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Libanon in einem Wasserglas

Hussein Nassereddine – Salzsäulen von Jezzine (c) Hussein Nassreddine

Hussein Nassereddine – Detailaufnahme Salzsäulen von Jezzine (c) Hussein Nassereddine

 

 

 

 

 

Ein Gastbeitrag von Alice Brandt

Das Gebäude, in dem die Künstlerin Marwa Arsanios aufgewachsen ist, wird zerstört. Lastwägen transportieren den Bauschutt ab und fahren an die Küste. Man sieht keine Menschen, nur Transporter voll beladen mit Steingeröll, nebeneinander aufgereiht. Langsam kippt die Ladefläche eines Wagens. Mit tosendem Lärm fallen Trümmer kaskadenartig ins flache, türkise Wasser und wirbeln wüstensandartigen Staub über der Meeresoberfläche auf.

Arsanios greift in ihrer topographischen Installation „Falling is not collapsing, falling is extending“ (Fallen ist nicht der Zusammenbruch, Fallen ist Ausdehnen) die umweltpolitische Katastrophe der Meerwasserverschmutzung an der Küste Beiruts auf. Ihre Installation ist derzeit im Beirut Art Center zu sehen. Dabei zeigt sie in einem Film, wie die Überreste alter Gebäude, die dem nachkriegszeitlichen Wiederaufbau zum Opfer fielen, ins Meer geschüttet werden um den Grund für neue glänzende Hochhäuser zu schaffen. Durch diesen Prozess gelangen unfassbare Mengen Schutt und Müll ins Meer.

Die Auseinandersetzung mit Wasser als Materie wird häufig in kontemporären Kunstpraktiken und Diskursen thematisiert. Die verschiedenen künstlerischen Herangehensweisen greifen hierbei die breitgefächerte Symbolkraft der Ressource auf: Wasser kann je nach Kontext ein stark politisiertes und umkämpftes Gut sein. In der Ausstellung „Let’s Talk About the Weather“ (Lasst uns über das Wetter reden) im Beiruter Sursock Museum stellte 2016 der Fotograf Emeric Lhuisset seine Fotoserie „Der letzte Wasserkrieg: Ruinen einer Zukunft“ aus. Dabei handelt es sich um Eindrücke aus kartografischer Perspektive eines Gebiets im Irak, in dem nachweislich vor mehr als 4000 Jahren der erste, und dem Künstler zufolge auch letzte, Krieg um Wasserressourcen zwischen zwei Zivilisationen ausgetragen wurde.

Im Libanon herrscht momentan zwar kein Krieg um Wasser, aber das ideologische Ringen um die Ressource des ehemaligen Wasserschatzes konnte man bereits während des Bürgerkrieges (1975-1990) beobachten. Aufgrund ihrer geografischen Lage ist die Zedernrepublik gesegnet mit 17 mehr oder weniger fortwährenden Flüssen und mehr als 2000 Quellen. Diese machten sich die Anführer der zahlreichen Milizen zunutze als der Staat bereits in Ende der 70er nicht mehr in der Lage war, die Bevölkerung mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen. Die Trinkwasserversorgung wurde instrumentalisiert, um das auf Patronage-und Klientelverhältnissen basierende Machtsystem aufrechtzuerhalten.

Die libanesische Wasserversorgungsinfrastruktur sowie der Betrieb hydrologischer Messstationen wurden im Laufe des Bürgerkriegs (1975-1990) weitgehend zerstört. Die darauffolgenden Konflikte mit Israel hatten ebenfalls verheerende Auswirkungen auf die Versorgungsnetze. Als Folge dessen ist seit Anfang der 90er Jahre  Kapital in Form von Darlehen und Zuschüssen seitens der internationalen Geldgebergemeinde in den Wiederaufbau des libanesischen Wassersektors geflossen. Der libanesische Staat selbst arbeitete allein zwischen 1996 und 2012 an acht verschiedenen Reformvorhaben, die dem Wassersektor hinsichtlich Angebot, Nachfrage und Qualität der Ressource zugutekommen sollten.

Das Resultat nach mehr als zwei Jahrzehnten Geldgeberkonferenzen, Investitionen und Reformvorhaben, ist dennoch dürftig: Landesweit haben Haushalte mit  Wasserversorgungsausfällen zu kämpfen, was zu exorbitant hohen Rechnungen für die private Versorgung über Wassertanklaster führt. Der Grundwasserspieler ist in vielen Regionen des Libanons bis zu 400m abgesunken, weil die öffentliche Hand nicht im Stande ist, den landwirtschaftlichen Sektor mit Wasser für die Bewässerung der Felder und für die Tierhaltung zu versorgen. Unter anderem aus diesem Grund sind im Laufe der Zeit mehr als 80.000 nicht registrierte Brunnen entstanden. Die Trinkwasserversorgungslücke wurde von Nestlè & Co. gefüllt. Die Grundwasserspeichersysteme werden verschmutzt durch den Einfluss von ungeklärtem Abwasser und die steigende Infiltrierungsrate von salzigem Meerwasser beeinträchtigt fast alle Quellen entlang der Küste.

Das öffentliche Wassermanagement umfasst neun verschiedene Regierungseinheiten, deren Verantwortungsbereiche sich oftmals überschneiden, ohne dass es eine interne Kommunikation zu den überlappenden Aufträgen gäbe. Offenkundige Verwaltungsmängel jeglicher Art auf Regierungsebene bestehen fort, obwohl laut offiziellen Statistiken des libanesischen Ministeriums für Wasser und Energie der Libanon zu den Regionen der Welt, die von Wassermangel betroffen sind, gehört. Pro Person stehen etwas weniger als 1000m³ pro Jahr zur Verfügung, was ein internationaler Schwellenwert für die Messung von sogenannter Wassersicherheit ist. Folglich wird die Wasserressourcensituationen im Libanon von der FAO (Food and Agriculture Organisation) zwischen „chronischer Wassermangel“ und „regulärer Wasserstress“ eingestuft.

Die libanesische Regierung bezeichnet die Wassersituation als nationale Krise, die zusätzlich durch den Wasserverbrauch syrischer Geflüchteter verschärft wird. Der Generaldirektor für hydraulische und elektrische Ressourcen im Ministerium für Energie und Wasser, Fadi Comair, erklärte in einem Guardian-Interview „Wegen den Syrern ist die Wasserbilanz, die erst 2030 negativ sein sollte, schon jetzt negativ.“

Umweltaktivisten und Akademiker von der American University Beirut (AUB) arbeiten momentan an einer Studie, die nachweist, dass die zwei Millionen Touristen aus den Golfstaaten, die bis 2011 noch jährlich in den Libanon kamen, im Vergleich zu den syrischen Geflüchteten eine vielfache Menge Wasser nicht nur konsumierten, sondern gar verschwendeten, vornehmlich durch das Füllen privater Pools und Autowaschanlagen. Die Unverhältnismäßigkeit zwischen den beiden Verbrauchergruppen und ihrem Verhalten gegenüber Wasser ist dermaßen groß, dass der Vergleich berechtigt ist. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Golftouristen lediglich für maximal zwei Monate im Land blieben und nicht auf unbestimmte Zeit.

Was die Beziehung zwischen Mensch und Natur angeht, hat Mahmoud Safadi aus Beirut in Jezzine mittels Film-und Videomaterial das Konzept der Wassermasse spielerisch thematisiert. Seine Installationen kontrastierten Wassermassen als geographische Elemente (Seen, Flüsse, Meere) und Wassermassen als menschliche Körper, die in ihrer Rolle als Touristen wiederum in künstliche Wassermassen in Form von Pools eintauchen.

Safadis Installation entstand im Rahmen eines Künstlerresidenzprogramms rund um das Thema Wasser, initiiert durch die Assoziation für die Förderung und Ausstellung von Kunst im Libanon (APEAL). In Zusammenarbeit mit dem Beirut Museum for Art (BeMA) und der Temporary Art Platform (T . A . P .) wurden die Rahmenbedingungen bereitgestellt, um fünf libanesischen Künstlern und einem Künstler aus dem Irak das Ausstellen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen. Das Residenzprogramm fand in Jezzine statt, einer Kleinstadt südöstlich von Beirut entfernt. In unmittelbarer Nähe von Jezzine wird seit 2013 der Bau des umstrittenen Bisri Damms betrieben, der seitens lokaler Umweltaktivisten und Bauern aus der betroffenen Region als politisch korruptes, sinnfreies Entwicklungsprojekt beschimpft wird.

Der libanesische Künstler Ashraf Mtaweh griff in seiner Videoinstallation audiovisuelle Eindrücke und Erinnerungen seitens der betroffenen Gemeindemitglieder hinsichtlich des pre-Dammbau Bisri-Tals auf und projizierte diese in einen leeren Raum im Residenzhaus.

Das Hauptziel jedes Residenzprogramms von T . A . P . ist die Einbindung der lokalen Bevölkerung in die Umsetzung der Kunstprojekte. Die Gründerin dieser Plattform, Amanda Abi Khalil, zielt auf einen Bruch mit konventionellen Ausstellungsformaten und fördert ausschließlich temporäre Kunst im öffentlichen Raum.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf den menschlichen Umgang mit Wasser wurden durch den Fotografen Hassan Shaaban in der Serie „Die Macht des Wassers“ festgehalten. Im Rahmen eines Fotografenaustauschs zwischen der Schweiz und dem Libanon, reiste Shaaban zu Hydroelektrischen Triebwerken unter anderem in Lavey and Saint-Leónard und fotografierte Turbinen, Dämme und künstliche Seen. Sein schweizerischer Counterpart, die Fotografin Nicole Herzog-Verrey, reiste monatelang durch die Landschaft des Berg Libanon und fotografierte landwirtschaftliche Praxen. Die resultierende Fotoausstellung wurde organisiert durch das Dar al-Musawwir (Haus der Fotografie) in West Beirut. Das Fazit des Projekts lautete: Was der Libanon zu wenig hat, wird der Schweiz zu viel: Aufgrund der allgemeinen Klimaerwärmung schmelzen die schweizerischen Gletscher und drohen Täler und Ortschaften zu überfluten.

Charbel Hage Boutros wiederum stellte ein Wasserglas auf ein kleines Holzregal und füllte es mit 27 verschiedenen Trinkwassern aus 27 europäischen Ländern, je zum gleichen Anteil, und nannte es „Trink Europa“.

Die Künstlerresidenz in Jezzine ist inzwischen vorbei, was bleibt sind die Salzsäulen, die der Künstler Hussein Nassereddine in den Fluss von Jezzine legte. Das Salz sollte durch den Wasserstrom im Laufe der Zeit hinweg gespült werden, jedoch ist der Fluss seit einigen Wochen ausgetrocknet. Durch die steigenden Sommertemperaturen steigt auch die Evapotranspirationrate von Flüssigkeiten, was den Bau des Bisri Staudammes hinsichtlich der Oberflächenwasserspeicherung fragwürdig erscheinen lässt.

Die Salzsäulen von Nassereddine werden noch eine Weile zu begutachten sein.


Alice Brandt studiert an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in  London Nahost-Wissenschaften und ist seit Juni 2017 Praktikantin bei der Heinrich Böll Stiftung Beirut. Eigentlich sollte sie in Beirut ihre Master-Arbeit über Umweltaktivismus schreiben, jedoch prokrastiniert sie lieber und geht wandern.

 

 

 

 

Der Ausverkauf des „blauen Goldes“

 

Mager gefüllter Qaraoun-Stausee, Anfang Juni 2014 (c) Bente Scheller

Mager gefüllter Qaraoun-Stausee, Anfang Juni 2014 (c) Bente Scheller

Beirut ist eine laute Stadt. Alles darf an einem Auto kaputt sein, nur nicht die Hupe und die Alarmanlage, und im Stau dröhnt verlässlich eine Kakophonie der oft vollaufgedrehten Musikanlagen. Die Bars, die Baustellen, und Freudenschüsse und Feuerwerk  zu jedweder Gelegenheit tragen ihr übriges dazu bei. Seit dem Frühling mischt sich noch ein anderes Geräusch in diesen Klangteppich: das Rattern der Pumpen der Wasser-Lkws.

Es war ein trockner Winter im Libanon. Erstmals blieben die Skigebiete aus Schneemangel geschlossen, und ohne Niederschlag sieht es auch für die Wasserversorgung düster aus. Dabei wäre der Bedarf mit so viel mehr Menschen im Lande – weit über eine Million syrischer Flüchtlinge – noch viel größer als in den Vorjahren. Der erste Regen ist erst wieder im Herbst zu erwarten. Bis dahin müssen alle sich mehr recht und schlecht arrangieren.

Manche Leute in Beiruthaben das Glück, auf einer Quelle zu wohnen. Dann hat man immer Wasser. Bei einigen Häusern gibt es hier jedoch den Pferdefuß, dass das Meerwasser so stark ins Grundwasser drückt, dass man nach jeder Dusche mit Salzkristallen überlagert ist. Die anderen Häuser im Stadtzentrum sind an ein marodes Netz der Wasserversorgung angeschlossen, so auch wir. Dass heißt nicht, dass wir rund um die Uhr versorgt sind: der Anschluss wird derzeit zwei Mal die Woche für jeweils vier Stunden geöffnet. So haben alle Wassertanks – einen unten im Hof, einen auf dem Dach. Der Wasserdruck reicht nicht, die oben zu befüllen, sondern von dem unteren pumpt man es jeweils selbst auf sein Dach. Da die Leitungen, porös wie sie sind, unter Friedhöfen und Tankstelen hindurchführen, benutzen wir das Wasser aus dem Hahn weder zum Trinken noch zum Kochen. Wir haben keine Spülmaschine, keine Balkonpflanzen, wir duschen seit Jahresbeginn nur noch mit sorgsam abgemessenem Wasser in Eimern, das wir danach wiederum für die Klospülung und zum Putzen recyclen, und dennoch sitzen wir ständig auf dem Trocknen. Dann bestellt man den Wasser-LKW – eine der vielen privaten Firmen, die mit Tankwagen Wasser liefern.

„Mein Sohn mit seinen zwei Kindern kommt nächste Woche aus den USA zu Besuch – sie können sich das gar nicht vorstellen. Aus Florida kriegen wir jeden Tag besorgte Nachfragen: ‚Habt ihr denn auch genug Wasser, wenn wir kommen?‘,“ sagt meine Nachbarin. Der Hausverwalter zuckt mit den Schultern: „Was sollen wir tun? Die Wasserwerke begründen das damit, dass unser Haus direkt zwischen zwei Straßen mit vielen Restaurants und Bars liegen – die werden natürlich bevorzugt behandelt.“ Auch der benachbarte Bestatter ist verzweifelt: „Kannst du dir das vorstellen? Wir bestellen schon Wasserlieferungen von privaten Firmen. Die kommen nur, wenn man einen Mindestbestellwert hat – aber dann liefern sie davon nur die Hälfte und kassieren doppelt. Den Rest müssen wir ausgleichen, indem wir das Trinkwasser in Kanistern bestellen. Allein heute haben wir so viel sauberzumachen, dass wir mit Tankwagen und abgefülltem Trinkwasser 100 Dollar zahlen,“ sagt er und deutet auf die 6-Liter-Flaschen, die sich vor seinem Büro stapeln.

In dieser verzweifelten Lage – normalerweise treten die Engpässe erst im September, Oktober, direkt vor Beginn der Regensaison auf – nimmt es nicht wunder, dass eine Kampagne zur kommerziellen Wasserbewirtschaftung Zulauf hat. „Blaues Gold“, heißt sie. Was wie eine Wertschätzung der Resource Wasser klingen könnte, ist nüchtern betrachtet ein Vorstoß, die Wasserversorgung zu privatisieren. Um in das  Konsortium zu gelangen, das die Kampagne gestartet hat, muss man eine Eintrittsgebühr von 50.000 Dollar entrichten, die jährlichen Beiträge belaufen sich auf 10.000 Dollar. Der Libanon sei ein wasserreiches Land, kann man auf der Webseite nachlesen, aber das Potential der Wasserbewirtschaftung nur zu einem Bruchteil ausgeschöfpft. Doch was so einfach klingt, ist es natürlich nicht: Der karstige Untergrund bietet sich an den meisten Stellen nicht an, um Staudämme zu bauen, da das Wasser schlicht versickern würde. „Sobald klar ist, man möchte das Wasser eigentlich verkaufen, stellt sich natürlich auch die Frage für alle Landwirte: dürfen sie überhaupt noch selbst Wasser in Zisternen sammeln?“ fasst es ein Partner der Stiftung zusammen.

Obwohl klar ist, dass es sich hier um eine im Zweifelsfall für BürgerInnen und NutzerInnen ungünstige Kommerzialisierung handelt, sind die Kommentare unter dem Artikel weitgehend positiv: „Gott schütze euch, Jungs, möge dieses Projekt funktionieren.“