teilnehmer: 13 wanderbegeisterte Libanesen, eine Amerikanerin und eine Italienerin. Die Ausrüstungssituation der Teilnehmer ist höchst heterogen: von Straßenschuhen, Jeans und Plastiktüten bis zu Multifunktionshemden, raffinierte Hybridhosen mit drei verschiedenen Längen und Rucksäcken mit Solarplatten, damit das Handy stets geladen und Snapchat-parat ist. Laut Lama, Gründerin der Moon Monkey Initiative, kommen manchmal bis zu 90 Teilnehmer. Besonders beliebt sind die sogenannten ‚Moon Hikes‘, die einmal im Monat stattfinden, wenn Vollmond ist, Camping, Nachtwanderung und Klettern inklusive.

Lama, Architekturstudentin, und ihr Freund Edwin, Fotograf, haben Moon Monkey vor einem Jahr gegründet und warten nun darauf, beim Ministerium für Jugend und Sport als Unternehmen registriert zu werden. Die Chancen stehen jedoch nicht gut, da Wandern und Klettern laut Edwin nicht zu der traditionellen Ausrichtung des Ministeriums passen. Falls die Registrierung bei dem Ministerium tatsächlich verweigert wird, werden Lama und Edwin versuchen, ihre Gruppe als NGO anzumelden.

Die Wanderlust ist ein wachsender Trend unter den 20- bis 30-Jährigen Libanesen, Klettern und Bouldern etablieren sich unter naturliebenden Sportsfreunden ebenfalls als erstrebenswerte Hobbies. Wichtig ist den beiden Gründern der Gruppe, dass wir – wir alle –  uns auf unsere Wurzeln als Affen rückbesinnen und gleichzeitig vorwärtsgehen, bis zum Mond. Dazu gehört eine Sensibilisierung für die Umwelt und deren Verschmutzung. Jede Coladose und jede Verpackung, die ihnen in die Quere kommen, werden ausnahmslos aufgesammelt. Größere Müllhaufen werden fotografisch dokumentiert und den verantwortlichen Behörden gemeldet. Schritt für Schritt fangen auch andere Teilnehmer an, den umherliegenden Müll in Tüten zu sammeln. In Jabal Moussa, einer der drei Naturschutzgebiete Libanons, handelt es sich lediglich um sporadische Thunfischdosen und Flaschendeckel.

Die Instandhaltung dieses Naturschutzgebietes wird hauptsächlich durch die Nicht-Regierungsorganisation „Association for the Protection of Jabal Moussa“ (APJM) gewährleistet, mitfinanziert durch zahlreiche lokale und multinationale Partner und Spender sowie seit 2009 durch das UNESCO „Man and Biosphere“ (MAB) Programm.

Der APJM sind die Erhaltung der 727 Flora Spezies, 137 Vogelarten, 20 Säugetiere sowie die Unterstützung der lokalen Gemeinden bei der Verwirklichung nachhaltiger sozioökonomischer Entwicklungsprojekte ein Anliegen. Die Initiative fördert darüber hinaus auch den geschichtsträchtigen Aspekt der Gegend: Immerhin hat Kaiser Hadrian sich hier im 2. Jh. n.Chr. auf verschiedenen Felsblöcken durch Eingravierungen verewigt, um die Abholzung von Zedern, Eichen, Zypressen und Wachholder-Bäumen zu unterbinden.

Die ersten zwei Stunden der Wanderung sind eine angenehme Abwechslung zwischen gemütlichem Spazieren und knackigem Bergsteigen. Es ist heiß, doch die Luft ist im Vergleich zum Smog von Beirut so überragend frisch, dass ich einatme, bis mir schwindelig davon wird. Ab und zu brummelt jemand aus unserer Gruppe „Und wo ist jetzt Starbucks?“ oder „Kann mal jemand die Klimaanlage anschmeißen?“, doch die Stimmung ist grundsätzlich heiter bis fröhlich. Karamell-Frappuccinos finden wir zwar nicht in Jabal Moussa, aber was die von Schwitzeritis geplagten Wanderer angeht, so hat das Reservoir ein natürliches Heilmittel in petto: schluchtenartige Felsspalten, in welche die klimaanlagenbedürftigen Menschen dieser Erde den Kopf hineinstecken können wie in einen Kühlschrank.

Wir halten in regelmäßigen Abständen an, und Lama erweitert unsere Horizonte mit ihren bemerkenswerten Kenntnissen der umgebenden Natur, stets in einem Sprach-Cocktail aus Englisch, Französisch und Libanesisch. In Jabal Moussa leben Hyänen sowie die letzten zwanzig Wölfe des Zedernstaates, hier wachsen Syrische Wacholdersträucher (juniperus drupacea), aus deren Früchten Gin gemacht wird und die sich nur mithilfe des Blauhähers (und dessen Verdauungssystem) fortpflanzen können.

Der gemeine Klippdachs, der ausschließlich in der MENA Region beheimatet ist, bevölkert in Jabal Moussa die karstigen Kalkgesteine, die 70% der libanesischen Geologie ausmachen. Dieses poröse Gestein, durch das Wasser im Nu versickert, ist einer der vielen Gründe, derentwegen lokale Umweltaktivisten gegen die Idiotie des allgegenwärtigen Staudamm-Bau-Wahns vorgehen. Staudämme sind hierzulande ein hochprofitables Geschäft und so gut wie jede politische Partei im Libanon hat mindestens einen Damm auf ihrer Agenda. Die Biosphäre von Jabal Moussa jedoch sind bislang von neoliberalistischen Bauvorhaben verschont geblieben, unter anderem, weil die Association of the Protection of Jabal Moussa weite Flächen des Naturschutzgebietes gepachtet hat. So wird zum Beispiel sichergestellt, dass die seltene Kesrouan-Pfingstrose (peonia kesrouanensis) entlang des Pfingstrosen-Pfades ungehindert wächst und gedeiht. Diese bemerkenswerte Pflanze nimmt je nach Jahreszeit eine unterschiedliche Gestalt an: zurzeit sieht die Pfingstrose eher aus wie eine grüne Sternfrucht, im Herbst verwandeln sich die Knospen in blaue und knallpinke Kugeln, die eher wie getrocknete Johannisbeeren aussehen. Im Winter sieht die peonia kesrouanensis plattgedrückten getrockneten Feigen zum Verwechseln ähnlich. Nur im Frühling erkennt der aufmerksame Wanderer, dass es sich tatsächlich um eine Blume handelt.

Wir begegnen anderen Wandergruppen, tauschen verschwitzte Grußworte und energiereiche Sesamriegel aus und fotobomben Gruppenselfies bei jeder pittoresken Aussichtsplattform.

Am Ende des sechsstündigen Ausflugs im Namen des Wanderns und Strebens trennen sich die Moon Monkeys mit „min shufak el weekend el jeye“, wir sehen uns nächstes Wochenende! …und Hisham hat keinen einzigen Vogel gefilmt.


Alice Brandt Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.